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MICHAEL ROTHER VS. RUDOLF HEIMANN VS. B. ASHRA: TRÄUMST DU NOCH, ODER SCHWEBST DU SCHON?

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"Made in Germany" - ein Titel, der Qualität, Wertigkeit und Handwerkskunst verspricht. In vielen Bereichen hat dieses inoffizielle Gütesiegel den Verkauf der Ware sicherlich befeuert. Einzig die Rockmusik wurde bis spät in den 1960ern noch nicht "germanisiert". Jeder Versuch, sich dem juvenilen Zeitgeist anzupassen, endete meistens in schlechter Nachmacherei: Peter Kraus gab eine weitaus züchtigere Version von Elvis Presley ab, The Rattles wollten unüberhörbar wie The Beatles klingen, und The Lords fischten im Teich von The Kinks.

Doch mit den gesellschaftlichen Umbrüchen in der jungen Bundesrepublik - Stichwort: Studentenrevolte - änderte sich auch das musikalische Selbstverständnis der hiesigen Rockmusiker. Sie suchten nach einer "eigenen Sprache" - und wurden zu Krautrockern. An vorderster Front dieser Zusammenrottung hochtalentierter und progressiver Musiker war unter anderem ein gewisser Michael Rother. Sein Mitwirken beeinflusste maßgeblich die Bands Neu! und Harmonia. Aber auch den Anfangstage einer gewissen Vereinigung namens Kraftwerk wohnte er bei.

Wenn man sich nun die Box "Solo" anhört, eine Zusammenfassung seiner frühen Werke unter seinem eigenen Namen, erkennt man schnell den Einfluss, den Rother auf Ralf Hütter und Florian Schneider gehabt hat. Zumindest Kraftwerks Durchbruchalbum "Autobahn" von 1974 weist noch in seinem Klangdesign Spurenelemente von Rothers Musikverständnis auf. Als sein Debüt "Flammende Herzen" 1977 erschien, waren Kraftwerk allerdings bereits dabei, mit dem Song "Das Model" sowie dem dazugehörigen Album "Die Mensch-Maschine" den Sound der Zukunft zu entwickeln.

Die melodiösen Instrumentale, mal mehr, mal weniger elektronisch aufgerüscht, aber stets vom motorischen Beat des phänomenalen, vor rund zwei Jahren verstorbenen Schlagzeugers Jaki Liebezeit begleitet, beherbergen eine ganz eigene Stimmung, die irgendwo zwischen naiver Klangliebe und meditaitvem Gestus verortet werden kann. Aus der Zeit gefallen schien der Mann mit seinen Werken schon damals. In der heißen Phase von RAF-Terror und Punk-Provokation wirkt Rothers Musik wie ein Sedativum - allerdings ein sehr geistreiches und vom klebrigen Schlagerzuckerguss aus Hecks Hitparade weit entfernt.

Michael Rother ist der große Romantiker unter den Krautrockern. Sein bescheidenes Wesen spiegelt sich auch in seiner Musik wider, die bei aller Diversität und Stimmungswechsel immer in sich zu ruhen scheint. Während es anderen Kollegen nicht zuletzt auch darum ging, ihr vom Jazz beeinflusstes Improvisationstalent zur Schau zu stellen, fokussiert sich der gebürtige Hamburger immer auf die Melodie, die sich wie bei dem getragenen "Elfenbein" (aus dem Album "Fernwärme") an cineastische Weltraumklänge orientiert, während "Stromlinien" aus dem Zweitling "Sterntaler" sich eher auf die Rhythmik konzentriert und die Gitarrenfiguren minimal hält, aber mit ordentlich Echo belegt, bis im letzten Drittel das angezerrte Saiteninstrument zum großen Finale ansetzt.

Abgerundet mit Live-Mitschnitten, Remixen und Soundtracks, lädt diese Box dazu ein, einen Propheten, der bekanntlich nichts oder nur wenig im eigenem Lande gilt, neu und wiederzuentdecken.

Einen ähnlichen Offenbarungsmoment beschert uns auch Rudolf Heimann, dessen allgemeine Unterwertschätzung eigentlich fast schon ein Sakrileg ist. Seit mehr als 25 Jahren mäandert der Musiker bereits mit seinen breit gefächerten und meisterhaft eingespielten Werken umher, wird aber, bis auf wenige Ausnahmen, erfolgreich ignoriert. Vielleicht liegt das auch an der etwas längeren Pause, die sich Heimann um den Jahrtausendwechsel gegönnt hat, ehe er seit den 2010ern wieder fleißig Alben veröffentlicht. So vielfältig und gleichzeitig abgerundet wie auf dem aktuellen "Die Unendlichkeit des Augenblicks" klang er aber noch nie.

Typisch für Heimanns Oeuvre ist eine spirituell aufgeladene Frage, um die sich das Album windet. Dieses Mal ist sie allumfassend: Existiert ein Gott? Antworten dazu hat er natürlich nicht - und wenn doch, würde er sie uns nicht aufoktroyieren. Vielmehr darf sich in seiner Musik das vermeintlich Göttliche zeigen. Das Medium dazu ist immer wieder ein anderes: schwere, wuchtige Orgelklänge bei "Ad Infinitum", Gitarren bei "Monolith" und nahezu klassische Musique-Concrète-Momente in "Niemand kennt Zeit noch Stund".

Selbst das große Finale, das vom Album bewusst abgekoppelte, über 30-minütigen Hörspiel "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei", dem wohl berühmtesten Teilstück aus dem Roman "Der Siebenkäs" von Jean Paul, das Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlicht wurde und weiland für enromes Aufsehen ob seiner radikalen Hinwendung zum Atheismus gesorgt hat, bringt nicht die klare Antwort. Schließlich lässt dieser grandios geschriebene Text mehrere Lesarten zu, in denen sich Christen und Atheisten in ihrer Weltsicht bestätigt fühlen.

Jene Ambivalenz manifestiert sich in dieser Version besonders deutlich. Sprecher Roland Paroth bleibt dabei weitestgehend exponiert: Wenn er spricht, beschränkt sich Heimann auf Hintergrundgeräusche, die das (Alb)träumerische beim Hörer präsent halten soll. Die textlichen Pausen füllt er mit Drones und breiten Flächen, die Zeit geben, der Wucht des Gesprochenen nachzufühlen.

Ob tatsächlich "kein Gott sei", bleibt unbeantwortet. Von dieser theologisch-philosophischen Frage mal ab, gelingt Heimann und Paroth aber das Kunststück, einen über 200 Jahre alten Text unbeschadet und vor allem stimmig und stimmungsvoll in die Neuzeit zu verfrachten, wo es von dort aus auch eine neue Sichtweise auf unser heutiges Leben beisteuert. Allein dafür lohnt es sich, "Die Unendlichkeit des Augenblicks" zum Teil seiner auditiven Sammlung zu machen.

Am Ende dieser Geneaologie steht B.Ashra, die sich dem hippieesken Gedanken des Krautrocker ebenfalls verpflichtet fühlen darf, seinen Ansatz von Musik allerdings weitaus wissenschaftlicher anlegt. Auf "The Sound of LSD" geht er sogar noch einen Schritt weiter: Anlässlich des 75. Jahrestag der Entdeckung der psychoaktiven Eigenschaften dieses Rauschmittels hat B.Ashra nicht nur eine Vertonung des LSD-Moleküls im klassischen Stile der kosmischen Oktave vorgenommen, sondern diese auch noch in Verbindung mit einer nicht minder psychedelischen Videoinstallation, für die Trig Fardust verantwortlich zeichnet, live in Basel aufgeführt.

Aus jener Bild-Klang-Performance ist dieses Album entstanden, dass nun pünktlich zum 19. April, dem so genannten "Bicycle Day" (entdecker Albert Hofmann fuhr mit dem Fahrrad nach dem LSD-Selbstversuch nach Hause, um die Wirkung zu testen - ein Song aus diesem Album trägt den gleichen Titel) digital veröffentlicht wird - auf Wunsch auch mit dem entsprechenden Video, das gesondert auf einem USB-Stick zu erstehen ist und das psychedelische Happening noch einmal in den eigenen vier Wänden erfahrbar machen lässt.

Natürlich funktioniert "The Sound Of LSD" auch ohne Bilder, da die Stücke selber genügend Kopfkinopotenzial besitzen. Die im hauptsächlich mittleren Tempo beheimateten Instrumentale kreieren eine Klanghülle, die das Individuum vom Rest der Welt abkoppelt und in seine eigene Sphäre abtauchen lässt. Besonders "Trip" erinnert mit seinen Weltraumklängen an jenen wunderbaren Soundtrack zur japanischen Zeichentrickserie "Captain Future" - jedoch reichert B. Ashra die sprudelnden Synthesizersounds nicht mit discokompatiblem Schlagwerk, sondern einem verschleppten Beat an, der auf das Rauschhafte seiner Redundanz zusteuert.

Mit dem viertelstündigen "Awake" begibt sich der Musiker dann auf dubbige Acid-Techno und Hard-House-Pfade und schafft so die Verbindung zwischen Wissenschaft und einer von den Hippies beeinflussten Subkultur, deren liberaler Umgang mit Drogen sicherlich ein großer Streitpunkt ist.

Doch es ist irrelevant, ob es nun die bewusstseinserweiternden Mittel waren, die Krautrocker wie Michael Rother zu solch kompositorischen Höhenflügen haben hinreißen lassen oder auch nicht. Wichtiger ist die erfreuliche Tatsache, dass sie und alle Nachkommen, die in ihrem Geiste musizieren, es schaffen, rauschhafte Zustände einfach nur durch eine wundersame Anordnung von Noten generieren zu können. Und zwar in einer Art, wie es nur hierzulande (und eingedenk der romantischen Tradition) möglich erscheint.



||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 08.04.2019 | KONTAKT | WEITER: NITZER EBB "BODY OF WORK">

Webseite:
www.michaelrother.de
rudolfheimann.bandcamp.com
www.b-ashra.de

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COVER © Grönland Records/Rough Trade (Michael Rother), Spheric Music/H'Art (Rudolf Heimann), Klangwirkstoff (B.Ashra)

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