UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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VARIOUS ARTISTS "NOISE REDUCTION SYSTEM": NEUE SOUNDS FÜR DEN ALTEN KONTINENT
Hat das englische Label Cherry Red Records im vergangenen Jahr mit "Close To The Noise Floor" noch liebevoll auf ihre einheimische Elektronik-Kinderstube geblickt, macht es
nun mit der 4-CD-Box "Noise Reduction System - Formative European Electronica 1974-1984" einen Streifzug quer über den Alten Kontinent und entdeckt gleichermaßen bekanntes und skurriles. Am Ende wird deutlich, dass sich tatsächlich ganz Europa zu dieser Zeit in einer musikalischen Aufbruchsstimmung befand.
SPARKS "HIPPOPOTAMUS" VS. THE CRÜXSHADOWS "ASTROMYTHOLOGY": WELTBERÜHMT IN DEUTSCHLAND
Wir sind ein Land der Musikflüchtlinge. Das muss man mal ganz klar so sagen. Und davon profitieren unter anderen
die neonschwarzen Elektronik-Rocker The Crüxshadows sowie das Art-Rock Brüderpaar Russel und Ron Mael alias Sparks. Sie sind die berüchtigten Propheten, die nichts oder nur wenig in ihrem Heimatland Amerika gelten. Hierzulande jedoch dürfen sie auf loyale Fans und realtiv breite Akzeptanz hoffen. Mit ihren aktuellen Alben "Astromythology" und "Hippopotamus" bitten sie ein weiteres Mal um Hitparaden-Asyl.
MASSIV IN MENSCH "AM PORT DER GUTEN HOFFNUNG" VS. PURWIEN & KOWA "ZWEI": ERNST SEIN IST (NICHT) ALLES
Es trägt viel zur Coolness eines Projekts bei, wenn es die Fähigkeit zur (Selbst)Ironie besitzt. Davon haben Massiv In Mensch und Purwien & kowa reichlich. Denn auch wenn ihre Alben "Am Port der guten Hoffnung" und "Zwei" vordergründig seriös wirken, durchziehen musikalischer sowie textlicher Humor ihre Stücke wie feine Haarrisse. Am Ende bleibt ein zufriedenes Schmunzeln über zwei zwanglos gehaltene Alben, die gerade wegen ihrer selbst auferlegten Unverkrampftheit prachtvoll strahlen können.
SIVERT HØYEM: LIVE AT ACROPOLIS - DRAMENERZÄHLER IM LAND DER TRAGÖDIE
Am Fuße der Akropolis erstreckt sich das weite Halbrund des Odeons des Herodes Atticus. Eine 2000 Jahre alte Ruine, die nur wenigen Künstlern vorbehalten ist, dort ihr Können zum Besten zu geben. Sting war schon da, Frank Sinatra auch, Luciano Pavarotti sowieso. Im vergangenen Lahr durfte nun
Sivert Høyem dort auftreten. Ein Traum des Norwegers, der einen Querschnitt aus seinem Wirken sowohl als Solo-Künstler als auch als Frontmann von Madrugada intonierte, ging damit in Erfüllung und wurde dankenswerterweise auf Platte, CD und DVD festgehalten.
FERROCHROME "MEDUSA WATER": RÄTSELHAFTE ANMUT
Fernbeziehungen sind zum Scheitern verurteilt? Von wegen! Im Falle von Ferrochrome hat die Distanz zwischen den beiden Musikern - Ex-Armageddon Dildos Tastenmann Dirk Krause aus Deutschland und Empire-State-Human-Sänger Aidan Casserly aus Irland - dem künstlerisch regen Austausch nicht geschadet. Mehr noch: Das erste gemeinsame Werk
"Medusa Water" ist ein Elektro-Album von entrückter Schönheit, wie es nur selten gelingt.
KURZ ANGESPIELT 8/17: STYLE SINDROME, L'AVENIR, FEEDING FINGERS, SUPERNOVA 1006, LØD - NEUE KALTE WELLE
Deprimierende Klänge haben Hochkonjunktur. Ob das an der momentanen poltischen Weltlage liegt? Jedenfalls belebt sich Cold Wave und Post Punk dank einer Vielzahl an neuen Bands erfolgrei
ch selbst. Ob nun gelungenes Epigonentum mit Konservatismuskante oder Progressivwaver mit Lust auf Erneuerung: Es finden sich einige Künstler, denen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte, weil sie nicht nur das Handwerk beherrschen, sondern auch die Chuzpe besitzen, ein fast 40 Jahre altes Genre weiterzudenken.
IM GESPRÄCH - FRAMHEIM: "BEVOR WIR ETWAS VERÖFFENTLICHEN, KRITISIEREN UND FEILEN WIR AN UNSEREN IDEEN UND AUFNAHMEN, BIS NUR DAS FILTRAT ÜBRIG BLEIBT"
Der Spruch "Gut Ding will Weile haben" erhält durch die Leipziger Formation Framheim eine neue Dimension. Denn in fünf Jahren veröffentlichten die progressiven TripHop-Rocker gerade mal zwei EPs. Diese allerdings besitzen eine außerordentliche Qualität, sodass UNTER.TON unbedingt mehr wissen wollte über das Trio, bestehend aus der charismatischen Sängerin Dorain sowie den beiden Musikern Ray und Leo - und warum die Framheim-Mühlen so langsam mahlen.
HOWARD JONES "BEST 1983-2017" VS. BRONSKI BEAT "THE AGE OF REASON": ZWEI WEGE, EIN ZIEL
Songs zu schreiben, die auch nach Jahren ihren Reiz nicht verloren haben, ja, die selbst von nachfolgenden Generationen lauthals mitgesungen werden können, sind absolute Glücksgriffe. Doch wenn mehrere Dekaden vorbeigezogen sind und die Idee einer Zusammenstellung evident wird, stellt sich die Frage der Präsentation des Schaffens. Howard Jones wählt mit "Best 1983-2017" den klassischen Weg eines Kompendiums, während Bronski Beat auf "The Age Of Reason" ein Wagnis eingehen, indem sie die Songs ihres Debüts "The Age Of Consent" neu eingespielt haben.
IM GESPRÄCH - AXEL MESSSINGER: "WANN HÖRT GESUNDER IDEALISMUS AUF,WO FÄNGT UNGESUNDE SELBSTAUSBEUTUNG AN?"
Vor knapp zwei Jahren sprachen wir mit Axel Meßinger über seine Liebe zur Musik, die er in seiner Gratis-Samplerreihe "At Sea Compilations" zum Ausdruck bringt. Aus den unterschiedlichsten Ecken subkultureller Strömungen sucht der Chemnitzer die vielversprechendsten Bands und Musiker aus, um sie, inklusive Artwork, als kostenlosen Download auf freiwilliger Spendenbasis anzubieten. Von diesem Geschäftsmodell musste er sich nun schweren Herzens trennen. Wie es mit den beliebten "At Sea Compilations" weitergeht, erzählt er uns im Interview.
CELLDWELLER "OFFWORLD": BLICK VON OBEN
Erst vor kurzem kam die UNTER.TON-Redaktion in den Genuss des retrofuturistischen Robotermärchens um den Protagonisten "Scandroid". Hinter dem gleichnamigen Moniker verbirgt sich der amerikanische Multiinstrumentalist Klayton, dessen eigentliches Faible für energiegeladene Elektro-Rock-Songs mit Linkin-Park-Kante er als Celldweller offenbart. Bis jetzt. Denn in "Offworld" läuft alles erstaunlich ruhig ab. Und das ist nicht das schlechteste.
IM GESPRÄCH - MATHIAS WAGNER: "RADIKALITÄT LIEGT, WIE SCHÖNHEIT, IM AUGE DES BETRACHTERS"
Die Wanderausstellung "Geniale Dilletanten - Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland" macht ab dem 15. Juli Halt im Albertinum in Dresden. Das Besondere: Neben den bereits bekannten Exponaten sind zusätzliche Ausstellungsstücke zu sehen, die vor allem den Fokus auf das subkulturelle Leben in der ehemaligen DDR legen. Mathias Wagner, Kurator der Ausstellung im Albertinum (und "eher Popper", wie er zugibt), zeigt auf, warum die "Genialen Dilletanten" im Osten mehr "underground" waren, als ihre westdeutschen Künstlerkollegen.
KURZ ANGESPIELT 7/17: THE BIRTHDAY MASSACRE, LYDIA LUNCH & CYPRESS GROVE, ROME, KRAFTKLUB, DAILY PLANET - SICHERE BÄNKE
Nicht immer lauert hinter der nächsten CD ein markerschütternder neuer Sound. Auf der anderen Seite gibt es aber
einige Gruppen und Künstler, die einen schon geraume Zeiten begleiten. Einfach, weil ihre Musik über die Jahre hinweg durch konstante Qualität in Erinnerung bleibt. Auch bei diesen fünf Platten gilt der Werbespruch: Da weiß man, was man hat.
KURZ ANGESPIELT 6/17: LUNAR TWIN, LEVIN GOES LIGHTLY, ST. KITTS ROYAL ORCHESTRA, CLAN OF XYMOX, THE AGNES CIRCLE BAND: SCHUMMRIGES AM SOMMERABEND
Als die schwedischen Spitzenpop-Exporteure von ABBA die "Summer Night City" vor rund vier Dekaden besangen, hingen die Himmel der Metropolen voller Discokugeln. Doch in den schwülwarmen Nächten lässt es sich auch gut abhängen. Der mondäne Adoleszent spricht von "chillen" und tut dies vor trister Bauhaus-Kulisse mit einer gleichförmigen Musiktapete. Doch wenn die Nacht am tiefsten, sollten es auch die Klänge sein. Hier einige "warme" Empfehlungen.
VARIOUS ARTISTS "SILHOUETTES AND STATUES - A GOTHIC REVOLUTION 1978-1986": ERKENNEN SIE DIE MELANCHOLIE?
Jeder neue Sampler zum Thema Gothic kommt der Quadratur des Kreises gleich. Denn w
ie soll die musikalische Quintessenz gezogen werden für eine Szene, die bis zum heutigen Tag eine extreme stilistische Durchlässigkeit besitzt? Mit diesem Problem kämpft auch "Silhouettes And Statues", schafft aber schlussendlich auf fünf CDs einen spannenden Blick auf die Frühphase einer Bewegung, bei dem heutige, von sich selbst überzeugte Gruftis sicherlich ihre kajalgeschminkten Augen reiben werden ob der Klänge, die damals als "gothic" definiert wurden.
PILOCKA KRACH "SUGAR CANE & THE LOST AMIGOS" VS. SOULWAX "FROM DEEWEE": SPASS MUSS SEIN!
Lassen wir uns für zwei Alben lang etwas herumalbern. Keine Angst: Schlechte Witzemacher oder musikalische Scherzkekse mit Schlagerkante stehen nicht auf dem Programm. Und doch bleibt bei Soulwax' "From Deewee" und "Sugar Cane & The Lost Amigos" von Pilocka Krach ein Schmunzeln nicht aus. Das liegt vor allem an ihren Sounds, die immer ein wenig neben der (Ton)Spur agieren.
TOP 5: SOMMERSONGS FÜR FORTGESCHRITTENE - SOPHISTISCH SCHWITZEN
Bereits vor seinem offiziellen Beginn legte der Sommer 2017 sich mächtig ins Zeug und stellte mancherorts neue Temperaturrekorde auf. Dass bei solchen Hitzegraden das Leben notgedrungen langsamer vonstatten geht, ist unausweichlich. Abseits der üblichen Latino- und Reggae-Rhythmen, die nun überall aus den Radiosendern hervorquellen wie Pilzbefall, gibt es einige Songs, die ebenfalls bestens zu den heißen Sommermonaten gereicht werden können - ohne schmierige Don-Juan-Attitüde, aber dafür mit Herz, Witz und Verstand.
PALAST "PALAST" VS. PRINCIPE VALIENTE "OCEANS" VS. THE FATHER & THE SUN "REMEMBER": POP WIRD GREAT AGAIN
Gar nicht leicht zu beantworten lässt sich die Frage nach "guter Popmusik". Schließlich unterliegt dieses Prädikat dem sich ständig wandelnden Massengeschmack. Bei den Berliner Jungs von Palast, dem schwedischen Vierer Principe Valiente und The Father And The Sun aus den Niederlanden wird es allerdings fast ein Ding der Unmöglichkeit, sich ihren einnehmenden Nummern zu entziehen. Es sei denn, man ist taub. Oder hat keinen Geschmack. Oder beides.
WAS MACHT EIGENTLICH FINAL SELECTION?
Mehr Pech geht eigentlich nicht. Jahrelang hat Riccardo Schult-Nowotny am typischen Sound seiner Band Final Selection gearbeitet, ehe es zur ersten Veröffentlichung kam. Beim zweiten Werk "Meridian" wagte man sich sogar an ein oppulent angelegtes Konzeptalbum. Doch äußere Umstände führten dazu, dass die wunderbar sphärischen Synthie-Songs der Plauener kaum jemand zur Kenntnis nahm. Neun Jahre nach ihrem letzten Output gerät die vielleicht beste unbekannte Electro-Pop-Formation Deutschlands aber wieder in Bewegung.
KURZ ANGESPIELT 5/17: WELLE:ERDBALL, FLUT, INHALT, PERSON:A - RETRO ALL OVER THE WORLD
Wieder einmal brechen wir auf in die klangliche Vergangenheit - mit Bands aus der Gegenwart. Denn die Liebe für die (semi)elektronischen
Sounds aus den frühen und mittleren 80ern ist bei vielen Musikern größer denn je. Und das weltweit. Spannende Klänge erreichen uns dieser Tage nicht nur aus Deutschland, sondern auch Österreich, Amerika und Schweden.
STARS CRUSADERS "WELCOME TO HYDRA" VS. SCANDROID "SCANDROID": ES WAR EINMAL IM JAHR 2517
Was in 500 Jahren wohl sein wird? Man weiß es nicht! Oder doch? Jedenfalls haben zwei Electro
-Formationen unabhängig voneinander das Jahr 2517 als Schauplatz ihrer Konzeptalben für sich auserkoren. In "Welcome To Hydra" der italienischen Stars Crusaders reisen die Menschen in weit entfernte Galaxien, da ein Leben auf dem abgewirtschafteten Heimatplaneten nicht mehr möglich ist. Den amerikanischen Retro-Waver Scandroid hingegen verschlägt es auf seinem selbst-betitelten Debut in ein Zukunfts-Tokio, das von Pro-bots und Robophobes besiedelt ist. Dystopie, ick hör' dir trapsen.
KURZ ANGESPIELT 4/17: RYAN ADAMS, PAUL DEMPSEY, CHICK QUEST, YELLOW TEETH - EINMAL GEROCKT, NIE MEHR GESTOPPT
Die Mannigfaltigkeit elektronischer Klangerzeugung ist und bleibt beachtlich. Das wissen unsere Leser natürlich. Doch sie wissen auch, dass UNTER.TON nicht vor rustikalen Rockern zurückschreckt. Gerade in den letzten Monaten erblickten interessante Werke das Licht, deren dominierendes Instrument ganz klar die Gitarre ist. Ob nun eingebunden in elektrifiziertem Singer/Songwriter-Sound, spacigem Spaghetti-Western-Punk oder schweizerischem Americana (!).
IM PROFIL: JOHAN ANGERGÅRD - EIN TAUSENDSASSA ENTDECKT DIE MASCHINEN
Labelbetreiber und Musiker in Personalunion zu sein, ist nicht unbedingt überraschend. Neben einer Plattenfirma aber gleichzeitig
bis zu vier Musikprojekte am Laufen zu halten, schon. Der Schwede Johan Angergård, mit seinen Bands Acid House Kings und Club 8 eher im party- bis kuscheldeckentauglichen Indie-Pop beheimatet, zeigt mit seinen weiteren Projekten The Legends und Djustin seine Liebe für den spacig-discoiden Synthie-Funk der 80er Jahre. Mit der quasi zeitgleichen Veröffentlichung von "Nightshift" und "Voyagers", beamen uns diese beiden Acts geradewegs wieder in das goldenen Popjahrzehnt zurück.
K.FLAY "EVERY WHERE IS SOME WHERE" VS. CANDELILLA "CAMPING" VS. LAURA SCHEN "METAMORPHOSIS": WAS FRAUEN WOLLEN
Bis zum Halse hängt sie raus, diese gleichförmige Masse an weiblichen Pop-Musikerinnen. Zwischen grübelnder Emo-Powerfrau, eigenschaftsloser Retortendiva und leidlich lasziver Sex-Bombe bleibt nicht viel Platz für die unaufgeregten, die wahrhaftigen Künstlerinnen, die sich nicht nur einen Dreck darum scheren, ob ihre Kleidung gerade State Of The Art ist oder nicht, sondern auch in der Musik gänzlich andere Wege beschreiten. Doch weckt eben dieser Nonkonformismus, der bei den aktuellen Alben von K.Flay, Candelilla und Laura S
chen extrem ausgeprägt ist, unweigerlich das Interesse, ihnen zuzuhören. Denn sie haben etwas zu sagen.
A FLOCK OF SEAGULLS "REMIXES & RARITIES": TREND MEETS TALENT
Kein Eighties-Sampler ohne "I Ran" oder "Wishing (If I Had A Photograph Of You)": Wenn man New Romantic ein beredtes Gesicht geben möchte, kommt man an A Flock Of Seagulls ni
cht vorbei. Angefangen vom dadaistischen Haarschnitt ihres Sängers Mike Score, zuvor selbst als Friseur tätig, bis hin zum federleichten Mix aus dezenter Elektronik und schwelgerischen Gitarren, schreit alles bei dieser Formation nach Pop in ihren kommerzialisertesten Auswüchsen. Doch auf "Remixes & Rarities" werden auch einige andere Seiten aufgezeigt, die belegen, dass die Jungs nicht nur stylisch waren, sondern auch musikalisch einiges auf den Kasten hatten.
THE BEAUTY OF GEMINA: "MINOR SUN - LIVE IN ZURICH" - IN DER RUHE LIEGT DIE KRAFT
In einem Meer von Bands und Musikern, die sich in puncto Gothic-Credibility ein ums andere Mal zu übertreffen versuchen, ragt The Beauty Of Gemina wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung heraus, gerade weil sie sich nicht am schwarzen Pop-
Zirkus beteiligen. Auch der jetzt erschienene Live-Mitschnitt, wahlweise als CD, DVD oder Blu-Ray erhältlich, belegt eindrucksvoll, dass es keinen barocken Popanz oder technischen Schnickschnack bedarf, um ein fesselndes Konzert abzuliefern.
KURZ ANGESPIELT 3/17: SUNTRIGGER, ROBIN FOSTER, ALEC EMPIRE, TALES OF US, BLANK & JONES, MATZINGHA: WENN WORTE ÜBERFLÜSSIG WERDEN
Das Piano-Intro von Coldplays "Clocks", die donnernden Rhythmen am Anfang von Ultravox' "Vienna" oder das elegische Ende von Alphavilles "Sounds Like A Melody": Manche Songs bleiben aufgrund ihrer markanten Instrumental-Passagen in den Köpfen der Leute haften. Wie schwer mag es da sein, ganze Nummern in dieser Art zu kreieren, ohne dass Langeweile aufkommt. Diese fünf Acts zeigen, wie es geht - ganz egal, ob progressiv rockig oder minimal-technoid. Dem Ton gilt die ganze Aufmerksamkeit.
EWIAN "HEART CRASH BOOM BANG": MIT KARACHO INS HERZSCHMERZZENTRUM
Gleich z
wei Sachverhalte sind wirklich erstaunlich bei Ewian. Erstens bringt der Musiker in einer respektablen Geschwindigkeit Alben heraus. Diese sind dann zweitens auch noch von gleichbleibend hoher Qualität. "Heart Crash Boom Bang", das dritte Werk innerhalb von zweieinhalb Jahren, nimmt sich das eigentümliche Konstrukt der Liebe zur Brust, das teilweise zu einem regelrechten Martyrium werden kann. Ewian liefert en Soundtrack dazu.
WAS MACHT EIGENTLICH CHRISTIAN PURWIEN (SECOND DECAY)?
In einer Zeit, als aufkommende Musiksoftwares die Ära digitaler Klangproduktionen einläutete, galt die deutsche Formation Second Decay als herrlich anachronistische Gegenbewegung. 15 Jahre lang, zwischen 1987 und 2002, kredenzten sie elegante Post-New-Romantic-Nummern im Stile eines John Foxx. Sänger Christian Purwien blickt für UNTER.TON noch einmal auf diese Zeit zurück - kleine Träne im Knopfloch inklusive. Und er verrät uns, dass er mittlerweile unter die Romanautoren gegangen ist.
LISET ALEA "HEART-HEADED" VS. MÉLANIE PAIN "PARACHUTE": CHERCHEZ LA FEMME
Als zwei der vielen Sängerinnen der Lounge-Cover-Spezialisten von Nouvelle Vague gingen Liset Alea und Mélanie Pain als künstlerischen Individuen etwas unter. Mit hren beiden Solo-Alben "Heart-Headed" und "Parachute" beweisen sie nun mehr als eindrucksvoll ihr Talent für emotionale Songs, justiert zwischen schummrig-mysteriösem Tristesse-Pop einer Lana del Rey und leichtmelancholischem Chanson française, wie man es zuletzt von Coeur de Pirate gehört hat. Ihre Alben sind wie guter Rotwein. Je länger man sie besitzt, desto gehaltvoller werden sie.
IM PROFIL: TETROLUGOSI - DIE FABELHAFTE WELT DER ANOMALIE
In ihren Songs wimmelt es von grotesken Gestalten, die aus dem Fundus stümperhaft zusammnegschusterter B-Horrorfilmchen der 1950er stammen könnten. Die italienische Formation Tetrolugosi bringt einen verloren geglaubten, archaischen Charme in die Gothic-Kultur zurück und fasziniert mit einem wahren Kuriositätenkabinett, bestehend aus surrealistischen Szenerien und freigeistigen Songs, die zwischen minimalen Drehorgel-Schunkeleien und naiver Synthie-Spielerei hin- und herpendeln. Ein ganz eigener Kosmos, den es zu erkunden gilt.

TOP 10: REVOLUTIONS-POP - KLÄNGE DES WIDERSTANDS
Jüngst fragte uns die Altherren-Elektronik-Brigade von Depeche Mode etwas müde auf ihrer aktuellen Single: "Where's The Revolution?" Nun, sicherlich nicht bei ihnen! Da gab es in den ganzen Jahren zuvor schon einige andere Stücke, die sich dem Thema Revolution mit mehr Schmackes - und auf teilweise kuriose Art und Weise - angenähert haben. Weil derart viel interessantes dabei ist, wird die Rangliste dieses Mal sogar auf zehn Titel erweitert. Wenn das mal nicht revolutionär ist.
KURZ ANGESPIELT 2/17: RED LORRY YELLOW LORRY, ASP, TK KIM, ROSI: DÜSTERROCK IM WANDEL DER ZEIT
Unabhängig von der Frage, ob "Gothic" als Subkuktur überhaupt noch existent ist oder längst zum sinnentleerten "Style" degradiert wurde, hat sich der mollschwangere Sound tiefergestimmter Gitarren und schummriger Elektronikeinlagen über Dekaden hinweg erhalten können. Mittlerweile schließt sich der Kreis: Die feine Box "Album And Singles 1982-1989" von den Prototyp-Gothrockern Red Lorry Yellow Lorry und "Grey City Life" der deutschen Formation Rosi sind stilistisch gar nicht so weit voneinander entfernt, obgleich sie rund 35 Jahre trennen. Dazwischen wird es mit ASPs Live-Box "Auf rauen Pfaden" (ba)rockig und mit TK KIMs "Intrication" experimentell. Es steckt also noch viel Leben im moribunden Endzeitklang.
X MARKS THE PEDWALK "SECRETS" VS. WE ARE TEMPORARY "CROSSING OVER": ELEKTRONISCHES GIGANTENSPIEL
Während die eine Band bereits das Gesamtbild subkultureller Maschinen-Klänge in den 1990er Jahren entscheidend mitprägte, steht das andere Projekt gerade am Anfang einer vielversprechenden Karriere. X Marks The Pedwalk und We Are Temporary eint die fieberhafte Suche nach dem Besonderen in den Sequenzen, nach der Meta-Ebene der Gefühle, die in ihren Texten hervortreten. Ihre aktuellen Alben sind der beste Beweis dafür, dass die Geschichte des synthetischen Musizierens noch lange nicht zu Ende erzählt ist.
KARIES "ES GEHT SICH AUS" VS. KLEZ.E "DESINTEGRATION": HOFFNUNGSVOLL HOFFNUNGSLOS
Die traurigen Gemüter dürfen sich freuen: Der wahrhaftige Weltschmerz kehrt zurück und manifestiert sich in zwei Bands, deren aktuelle Alben man ohne Übertreibung als wegweisend für die gegenwärtige Post-Punk-Szene bezeichnen kann. So skizziert die Stuttgarter Formation Karies in ihrem zweiten Werk "Es geht sich aus" ein neues deutsches Unbehagen, während Klez.e in "Desintegration" geschickt den Bogen von der Wiedervereinigung in die Gegenwart spannt, um der Befindlichkeit der Bundesrepublik ein musikalisches Mahnmal zu setzen.
KURZ ANGESPIELT 1/17: X-O-PLANET, PALAST, AUSTRA, SAILOR & I: MEHR IST MEHR
Zu Beginn eines neuen Jahres spart der Mensch gerne an Kalorien, die er während der Festtage in üppigem Maße zu sich genommen hat. Wegen fett produzierter Musik ist allerdings noch keiner aus dem Leim gegangen. Drum schlagen wir zu und verschmausen die akustischen Kalorien von X-O-Planet, Palast, Austra und Sailor & I in einem durch. Keine Angst, das setzt nicht an, obwohl viel hängen bleibt - allen voran die exorbitant elegischen Sounds, die sich als wahre Leckerbissen herausstellen.
WAS MACHT EIGENTLICH T.O.Y.?
Als ihr letztes Album "White Lights" veröffentlicht wurde, war Gerhard Schröder noch Bundeskanzler und die meisten Bürger eifrig dabei, die "gute alte" D-Mark in den neu eingeführten Euro umzurechnen - um mal ein Gefühl dafür zu bekommen, wie lange das her ist. Als EBM-Combo Evil's Toy in den mittleren 90ern gestartet wandelten sie sich bis zum urplötzlichen Ende zu einer veritablen Synthie-Pop-Formation mit Hit-Appeal. Sänger Volker Lutz und Musiker Oliver Taranczewski blicken noch einmal auf ihren Karrierestart und die damaligen Gründe für das Ende von T.O.Y. zurück - und erfreuen uns zugleich mit neuem Material in Form eines Albums: "Pain Is Love".

QUO VADIS POPMUSIK? EIN POSTFAKTISCHES TRYPTICHON
2016 war das Jahr der großen Abschiede: Ein ums andere Mal erreichten uns die erschreckenden Nachrichten vom (leider viel zu frühen) Ableben diverser Popstars. Einflussreiche Künstler wie David Bowie, Prince, George Michael, aber auch große Namen aus der "zweiten Reihe" wie Colin Vearncombe (Black), die Schlagzeuger Peter Behrens (Trio) und Wolfgang Rohde (Die Toten Hosen), Keith Emerson und Greg Lake (Emerson, Lake & Palmer), Rick Parfitt (Status-Quo-Gitarrist) und Roger Cicero sind in diesem Jahr gestorben. Das macht uns betroffen – nicht nur, weil sie große Talente waren, sondern auch aufgrund der großen Lücke, die sie hinterlassen haben und die momentan kaum ein anderer Musiker zu füllen vermag. Bleibt also die Frage, wohin sich die Popmusik nach diesem Schicksalsjahr bewegt, national wie international. Eine vom Gefühl geleitete Beobachtung.
TEIL I - DEUTSCH-POP: ESKAPISMUS UND JAMMEREI
TEIL II - INTERNATIONALER POP: SOUNDTRACK FÜR EINE ZEIT OHNE GEIST
TEIL III - MUTMACHENDE PROGNOSEN

YAZOO UND "WINTER KILLS": AM ABSOLUTEN NULLPUNKT DER LIEBE
Eisige Temperaturen haben dieser Tage weite Teile der Bundesrepublik im Griff. Und frostig ging es auch vor rund 35 Jahren beim Synthie-Pop-Duos Yazoo zu: "Winter Kills" überrascht als kontemplatives Moritat und zählt zum intensivsten, was Alison Moyet und Vince Clarke sich in ihrer kurzen Zusammenarbeit je zu Papier gebracht haben. Lassen wir also einige Gedanken wie Schneeflocken über dieses fast vergessene Juwel fallen.
VARIOUS ARTISTS "ACTION TIME VISION - A STORY OF INDEPENDENT UK PUNK 1976-1979": IN 111 SONGS UM DIE PUNK-WELT
Was soll man noch groß Worte über Punk verlieren? Gerade jetzt, wo diese Musikrichtung ihren vermeintlichen 40. Geburtstag feiert? Viel wurde in den Medien darüber geschrieben und berichtet, aber nur wenig erzählt. Außer bei "Action, Time, Vision", eine vier CDs umfassende Anthologie im Buchformat zu diesem Thema. Es ist der vielleicht beste Sampler, den es zu diesem Jubiläum geben kann. Ein von Herzen kommender Lobgesang auf ein passioniertes Projekt.
ROTERSAND: "BILDUNG IST ANSTRENGEND. BILDUNG MUSS MAN WOLLEN. MEINUNG ZU HABEN, IST EINFACHER."
Sie sind keine Tanzkapelle im herkömmlich unterhaltsamen Sinne: Rotersand basteln zwar unwiederstehliche Clubtracks, die sie aber mit inhaltsschweren und philosophisch motivierten Texten unterfüttern. So bewegt sich auch das Interview mit Klangfrickler Krischan schnell von der aktuellen Scheibe "Capitalism™" weg und hin zu grundlegenden gesellschaftspolitischen Betrachtungen. Nebenbei erfahren wir noch, welch außergewöhnliches Souvenirs er damals beim Schüleraustausch mit der ehemaligen Sowjetunion mitgebracht hat.
RICHARD H. KIRK "#7489 (COLLECTED WORKS 1974-1989)" VS. SANDOZ "#9294 (COLLECTED WORKS 1992-1994)" VS. SIGNAL BRUIT "PLANISPHÈRE(S)": AVANTGARDE GESTERN UND HEUTE
Mit den beiden umfangreichen CD-Boxen "#7489" und "#9294" tauchen wir in die einstigen Großtaten des unkonventionellen Soundvisionärs und Cabaret-Voltaire-Vordenkers Richard H. Kirk ein. Von der Vergangenheit aus reisen wir sodann zurück in die Gegenwart: Signal Bruit haben mit ihrem Erstling "Planisphère(s)" ein musikalisch-mathematisches Meisterwerk geschaffen. Und auf einmal erahnen wir, das elektronische Musik immer noch eine goldene Zukunft besitzt.
KURZ ANGESPIELT 9/16: YANN TIERSEN, THE T.S.ELIOT APPRECIATION SOCIETY, THE LIVING GODS OF HAITI, DELERIUM, B.ASHRA: KLANG-KUSCHELDECKEN FÜR KALTE TAGE
Fließende Klaviermelodien, introvertiertes Gitarrenspiel, aber auch mystisch bis meditatve Elektronik: Für die kommenden Wintermonate hat UNTER.TON eine kleine Auswahl von Bands zusammengestellt, deren Soundästhetik wie geschaffen für das diesige Wetter ist. Perfekte Beschallung, um seinen eigenen Gedanken nachzuhängen oder einfach ein wenig Ruhe zu finden.
ROME "THE HYPERION MACHINE" VS. ROTERSAND "CAPITALISM™": IN DER FREIHEIT LIEGT DIE KRAFT
Musiker sind keine Politiker. Aber mit ihrer Kunst liefern sie oftmals ein klares Spiegelbild unserer Gesellschaft ab und treten somit, ob gewollt oder nicht, in den politischen Diskurs ein. Gerade in diesen Tagen besitzen besonders zwei Veröffentlichungen aus dem Hause Trisol viel Identifizierungspotenzial mit unserer aktuellen Situation in Europa: "The Hyperion Machine" von Rome und Rotersands "CAPITALISM™" sind klanggewordene Pamphlete für Freiheit und Humanismus.
THEATRE OF HATE "WESTWORLD (DELUXE EDITION)": WIEDERGEBURT DER POST-PUNK-EINTAGSFLIEGE
Sie kamen so schnell wie sie wieder in die Versenkung gerieten. Theatre Of Hate veröffentlichten nur ein reguläres Studio-Album, das es aber in sich hatte. "Westworld" brachte zusammen mit der pathetischen Endzeit-Single "Do You Believe In The Westworld?" frischen Wind in die englischen Charts anno 1982. Lange Zeit war das Werk vergriffen. Jetzt wurde es im Zuge der Reaktivierung von Theatre Of Hate in einer üppigen 3-CD-Box neu aufgelegt, die keine Wünsche mehr offen lässt.
LOGIC & OLIVIA: IM SOG DER ÜBERRASCHUNGSAKKORDE
Eher hätte man den bedächtigen, wie einen König durch seine Hallen schreitenden, Synthie-Pop von Logic & Olivia Purpur oder Dunkelblau als farbliches Pendant zur Hand reichen können. Aber das deutsche Trio hat sich entschieden, ihr Album "Pink" zu taufen. Schließlich ist nicht alles Melancholie, was beim ersten Hören so durchschimmert. Die Band plädiert bei aller wagnerianischen Traurigkeit für ein positives Lebensgefühl. Und das mit einem Album, welches zu den schönsten dieses Jahres zählt.
ALL DIESE GEWALT: EISBERG DER EMOTIONEN
Wenn Max Rieger nicht gerade als Die Nerven-Sänger einen gepflegten Post-Punk vom Leder zieht, macht er unter dem Namen All diese Gewalt Musik im Alleingang. Unter der eisigen Oberfläche seiner Drone-Pop-Kompositionen brodelt die zweite Solo-Veröffentlichung "Welt in Klammern" heftig vor sich hin. Emotion und Stagnation spielen sich über eine Dreiviertelstunde lang kunstvoll die Bälle hin und her. Was am Ende bleibt, kann man schlichtweg als Meisterwerk bezeichnen.
KURZ ANGESPIELT 8/16: NOBODY KNOWS, MESSER, LISAWARS, MANTUS, EINHORN: MIT EIGENEN WORTEN
Deutsche Sprache, schwere Sprache. Besonders in der Popmusik können native Texte schnell in schlagerhafte Seligkeit umschlagen. Bei diesen fünf Bands besteht diese Gefahr allerdings nicht. Denn von kabarettistischen Wortspielereien über expressive Assoziationslyrik bis hin zu dadaistischem Klamauk ist hier alles vertreten, was nicht nur den Germanisten, sondern auch jeden anderen erfreuen wird, der genug von den Stürmern, Julis und Silbermonden dieser Welt hat.
WAS MACHT EIGENTLICH ROLF MAIER BODE (RMB)?
In unserer neuen Rubrik "Was macht eigentlich...?" stöbert UNTER.TON alte Helden auf, um mit ihnen über Vergangenes und Zukünftiges zu reden. Den Anfang macht der Düsseldorfer Rolf Maier Bode, der vor rund 20 Jahren mit seinem Projekt RMB der "ravenden Gesellschaft" die vielleicht nachhaltigsten Tracks wie "Redemption", "Spring" und "Reality" schenkte. Doch so ausgelassen seine Songs sind, so nachdenklich, nüchtern und reflektiert fällt sein Blick zurück auf diese Zeit, mit der er sich aber gar nicht so lange auseinandersetzen will. Immerhin hat der 42-jährige Klangfrickler, der mittlerweile im Auftrag von großen Konzernen Musik komponiert, noch viele Ideen und Träume.
TOP 5: FAD GADGET - GROSSMEISTER DER GROTESKE
Die kurze Blütezeit des New Romantic mit all den durchgestylten Bands ist vielen noch in Erinnerung. Wenigen aber ist bewusst, dass zu den emsigen Feldbereitern dieses Genres ein gewisser Frank Tovey gehörte, besser bekannt als Fad Gadget. Bereits 2002 frühzeitig verstorben, hätte der erste Künstler des Mute-Labels dieses Jahr seinen 60. Geburtstag gefeiert. UNTER.TON gedenkt einem visionär-charismatischen Musiker und präsentiert fünf Stücke, die neben seinem einzigen Charterfolg "Collapsing New People" es wert sind, wiederentdeckt zu werden.
VARIOUS ARTISTS: "ELECTRI_CITY 2" VS. "TRANSMISSION WAVE WEST": AUSTAUSCH DER SUBKULTUREN
Alternativ ist nicht gleich alternativ. Tatsächlich gibt es nationale Unterschiede bezüglich der Interpretation dessen, was eine jugendliche Gegenbewegung ausmacht. Im Kraftwerk-Deutschland war sie elektronisch geprägt und bezog in der Kunst- und Industriemetropole Düsseldorf ihr Hauptquartier. Frankreich jedoch schielte, gewollt oder auch nicht, zum Erzfeind England rüber. Was die Pop-Chronisten verschweigen, tritt bei "Electr_City 2" und "Transmission Wave West" endlich zutage. Eine authenitsche Reise zur Basis deutsch-französischer Subkulturen der 1980er Jahre.

KURZ ANGESPIELT 7/16: AUS DER GESCHICHTE GELERNT
Seit jeher gilt der Spruch: "Lieber gut geklaut, als schlecht selbstgemacht!" Das ist zwar nicht sonderlich kreativ, kann aber für angenehmen Kurzweil sorgen. Besonders dann, wenn bei aller retrospektiven Ausrichtung nicht doch ein bisschen Erneuerung stattfindet. Ob nun herrlich-fluffiger Post-Punk, unterkühlter Gothic-Rock oder knatternder Minimal Wave: Die folgenden Bands und Künstler huldigen ihren Altheroen, machen aber auch klar, dass sie durchaus mehr sind als eine langweilge Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals.
MESH VS. ASSEMBLAGE 23: ZWEI MAL NUMMER SICHER
Der Herbst ist da, auch wenn er sich noch nicht so anfühlt. Und als ob die sommerlichen Temperaturen nicht genug wären, kommen nun auch noch besonders heiße Veröffentlichungen in die Läden. Freunde elektronischer Klangverarbeitung werden hierbei sehr auf ihre Kosten kommen. Neben vielversprechenden Novizen, zeigen auch die Altmeister ihr Können. Bei Mesh war das so vielleicht noch zu erwarten, bei Assemblage 23 eher weniger. In beiden Fällen lohnt sich der käufliche Erwerb. Außerdem erklärte sich Mesh-Keyboarder Richard Silverthorn für ein Interview mit UNTER.TON bereit, das sich zu einem kurzweiligen Plausch über die Kunst des Samplings, Gesangsaufnahmen bei Gewitter und den ewigen Vergleich mit Depeche Mode entwickelte.
UNTER.TON SPECIAL: ZEHN JAHRE KLANGWIRKSTOFF RECORDS - MIT HERTZ UND VERSTAND
Am Anfang waren da ein paar passionierte Musiker, die sich anschickten, Schwingungen von Planeten und Molekülen für das menschliche Ohr hörbar zu machen. Basierend auf den Berechnungen des Mathematikers Hans Cousto, verfolgt das Kollektiv mit kleinem aber stetig wachsendem Erfolg die Idee der kosmischen Oktave. Bert Olke ist einer von ihnen. Als Chef des Labels Klangwirkstoff gab er uns im Interview freimütig Auskunft über die kommende Geburtstagsfeier, die abenteuerlichen Anfängen in einem Wald in Norddeutschland und das Problem, zwischen Wissenschaft und Esoterik hin- und hergereicht zu werden. Ganz anders beim parallel gegründeten Sublabel Separated Beats, das sich ausschließlich mit (Dark) Ambient Sounds befasst und just erneut zwei wunderbare Alben veröffentlicht.
TOP 5: ALLES SCHWINGT!
Nicht viele Releases haben Klangwirkstoff Record auf die Beine stellen können. Schließlich finanzieren sie jedes nächste Album aus den Einnahmen der vorangegangenen Veröffentlichungen, was bei einer solch kleinen Plattenfirma naturgemäß etwas länger dauert. Doch anstatt Quantität wird Qualität produziert, und das durchgehend. Aber es gibt schon einige besonders interessante Werk, die sowohl für zögernde Einsteiger als auch tiefgläubige Verfechter der kosmischen Oktave Pflicht sind.
CRESTFALLEN VS. TEHO TEARDO & BLIXA BARGELD: SCHWÄRZESTE KAMMERSPIELE
Der eine kommt aus Athen und steht noch am Anfang seiner Karriere, die anderen können sich als gestandene Künstler betrachten, die maßgeblich die Avantgarde beeinflusst haben. Beide eint sie die Liebe zur kunstvoll angelegten Kammermusik. Crestfallens "Chamber Works" und "Nerissimo" von Teho Teardo und Neubauten-Chef Blixa Bargeld fordern die Hörer zu einer anspruchsvollen Reise auf, die zwischen schmerzerfüllter Innenschau und surrealer Außenwahrnehmung changiert. Nicht alltäglich, aber perfekt, um dem Alltag zu entkommen.
DECENCE: "VIELLEICHT WERDEN WIR VOM 'GEHEIMTIPP' ZUM 'VOLLWERTTIPP'"
Beobachten. Das macht Oliver Mietzner oft. Schon allein des Berufes wegen. Als Anwalt muss er die Sachlage seiner Fälle genau unter die Lupe nehmen, um entsprechend arbeiten zu können. Aber auch als Texter, Musiker und Sänger seines Synthie-Pop-Projekts Decence verarbeitet er das, was er sieht, in Wort und Ton. "Alive!", das aktuelle Werk, haben wir bereits vorgestellt (siehe weiter unten). Nun wollten wir es aber noch einmal genauer wissen und baten Oliver zum Verhör...pardon: Gespräch.
KURZ ANGESPIELT 6/16: ELEKTRONIK SCHÖÖÖN!
"Don't Believe The Hype!" Was heutzutage von gleichförmigen Radiosendern als "Electro"-Nummern feilgeboten wird, ist doch nur das blasse Abziehbildchen dessen, was elektronische Musik wirklich zu leisten vermag. Denn die synthetische Klangerzeugung kann so viel mehr. Vertrackt wie bei Die Form:Musique Concrète, tiefenentspannt wie bei Moderat, verspielt wie bei M83 und elegant wie bei Dani'el, konnten sich die Maschinen bei diesen Künstlern nach Herzenslust austoben. Und es ist eine Wonne, ihnen zuzuhören.
BLANK & JONES: ZEHN MAL ZWÖLF MACHT ACHTZIG TOTAL
Zusammenstellungen von Hits der 80er-Jahre gibt es wie Sand am Meer. Und leider beschränkt sich die Auswahl der Nummern auf die üblich Verdächtigen. Eine Reihe ragt jedoch heraus: "So80s"! Zum mittlerweile zehnten Mal präsentiert das DJ-Paar Blank & Jones ihre neuesten Schätze, derer habhaft zu werden für sie manchmal sehr mühselig ist, wie sie UNTER.TON verrieten.
D.NOTIVE: DIE VERGANGENHEIT GESUCHT, DIE ZUKUNFT GEFUNDEN
Sie machen Musik nach klassischem Synthie-Pop-Prinzip, nutzen aber die Vorteile fetter Dance- und House-Produktionstechniken der Gegenwart. Das ganze nennt sich dann "Synthwave" oder "Retrowave" und beschert uns seit einigen Jahren erstaunliche Acts, die vornehmlich im Internet ihr Zuhause haben. Einer davon ist der Amerikaner D.Notive, der mit "Sentinel" eine Geschichte über einen zeitreisenden Polizisten erzählt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass einer seiner Lieblingsfilme "Zurück in die Zukunft" heißt. Und auch sonst zeigt sich D.Notive von den 80ern sehr angetan.
DECENCE: NOCH EINMAL MIT GEFÜHL
Manchmal sind Gegebenheiten einfach unerklärlich. So wie die Geschichte des deutschen Elektro-Pop-Projekts Decence. Seit mehr als zehn Jahren veröffentlicht die Band um Chefdenker Oliver Mietzner ein gehaltvolles Album nach dem anderen - und kaum einen interessiert's. Das aktuelle Album "Alive!" kam sogar schon vor knapp zwei Jahren heraus und wird nun ein weiteres Mal auf den Markt geworfen. Dieses Mal muss es klappen, denn ein derart formvollendetes Werk findet man nur selten.
KURZ ANGESPIELT 5/16: UNBESCHREIBLICH WEIBLICH
Es muss nicht immer blank gezogen werden, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Femme Schmidt, Gleis 8 (das Post-Rosenstolz-Projekt von AnNa R.), die Französin Jeanne Added und die female fronted Ethereal Rocker von Twin Flames präsentieren weibliches Selbstverständnis, das als Alternativentwurf zur nervtötenden Fleischbeschau mit Sing-Sang-Einlagen unglaublich wohltuend ist.
"GENIALE DILLETANTEN - SUBKULTUR DER 1980ER-JAHRE IN DEUTSCHLAND": DIE KUNST DER KUNSTVERWEIGERUNG
In England ist Punk zu Beginn der 1980er schon wieder Geschichte - in Deutschland hingegen blüht er in den Kunsthochschulen noch einmal auf. Das Ergebnis waren die "Genialen Dilletanten". Absichtlich falsch geschrieben, bezeichnet der Begriff Künstler aller Sparten, die zu dieser Zeit mit drastisch-anarchischen Ausdrucksformen die Grundfesten der Kulturbetriebe erschüttert haben und den Weg für Video-Clips, Neo-Expressionismus und NDW ebneten. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung spürt dem Geist von Umsturz und Aufbruch nach.
THYX: "LEIDER IST VIELEN DIE FÄHIGKEIT ABHANDEN GEKOMMEN, SELBST ZU DENKEN"
Normalerweise ist Stefan Poiss' Metier die Zukunft: Der düstere Sci-Fi-Agenten-Thriller, den er als Mind.In.A.Box nun schon über eine Dekade lang erzählt, zieht unzählige Fans in seinen Bann. Mit seinem Seitenprojekt hat er sich immer mehr auf das Hier und Jetzt spezialisiert. Dabei zeigt das neue Album "Headless" bloß, dass ein orwell'scher Staat wohl schon realer ist, als manch einer glauben will. So geriet denn auch das Interview mit dem Musiker zu einem Appell an die Humanität und zur Aufforderung an die Menschen, ihre Hirne in Bewegung zu setzen.
KURZ ANGESPIELT 4/16: EIN KESSEL BUNT(SCHWARZ)ES
Wie eine polychrome Farbpalette lesen sich unsere aktuellen Kurzbesprechungen: Angefangen mit freundlich-pastelligen Tönen von Chilli And The Whalekillers, endet es schließlich doch mit satt-schwarzen Klängen eines Dan Scary. Dazwischen finden sich wunderbare Schattierungen und feine Nuancen, die Sivert H
øyem und Rigna Folk ihren elektrifizierten Saiteninstrumenten entlocken.
RUFUS WAINWRIGHT VS. ROME: SHAKESPEARIANER UNTER SICH
Happy Deathday, Mr. Shakespeare! 400 Jahre unter der Erde und immer noch in aller Munde: Mal wieder muss der gute alte Willi seine
geistigen Hinterlassenschaften der gegenwärtigen Kunst zur Verfügung stellen. Doch bei dem ästhetischen Alleskönner Rufus Wainwright kann man sicher sein, dass "Take All My Loves - 9 Shakespeare Sonnetts" eine würdige Adaption der Poeme werden würde. Aber auch Jerôme Reuter, einer der regsten Köpfe der hiesigen Neo-Folk-Szene, veröffentlicht mit seiner Band Rome das fulminante Mini-Album "Coriolan", welches auf das Stück "Coriolanus" basiert. Zwei unterschiedliche Herangehensweisen, die beide Male Shakespeare mehr als gerecht werden.
KURZ ANGESPIELT 3/16: GROSSARTIGES IM KLEINFORMAT
Das Ableben der physischen Single scheint fast schon besiegelt. Als wenig haptisches Vergnügen eines Downloads findet das Miniformat lediglich seine Existenzberechtigung. Doch sie sowie ihre größere Schwester - die EP - bieten den unnachahmlichen Vorteil knackiger Hitkomprimierung, wie diese Bands mit ihren gekonnten Veröffentlichungen belegen.
ASP: HÖHEPUNKT EINES GOTHIC-NOVEL-INTERMEZZO
Fortsetzung folgt: Das bizarre Liebesverhältnis zwischen Paul und der Spukgestalt "Astoria" dehnen Asp und seine Männer im zweiten Teil ihrer Saga weiter aus. Es beginnt ein nervenzerreibender Kampf des Protagonisten mit seiner eigenen Obsession. Breitband-Dunkel-Rock und eine bilderreiche Erzähltechnik machen "Verfallen Folge 2: Fassaden" dabei zu einem gelungenen Abschluss dieses Mini-Zyklus
RICHARD ANDERSON: SPURENSUCHER IN DER ELEKTRO-URSUPPE
Mit "Close To The Noise Floor - Formative UK Electronica 1975-1984" veröffentlicht das britische Cherry Red Record ein spannendes Kompendium kauziger Synthesizer-Nummern made in Britain, auf der Schnittstelle zwischen Punk und New Romantic. Für diese etwas andere Zeitreise zeichnet Richard Anderson verantwortlich, der uns an seiner Passion für die analogen Maschinenklänge teilhaben lässt und über die Entstehung dieses Samplers Auskunft gibt.
ENNO SEIFRIED: "ICH MAG DEN CHARME DES MORBIDEN"
Für die einen sind sie unzumutbare Schandflecke, für die anderen große Erlebnisplätze undverwunschene Tore in eine von der Zeit vergessene Welt. Leerstehende und dem Verfall preisgegebenen Bauwerke üben eine besondere Faszination aus - auch auf Regisseur Enno Seifried, der mit seinen emotionalen Dokumentationsfilmen die so genannten "Lost Places" in seiner Heimatstadt Leipzig und jüngst auch im Harz aufspürt. Im aufschlussreichen Gespräch mit UNTER.TON erzählt er über die Liebe zum Verfall und den Gefahren, die solchen Projekten zwangsläufig innewohnen - und warum er abgerissenen Gebäuden nicht unbedingt eine Träne nachweint. Begonnen hat alles übrigens 2012 mit dem Streifen "Geschichten hinter vergessenen Mauern", den wir euch exemplarisch vorstellen wollen.
ASP: "WIR ERFORSCHEN DAS UNBEKANNTE UND DAS FREMDE - AUCH DAS UNS FREMD GEWORDENE IN DER MITTE"
Eine Gruselgeschichte, die in Deutschland spielt, sollte es sein: Mit der zweiteiligen "Verfallen"-Saga der Gothic-Novel-Rocker ASP
verwirklichte der Frontmann zusammen mit dem Fantasy-Autor Kai Meyer eine Horror-Story, die in der Ruine des einstigen Leipziger Aushängeschild, dem Hotel "Astoria", verortet ist. Im vergangenen Herbst erschien der erste Teil "Astoria", am 1. April folgt nun der nun die Fortsetzung "Fassaden". Wir blicken zusammen mit Frontmann hinter selbige, erörtern die Schönheit des Verfalls und sinnieren mit dem selbsternannten Architektur-Pessimisten über Chancen und Risiken der Modernisierung.
KURZ ANGESPIELT 2/16: NEU AUFGELEGT, GUT AUFGELEGT
Wiederveröffentlichungen sind so eine Sache: Im schlimmsten Fall
handelt es sich um eine unnötige, mit krudem Bonus-Material zugeschütteten Editionen, deren einziger Zweck darin besteht, einen schnellen Euro zu generieren. Im besten Fall allerdings helfen solche Neuauflagen, bestehenden Wucherpreisen für die Originale den Kampf anzusagen. Und manchmal entdeckt man (fast) vergessene Schätze aus einer gar nicht so fernen Zeit, die sich mittlerweile aber wie Lichtjahre entfernt anfühlt.

DAVE GAHAN UND MARTIN GORE: DIE LETZTEN TAGE DER G.-UND-G.-MONARCHIE?
Längst sind Veröffentlichungen aus dem ruhmreichen Hause Depeche Mode zu eher müden Pflichtprogrammen avanciert. Die gesteigerten Solo-Aktivitäten der beiden Federführenden Dave Gahan und Martin Gore verstärken zudem das Gefühl, dass die nächste gemeinsame Platte, die im kommenden April in Angriff genommen wird, auch schon die Letzte sein könnte. Wir blicken kritisch zurück und schauen skeptisch in eine ungewisse Zukunft von Depeche Mode.
EWIAN:"MIT GOTT ALS MANIFESTE ERSCHEINUNG KANN ICH NICHTS ANFANGEN"
Der Mensch ist ein Meister des Verdrängens - egal, ob als Individuum oder im Kollektiv. Die Erscheinungsformen dieses psychologischen Phänomens verarbeitete Ewian auf ihrem aktuellen Album "We Need Monsters". Wir begaben uns im Interview mit dem Frontmann und seinem Mitstreiter Jannis Körfer-Peters in Freud'sches Fahrwasser, sprachen über Ohnmachtsanfälle auf dem Dachboden - und warum das Plüschalien "Jacob" mittlerweile ein unverzichtbarer Wegbegleiter geworden ist.
BROR GUNNAR JANSSON: DER GROSSE BLONDE MIT DER SCHWARZEN SEELE
Seine äußere Erscheinung ist unspektakulär, ja, fast schon bieder. Doch wenn Bror Gunnar Jansson zu singen anfängt, weiten sich Pupillen und Trommelfelle der Hörerschaft. Mit den beiden Alben "Bror Gunnar Jansson" und "Moan Snake Moan" beschreitet der Mann aus Göteborg die weitverzweigten Blues-Pfade so souverän wie seine Geistesbrüder am Mississippi. Ein Hoochie-Coochie-Man aus dem Land der Köttbullar.

KRAFTWERKS ERBEN: IM SCHATTEN DER ROBOTER
Mit deutscher Gründlichkeit verwaltet der letzte Ur-Karftwerk'ler Ralf Hütter den Nachlass der Elektro-Pioniere bis hin zum musealen Starrsinn. Doch es geht auch anders: Karl Bartos und jüngst Wolfgang Flür zeigen, in welche Richtung es mit dieser Gruppe hätte gehen können, stünden sie noch immer vor ihren Computern. Indes beschreitet das Erste Wiener Heimorgelorchester völlig andere Wege, um das Erbe der vielleicht wichtigsten deutschen Band am Leben zu erhalten: Gesammelte Werke aus Freude an der elektronischen Klangerzeugung. Ton ab!
APOPTYGMA BERZERK: IRRUNGEN UND WIRRUNGEN
Einst waren sie die neuen Helden der elektronischen Musik. Doch am Ende ihres schwermütigen Synthie-Pop-Pfads erwischten die Norweger die Kurve nicht: Mit effekthascherischen Emo-Gitarren brach sich das Projekt am Ende selbst das Genick. Jetzt steht Mastermind Stephan Groth wieder alleine da, bastelt gedankenverloren an experimentellen Electro-Tracks – und das ohne Sicht auf ein neues Album. Eine wehmütige Bestandsaufnahme.
SCHWARZE SCHALE, HOHLER KERN: SUCHBILD MIT GRUFTI
Neue Mode braucht das Land! Pünktlich zu Halloween flattert dieser Tage auch der aktuellste Prospekt eines schwedischen Textil-Anbieters in die Briefkästen der Republik. Dabei gibt es überraschend saure Inhalte frei Haus: Der Fashion-Riese mausert sich in diesem Winter zur Boutique Gothique - und erklärt seinen höchst eigenwilligen Gruftie-Style zum Must-Have der Saison.
EWIAN "WE NEED MONSTERS": GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG
Rückblick: Es ist Oktober, wir schreiben das Jahr 2014, und unserer Postfach wartet plötzlich mit völlig unerwarteten Erkenntnissen auf. Tatsache: Der winselnde Biedermeier-Pop im Polo-Shirt konnte Deutschlands Dichter und Denker nicht töten. Sie sind immer noch unter uns, und man muss sie gar nicht mal mit der Lupe suchen. Bestes Beispiel: Das Ewian-Debüt "Good Old Underground", mit dem wir uns vor gut einem Jahr den Glauben an gut gemachte, nonkonformistische Klänge zurückerobern konnten. "We Need Monsters", des Künstlers zweiter Streich, ist die lang ersehnte Fortsetzung dieser musikalischen Reise ins Un(ter)bewusste. Fazit: Poetischer Tiefgang ist auch im Jahre 2015 noch möglich. Und: Verstand und Gefühl schließen einander nicht zwangsläufig aus.
ASP "VERFALLEN": MENSCHEN IM HOTEL
Längst ist der
Glanz des Leipziger Edel-Hotels "Astoria" verblasst. Seine mächtige, das Stadtbild prägende Ruine lässt jedoch noch immer Raum für die abenteuerlichsten Geschichten. Bei den Düster-Barden von ASP gerät sie aktuell zum morbiden Schauplatz einer Horror-Mär, die der Frontmann höchstselbst in Anlehnung an die Story "Das Fleisch der Vielen" des Fantasy-Autors Kai Meyer ersonnen hat. "Verfallen Folge 1: Astoria" zeigt einmal mehr, dass ASPs Gespür für punktgenaue Melodik und entspannten Erzählfluss einfach untrüglich ist.
LEICHTMATROSE: BITTERSÜSSE POP-PRALINEN
Die Liebe als "kackender Vogel" und Anti-Aging-Creme als geruchsintensive Erinnerung an die Verflossene: Abgedroschene Allerwelts-Lyrik findet sich bei Joachim-Witt-Protegé Andreas Stitz mit Sicherheit nicht. Dafür schippert der Leichtmatrose mit "Du, ich und die andern" ganz unbedarft in Richtung Kult-Status.
SOFT CELL UND "MARTIN": NON STOP HORROR PICTURE SHOW
Grau-verregnete Herbststimmung bei mystisch-morbidem Kerzenschein? Das perfekte Ambiente für unseren Klassiker aus dem heimischen Platten-Arsenal! Herzlich Willkommen in der verschrobenen Welt von Martin, dem schaurig-schönen Protagonisten der paranoiden Grusel-Skizze aus dem Hause Almond und Ball! Vorhang auf für ein kleines bisschen Horrorshow...
"WOLKE 4": NEUE DEUTSCHE MITTELMÄSSIGKEIT
Cruel Summer! Masseneinsatz in Funk und Fernsehen sei Dank, ist der dösig-wabernde Wolken-Song von Philipp Dittberner & Marv in diesem Jahr des Deutschen liebstes Sommerlied.
Dabei legt dieses Stück die Bräsigkeit einer fragwürdigen Pop-Kultur offen, die im merkel'schen (Sch-)Lummerland zu einer erschreckend leblosen Hülle geworden ist.
NOYCE™: "WENN SICH DIE GRUPPEN MAL WIEDER TRAUEN WÜRDEN, NEUES AUSZUPROBIEREN, WÄRE DAS FÜR DIE SCHWARZE SZENE ELEMENTAR!"
Zum Jahreswechsel
14/15 gab es mit der "Fall[out]"-Single frischen NOYCE™-Electro satt; klanglicher Nachschlag kommt mit dem Longplayer "Love Ends" allerdings erst 2016. Bis es soweit ist, gönnt Chefdenker Florian Schäfer seinen geräuschvollen Mannen und Maschinen für UNTER.TON eine kurze Verschnaufpause: Im Interview erzählt der charmante Perfektionist von Zukunftsängsten, Vaterfreuden und den Oberflächlichkeiten der vermeintlich tiefschürfenden Gothic-Szene.
PARADOX NOW: VERSYNTHT UND ZUGEROCKT!
Die Schweizer können nicht nur Schokolade, sondern sind - spätestens seit Yello - auch heimliche Meister progressiver Sounds. Wie man h
ippe Techno-Yuppies und 80er-Föhnwellen-Schweißband Rocker in musikalisch-spielerischen Einklang bringt, zeigen Paradox Now auf "This Is Neon".
"TRÄUME IM HEXENHAUS": ALLES GRUSELIGE ZUM GEBURTSTAG
Die Kassetten-Kinder von einst sind ganz schön groß geworden. Ihre unerschütterliche Liebe zur vertonten Geschichte jedoch ist geblieben. Wer sich neben "Guilty Pleasure" Benjamin Blümchen auch mal an härtere Stoffe traut, greift dieser Tage gezielt zu "Träume im Hexenhaus": Folge 100 der Hörspiel-Reihe "Gruselkabinett" überzeugt nämlich mit schaurigem Kopfkino im XXL-Format. Fehlt eigentlich nur noch das Popcorn...
VISUELLES DOPPEL: WASSERGEISTER UND GEHEIME GÄRTEN
Die unnachahmliche Schönheit und immerwährende Poesie der Natur brauchen viel Liebe, aber mit Sicherheit keinen Photoshop. Deshalb gestatten wir es unserem atmosphärischen Zwischenspiel zwar, zwischen den Zeilen nach Belieben zwischen Dichtung und Wahrheit zu changieren - zeigen die Dinge aber, frei von angestrengt künstlerischen Ambitionen, am Ende doch immer nur so, wie sie in den pathetischeren Augenblicken des Alltags tatsächlich zu beobachten sind. Einsichten in eine Welt, die nicht nur betrachtet, sondern vor allen Dingen auch mit allen Sinnen erlebt werden will.

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                                                              © ||UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||

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