UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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RASKOLNIKOV "LAZY PEOPLE WILL DESTROY YOU" VS. VAIGRA BOYS "COMMON SENSE": VORARBEITER AUS DER ABTEILUNG ATTACKE
Die derzeitige Krise fest im Blick, hilft uns momentan nur ein starker Wille und Durchhaltevermögen, sie zu meistern. Wen aber der Lagerkoller ereilen sollte, kann sich mit diesen beiden Veröffentlichungen den Frust von der Seele und den Staub aus den Klamotten tanzen. Raskolnikovs Album "Lazy People Will Destroy You" und die EP "Common Sense" der schwedischen Viagra-Boys sind musikalische Energieriegel.
HARRY STAFFORD "GOTHIC URBAN BLUES": SHOW US THE WAY TO THE NEXT WHISKY BAR
Über mehr als drei Dekaden stand Harry Stafford den Inca Babies vor. Die sind in etwa das britische Pendant von The Birthday Party. Das schreit geradezu nach einem Vergleich zwischen ihm und Nick Cave. Dazwischen hat er aber einige Songs im Stile eines frühen Tom Waits geschrieben - Lieder, die wie geschaffen sind für die Sperrstunde in den Eckkneipen. Dem leider viel zu wenig beachteten Debüt "Guitar Shaped Hammers" folgt nun "Gothic Urban Blues", auf dem Stafford seinen rostig-runtergekommenen Sound weiter verfeinert.
GABI DELGADO LÓPEZ - ER TAT WAS ER WOLLTE
Am Montag, dem
23.März 2020, verkündete Robert Görl in einem Facebook-Post, das sein langjähriger "partner in crime" Gabi Delgado López überraschend verstorben ist. Zusammen haben sie als Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) oberflächlich auf der Neuen Deutschen Welle gesurft, in Wirklichkeit aber die elektronische Musik ein ganzes Stück vorangetrieben. Der Autor erinnert sich an sein "erstes Mal" mit dieser Band.
THE BIRTHDAY MASSACRE "DIAMONDS" VS. BLACKIEBLUEBIRD "GOODBYE IN JULY": LAUT, LEISE, LIEBENSWERT
Kaum Gemeinsamkeiten mag man auf den ersten Blick bei diesen beiden Alben erkennen: Auf der eine Seite der fett produzierte Electro-Gothic-Rock von The Birthday Massacres "Diamonds"
, auf der anderen ein dezenter Dream-Pop auf "Goodbye In July" von BlackieBlueBird. Und doch gibt es eine Überschneidung. Die beiden Sängerinnen Chibi und Heidi Lindahl setzen ihre ähnlich gelagerten stimmlichen Talente bestens in Szene und beweisen, wieviele Facetten lieblicher Frauengesang besitzen kann.
VARIOUS ARTISTS "LA DANSE MACABRE 7": SUBKULTUR, DIE SIE MEINEN
Das ist eine Hausnummer: "La Danse Macabre 7" ist die bereits 30. Zusammenstellung aus der At-Sea-Compilations-Reihe, in der der passionierte Musiknerd Axel Meßinger als universaler Gatekeeper auf der Suche nach dem Besonderen und Aussagekräftigen in der Musik aus verschiedensten Richtungen fungiert. Mit über vier Stunden Unterhaltung von mehr als 50 Interpreten und Gruppen spürt er erneut sehr erfolgreich das wahre Wesen des Begriffs "Gothic" auf, welches mehr ist als Kunstblut, schlechter Dorfdisko-Techno oder tumbes Fantasy-Gebaren.
CHANDEEN "MERCURY RETROGRADE" VS. THE SEARCH "SOME PLACE FAR AWAY" VS. GOOD WILSON "GOOD WILSON": VÖLLIG LOSGELÖST
In den tiefen 1980ern wurde Indie-Rock weich und anschmiegsam: Er wurde zu Dream-Pop. Ein wunderbares Konstrukt, das einerseits leicht verdaulich, andererseits aber immer noch zu sophistisch und melancholisch für den erfolgreichen Charteintritt war - einige wenige Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel. In den aktuellen Werken von Chandeen, The Search und Good Wilson lebt dieser Sound wieder auf, der einen Tag so leicht macht wie eine laue Frühlingsbrise unter strahlend blauem Himmel.
KURZ ANGESPIELT 3/20: LAURA SCHEN, 580 MILES, IAMX, NINE SECONDS, CRUSH - ZEIT FÜR WESENTLICHES
Dank der Corona-Pandemie müssen wir für eine ungewisse Zeit die Füße still halten und unser Leben in allen Bereichen einschränken. Wer das Wochenende also für gewöhnlich in seiner Lieblingsdiskothek verbringt, kann zur Abwechslung einfach mal diese Zeit dafür nutzen, um neue Musik zu entdecken. Wir haben da fünf interessante Tonträger ausmachen können, denen man auf jeden Fall ein Ohr leihen sollte.
RINGFINGER "PRESSURE" VS. SDH "AGAINST STRONG THINKING": NIEMALS (K)LANGWEILIG
Dem Volksmund nach liegt ja die Würze in der Kürze. Bei den EPs von Ringfinger aus Vancouver und Semiotic Departments of Heteronyms, kurz SDH, aus Barcelona wünscht man sich aber dann doch mehr als nur eine Handvoll Songs, weil ihre Idee von Coldwave - mystisch-okkult auf der einen, schummrig-lasziv auf der anderen Seite - so perfekt umgesetzt worden ist
, dass eine üppigere Veröffentlichung ihnen sicherlich auch gut zu Gesicht stünde. So bleibt es aber erst einmal bei einem kurzen, jedoch intensiven Freudentaumel ob der tollen Leistung der beiden Projekte.
KASIMIR EFFEKT "KFX": FUTURISMUS 2.0
In der Physik besagt
der Casimir Effekt, dass auf zwei parallele, leitfähige Platten im Vakuum eine Kraft wirkt, die beide zusammendrückt. Ein treffliches Sinnbild für das ähnlich geschriebene, Hannoveraner Trio Kasimir Effekt: Hier laufen vom Jazz beeinflusster Sound aus Kontrabass, Schlagzeug und Fender Rhodes auf technoide Improvisationskunst mit Trance- und Electroclash-Einschlag nebeneinander und ziehen sich dabei wie magisch an - fast so als ob die beiden Antipoden seit jeher zusammengehört haben, was ihr Debüt "KFX" zum orbitalen Träumchen macht.
KJELLVANDERTONBRUKET "DOOM COUNTRY" VS. SHADOWORLD "DESERTLAND" VS. JONATHAN WILSON "DIXIE BLUR": KEIN SCHÖNER LAND
Unterschiedlicher könnten Sie in ihrem Stil nicht sein, aber Kjellvandertonbruket aus Schweden, Shadoworld aus Italien und der amerikanische Multiinstrumentalist Jonathan Wilson verbindet
auf der Metaebene dann doch wieder einiges. Allen voran ist es eine Vermengung aus weltschmerzlicher Erfahrung und geografischer Versinnbildlichung. Bereits die Titel ihrer Alben deuten es an: "Doom Country", "Desertland", "Dixie Blur". Hier klingt die scheinbar unendliche Weite eines unbewohnten Landstriches an, die das Individuum auf sich selbst zurückwirft und die schweren Gedanken der Melancholie denken lässt.
TOP 10 - FAREWELL ENGLAND: ABGANG MIT AUSKLANG
Frei nach Rio Reiser: "Es ist vorbei, bye bye Union Jack". England ist nicht mehr Teil der Europäischen Union. Über Sinn oder Unsinn dieser Aktion zu streiten, ist mühselig. Und wer weiß: Vielleicht kehrt die Insel eines schönen Tages wieder in den Schoß des Staatenbundes zurück. Für den Moment aber gedenken wir dem Abtrünningen mit zehn Songs, die so hoffnungsvoll, patriotisch, ironisch und sarkastisch sind wie die Inselbewohner
selbst.
KURZ ANGESPIELT 2/20: DANGER IN DREAM, CELLULOIDE, MEI JUN BING, Ô PARADIS, RAIN TO RUST - AUS ALLEN ECKEN UND ENDEN
Lust auf eine kleine Weltreise? Wir starten in Wien, besuchen danach Marseille, machen einen weiten Sprung nach Wuhan, kehren nach Barcelona zurück und landen schlussendlich in Istanbul. Denn aus diesen Städten stammen die fünf musikalischen Projekte, deren neueste Veröffentlichungen die Redaktion vom Fleck weg begeisterten.
DIRK MAASEN "OCEAN" VS. NIKLAS PASCHBURG "SVALBARD" VS. ROOSMARIJN "INSIDE OUT": METAMORPHOSEN
Längst nicht mehr fristet die klassische Musik ein hochkulturelles Eremitenleben in jenem Elfenbeinturm, in den manch alter Wertewahrer sie immer noch verzweifelt festzuhalten versucht. Die Unterscheidung zwischen ernster und Unterhaltungsmusik ist längst passé, was folglich zu wunderbaren Überkreuzungen führt. Je nach Mischverhältnis ändert sich die Stimmung: träumerisch-romantisch bei Dirk Maassen, chillig-cool bei Niklas Paschburg und zärtlich
-entrückt bei Roosmarijn.
ALICE BOMAN "DREAM ON" - FÜR UNS GANZ BEI SICH
Der gegenwärtige Lärm unserer Zeit lässt keinen Stillstand zu. Umso wundervoller also, dass die Schwedin Alice Boman uns diese Momente der Kontemplation in Form ihres ersten, unvergleichlich zerbrechlichen und doch so einnehmenden Albums mit dem beredten Titel "Dream On" liefert. Es ist ein Geschenk von einem Album, das den Zeitgeist punktgenau trifft und uns Hilfe zur Selbstbetrachtung sein sollte.
KIM WILDE "KIM WILDE", "SELECT", "CATCH AS CATCH CAN" - ES BLEIBT IN DER FAMILIE
Auf der schmalen Schnittstelle zwischen Punk und Pop tanzten Amerika und Europa einige Sommer lang zu etwas, das sich New Wave nannte - und beide Kontinente hatten schnell ihre Sex-Symbole ausgemacht. In den USA verschmolz Debbie Harry mit ihrer Band Blondie Ende der 1970er den
"No Future"-Pessimismus mit Studio-54-Disco-Glam, in England schaffte es etwas später eine andere Goldgelockte zu höheren Pop-Weihen: Kimberly Smith alias Kim Wilde. Ihre ersten drei Alben, zweifelsfrei ihre besten, kommen jetzt dick aufgemotzt mit Bonus-Tracks, Remixen, DVD sowie als Vinyl wieder auf den Markt.
RATIONAL YOUTH "COLD WAR NIGHT LIFE" VS. SOFT RIOT "WHEN PUSH COMES TO SHOVE": ZAUBER DES ANFANGS
Rational Youth und Soft Riot verbindet vieles. Sie stammen aus Kanada und sind Ve
rfechter ungeschliffener Synthesizerklänge. Allerdings trennen sie schlappe 37 Jahre. Ein Beleg dafür, dass der vermeintlich naive Gebrauch analoger Elektronik auch nach so langer Zeit das Interesse zeitgenössischer Musiker weckt. Denn die klare Schönheit pluckernder Sequenzen gepaart mit maschinellen Rhythmen besitzt kein Verfallsdatum.
KURZ ANGESPIELT 12/19: ALEX BRAUN, NO NEW DAWN, EDWARD KA-SPEL, ASP, MICHAEL LANE, SOFIA TALVIK - GROSSE BESCHERUNG
Bevor sich die UNTER.TON-Redaktion in den wohlverdienten Winterurlaub verabschiedet, wollen wir noch sechs kleine musikalische Empfehlungen unseren treuen Lesern an die Hand reichen. Und weil ja gerade Weihnachten ist, soll auch jeder bedacht sein. Synthie-Popper, Cold-Waver, Goths und Folk-Fans: Sie alle werden hier fündig werden. Am Ende darf auch das obligatorische Weihnachtsalbum nicht fehlen.
IM GESPRÄCH - ANDRÉ SCHMECHTA: "AM ENDE MACHE ICH MUSIK NICHT NUR FÜR MICH ALLEIN."
Als Sevren Ni-Arb stand er jahrelang für gepflegt schroffen Dunkelelektro, den er mit seinem Projekt X Marks The Pedwalk stilsicher der lauschenden Gemeinde kredenzte. Nun begibt sich André Schmechta, wie er bürgerlich heißt, auf eine gänzlich neue Reise: "Music.For.Books" ist eine groß angelegte Albenreihe mit Sounds für verschiedene Literaturgenres. Die ersten vier Teile sind bereits auf dem Markt, weitere sollen folgen. Wir haben den Soundtüftler mit ausgeprägtem Lektüre-Faible um ein Gespräch gebeten.
KURZ ANGESPIELT 1/20: SCANDROID, THE SECOND SIGHT, JANOSCH MOLDAU, M!R!M!, STARS CRUSADERS - SÜSSER DIE SYNTHIES NIE KLINGEN
Mit "Blinding Lights" von The Weeknd hat es erstmals ein dem Synthwave nahestehender Song bis zur Spitze der deutschen Charts geschafft - auch dank einer häufig ausgestrahlter Automobil-Werbung, die diese Nummer als Untermalung nutzt. Doch was als so bahnbrechend retro erscheint, ist nur das Ergebnis einer immer stärkeren Hinwendung zu den hypermlodiösen Strukturen alter 80er-Pop-Stücke, wie sie bereits seit einigen Jahren in Sub- und Jugendkultur genutzt werden. Die überwiegend
noch aus dem letzten Jahr stammenden Alben belegen diesen, aus Sicht des Autors nicht unerfreulichen, Trend.
YANN TIERSEN "PORTRAIT" VS. GIAN MARCO CASTRO "OUT OF THE PAST": STILLLEBEN DER MELANCHOLIE
Spätestens seit der entzückend-surrealen Schmonzette "Die Fabelhafte Welt der Amélie" kennen und lieben die Menschen Yann Tiersen, der mit seinen Kompositionen eine ganz feinsinnige, geradezu lyrische Vorstellung von leichter Traurigkeit in seine Stücke verwebt. Mit "Portrait" blickt der Franzose auf sein bisher Geleistetes. Der nur halb so alte Gian Marco Castro, ebenfalls Komponist für Filmmusiken, mag von diesen Ehrungen noch ein gutes Stück entfernt sein. Doch auch er versteht es, mit seinen pianobasierten Miniaturen seines Erstlings "Out Of The Past" der Stille zwischen den Tönen Sinnhaftigkeit zu verleihen.
KURZ ANGESPIELT 11/19: BOX AND THE TWINS, SKEMER, NUOVO TESTAMENTO, VIRGIN TEARS: UNBESCHREIBLICH WEIBLICH
Erst kürzlich durfte der Autor dieser Zeilen eine intensiv geführte
Diskussion in den Sozialen Netzwerken zum Thema Frauenmangel in der musikalischen Subkultur gespannt und gleichermaßen erstaunt verfolgen. Inwieweit es tatsächlich so ist, dass das vermeintlich schwache Geschlecht im Post-Punk und seinen weiteren Spielarten unterbewertet ist, mag an dieser Stelle nicht erörtert werden. Die nächsten fünf "female fronted"-Gruppen beweisen jedenfalls, dass die musikalische Ausarbeitung von Trauer, Schmerz und Wut beileibe keine reine Männerdomäne ist.
DR.DREXLER PROJECT "KAPITALAKKUMULATION" VS. DAN SCARY "WOHNHAFT IN DER LECKT-MICH-ALLEE" VS. MONTAGE "POOL OHNE RAND": DAS GROSSE KOTZEN
Es brennt an allen Ecken und Enden der Bundesrepublik - und damit sind nicht die Kerzen auf den Weihnachtsbäumen gemeint. Gerade jetzt, wo uns Glühweinduft und süßliche Weihnachtsklänge sämtliche Sinne verkleben, braucht es die ätzenden Werke von Dr. Drexler, Dan Scary und montage, um nicht einen wesentlichen Punkt aus den Augen zu verlieren: Deutschland ist in jeder Hinsicht ein Sanierungsfall.
VARIOUS ARTISTS "DREAMS TO FILL THE VACUUM - THE SOUND OF SHEFFIELD 1978-1988": S - EINE STADT SUCHT IHREN SOUND
Die ganze Tristesse einer Industriestadt am Beginn ihres Niedergangs - eingefangen im Cover von "Dreams To Fill The Vacuum". Sheffield war grau, vor allem in den 1970ern und 80ern. Umso bunter war das musikalische Treiben, das uns dieses vier CDs umfassendes Kompendium deutlich vor Ohren führt. Punk, Post-Punk, Gothic und Electro-Pop verschmolzen dort zu einem einzigartigen "Sheffield-Sound", der die einstige Arbeiter-Metropole nach ihrem wirtschaftlichen Niedergang zu einem sub- wie popkulturellen Hotspot werden ließ.
KURZ ANGESPIELT 10/19: HERMETRIK, BLINDZEILE, KEINE ÜBUNG, KOMPLIZEN DER SPIELREGELN, THE SLOW SHOW, THE SOUND OF CBD - ERFOLGREICH NEBEN DER SPUR
Es gibt Musiker/innen, die fieberhaft nach neuen Klängen und Ausdrucksmöglichkeiten suchen. Es gibt Musiker/innen, die sich ganz der genrespezifischen Tradition verpflichtet fühlen. Und dann gibt es da noch diejenigen, die einem vorgaukeln, eine Musiksparte zu bedienen, aber dann doch eine gute Prise Wahnsinn und Freigeist auf ihre Kompositionen streuen, sodass man nie ganz so recht weiß, woran man eigentlich ist. Diese sechs kurz besprochenen Veröffentlichungen bieten genau das - und das ist wundervoll.
VIECH "NIEMAND WIRD SICH ERINNERN, DASS WIR HIER WAREN" VS. BUNTSPECHT "WER JAGT MICH WENN ICH HUNGRIG BIN": AUSTRO-ANTIPOP
Wieder einmal müssen wir neidvoll auf das benachbarte Östereich blicken. Ihr Verständnis von substantieller Pop-Musik ist schon hinlänglich bekannt. Doch schaffen sie es auch, in der Subversion glänzend hervorzutreten. Heute: Viech und Buntspecht. Zwei Bands, deren Namen in gemeinsamer Nennung nach alpenländlicher Heimatidylle klingt, aber genau das Gegenteil meint.
DANIEL GREEN "VANISH LIKE A CLOUD IN SUNLIGHT" VS. BALDABIOU "HÉLÈNE": KEEP CALM AND PLAY THE GUITAR
Singer-/Songwriter-Musik der alten Schule ist in den kühleren Monaten sicherlich nicht verkehrt. Daniel Green und Baldabiou sind dabei nicht nur nationale Eigengewächse mit einem hohen internationalen Standard, sondern - und das ist das entscheidende Auswahlkriterium, um bei UNTER.TON besprochen zu werden - in der Ausrichtung ihrer Saitenbearbeitung auch den Moll-Tonleitern in keinster Weise abgenei
gt. Sprich: Hier geht es flockig-melancholisch zu. Denn ein bisschen Traurigkeit steht einer Akustikgitarre immer gut zu Gesicht.
KURZ ANGESPIELT 9/19: IRIS, LOEWENHERTZ, WOLFRAM, JONTEKNIK, TR/ST: ELECTRO'S WHAT YOU MAKE IT
Unser nächster Streifzug durch die aktuellen Veröffentlichungen elektronischer Klangerzeuger bringt wieder einmal die erfreuliche Erkenntnis, dass es eigentlich gar nicht viel braucht, um sich nachhaltig ins Gedächtnis einzuprägen. Ob es dabei klassisch synthpoppig wie bei Iris, geradezu elektroschlageresk wie bei Loewenhertz, schwül-discoid wie bei Wolfram, vertrakt-rhythmisch wie bei Jonteknik oder einfach freigeistig wie bei TR/ST zugeht: Dem vermeintlich kühlen Plastiksound kann man immer noch sehr viel warmes
abgewinnen.
PHILIPP HOCHMAIR & DIE ELEKTROHAND GOTTES "WERTHER!" VS. MIRA MANN "ICH MAG DAS": WORT ÜBER KLANG
Liebe und Leidenschaft: Zwei Sujets, die seit Beginn der Literatur ständig verhandelt werden. Philipp Hochmair und seine Band Die Elektrohand Gottes greifen sich dabei den vielleicht liebeskränkesten Protagonisten der deutschen Schreibkunst - Goethes Werther nämlich - und schicken ihn und seine Leiden unter aufregenden Klangcollagen ins dritte Jahrtausend, während Mira Mann, eigentlich bei der Post-Punk-Truppe Candelilla tätig, auf ihrem Mini-Album "Ich mag das" eine experimentelle Spoken-Word-Performance über Zwischenmenschliches abhält.
KURZ ANGESPIELT 8/19: THE DEAD SOUND, WIRES & LIGHTS, L'AVENIR, AUTOMATIC, MEMORIA - NEUE HELDEN, ALTER GLANZ
Retro bleibt nachwievor das Gebot der Stunde. Junge Musiker und Gruppen greifen auf der Suche nach eigenen Ausdrucksformen gerne auch mal ganz tief in die Genre-Grabbelkiste, um sich von dem inspirieren zu lassen, was vor rund 35 Jahren bei der (alternativen) Jugend en vogue war. Kein zu verachtender Schritt, insbesondere wenn bei den folgenden Kurzbesprechungen deutlich wird, dass man sich nicht auf das Erbe der Elterngeneration ausruhen will.
ALTAR DE FEY "ORIGINAL SIN" VS. SWEET WILLIAM "LAUGHTER FILLED WITH PAIN" VS. THE HALO TREES "ANTENNAS TO THE SKY": WELTSCHMERZ IM WANDEL DER ZEIT
Als vor 40 Jahren eine Band namens Bauhaus die Single "Bela Lugosi's Dead" veröffentlichten, begann eine neue Zeitrechnung in der Musik. Zwar dauerte es noch ein paar Jährchen, ehe der Haufen aus Musikern, die sich gerne mit Horror-Themen und fatalistisch weltabgewandter Pose schmückten, das Label Goth-Rocker verpasst bekommen sollten, aber ihre originäre Art und Weise, Punk und New Wave derart nihilistisch zu interpretieren,
sollte nachfolgende Musikergenerationen inspirieren. Anhand drei aktueller Veröffentlichung lässt sich der Werdegang dieses Musikstils sschön skizzieren - von den rumpelig-ungestümen Anfängen von Altar De Fey über die kontemplativen Momente bei Sweet William und einer sehr freien und doch klassischen Schwarzrock-Variante, wie sie The Halo Trees vollziehen.
IM PROFIL: VETTER_HUBER - EXPERIMENT UND EXTASE
Der eine ist Performancekünstler, der andere Klangtüftler. Zusammen bilden sie das vielleicht aufregendste Duo in der elektronischen Musikwelt seit Ralf Hütter und Florian Schneider. "Eskalation im Paradies" lautet der Erstling von Jens Vetter und Patrik Huber, kurz Vetter_Huber, und gibt einem vor sich hindarbendem Genre neue Impulse. Deswegen reicht eine profane Besprechung an dieser Stelle nicht aus - man muss Vetter_Huber schon in seiner Ganzheit kennen lernen, um zu verstehen, dass hier etwas Großes auf die Menschheit losgelassen wird.
KURZ ANGESPIELT 7/19: WELLE: ERDBALL, MÖRDELIN, DEAD MASCOT, D.NOTIVE, NATURE OF WIRES, VIOLETTA ZIRONI: KURZ UND GUT
Traditionell dient
die Single oder EP als geeignetes Distributionsmittel, um die Wartezeit auf ein Album zu verkürzen. Im allgemeinen Vertriebswandel in der Musikbranche wird das Hauptaugenmerk aber wieder auf den einzelnen Song verstärkt, sodass Kleinformate einen höheren Stellenwert erhalten als noch vor einigen Jahren. Im Falle der hier vorgestellten sechs "schnellen Nummern" wünscht man sich aber über kurz oder lang auch ein solides Album. Denn diese kleinen Klang-Happen machen den Mund wässrig - oder besser gesagt: die Ohren geschmeidig.
DIE SAUNA "SO SCHÖN WIE JETZT WAR ES NOCH NIE" VS. DIE KERZEN "TRUE LOVE": SEIN UND SCHEIN
Dass die Welt nicht erst seit gestern in eine Werte-Schieflage geraten ist, dürfte einem angesichts tagtäglich immer abstruserer Diskussionen in allen Bereichen der Gesellschaft nicht entgangen sein. Am Ende sorgen sich nicht wenige Bürger aber dann doch eher um eine gelungene Insta-Story als um den weiteren Werdegang unseres Erdballes. Was kann man da als fühlender und denkender Mensch - und Künstler - tun? Entweder in einen heillosen Existenzialismus verfallen, wie es Die Sauna auf "So schön wie jetzt war es noch nie" betreiben, oder wie Die Kerzen auf "True Love" mit dekadentem Schmalz-Sound im New-Romantic-Gewand der Welt entfliehen. Beide Alben jedenfalls skizzieren ziemlich genau, in welchem Dilemma sich Deutschland momentan befindet - und liefern nebenbei hochkarätigen Stoff abseits kuschelweichem wie krudem Konsens-Pop made in Germany ab.
BROR GUNNAR JANSSON "THEY FOUND MY BODY IN A BAG" VS. FREDDIE DICKSON "BLOOD STREET": ABGRÜNDIGES ZUR ABENDSTUNDE
Kühle, graue Herbsttage eignen sich traditionellermaßen hervorragend für ein paar Nummern, die mit ihrer molllastigen Intensität unter der Haut gehen. Beim Garagen-Blueser Bror Gunnar Jansson geschieht dies durch die Vermengung von kratzigen Rocknummern mit authentischen Kriminalfällen, während Freddie Dickson sich auf seinem neuesten Album mit entspannt-hallendem TripHop-Gitarrenschwof als verlorene Seele stilisiert, der im hektischen Großstadttreiben nach Halt und Ruhe sucht.
PRINCIPE VALIENTE "OCEANS (DELUXE)", GOLDEN APES "KASBEK", SILVERMANNEN "MITT I BILDEN": ZWEITER LABEL-FRÜHLING
Vor nicht ganz einem Jahr haben wir das Wirken des kleinen aber feinen Labels afmusic zu seinem zehnten Geburtstag mit einem ausführlichen Interview mit Chef Falk Merten sowie Besprechungen der damas aktuellen Veröffentlichungen zu würdigen. Nun tauchten im elektronischen Briefkasten unserer Redaktion alt bekannte Namen aus ihrem Roster wieder auf: Principe Valiente und Golden Apes sind mit die strahlungskräftigsten Bands dieses Labels. Doch angeschrieben wurden wir von Aenaos Records. Was war da denn los? Es hat kurz gedauert, um zu verstehen, dass afmusic sich unbemerkt umgetauft und neu strukturiert hat. Ihr feines Näschen für gute Bands haben sie aber beibehalten.
VARIOUS ARTISTS "GRENZWELLEN VIER" VS. "GRENZWELLEN FÜNF": DIE VERMESSUNG DER MUSIK
Wenn ein Musikjournalist und Radiomoderator im weltweiten Netz nach Beiträgen für seine Kompendien fragt und gleich so viele hochwertige Zusendungen erhält, dass er daraus zwei mehrstündige Digital-Sampler voll von einmalig schönen Nummern erhält, muss dieser doch einiges richtig gemacht haben. Ecki Stieg lotet in seiner Sendung "Grenzwellen" die Tiefen der Musik aus; bei seiner gleichnamigen Samplerreihe dabei zu sein, ist für viele sicherlich ein Privileg. Auf dem vierten und fünften Teil seiner Reihe nimmt er uns abermals mit auf eine tönerne Reise in das Undenkbare der Klangerzeugung und macht sie für uns erfahrbar. Träumen, tanzen, meditieren: bei "Grenzwellen" alles gleichzeitig möglich.
PAUL DEN HEYER "EVERYTHING SO FAR" VS. RICHARD HAWLEY "FURTHER": SONNENDURCHFLUTETE SCHWERMUT
Die UNTER.TON Redaktion gehört nicht unbedingt zu den exzessiven Sonnenanbetern und kann mit der jetzigen kühleren Luft gut leben. Aber wir wissen natürlich auch, dass es da einige ganz Traurige gibt, die sich ganzjährlich nach Temperaturen jenseits der 25-Grad-Marke und wolkenlosem Firmament sehnen. Für all diejenigen gibt es jetzt wenigstens den mentalen Non-Stop-Sommer in Form der ausgesprochen schmeichelnden Alben von Paul Den Heyer und Richard Hawley, die sich zwischen psychedelischem Folk-Pop, angebluestem Garagen-Rock und schmalzerfülltem Crooner-Tum bewegen - natürlich inklusive einer gehörigen Portion melancholischer Hundstage-Feelings.
KONTRAST "UNAUFHALTSAM" - AUF DER STRASSE ZUR PERFEKTION
Den Status als Haus- und Hofharlekine der Schwarzen Szene haben Kontrast mittlerweile hinter sich gelassen. Ganz gleich wie oft aus den Düster-Diskotheken "Einheitsschritt" noch ertönen mag: Sie gehen nicht mehr "drei Schritte vor und drei zurück", sondern geben sich auf ihrem fünften Album "Unaufhaltsam"
, was wörtlich zu nehmen ist. Denn das durch Crowdfunding finanzierte Werk offenbart nicht nur klangliche Ausgereiftheit, sondern präsentiert das Nordostdeutsche Klangkombinat einmal mehr als mitreißende Erzähler von Geschichte und Geschichten. Dementsprechend geraten im Gespräch mit Musiker Dirk und Sänger Roberto ihre persönlichen Erfahrungen immer wieder in den Vordergrund.
KURZ ANGESPIELT 6/19: GROTTO TERRAZZA, MEAGER BENEFITS, LOTUS FEED, LUCKY AND LOVE: ECKEN, KANTEN UND JEDE MENGE STAUB
Zu jeder Strömung gibt es es eine Gegenbewegung. Die Antwort zu den hyperaufpolierten Pop-Songs, bei dem nicht mal mehr das kleinste Rauschen zu hören ist, sind jene Alben, die wir in der Juni-Ausgabe von "Kurz angespielt" präsentieren. Hier summt, brummt und scheppert es, dass es nur so eine Art hat. Der scheinbar unperfekte, etwas hilflos wirkende Klang ist aber bewusst gewählt, um jenes Gefühl wieder aufleben zu lassen, dass vor allem die Post-Punk-Szene einst so berühmt gemacht hat: nämlich das der unbändigen und von Plattengroßkonzernen unabhängigen Lust am Experimentieren mit den einfachsten Mitteln.
WAS MACHEN EIGENTLICH DIE PERLEN?
Klammheimlich und ohne großes Aufsehen haben die Perlen aus Nürnberg ihre Karriere vor zwei Jahren beendet. Das Electro-Clash-Duo hatte zwar nie die ganz große Aufmerksamkeit erhalten, ihre Songs allerdings besitzen eine zeitlose Schönheit. Im Gespräch mit den beiden Perlen Ferdinand Ess und Katja Hah wird aber deutlich, dass sie nicht komplett aus der Welt sind - und dass nicht jeder Schluss endgültig sein muss.
KURZ ANGESPIELT 5/19: FEWS, THE FICTIONPLAY, BETTER STRANGERS, MARBL, LUKE SITAL-SINGH: MY MAI-MUST-HAVES
Wieder einmal haben wir in der Redaktion das Problem, dass es zu viel gute Musik gibt, die besprochen werden will und auch muss. Einige dieser Veröffentlichungen haben bereits einige Wochen, sogar Monate, auf den Buckel, aber Gott sei Dank verfällt ein gutes Album nicht so schnell. Wir prophezeihen sogar, dass diese fünf Veröffentlichungen und deren Künstler dahinter mit den Jahren für noch mehr Aufsehen sorgen werden.
NOSEHOLES "ANT AND END" VS. BUNTSPECHT "DRAUßEN IM KOPF": VAKUUMFLIEGEN TANZEN WASCHMASCHINENTANGO
Den akustischen Darreichungen der Hamburger von Noseholes und Buntspecht aus Wien zu lauschen, bedeutet, sich auf eine Reise nach Absurdistan zu begeben. "Ant And End" sowie "Draußen im Kopf" stehen mit ihren Texten bereits mit beiden Beinen fest im wundersamen Da-Da-Land. Doch Provokation nur um der Provokation Willen ist ihre Sache nicht. Dafür haben die beiden Gruppen - natürlich jeder auf ihre Art - die Alben mit feinstem Wortwitz, intelligenten Finten und auch ein wenig Schwermut angereichert.
VARIOUS ARTISTS "ELECTRICAL LANGUAGE-INDEPENDENT BRITISH SYNTH-POP 78-84": ALS POP-MUSIK SICH SELBST ENTDECKTE
Breite mal Länge mal Höhe hat das britische Plattenlabel Cherry Red die frühen Tage von Punk und Post Punk, aber auch der elektronischen Musik in ihren üppig ausgestatteten Kompendien verhandelt. Nun widmen sie sich in "Electrical Language" dem wohl schwersten Kapitel: der Ausformulierung des Synth-Pop. Denn zwischen naiven Melodien, Pre-Sampling-Kleinoden und DIY-Juwelen verwischen die Grenzen zwischen Eingängigkeit und Experiment, was den Hörgenuss aber nicht schmälert. Im Gegenteil: Am Ende ist den Machern dieser Reihe ein Meisterwerk gelungen.
ASP "ZAUBERERBRUDER - DER KRABAT-LIEDERZYKLUS LIVE & EXTENDED" VS. SOPOR AETERNUS & THE ENSEMBLE OF SHADOWS "DEATH AND FLAMINGOS": VEREHRT UND ANGESPIEN
Es ist ein spielerisch leichtes, auf jene Gruppen einzuprügeln, die aufgrund ihres erfolgreichen Werdeganges aus ihrer ursprünglichen Nische hin zu einer breiteren Öffentlichkeit streben. Gerade ASP streckte seit jeher seine Fühler zur großen Gothic-Novel-Show aus, und auch Sopor Aeternus & The Esemble Of Shadows findet sich sehr zum Leidwesen einiger Hardliner der ersten Stunde mittlerweile in professionelleren Vertrieben. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre beiden aktuellen Werke noch immer höchsten (persönlichen) Standards folgen.
COLLECTION D'ARNELL-ANDRÉA "ANOTHER WINTER" VS. LIGHTHOUSE IN DARKNESS "THE MELANCHOLY MOVIES" VS. GOING TO CATALUNYA "GOING TO CATALUNYA": WENN SCHWERMUT ZU SCHWEBEN BEGINNT
Ein Lebenszeichen einer Gruppe, die man längst aus den Augen verloren hat, überraschende Klänge zweier Musiker aus der Schwermetall-Sektion und Musik geboren aus einer großen Lebensreise. So lassen sich die Alben von Collection D'Arnell-Andréa, Lighthouse In Darkness und Going To Catalunya grob beschreiben. Dass sie nun zusammen besprochen werden, liegt in ihrer tonalen Qunitessenz. Denn trotz ganz unterschiedlicher Ansätze sind sie im Feiern einer federleichten Melancholie vereint.
DESERTER "EUROPA": ELECTRO-SCHENGEN-POP
Europa ist in diesem Monat wieder in aller Munde. Und das in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur der alljährlich wiederkehrende Eurovision Song Contest steht an, sondern auch die Europawahl am 26. Mai. Letztgenanntes Ereignis wird ein Stück weit auch ein Spiegelbild der vermeintlichen Zerrissenheit der Europäischen Union sein, die vor allem zwischen Schengenraum, Brexit und Flüchtlingskrise Lösungen zu finden sucht. Deserters zweites Album "Europa!" befasst sich mit all den Sonnen- und Schattenseiten dieser Staatengemeinschaft. Das ist manchmal nicht immer hoffnungsvoll, aber es lässt sich verdammt gut darauf tanzen
MICHAEL ROTHER VS. RUDOLF HEIMANN VS. B. ASHRA: TRÄUMST DU NOCH, ODER SCHWEBST DU SCHON?
Aus den marihuanaumwölkten Studios der frühen 1970er Jahre begab sich der bundesdeutsche Krautrock auf die Suche nach bewusstseinserweiternden Klängen und fand eine landeseigene Lesart der Rockmusik. Michael Rother gilt als einer der Hauptakteure dieser Zeit. Dass wir ihn mit Rudolf Heimanns "Die Unendlichkeit des Augenblicks" und B.Ashras "75 Years Of LSD" zusammenbringen, ist kein Zufall: Trotz der wesentlich elektronischeren Ausrichtung der beiden letztgenannten Musiker, sind sie, wenn nicht direkt, so doch indirekt, von Rothers Schaffen sowie der deutschen Musikgeschichte der letzten knapp 50 Jahre deutlich geprägt.
IM GESPRÄCH - EWIAN: "ICH KANN MICH NOCH GUT AN MEINE AUSBILDUNG ALS MEDIENGESTALTER ERINNERN - ANSTATT AUFGABEN ZU ERLEDIGEN, HABE ICH HEIMLICH GEDICHTE GESCHRIEBEN"
Nach vier Alben in weniger als vier Jahren hat sich die Indie-Rock-Formation Ewian zu einer kreativen Pause bis Ende dieses Jahres entschieden. Frontmann Ewian Christensen nahm sich dennoch für UNTER.TON Zeit, um über das vorerst letzte Album "Of Those Who Drown To Live" zu sprechen - einem sehr persönlichen Album, das der Musiker auf Basis eines selbst geschriebenen Märchens erdacht hat.
KURZ ANGESPIELT 4/19: PROFIT PRISON, NOVOCIBIRSK, THE OVERLOOKERS, LOBBY, KOMPROMAT, PARADE GROUND - NEU ZU ALT ZU NEU
Die Gemengelage ist interessant: Dank der Retrowelle entdecken junge Musiker die alten Sounds von vor knapp 40 Jahren neu. Zeitgleich veröffentlichen viele Altheroen ihr Spätwerk oder deren Back-Katalog wird - natürlich in aufgerüschter Form - wiederveröffentlicht. So stellt sich bei der April-Ausgabe unserer "Kurz angespielt"-Reihe ein erstaunlicher Effekt dergestalt ein, dass die eigentlich strikt gezogenen Grenzen zwischen aktuellen Veröffentlichungen und weiland erschienenen Werken gar nicht mehr verifizierbar sind. Selten klangen Vergangenheit und Gegenwart so homogen wie dieser Tage.
KURZ ANGESPIELT 3/19: THE BAD DREAMERS, NEW YORK UNITED, DONNA MISSAL, HOZIER - HINTERM TELLERRAND GEHT'S WEITER
Wenn sich ein Online-Magazin als Gralshüter für "Klang- und Subkultur" schimpft, sollte es sich aber nicht von vornherein den populären Strömungen verschließen. Denn nicht alles, was in den Hitparaden herumgeistert, muss zwangsläufig von stupender Fröhlichkeit und latenter Beischlafsthematik geprägt sein. Und im Gegenzug haben nicht nur Gothic oder Wave die Traurigkeit und Tiefsinnigkeit für sich gepachtet. Scheuklappen also beiseite gelegt, offenen Herzens die folgenden vier Empfehlungen durchlesen und eventuell neue Seiten an sich entdecken!
QUO VADIS MUSIKJOURNALISMUS? UNRUHIGE ÜBERLEGUNGEN IN EIGENER SACHE
Einem heftigen Erdbeben gleich erschütterte im vergangenen Jahr die Printmedienlandschaft der Wegfall gleich mehrere Musikzeitschriften. Die hochgelobten Magazine Spex und NME sowie die Electro-Postille Groove und auch das kostenlose, wiewohl aber angesehene Intro haben sich vom Markt verabschiedet. Neben allen ökonomischen Beweggründen stellt sich auch nicht zuletzt die Frage, ob der Beruf des Feuilletonisten im Allgemeinen und der des Musikkritikers im Besonderen - den Autor dieser Zeilen mit eingeschlossen - in Zeiten selbstbestimmter Musiknutzer im weltweiten Netz zu einer aussterbenden Art gehört.
NITZER EBB "BODY OF WORK": DAS GROSSE EBM-MISSVERSTÄDNIS
Sie haben das zu Ende gedacht, was DAF in den frühen 1980ern begonnen haben. Das ging ein paar Jahre gut. Dann haben sie weitergedacht und einige Menschen verstört. Auch wenn Nitzer Ebb als Aushängeschild der ersten Electronic-Body-Music-Generation gilt, zeigt die jetzt auf Vinyl wiederveröffentlichte Best Of "Body Of Work", dass sie mehr waren als willfährige Lieferanten wohlfeiler Stampf-Nummern mit Schreihals-Lyrik.
KURZ ANGESPIELT 2/19: LMX, WIEGAND, WHITE LIES, IT'S FOR US, MOES ANTHILL - VERSCHWENDE DEINE MELODIEN
Eine gute Melodie ist eine gute Melodie ist eine gute Melodie. Und wenn sich zu diesem unumstößlichen Leitspruch noch gesangstechnische wie musikalische Expertise dazugesellen, spielt das Genre am Ende keine Rolle mehr. Elektronische Instrumentalhappen von LMX, aufgerüschter Electro-Pop von Wiegand, stadiontauglicher Wave-Rock von White Lies, klassisch brodelnder Post-Punk von It's For Us und andeprimierter Folk von Moes Anthill: Sie alle eint die Liebe zur großen klanglichen Geste.
IM PROFIL: SWEET WILLIAM - VERÄNDERUNG ALS KONSTANTE
Der arg überstrapazierte Begriff der Leidenschaft: Bei Sweet William ist er Präambel, Mantra und oberste Maxime zugleich und darf daher bedenkenlos als Umschreibung ihrer Arbeit genutzt werden. Denn die Liebe zur - überwiegend trist eingefärbten - Gitarrenmusik lässt die Formation aus Kerpen bei Köln bereits in ihr 33. Jahr gleiten. Natürlich ist in dieser Zeit viel passiert - von kleineren Erfolgen bis hin zu größeren Enttäuschungen. Wir blicken auf eine spannende Independent-Karriere, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist.
TOP 5: TALK TALK - SPIEL OHNE GRENZEN
Seit langem hatte sich Mark Hollis, der ehemalige Frontmann von Talk Talk, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der unbarmherzigen Popmaschinerie stand er bereits auf seinem Karrierehöhepunkt kritisch gegenüber. Nun ist der Sänger mit der romantisch leidenden Stimme im Alter von 64 Jahren verstorben. Wir blicken noch einmal auf einige weniger bekannte, aber nicht weniger brilliante Stücke, die abseits der totgenudelten Nummern "Such A Shame" und "It's My Life" einen hochsensiblen und emotionalen Menschen sowie freigeistigen Künstler dahinter vermuten lassen.
DAN SCARY "ZU WAHR UM SCHÖN ZU SEIN" VS. WOLFSUIT "DRESSED FOR DANGER AND DELIGHT": IN DEN HINTERHÖFEN DER SUBKULTUR
Seien wir doch mal ehrlich: So manche Combo, die sich gerne mit dem Etikett "Independent" schmückt, fährt oftmals einen klaren kommerziellen Kurs, üppiger Fanartikelverkauf und knallhart kalkulierendes Konzertmanagement inklusive. Speziell in der Schwarzen Szene verwischen die Grenzen
zwischen subkultureller Kredibilität und offensichtlicher Sehnsucht nach hohen Chartplatzierungen und - wer will's einen vedenken - ausreichend Einnahmen. Um so schöner daher, wenn Musiker wie Dan Scary oder Gruppen wie Wolfsuit sich den Marktmechanismen widersetzen und in Eigenregie zauberhafte Werke in Kleinstauflage veröffentlichen.
RETROJUNKIES "NEULAND 1.0" - GENIALE DILETTANTEN IM 8-BIT-FORMAT
Vieles spricht dagegen, Retrojunkies gut zu finden. Singen können beide nicht besonders, handwerklich lassen die an Welle:Erdball und Kontrast erinnernden Electro- Nummern auch einiges zu wünschen übrig. Allerdings gleichen sie das durch ihren Ideenreichtum, jeder Menge Humor und dem offenkundig unerschütterlichen Glaube an sich selbst wieder aus. Dann geschieht
das Wunder: Man drückt erneut auf den Wiedergabeknopf, nachdem "Neuland 1.0" nur so an einem vorbeigerauscht ist und es am Ende dann doch irgendwie geil war.
JUNGSTÖTTER "LOVE IS": ZU VIEL DES GUTEN IST WUNDERVOLL
Völlig unverhofft und gleich einem reinigenden Gewitter fegt Jungstötter über den Hörer hinweg. Das Soloprojekt des ehemaligen Sizarr-Sängers Fabian Altstötter bringt mit seinem Erstling "Love Is" die Grandezza in die Popmusik zurück und begeistert all jene, denen die Namen Mark Hollis, David Sylvain oder Antony Hegarty noch etwas sagen.
PHILIPP HOCHMAIR & DIE ELEKTROHAND GOTTES "JEDERMANN RELOADED" VS. ROME "LE CENERI DI HELIODORO": TÖNERNE MAHNMALE EINES AUSGEHENDEN JAHRZEHNTS
Es ist das finale Jahr der 2010er-Dekade. Da schwingt auch ein bisschen Retrospektive und Inventur in den folgenden zwölf Monaten mit. Gleichzeitig scheint 2019 einen Scheidepunkt für kommende Jahre zu markieren - soziokulturell wie gesellschaftspolitisch. Unter diesem Aspekt wirken das furiose Hörspiel "Jedermann Reloaded" des Schauspielers Philipp Hochmair und Romes mittlerweile 13. Album "Le Ceneri Di Heliodoro" wie die klanglichen Pendants zu den globalen Umwälzungen, die wir derzeit vor Augen haben.
STREHMANN: LIEBE LIEBER (UN)GEWÖHNLICH
Ronny Strehmann ist homosexuell und singt auch darüber. Das klingt zunächst nicht weltbewgend. Dass das Debüt "Legende"
dann aber doch atemberaubend geworden ist, liegt am ungewöhnlichen Ansatz des Projektes Strehmann. Bombastisch-melancholische Synthie-Klänge treffen auf bewusst antiquierten Satzbau und definieren somit das "erste homoromantische Musikprojekt aus Deutschland", wie der Musiker es selbst nennt und damit auch die Außenwahrnehmung von Homosexuellen richtigstellen soll, wie er im aufschlussreichen Interview erklärt.
KURZ ANGESPIELT 1/19: "COME JOIN MY ORCHESTRA", "THIRD NOISE PRINCIPLE", "GRENZWELLEN DREI", "MINIMUM VIABLE PRODUCT": VON BAROCK BIS ROCKBAR
Welche Vorsätze haben Sie, liebe(r) Leser(in), für das neue Jahr? Vielleicht mal was N
eues wagen? Über den Tellerrand hinausschauen? Wenn ja, möchten wir - zumindest musikalisch - Beistand leisten. Und zwar in Form dieser Empfehlungen: vier Zusammenstellungen, die sich von den Anfängen des Chamber-Pop über elektronische Wunderlichkeiten amerikanischer Elektronikfrickler bis hin zu futuristischen Klangräumen bar jeder Kategorisierung erstrecken.
KURZ ANGESPIELT 12/18: HØRD, BUZZ KULL, RUE OBERKAMPF, PRADA MEINHOFF, HOLYGRAM - LAST BUT NOT LEAST TEIL I
Dank stetig wachsenden Interesses darf sich UNTER.TON über viele musikalische Zusendungen freuen. Tatsächlich sind es in den letzten Wochen aber derart viele Rezensionsexemplare geworden, dass wir kurz vor der Winterpause gleich zwei Kurzbesprechungsblocks veröffentlichen müssen, um der Masse an toller Musik annähernd gerecht zu werden. Der erste Teil beinhaltet vielversprechende Bands, deren Sounds von unterkühlt bis aufgewühlt einfach nicht aus dem Kopf gehen.
BAUHAUS "THE BELA SESSION": ÜBER UNTOTE NUR GUTES
Der Bass stochert durch das raffinierte Schlagzeugdickicht. Die Gitarrenläufe wirken so teilnahmslos vor sich hingegniedelt. Und der untote Bela Lugosi wandelt dank des kompositorischen Glücksgriffes von Bauhaus im kollektiven Gedächtnis vieler (Alt-)Gothics umher. Nun wurde "Bela Lugosi's Dead" mitsamt den anderen, gar nicht so grufteligen Songs aus der ersten Studioaufnahme als "The Bela Session" erneut auf Vinyl und CD veröffentlicht - 40 Jahre nach Bandgründung.
KURZ ANGESPIELT 13/18: KLAMMER, LAFOTE, ALPHA STRATEGY, KÆLAN MIKLA, LINDA EM, BLACKIEBLUEBIRD - LAST BUT NOT LEAST TEIL II
Bevor sich UNTER.TON in die wohlverdiente Winterpause verabschiedet, um im neuen Jahr mit frischen Klängen und neuen Themen durchzustarten, geben wir noch einige wertvolle musikalische Tipps unserer Leserschaft an die Hand. Diese kann zwischen klassischem Post-Punk von Klammer und Lafote, versponnenen Nummern von Alpha Strategy und Kaelan Mikla oder gar introvertiert-besinnlichen Chansons von Linda EM und BlackieBlueBird wählen. Da ist für jeden was für unter dem Tannenbaum dabei.
IM GESPRÄCH - LEICHTMATROSE: "DER VORTEIL AM ÄLTERWERDEN IN DER MUSIK IST, DASS MAN ALL DIESE ERFAHRUNGEN IN DER KUNST VERWURSTEN KANN"
Er bezeichnet sich als "Begründer des deutschen Electro-Chansons". Und damit liegt er von der Wahrheit gar nicht so weit entfernt. Denn wie die französischen Vorbilder, verpackt auch der Leichtmatrose Andreas Stitz seine messerscharften Gesellschaftsbeobachtungen in fast schlagereske Klänge. So ist die von ihm postulierte "Heile Welt" folgerichtig auch nur ein Trugbild. Sein Humor dagegen ist echt und wahrhaftig, was ein Gespräch mit ihm äußerst unterhaltsam macht.
KURZ ANGESPIELT 11/18: RE-FLEX, !DISTAIN, RADIOAKTIVISTS, THE ANIX, SCANDROID: SYNTHIE-POP GESTERN, HEUTE, MORGEN
Tempus fugit, liebe Leserschaft! Man mag kaum glauben, dass das arg unterschätzte "The Politics Of Dancing" der britischen Neuromantiker von Re-Flex schon wieder 35 Jahre auf dem Bückelchen hat. Doch steht sie den neuen Releases der deutschen !d
istain und Radioaktivists in nichts nach. Und mit den Langspielern von The Anix und Scandroid wagen wir einen Blick in die mögliche Zukunft der synthetischen Populärmusik. Es bleibt spannend.
JEAN DELOUVROY "WAR DRONE" VS. TOTENGELÄUT "ALEPPO": DEM UNAUSSPRECHLICHEN EINEN KLANG GEBEN
Krieg ist grausam. Und gleichsam animiert er Kunstschaffende dazu, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Man denke nur an Picassos überwältigendes Gemälde "Guérnica", das der Meister vor dem Hintergrund des Luftangriffes auf eben jene im Titel erwähnte Stadt während des spanischen Bügerkriegs in den 1930er Jahren entstehen ließ. Oder auch an das intensiv-analytische Essay
"Luftangriff auf Halberstadt am 8.Mai 1945" von Alexander Kluge, den er selbst miterlebt hat. Obgleich Jean Delouvroy und das Duo Totengeläut solche Greueltaten nicht direkt am eigenen Leib erfahren mussten, entwickeln ihre Alben doch ein tief empfundenes Verständnis für die Beteiligten.
LEICHTMATROSE VS. KARIES VS. AUA AUA: NA ALSO, GEHT DOCH!
Aufmerksame Leser wissen es längst: Chartskompatibler Deutsch-Pop ist ein rotes Tuch für die UNTER.TON-Redaktion. Leider nimmt die Begeisterung für die dürren Liedchen über Selbstverwirklichungen und Teenager-Schwelgereien nicht ab, weswegen wir ein ums andere Mal all die - teilweise gecasteten - Sangesnasen zu ertragen haben. Aber jammern allein hilft nicht. Es müssen Alternativen her. Und die sind schwarzhumorig wie bei Leichtmatrose, rhythmisch-existenzialistisch wie bei Karies, oder einfach nur absolut schräg wie bei Aua Aua. Und plötzlich macht die eigene Sprache wieder Spaß.
LAMBERT & DEKKER "WE SHARE PHENOMENA" VS. MIRNY MINE "THE OTHER PART": ZURÜCK ZUR NATUR
Musik transportiert Emotionen
- das ist hinlänglich bekannt. Und manchmal transportiert sie auch ganze Gegenden zum Hörer. Während man bei den intimen Songs auf "We Share Phenomena" von Lambert & Dekker das Gefühl hat, die introvertierte Abgeschiedenheit eines Waldes zu genießen, ist das Debütalbum "The Other Part" von der Schwedin Anna Sundström aka Mirny Mine mit seinem breitwandigen Zeitlupen-Dream-Wave-Pop so melancholisch-bezaubernd und zeitgleich wuchtig wie die skandinavische Einöde. Herzlich Willkommen also zur ganz speziellen Naturbegehung, ganz ohne Schlafsack und Thermoskanne.
ALIEN SEX FIEND: ALTER SCHÜTZT VOR FREIGEIST NICHT
Gleich vorweg: Alien Sex Fiend haben wieder einmal ein totales Kunstwerk geschaffen. Doch "Possessed" ist nicht nur ein weiteres Album der über 30-jährigen Karriere des freakigen Ehepaars Nik und Mrs Fiend, sondern ein wichtiges Stück Musik gegen einen Zeitgeist, der selbst Subkulturen die Zähne zieht und dafür formlose Pop- und Independenthüllen in Serie ausspeiht. Gleichzeitig steht die Platte sinnbildlich für einen schweren Lebensabschnitt, die das Zweiergespann hinter sich hat, wie sie im lebendigen Gespräch mit UNTER.TON verrieten.
UNTER.TON SPEZIAL: ZEHN JAHRE AFMUSIC - DIE MISCHUNG MACHT'S
Das afmusic-Label feiert zehnjähriges Bestehen. Keine Selbstverständlichkeit in diesem Business, in dem es als Underdog zunehmend schwieriger wird, zu überleben. Doch Chef Falk Merten erkannte früh die Zeichen der Zeit und setzte auf ein ausgewogenes Verhältnis aus Downloads und physischer Veröffentlichung. Seine Gedanken zum runden Geburtstag teilte er uns in einem interessanten Interview mit. Das Jubiläum steht auch im Zeichen zweier Bands, die zu den Flagschiffen der kleinen Plattenfirma gehören: The Search und Principe Valiente. Die einen haben ein neonfunkelndes Pop-Album im 80er-Jahre-Modus veröffentlicht, die anderen bringen ihre ersten beiden Werke, die vielleicht zu den schönsten Dark-Pop-Platten überhaupt zählen, wieder heraus.
CHRIS IMLER "MASCHINEN UND TIERE" VS. CHRIS LIEBING "BURN SLOW": ZWEI MAL CHRIS, ZWEI MAL KRASS
Außer der Tatsache, dass Imler und Liebin
g sich den gleichen Vornamen teilen, verbindet sie auch die Liebe für extravagante Elektronik. Während aber ersterer einen geheckselten Post-NDW-Pop auf "Maschinen und Tiere" zelebriert und damit genial dilletantische Pfade beschreitet, sucht der andere mit "Burn Slow" sein Heil in einem psychedelisch-melancholischen Sounddesign, das unter anderem von prominenten Kollegen wie Gary Numan und Polly Scattergood begleitet wird. So unterschiedlich zwar die Ansätze also sein mögen, reihen sich beide Alben und damit auch ihre Erschaffer am Ende dann doch in die Genealogie synthetischer Kraut-Rocker ein.
KURZ ANGESPIELT 10/18: VNV NATION, THE BEAUTY OF GEMINA, THE WIDE, LYDIA LUNCH, MUSTA PARAATI - HOHER REIFEGRAD
Im schlimmsten Fall fangen langjährig aktive Musiker(innen) an, aus Mangel an Inspiration auf bewährte Muster zurückzugreifen und so zu einem Plagiat der eigenen Karriere zu werden. Im besten Fall jedoch kann eine fortgeschrittene Künstlerseele immer noch für Überraschungen sorgen, weil die Qunitessenz des bisherigen Schaffen weitergedacht und in neue Formen gegossen wird - wie es uns diese fünf Alben aus allen Ecken und Enden der Musikwelt darlegen.

KURZ ANGESPIELT 9/18: FUFANU, I AM THE FLY, THE MUTINEERS, ALEX BRAUN - APPETITANREGENDE KLANGHÄPPCHEN
Einmal mehr widmen wir uns den aktuellen musikalischen Kleinformaten - und sind bis zum Zerreißen angespannt. Denn was Fufanu, I Am The Fly, The Mutineers und !d
istain-Sänger Alex Braun auf ihren jeweiligen EPs zum Besten geben, ist einfach großartig und weckt hohe Erwartungen an die Musiker/innen, in naher Zukunft mit ähnlicher Präzision ein ganzes Album vorzulegen. Der Appetit nach mehr ist auf jeden Fall schon angeregt.
DELGRES "MO JODI" VS. MARK LANEGAN & DUKE GARWOOD "WITH ANIMALS": LAUT-LEISES EMOTIONSGEWITTER
Die einen ziehen einen rumpeligen Garagen-Blues vom Leder und singen auf Guadeloupe-Französisch, die anderen praktizieren einen schummrigen, von rückgekoppelten Bässen und Gitarren dominierten Minimal-Rock mit Elektronik-Beimischung. Unterschiedlicher könnten Delgres und Mark Lanegan & Duke Garwood also gar nicht sein. Doch am Ende schaffen sie das, was das wichtigste in
der Musik ist: Sie vermitteln Gefühle so unmittelbar und mit aller Wucht, dass man nach dem Hören dieser kleinen Wunderwerke wie vom Donner gerührt zu sein scheint.
FLUT: AGENTEN, COCKTAILBARS UND VIEL VIEL LIEBE
Mit Videos in unperfekter VHS-Optik und einem deutschsprachigen Synthie-Rock, der irgendwo zwischen NDW-Kitsch und Pop-Coolness pendelt, hat sich die oberösterreichische Formation FLUT schnell einen soliden Namen als Retro-Truppe machen können. Ihr nun erscheinendes Debüt "Global" trifft einmal mehr den Mittachziger-Zeitgeist ohne larmoyant zu klingen. So zeigen sich die Jungs auch beim Interview wenig nostalgisch, sondern einfach nur fasziniert vom Lebensstil vor ihrer Zeit, den sie aber perfekt in die Gegenwart zu transportieren verstehen.
JUNO REACTOR "THE MUTANT THEATRE" VS. B.ASHRA "TICKET TO THE MOON": BEWUSSTSYNTHSERWEITERUNGEN
Musik aus Maschinen - das hatte schon immer etwas fremdartiges, wirkte stets wie
"from outer space". Bereits den ersten elektronisch generierten Stücken aus dem frühen 20. Jahrhundert umgab eine sphärische Aura; die Komponisten dahinter wirkten eher wie Klangwissenschaftler und Tonexperimentierer denn wie klassische Musiker. Mittlerweile hat uns die Zukunft eingeholt und dem synthetischen Klang den futuristischen Nimbus geraubt. Doch die aktuellen Alben von Juno Reactor und B.Ashra zeigen - jeder auf seine ganz eigene Art und Weise - welch wunderbare Magie immer noch von ihm ausgeht.
POPTONE "POPTONE LP" VS. DAVID J "CROCODILE TEARS AND THE VELVE CLOSH": AUFERSTANDEN AUS BAUHAUS-RUINEN
Während vielerorts das 40-jährige Gründungsjubiläum der Proto-Goth-Rocker von Bauhaus sicherlich stilvoll und auch etwas wehmütig gefeiert wird (immerhin verkörpert die Band sämtliche Tugenden einer Subkultur, die sich zusehends von ihren eigenen Idealen etfernt hat), vergessen die meisten, dass es nach dem Ende dieser Band die einzelnen Mitglieder musikalisch immer noch viel interessantes und überraschendes Material hervorgebracht haben. Während David J seine smoothe 1985er Solo-LP "Crocodile Tears And The Velvet Closh" wieder herausbringt, wagen sich Daniel Ash und Kevin Haskins als Poptone an eigene und fremde Werke, um ihnen einen unnachahmlichen Schliff zu verleihen.
DILLY DALLY "HEAVEN" VS. KÆLAN MIKLA "MÀNADANS" VS. RVG "A QUALITY OF MERCY" : STARKE TÖNE DES VERMEINTLICH SCHWACHEN GESCHLECHTS
Normalerweise sollte es anno 2018 nichts pupsegaleres mehr geben, ob eine Band nun von einem Sänger oder einer Sängerin angeführt wird. Bei Dilly Dally aus Kanada, Kælan Mikla aus Island und den Australier(inne)n von RVG kommt man aber nicht umhin, dieses Thema anzusprechen. Einfach, weil sie in ihrer drastischen Art und Weise sich nicht dem immer noch vorherrschenden Klischee einer hübsch vor sich hinträllernden Männerphantasie beugen wollen und einmal mehr ein selbstbewusstes, aber nicht weniger emotionales Frauenbild zeichnen.
IM PROFIL: POKEMON REAKTOR - FAT SHOW IN VETSCHAU
Gemeinhin gilt, dass Electronic Body Music, kurz EBM, mit martialischer Militär- und Lederkluft seitens der Genreverfechter, wie auch Musiker selbst, einhergeht. Doch was passiert, wenn die stampfenden Beats, verzerrten Gesänge und Kreissägen-Klänge von einer Gruppe stammt, die japanische Kuscheltiere auf die Bühne stellen? Da explodiert schon mal das Klischee-Kästchen, was zur kurzweiligen Desorientierung beim Zuhörer führt. Doch genau das wollen Pokemon Reaktor und sorgen damit für viel Gesprächsstoff, der bisweilen seltsame Züge angenommen hat. Nur ein Grund mehr, um Chefpoki Schmu van der Kröt und seine Truppe von allen Seiten auszuleuchten.
EWIAN "OF THOSE WHO DROWN TO LIVE" VS. UNPLACES "CHANGES": SINN UND SINNLICHKEIT
Im besten Fall ist Musik Ausdruck und Gefühlsverstärker,
und die Menschen dahinter philosophisch beschlagen. So wird das Wesen des Menschen auch von den alternativen Rocker von Ewian und Unplaces während ihrer ständigen Suche nach dem Grund unserer Existenz und der schwermutsvollen Beobachtungen des gesellschaftlichen Status Quo mit ihren Werken sprichwörtlich "ent-deckt". Vor allem musikalisch laden "Of Those Who Drown To Live" und "Changes" zur Kontemplation und intensiven Mediation über die vermeintliche Krone der Schöpfung ein.
KURZ ANGESPIELT 8/18: "GRENZWELLEN EINS", "GRENZWELLEN ZWEI", "LA DANSE MACABRE 4", "QUINTESSENCE 2008-2018", "ANOTHER COLD WORLD 2": MEHR GEHT NICHT!
Sage und schreibe 151 Songs sind die letzten Wochen an des Schreibers Ohr gelangt. Sie entstammen allesamt fünf verschiedenen Samplern, deren hoher Anspruch der ausnahmslos unkommerziellen Liedersammlung sofort erkennbar ist. Und sie entkräftigen einmal mehr die düstere These, es gäbe keine neuen Klänge mehr.
LOGIC &OLIVIA: DAS RAUSCHEN DER WÖRTER
Sie sind ein vortreffliches Beispiel dafür, wie scheinbar seelenlose Maschinenmusik ein überaus menschliches Antlitz erhalten kann: Logic & Olivia praktizieren seit Jahren einen höchst intelligenten Synthesizer-Pop, der sich nicht um stilistische Gepflogenheiten oder clubkompatible Songkonstruktionen kümmert. Das mag sie einerseits weniger massenfreundlich als ihre Genrekollegen machen, befriedigt aber auf der anderen Seite all jene, die Musik nicht nur konsumieren, sondern auch mit Herz und Verstand fühlen wollen. Sie dürfen sich nun mit "Louder Than Words" erneut auf wieder einmal unerwartete Lieblingsmusik freuen - und auf ein "wortreiches" Interview mit Sänger und Musiker René Anke.
TOP 5: ALTERNATIVE SCHWULLESBISCHE LIEDER - ABSEITS DER REGENBOGEN-FRÖHLICHKEIT
Seit einem Jahr existiert die "Ehe für alle", die es homosexuellen Paaren ermöglicht, als standesamtlich anerkanntes getrautes Paar zu leben. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, der aber nicht zwangsläufig auch die volle Akzeptanz dieser Lebensformen inkludiert. Musikalisch gesehen arbeiten sich die meisten - auch dezidiert für homosexuelle Leserschaft konzipierten - Illustrierten und Online-Portalen an den üblichen Gassenhauern von Village People, Donna Summer oder im besten Falle noch Judy Garland ("Somewhere Over The Rainbow") ab. Doch Songs über Homosexualität müssen nicht immer die grelle Glitzerwelt bedienen, sondern thamatiserien wie im Folgenden auch die Frage nach dem Coming Out und zeigen die inneren Zerrissenheit vieler gleichgeschlechtlich Liebender auf.
KURZ ANGESPIELT 7/18: ASH CODE, SDH, N01R, CANDELABRE, ROSI, PAST, SWIRLPOOL: STILVOLL SCHMERZERFÜLLT DURCH DEN SOMMER
Der Sommer 2018 ist ein viel zu heißer und viel zu trockener - zumindest im Norden des Landes. Und während es dort überall nach Grillanzündern riecht und lateinamerikanisches
Populärliedgut von den mannigfaltigen Sendeanstalten zu unseren Heimempfängern über den Äther transportiert werden, um ein Stück "vida loca" in die drögen Vorgärten zu zaubern, schicken sich einige vielversprechende Bands an, wie zwei Wochen Regenwetter zu klingen. Denn der gemeine Trübsinnliebhaber weiß: "Sonne macht albern!" Deswegen präsentieren wir gleich sieben nicht so "sunny" klingende Alben und EPs, denn dieser Sommer ist noch lang.
SHRIEKBACK "WHY ANYTHING? WHY THIS?" VS. THE ROOM IN THE WOOD "THE ROOM IN THE WOOD": ALTE EISEN IN NEUEM GLANZ
Unter dem Banner Post Punk firmierten jede Menge Bands, deren Qualität aus unerfindlichen Gründen übersehen worden ist. Shriekback ist so ein Beispiel, wobei dieser Name sic
herlich noch einigen etwas sagen wird. Bei The Room, mittlerweile in The Room In The Wood umgetauft, dürften noch weniger wohlwissend mit dem Kopf nicken. Doch ihre Mitglieder, allesamt stramm mehr als ein halbes Jahrhundert auf der Erde weilend, haben immer noch nicht genug und beweisen mit ihren neuesten Werken, das ehrliche Musik keine Frage des Alters ist.
PURWIEN UND KOWA: "ES MACHT SPASS, SO ZU TUN, ALS WÄREN WIR NOCH JUNG UND WÜRDEN AN DEN ERFOLG GLAUBEN."
Trotz seiner melancholisch gefärbten Sangesstimme besitzt Ex-Second-Decay-Frontmann Christian Purwien eine gehörige Portion Humor. Diesen teilt er seit einigen Jahren mit dem Romanautor Thomas Kowa. Mit dem Album "ZWEI" sowie dem Buch "POMMES! PORNO! POPSTAR!" kultivieren die beiden ihr selbst auferlegtes Verlierer-Image, das nun mit dem zweiten literarischen Werk namens "VEGAS, VIDI, NON VICI" und dem EP-Triptychon "DREI" weiter verfeinert wird. UNTER.TON hat daher die beiden "Loser" um ein erheiterndes Interview gebeten.
KURZ ANGESPIELT 6/18: RODNEY CROMWELL, JOHAN BAECKSTRÖM, MONOVIBES, IN GOOD FAITH, SEADRAKE, OUL - ENTDECKE DIE MOOGLICHKEITEN!
Wie groß ist doch das Entzücken, wenn sich Menschen hinter klobige Maschinen stellen und ihnen wundersame Töne entlocken. Zumindest ergeht es dem Autor dieser Zeilen so. Und wenngleich hetzutage dieses romantische Bild gar nicht mehr eingehalten wird (meistens sind es dann doch kleine, charakterlose Laptops, aus denen die Klänge entfleuchen), lässt sich nicht verleugnen, dass Synthesizer, gleich welcher Provenienz, über eine tönerne Bandbreite verfügen, die bei den folgenden Alben von unbeschwerter Poppigkeit bis hin zur grandiosen Seelenschau reicht.
PRADA MEINHOFF "PRADA MEINHOFF" VS. YOSHUA "YOSHUA" VS LES TRUCS "JARDIN DE BOEUF": NEUE WÖRTER BRAUCHT DAS LAND
Im musikalischen Kampf gegen den drögen deutschsprachigen Radiopop, den uns die Revolverhelden, Oerdings und - leider Gottes auch - Campinos dieser Nation mit erbrechender Regelmäßigkeit kredenzen, ist mittlerweile jedes Mittel recht. Die urbane Wut bei Prada Meinhoff, die verstiegene Innerlichkeit bei Yoshua und der abstruse Dadaismus bei Les Trucs scheinen da die goldrichtigen Mittel gegen die bräsige Baukastenlyrik der Marke "Meine liebe Fibel" zu sein.
YAN WAGNER VS. TIKTAALIK VS. SN-A: THE DARK SIDE OF THE DISCOKUGEL
In einem hellen Moment hat Hansi Geerdes, besser bekannt als H.P. Baxxter, einen erstaunlichen Satz unter knarziger Elektronik postuliert: "Lass uns tanzen oder f***** oder beides, denn morgen sind wir tot!". "Lass uns tanzen" heißt der Reißer und kann den Tanz an sich als existenzialistische Metapher nicht knapper umreißen. Weniger plakativ als Scooter, jedoch nicht minder existenzialistisch gefärbt sind die aktuellen Werke von Yan Wagner, Tiktaalik und SN-A, deren sophistisch-dekadente Atmosphäre dem grübelnden Diskothekenbesucher adäquater Tanzstoff sein sollte.
KURZ ANGESPIELT 5/18: NORTHERN ACCENT, WENDY MCNEILL, MARVIN PONTIAC, JENNY WILSON, DANIEL BLUMBERG - RECHNEN SIE MIT UNBEKANNTEN
Jedem Künstler und jeder Band in Form einer ausführlichen Rezension gerecht zu werden, ist angesichts der Menge an veröffentlichter Musik dieser Tage gar nicht möglich - und bei einem kleinen Magazin wie UNTER.TON schon gleich zwei Mal nicht. Die sich stapelnden Rezensionsexemplare - physischer wie virtueller Natur - beherbergen aber einige Perlen, deren funkelnde Schönheit man erst beim zweiten oder dritten Hören gewahr wird. Deswegen richten wir den Fokus auf fünf Gruppen respektive Künstler, deren Werke seit längerer Zeit auf den Markt sind, aber bislang noch wenig
Beachtung gefunden haben - und das vollkommen zu Unrecht.
KEVIN HASKINS "BAUHAUS - UNDEAD": JUBILÄUMSINVENTUR
Vier Jungs
aus Northampton sind 1978 auf die Idee gekommen, eine Band zu gründen. Der Name: Bauhaus. Ihre erste Single: "Bela Lugosi's Dead". Und auf einmal ist nichts mehr so gewesen, wie es mal war. 40 Jahre später bringt ihr Schlagzeuger Kevin Haskins mit "Bauhaus - Undead" eine launige Biografie der Band aus seiner Sicht heraus, vollgepackt mit jedem noch so kleinen Schnipsel, den er im Laufe der Zeit habhaft werden konnte und die sich nun zu einer lückenlosen visuellen Dokumentation verdichten.
X-O-PLANET "VOYAGERS" VS. VOGON POETRY "LIFE, THE UNIVERSE AND EVERYTHING": EIN BISSCHEN SPACE MUSS SEIN!
Die Klänge elektronischer Instrumente sind seit jeher mit Adjektiven wie "sphärisch" oder "kosmisch" belegt. Da nimmt es nicht wunder, dass bis heute der massive Einsatz von Synthesizern aller Art geradezu obligatorisch ist, wenn Raumfahrt- oder Science-Fiction-Szenen musikalisch untermalt werden sollen. X-O-Planet und Vogon Poetry bauen um ihre elektronsichen Nummern dementsprechend Texte rund um die Raumfahrt, die sich vor allem auch dadurch auszeichnen, dass sie sich selbst nicht ganz so ernst nehmen.
VARIOUS ARTISTS "BURNING BRITAIN - A STORY OF INDEPENDENT UK PUNK 1980-1983": NACHBEBEN IM (DREI)AKKORD
Punk ist tot! Lang lebe Punk! Denn obgleich die anarchistische Hochgeschwindigkeitsvariante des Rock'n'Roll in den Endsiebzigern oftmals nur als wenige Jahre dauernde Revolution der Popmusik angesehen wurde, ist er nicht mit einem Mal und laut rülpsend von der Bühne getreten. Besonders in England hat die Infizierung der Jugendlichen über die Punk-Hochburgen London und Manchester hinaus begonnen. Die frühen 1980er sind zwar oberflächlich poppig gewesen, der politisch konservative Zeitgeist der Thatcher-Ära ließ Punk jedoch weiter darunter wüten, wie die Box "Burning Britain" eindrucksvoll belegt.
KURZ ANGESPIELT 4/18: SELTSAME ZUSTÄNDE, FATHER MURPHY, ROBERT GÖRL, TRISOMIE 21 - DER EWIGE KREISLAUF
Den Gang alles Irdischen kann man auch - und besonders - in der Musik nachvollziehen. Dieser Tage erscheinen vier besondere Werke zu diesem Thema. Sie alle und jeder für sich allein implizieren Bruch und Neubeginn. Daraus entsteht eine seltsame Atmosphäre, die sich irgendwo zwischen Nostalgie und Traurigkeit, aber auch Hoffnung und Dankbarkeit ansiedelt. Oder wie es uns die Binsenweisheit diktiert: "Wo etwas endet, entsteht auch etwas Neues".
IM PROFIL - SHAWN WARD: IM BESTEN SINNE KONSERVATIV
Schon länger befindet sich der amerikanische Kontinent in einem regelrechten Synthesizer-Fieber. Angetrieben von den Protagonisten der Retro-Wave-Szene, die ihre funkelnden Electro-Pop-Platten in neonfuturistische Farben tauchen und rasch via Internet verbreiten, hat sich eine eigenständige Nostalgie-Kultur entwickelt, deren Helden wieder Marty McFly aus "Zurück in die Zukunft" zu sein scheint. Einer dieser Musiker ist der Kanadier Shawn Ward, der im vergangenen Herbst als FM Attack sein grandioses drittes Werk "Stellar" veröffentlicht und jüngst auch den Neu-Wavern von Vandal Moon bei ihrem Album "Wild Insane" unter die Arme gegriffen hat. Über die Entwicklungen der Szene zeigt er sich aber auch besorgt.
ST. MICHAEL FRONT "END OF AHRIMAN": ALLES IST ERLEUCHTET!
Ihre Geste ist groß, aber auch nicht verwunderlich. Bei dem Namen! St. Michael Front, benannt nach dem Erzengel Michael, schicken sich an, mit ihrem Debütwerk "End Of Ahriman" nichts weniger als eine "sprituelle Revolution" einzuläuten. Dementsprechend fahren die Hamburger einen transzendentalen Folk-Pop auf, der trotz oder gerade wegen seiner Nähe zum Kitsch jetzt schon zu den großen Würfen dieses Jahres gezählt werden darf.
KURZ ANGESPIELT 3/18: NOSEHOLES, SHAPESHIFTINGALIENS, SDH, CRIMINAL BODY, THE NIGHT IS STILL YOUNG, GORDIE TENTREES & JAXON HALDANE - FRÜHLINGSERWACHEN
"Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte". So beginnt "Er ist's", das wohl bekannteste Frühjahrsgedicht, von Eduard Mörike einst zu Papier gebracht. Doch während  "von fern ein leiser Harfenton" des Dichters Gemüt bewegt, lauschen wir lieber den frischen, wiewohl eher druckvollen Klängen, die uns von überall her erreichen und nicht nur hörbare Frühlingsgefühle, sondern auch eine große Vorfreude auf einen höchst interessanten musikalischen Lenz bescheren.
THE DEAD BROTHERS "ANGST" VS. VIECH "HEUTE NACHT NACH BUDAPEST": UND IN DER FERNE TOM WAITS
Was haben die Bergvölker aus der Schweiz und Österreich eigentlich in ihren Quellen, dass sie - pop- wie subkulturell - regelmäßig ziemlich coole Bands hervorbringen? Gerade wetteifern die eidgenössischen Dead Brothers mit ihrem Moritat "Angst" und der lässige, deutschsprachige Rumpel-Rock auf "Heut Nacht nach Budepest" der Österreicher Formation Viech um die Gunst der Hörer. Diese dürfen zwischen schauriger Grusel-Folk-Atmosphäre oder benzindurchtränktem Roadmovie-Feeling wählen.
IM GESPRÄCH - MARK ROBERTS (WE ARE TEMPORARY): "ICH TRAUE KEINEM KONSTRUKT MIT DEM VORANGEHENDEN ADJEKTIV 'WAHR'. DAS IST FAST IMMER BULLSHIT"
Sein äußeres Erscheinungsbild mit der aufwendigen Maske wirkt rätselhaft. Umso offener dagegen zeigt sich Mark Roberts, der Mann hinter dem Electro-Projekt We Are Temporary, im Gespräch mit UNTER.TON. Denn seiner Meinung nach gibt es nichts wichtigeres, als Geschichten mit anderen Menschen zu teilen. So wie er es auch mit seinem zweiten Album "Embers" tut.
VARIOUS ARTISTS "LA DANSE MACABRE 3": IN DER LÄNGE LIEGT DIE WÜRZE
Seit einiger Zeit begleitet UNTER.TON den umtriebigen Tonfeinschmecker Axel Meßinger, der seine Leidenschaft für authentische Musik verschiedenster Couleur unter dem Begriff der "At Sea Compilations" zusammenfasst und sie als digitale Veröffentlichungen anbietet. Ob nun Shoegaze, Retro-Synth-Wave oder auch mal Frauen-Folk: Jede seiner Zusammenstellungen zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung mit der jeweiligen Materie. Mit dem dritten Teil der "La Danse Macabre"-Reihe taucht er wieder in die unendlichen Tiefen von Post-Punk, Gothic und Wave. Das 40 Songs umfassende Kompendium beweist: Es liegen noch viele Schätze, die gehoben werden wollen.
DITA VON TEESE "DITA VON TEESE": VON SCHUSTERN UND IHREN LEISTEN
Längst steht der Name Dita von Teese nicht mehr allein für die ausstrahlungsreiche Burlesque-Tänzerin, die in eleganten Roben ebenso verführerisch wirkt wie in verrucht sado-masochistischen Fesselspielchen. Aus dem amerikanischen Pin-Up-Traum ist eine global agierende Marke geworden, unter der auch Parfums, Modeaccesoires und weitere Devotionalien angeboten werden. Nach diversen Film- und Fernsehauftritten hat sich Dita nun hinters Mikro geklemmt. Was die einstige Angetraute von Marilyn Manson allerdings damit beabsichtigt hat, bleibt ein Rätsel. Denn "Dita von Teese" kann trotz prominenter Zusammenarbeit mit Ausnahmeelektroniker Sébastian Tellier nicht mal eine Hauch Erotik vorweisen.
"NEW WAVES DAY" IN OBERHAUSEN: QUALITÄT STATT QUANTITÄT
Braucht es noch weitere Festvals? Eigentlich nicht! Im Falle des "New Waves Day", das erstmalig 2017 in Oberhausen abgehalten wurde, ist die Sachlage jedoch eine andere. Denn hier wird kein exzessiver Bandmarathon betrieben, sondern eine überschaubare Menge an wirklich interessanten Gruppen geliefert. Im Gespräch mit Dolores Lokas vom Verantalter Headline Concerts zeigt sich, dass hier versucht wird, ein authentisches Szene-Gefühl mit höchster Professionalität eines Event-Managements zu vereinen. Offensichtlich mit Erfolg.

KURZ ANGESPIELT 2/18: ROME, PERSEPHONE, MANTUS, WE ARE TEMPORARY, PROJECT PITCHFORK - STILSICHERHEIT IM ZEICHEN DES DREIECKS
Dramatisch hat sich die Musiklandschaft in den letzen zwei Dekaden verändert und Künstler sowie vor allen Labels zur Neuausrichtung ihrer Vertriebswege gezwungen. Um so erstaunlicher die Tatsache, dass die hessische Trisol Music Group seit ebenfalls zwei Jahrzehnten immer noch mit verschwenderisch ausgestatteten, physischen Alben seiner Schützlinge aufwarten kann - vielleicht, weil sie geschickt authentische Szenekredibilität an den Mainstream andockt und gleichzeitig auf der Suche nach dem Besonderen in der Musik sind, wie die aktuellen Veröffentlichungen deutlich belegen.
SIMPLE MINDS "WALK BETWEEN WORLDS" VS. ALEX SEBASTIAN "BLACKSTAR'S ASCENDING": POWER-POP GEGEN EINHEITSBREI
Selbstverständlich liegt das Augenmerk bei UNTER.TON auf die ungehörten Sounds unter der Oberfläche. Doch warum nicht auch mal anschmiegsamen Klängen lauschen, insbesondere wenn sie so ansprechend und souverän wie bei den 80er-Breitwand-Poppern von den Simple Minds und ihrem aktuellen Album "Walk Between Worlds" dargeboten werden? Und auch der Wahlmünchner Alex Sebastian, wenigstens im regionalen Pop-Zirkus ein beschriebnens Blatt, zeigt auf "Blackstar's Ascending" ein sicheres Melodiehändchen - mehr als so manch gehypter Mega-Hitparaden-DJ.
NEUSCHNEE "OKAY" VS. ISOLATION BERLIN "VERGIFTE DICH" VS. DAN SCARY "DUNKELPUNK AUS UNTERWELT": ABGRUND, TIEFE, LYRIK
Schon lange ist etwas faul im Staate Deutschland - und das nicht erst seit der letztjährigen Bundestagswahl, die uns einen
latent paranoiden und in keinster Weise weltoffenen Teil der Republik offenbart, während andernorts medienwirksam "GroKodilstränen" vergossen werden ob der sichtbar geschwächten Volksparteien. Noch nie sind so viele Fragezeichen aufgeploppt, wenn über die Zukunft der BRD schwadroniert wird. Antworten haben Neuschnee, Isolation Berlin und Dan Scary für diese Misere zwar nicht parat. Ihre aktuellen Werke aber liefern ein verdammt authentisches Stimmungsbild einer Nation ab, die ihr "Dichter-und-Denker"-Erbe längst über Bord geworfen und gegen belanglose Unterhaltungsindustrie-Massenware eingetauscht hat und als Großstadt-Neurotiker vollkommen verloren am Rande ihres persönlichen Niedergangs taumelt.
FEEDING FINGERS "DO OWE HARM": ZWISCHEN DEN TÖNEN
Die Möglichkeiten der Tonkombinationen sind bereits in unserem abendländischen Notensystem schier unendlich. Doch was passiert, wenn man die Klänge zwischen den gängigen Halbtonschritten auslotet und daraus eine Post-Punk-Platte macht? Justin Curfman hat es mit seiner Band Feeding Fingers getan - herausgekommen ist "Do Owe Harm", ein Album, das die Grenzen des Post-Punk verschiebt. Wieviel Bastelei und Erfindungsreichtum hinter den Stücken steckt, hat der Vollblutmusiker und Globetrotter uns im Interview ausführlich erzählt.
KURZ ANGESPIELT 1/18: DURAN DURAN, MESH, DAVID BECKINGHAM, PARADE GROUND, THE FROZEN AUTUMN, B.ASHRA & ERU - EINMAL MIT ALLES
Wenn schon das winterliche Neujahrswetter hauptsächlich nur Grautöne für uns bereithält, müssen wir eben selbst für die Farbtupfer sorgen. Das funktioniert am besten, wenn man Prä-80s-Pop, cineastische Klassik, leichtfüßigen Folk, (psychedelischen) Wave und kosmisch oktavierten Ambient gleichberechigt nebenenander präsentiert. Oder anders gesagt: Herzlich Willkommen zur ersten "Kurz angespielt"-Ausgabe anno 2018.
TAMPLE "SUMMER LIGHT" VS. ORPH "THE PYRAMID TEARS OF SIMBA" VS. CLUB 8 "GOLDEN ISLAND": ZWISCHEN MELANCHOLIE UND EUPHORIE
Schwermut muss sich nicht immer in bleiernen Moll-Akkorden materialisieren, die von gedankenversunkenen, komplett in sich gekehrten Musikern weihevoll in die Klaviatur gedrückt werden. Auch schmissige Club-Nummern, federleichte Pop-Songs oder entspannte Downbeat-Tracks können sich genüsslich in Hoffnungslosigkeit wälzen. Allerdings geschieht dies auf eine verdammt coole Art und Weise - und setzt dem Weltschmerz sozusagen eine Sonnenbrille auf. Tample aus Frankreich, Orph aus Deutschland und Club 8 aus Schweden besitzen dieses Gespür, zwischen Heiterkeit
und Düsternis eine beachtliche Schnittmenge auszumachen.
QUO VADIS POPMUSIK? EIN POSTFAKTISCHES TRYPTICHON
2016 war das Jahr der großen Abschiede: Ein ums andere Mal erreichten uns die erschreckenden Nachrichten vom (leider viel zu frühen) Ableben diverser Popstars. Einflussreiche Künstler wie David Bowie, Prince, George Michael, aber auch große Namen aus der "zweiten Reihe" wie Colin Vearncombe (Black), die Schlagzeuger Peter Behrens (Trio) und Wolfgang Rohde (Die Toten Hosen), Keith Emerson und Greg Lake (Emerson, Lake & Palmer), Rick Parfitt (Status-Quo-Gitarrist) und Roger Cicero sind in diesem Jahr gestorben. Das macht uns betroffen – nicht nur, weil sie große Talente waren, sondern auch aufgrund der großen Lücke, die sie hinterlassen haben und die momentan kaum ein anderer Musiker zu füllen vermag. Bleibt also die Frage, wohin sich die Popmusik nach diesem Schicksalsjahr bewegt, national wie international. Eine vom Gefühl geleitete Beobachtung.
TEIL I - DEUTSCH-POP: ESKAPISMUS UND JAMMEREI
TEIL II - INTERNATIONALER POP: SOUNDTRACK FÜR EINE ZEIT OHNE GEIST
TEIL III - MUTMACHENDE PROGNOSEN

VISUELLES DOPPEL: WASSERGEISTER UND GEHEIME GÄRTEN
Die unnachahmliche Schönheit und immerwährende Poesie der Natur brauchen viel Liebe, aber mit Sicherheit keinen Photoshop. Deshalb gestatten wir es unserem atmosphärischen Zwischenspiel zwar, zwischen den Zeilen nach Belieben zwischen Dichtung und Wahrheit zu changieren - zeigen die Dinge aber, frei von angestrengt künstlerischen Ambitionen, am Ende doch immer nur so, wie sie in den pathetischeren Augenblicken des Alltags tatsächlich zu beobachten sind. Einsichten in eine Welt, die nicht nur betrachtet, sondern vor allen Dingen auch mit allen Sinnen erlebt werden will.

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