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13/21: KOIKOI, MURENA MURENA, X-O-PLANET, HALO'S EVE, WHISPERING SONS - UND SONST SO?

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2021

Es ist eine steile These, die der Autor dieser Zeilen stellt: Koikoi kennt hierzulande keine Sau! Mehrere Gründe sprechen dafür. Erstens: Sie sind frisch auf dem Musikmarkt. Und zweitens: Sie singen in ihrer Heimatsprache Serbisch. Das sollte aber den geneigten Leser nicht davon abhalten, mal in das erste Album "Povizi u stranu" zu lauschen. Auch wenn man der slawischen Sprache nicht mächtig ist, merkt man schnell: Hier hat eine Band Großes vor. Ihr Sound ist angsterfüllter Pop, miternächtlicher Wave und psychedelischer Rock. Klingt nach sehr viel auf einmal? Ist es auch. Aber dennoch schaffen es KoiKoi, ihre Hörer damit nicht zu überfordern. Im Gegenteil klingt ihr Debutalbum gerade so, als habe es diese Musik schon immer gegeben. Während der aktuelle Trend dann doch eher auf konzentrierte Nummern geht, die alles Überflüssige wegschälen, um schnell auf den Punkt zu kommen, gönnt sich das Quartett jede Menge Zeit für ihre Musik. Da darf dann der Titelsong auch mal knapp acht Minuten beanspruchen. Der eigentliche Clou an "Povizi u stranu" ist aber, dass sie bei aller Einbeziehung westlicher Pop-und Rocktraditionen immer melancholische Balkan-Klänge ins Zentrum ihrer Kompositionen stellen. Verstärkt wird dies natürlich durch den Gesang, für den allein schon der Exotikfaktor in die Höhe schießt. Aber würden Koikoi in weltmännischem Englisch singen, würden die Sounds ihre Herkunft schnell verraten. Letzten Endes ist das aber auch nur eine Spitzfindigkeit, welches die musikalishe Wucht des Erstlings nicht schmälern soll. Koikoi, bitte unbedingt einen Live-Besuch in Deutschland abstatten.

Auch die Musik von Murena Murena gehört ohne Frage auf die Bühne - jedoch auf die eines Theaters. Denn das aktuelle Werk "Take Care Of Me" ist weit entfernt von irgendwelchen Clubsounds- oder Rockmanierismen, bietet dafür aber einen extrem performativen Charakter, den man in diesem Jahr so noch nicht gehört hat. Das Projekt des Münchner Musikers und Soundtrack-Komponisten Daniel Murena alias Daniel Tanqueray sucht nicht sein Heil in klassischen Songstrukturen und vorhersehbaren Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Abfolgen, sondern versucht, das Abgründige und Surreale der Musik nach außen zu kehren. Dabei bedient er sich wie in "Esperation" auch modernen Stilmitteln wie dem Autotune. "Take Care Of Me" ist ein amorphes Konglomerat aus verschiedenen Zutaten. Ein bisschen Geniale Dilletanten, ein bisschen Punk, ein bisschen Wave. Und ja: Ein bisschen Pop ist auch dabei. Aber es ist Murena Murenas Sache nicht, sich irgendeiner Sparte anzubiedern. So erinnert "Turn Your Back To Gold" zumindest musikalisch noch entfernt an Die Krupps während ihrer "Volle Kraft Voraus"-Phase, während "Look Now" schön rotzig-anarchisch daherkommt. Doch bei allen Stücken bleibt Daniel Murena bewusst und sprichwörtlich un-begreiflich. Der Musiker nutzt nur Versatzstücke und baut sie so ungewohnt zusammen, dass man voller Fragen davorsteht wie vor einer postmodernen Skulptur in der Münchner Pinakothek. Aber das macht "Take Care Of Me" so spannend: Man wird genötigt, sich damit auseinanderzusetzen und mehrmals zu hören, ehe das Album so langsam beginnt, sich zu entfalten.

Diesen langen Anlauf haben X-O-Planet nicht nötig. Wer die Band kennt, weiß, dass es die "unendlichen Weiten" sind, die es dem Duo angetan haben. Und das ändert sich bei "X" nicht die Spur. Muss es aber auch nicht. Denn Sängerin Manja Kaletka und Musiker Rafael Kaletka besitzen bereits seit ihrem Vorgänger eine exakt umrissene Vorstellung von ihrem Sci-Fi-Pop. Dieser basiert ausschließich auf melodieverliebter Elektronik und - besonders im Fall des überwältigenden Songs "Blue Planet" - dem Bestreben nach klanglicher Grandezza. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger "Voyagers" scheinen sich die letzten kompositorischen Zweifel nun endlich verflüchtigt zu haben. Denn so rund wie "X" klang bislang kein X-O-Planet-Album zuvor. Bereits in der einleitenden "Prelude X" merkt der Connaisseur: Hier hat sich einiges gravierend geändert. Man bleibt zwar beim Weltraum-Topic, wechselt aber nun die Sichtweise. War man zuvor "Voyager", ergo: Reisender, werden nun die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Weltraum-Expeditionen verhandelt. Diese können wie in "Ghost Galaxies" konkret rätselhafte Vorgänge des Kosmos beschreiben, oder in "The Universe In Mind" das Weltall als Metapher für das Lebensweg an sich herhalten. Plakativer als im Abschluss "Bygone World", in dem ein längst erloschener Stern, dessen Licht man auf der Erde aber immer noch sehen kann, als Gleichnis für die Nachwirkungen von Vergangenem auf die Gegenwart herangezogen wird, geht es fast gar nicht. "X" trägt in jeder Beziehung dick auf - und das ist auch gut so. Es ist das bislang beste Album der Band geworden.

Manchmal braucht es eben einen längeren Anlauf. Im Falle von Sébastien Bernard hat es nach seinen Aussagen über 20 Jahre gedauert, bis er endlich auf eigenen musikalischen Beinen stehen konnte. Halo's Eve heißt sein Brainchild und ist sicherlich auch die Summe seiner Erfahrungen. Tätig in Gruppen, deren Spannbreite sich von New Wave bis Black Metal erstreckt, konnte er sich aus allen Bereichen die wichtigsten Fingerübungen abschauen. Und so besticht die erste EP "Pitch Black Heaven" durch ein konsequentes Sounddesign, das man aber angesichts seiner musikalischen Vergangenheit dergestalt nicht erwartet hätte. Halo's Eve tätigt einen romantischer Ausflug in wavig angehauchten Synth-Pop. Der Mann aus Nizza vertraut dabei seinem persönlichen Gefühl, und er wird dafür gleich mit "A Greater Pride" belohnt, einem massiven Club-Stampfer, der sich ohne Umwege direkt in die Gehörgänge einnistet. Bernards klare Stimme fügt sich dabei perfekt in die Kompositionen ein und versprüht im Titeltrack sogar einen Hauch Dave-Gahan-Grandezza, was sicherlich auch an dem Song an sich liegt, der die alten Depeche-Mode-Tugenden von düsteren und dennoch eingängigen Pop-Nummern wieder aufleben lässt. Dass Sébastien auch anders kann, zeigt er in "Alpha Noir", das mit mächtig Schmackes und einer brodelnden Basssequenz richtig nach vorne geht. Die sechs Songs auf "Pitch Black Heaven" erweisen sich schon nach dem ersten Durchhören als kleine Synth-Pop-Juwelen. Da lechzt der geneigte Hörer schnell nach mehr.

Last, but sicherlich not least ist "Several Others" der belgischen Szene-Senkrechtstarter Whispering Sons zu besprechen. Denn bereits mit ihrem Vorgänger "Image" (2018) hat die Gruppe um die einmalig androgyn klingende Sängerin Fenne Kuppens deutliche Duftmarken hinterlassen. Die Auftritte unter anderem als Support für die Editors sind bereits legendär. So viel positive Resonanz kann schon erdrückend sein, und die Gefahr war nicht gerade gering, dass "Several Others" eine ziemlich krampfige Angelegenheit werden würde, in der die Band versucht, ihrem Nimbus als DER heiße Scheiß weiter zu zementieren. Doch das Gegenteil ist der Fall: Whispering Sons erweitern ihren Klangkosmos, verfeinern ihn, schmücken ihn aus. Das tun sie aber nicht, indem sie etwas draufpacken, sondern weglassen. Die neuen Songs leben von knochigen Rhythmen, um die sich ein ums andere Mal hypnotische Bassläufe schlingen. Die typischen Gitarrenparts werden zurückgefahren und beschränken sich auf einige Spitzen. Ausbrüche aus diesem Korsett finden sich in "Screens" und "Aftermath", bei dem das Klavier die Oberhand behält. "Several Others" ist ein beklemmendes Stück Musik, in dem sich Fenne anscheinend ihren eigenen Dämonen stellt. Zumindest wirkt anno 2021 kein anderes Album derart klaustrophobisch und doch so magisch anziehend. Auch wenn es noch etwas hin ist, aber Whispering Sons haben schon jetzt den Soundtrack für die feucht-kalten Novembertage bereitgestellt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 30.07.21 | KONTAKT | WEITER: NUOVO TESTAMENTO VS. FLDPLN>

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Webseiten:
koikoi.bandcamp.com
www.murenamurena.com
www.x-o-planet.com
haloseve.bandcamp.com
whisperingsons.bandcamp.com


Covers © Moonlee Records (KoiKoi), Cut Surface/Cargo (Murena Murena), xop_electronica (X-O-Planet), Anesthetize Production (Halo's Eve), PIAS (Whispering Sons)

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