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VISIONIST "A CALL TO ARMS": ROMANTIKER IM MASCHINENLÄRM

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"Wer  Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", diktierte Altbundeskanzler Helmut Schmidt mit unnachahmlich rhetorischer Finesse in die Feder eines Spiegel-Redakteurs während eines Interviews zum Bundestagswahlkampf anno 1980. Aus politischer Sicht mögen gedankliche Wolkenkuckucksheime sicherlich nicht immer die beste Lösung sein, in der Kunst sind sie allerdings unabdingbar. Andernfalls reproduziert man nämlich nur Althergebrachtes.

Louis Carnell alias Visionist kommt solch ein redundantes Verhalten gar nicht in die Tüte, und so überrascht er auf "A Call To Arms", seinem mittlerweile drittem Streich in Albumlänge, mit neu justierter Musik. Denn früher baute er nur zu gerne eine undurchdringliche Wand aus rhythmischem Krach und Noise-Elementen auf, hinter der er sich verstecken konnte. Nun lässt er erstmalig auch so etwas wie Emotionen zu.

Das wird vor allem bei der Vorabsingle "The Fold" deutlich, die den ständig überpräsenten Maschinenlärm fast schon unbeachtet links liegen lässt und sich auf eine emotionale, fast schon berührend romantische Reise in die persönlichen Gefühle des Visionists begibt. Nur das leicht verzerrte Piano zeugt von der harschen Vorliebe des Musikers.

Dieser neue Antagonismus jedoch öffnet mehr Interpretationsspielräume, die gerade in der heutigen, ach so unsicheren Zeit wie gerufen kommen. Denn ist "A Call To Arms" nicht auch die Vertonung einer Zeit, in der jeder das Heil nur noch in seiner Innerllichleit findet, wähtend die "Welt da draußen" immer mehr aus den Fugen gerät?

So wandelt "A Call To Arms" auf der Schnittstelle zwischen dem Wunsch nach einer geordneten Seele und dem Versuch, die unberechenbaren Äußerlichkeiten abzuschirmen. Doch sind Überschneidungen einfach nicht auszuschließen, können aber wie in dem beredten Stück "Nearly God" tatsächlich transzendente Momente hervorrufen. Denn gelangt das Individuum durch all den weltlichen Unbill, den Visionist durch schmerzhafte Geräuschcollagen materialisieren lässt, erreicht es vielleicht eine höhere, gottesgleiche Erkenntnis, in diesem Stück schlicht und naheliegend durch Kircheglocken symbolisiert.


Nein, der Visionist will sich nicht dem Hörer anbiedern. Er fordert ihn heraus. Seine Songs sind für Leute, "die sich Zeit nehmen und nachdenken", wie er sagt. Großartig anderes bleibt ihnen auch nicht übrig. Entweder bleibt man gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange an den Lautsprechern kleben, oder man wendet sich sofort von ihm ab.

Damit unterscheidet sich Louis Carnell deutlich von anderen Kollegen seiner Zunft, die sich in ihre künstlerische Blase versteigen und damit zwar enigmatisch aber auch unnahbar bleiben. "A Call To Arms" läuft eben nicht in diese Falle, wenngleich Stücke wie "Lie Digging" sich durch ihre Industrial-Rhythmen vollends der Gefühlsebene entziehen. Aber der Visionist vertröstet einen sogleich mit dem nicht minder rätselhaften "Winter Sun", das sich zumindest in Teilen einem tradierten Harmonieverständnis öffnet.

Unter dem Strich ragt das Album wie ein Monolith aus der Musiklandschaft heraus. Und es ist so wunderbar als Parabel für unsere Welt zu verstehen, die sich nicht nur in einer Pandiemie befindet, sondern auch mit dem Erstarken radikaler Kräfte und ökologischer Umwälzungen fertig werden muss. All das gedenkt "A Call To Arms" ein, wenngleich das Album diese Themen nie explizit erwähnt. Dafür ist Carnells Ansatz zu poetisch. Aber man versteht sein Anliegen nur zu gut. Seinem Namen macht er auf diesem Werk jedenfalls alle Ehre.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 05.03.21 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH - DANIEL GREEN>

Webseite:
visionist.bandcamp.com

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COVER © MUTE/ROUGH TRADE

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