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"MUSIK, MUSIC, MUSIQUE 2.0" VS. "THE SUN SHINES HERE": EXPEDITIONEN KNAPP UNTER DER OBERFLÄCHE

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Mit schöner Regelmäßigkeit kredenzt uns das englische Label Cherry Red Records gehaltvolle Sampler, die versuchen, die Gesamtheit subkultureller Musikströmungen ausführlich zu beleuchten. Einige davon haben wir geradezu frenetisch gefeiert ob ihrer Songauswahl und den teilweise sehr liebevoll zusammengeklöppelten Booklets mit jeder Menge Fotos und Devotionalien. Fast ist man geneigt zu sagen, sie haben doch bereits alles gesagt, was es zu sagen gibt.

Weit gefehlt!


Nach ihren ersten allgemeinen Überblicken, geht das Label in medias res. Bereits ein Jahr zuvor haben sie mit dem ersten Teil der "Musik, Music, Musique"-Reihe sich nur noch auf das Jahr 1980 konzentriert und die Zusammenstellung als "The Dawn Of Synth-Pop" beschrieben. Der Nachfolger taucht tief in das Jahr 1981 ein. Dieses Mal ist "The Rise Of Synth-Pop" der passende cinematische Titel für diese Zusammenstellung, in der sich wieder einmal namhafte Bands wie Visage und Tears For Fears den Platz mit eher unbekannten Gruppen teilen, die es höchstens zum No-Hit-Wonder geschafft haben, deren Musik aber nicht von minderer Qualität ist.

Eher belegt der drei CD umfassende Querschnitt, wie viele der Künstlerinnen und Künstler nur unter "ferner liefen" gelistet worden sind. Jeder der drei Silberlinge hält ein oder zwei Klassiker parat, sei es nun Heaven 17s "(We Don't Need This) Fascist Groove Thang", Kim Wildes "Cambodia" oder B-Movies "Nowhere Girl". Doch sie sind nur Trigger-Songs, die den Kauf des Samplers forcieren. Die eigentlichen Helden von "Musik, Music, Musique 2.0" sind die Künstler aus der zweiten Reihe. Die Triple-CD-Box ist der lebhafte Beweis für die Fülle beeindruckender Musik, welche in diesem einen Jahr erschienen ist, von der es aber eben nicht alle geschafft haben, sich durchzusetzen.

Wie zum Beispiel Those French Girls, die mit ihren jubilierend-treibenden "Close-Up" wunderbar den  Pop-Geist dieser Tage einfängt und von der Masse sträflich unbemerkt blieb. Ein bisschen schwingt da noch der bereits zu Grabe getragene Punk und die daraus entstandenen Verzweigungen wie Post-Punk und New Wave mit. Oder auch "Love Moves In Strange Ways" von Blue Zoo: Wie es die Liner-Notes verraten, hat der "NME" diesen Song als "Single Of The Week" gekürt - gebracht hat es der Band nichts. Die Single schaffte nicht einmal den Eintritt in die Charts.

Neben allerlei kuriosen Stücken finden sich auch einige erhellende Ur-Versionen namhafter Clubhits. "Talking" von A Flock Of Seagulls ist hier in ihrer wesentlich wavigeren Erstversion zu hören. Und B-Movies Gassenhauer "Nowhere Girl" besitzt in der 1981er Aufnahmen die anarchistische Energie, die sie in der späteren Version verloren hat. "Musik, Music, Musique 2.0" ist eine lebendige Erzählung der Synth-Pop-Geschichte, die in diesem Jahr ihren ersten Höhepunkt erlebt hat.

Die frühen 80er Jahre waren aber natürlich und besonders in England ein Schaulaufen verschiedener Stile aus den Subkulturen. Irgendwann, so um Mitte der 1980er Jahre wird man den Begriff des Indie Pop eingeführt haben und damit alle Strömungen einfangen, die sich latent melodisch und "poppig" geben, aber dennoch nicht in den Mainstream reinreichen, sei es auch distributorischen Gründen, sei es, dass die Songs immer noch genügend Wiederhaken besitzen, um nie das Massenpublikum vollends anzusprechen.

Natürlich existierte die Musik - oder zumindest die Ahnung dieses Stiles - auch schon davor. Sie entfaltet sich in der Drei-CD-Box "The Sun Shines Here: The Roots Of Indie Pop (1980-1984)" und spiegelt die Entwicklungen knapp unter der Oberfläche des Massengeschmacks wieder.

Denn während sich in diesem Zeitraum der New Romantic immer stärker in den Charts durchsetzte und extrem gestriegelte Pop-Sternchen sich einem ästhetischen Nihilismus ergaben, haben andere den Spirit des Punk nicht vergessen undentwickelten die Soundkulisse weiter. Die Akteure in diesem Stilmischmasch aus Punk, Post Punk, Proto-Shoegaze, Ska, 60s-Pop und New Wave erschufen eine Übergangsphase, die sowohl Alteingesessene als auch Neulinge zusammenbrachte.

So finden sich auf der Zusammenstellung, welche die Veröffentlichung in chronologischer Reihenfolge bereithält, beispielsweise mit The Monochrome Set oder The Teardrop Explodes zwei namhafte Bands, die noch in den Wirren der sich aufzulösenden Punk-Bewegung ihre Karriere begonnen haben. Das hört man den Stücken "Read In Books" und dem schelmischen "Ten Don'ts For Honeymoners" noch deutlich an.

Gleichzeitig kommen Namen auf, die teilweise erst viel später einer breiten Masse bekannt werden sollten. Scritti Politti reüssierte in den Charts erst 1984 mit "Absolute", begonnen hat alles bereits 1981 mit "The Sweetest Girl", welches noch weit entfernt von der späteren Pop-Perfektion war, aber dafür die pluckernden Beats eines Roland CR-78 bereithielt. Ebenso erhält man durch "Radio Love" von Prefab Sprout und Aztec Cameras wunderbar sophistische Interpretation von Van Halens Party-Kracher "Jump" einen guten Einblick in die Anfänge zweier Bands, die ebenfalls ein paar Jahre später veritable Chartsstürmer für sich verbuchen konnten.

Auch Everything But The Girl und Pulp, die erst in den 1990ern eine größere Bekanntheit erlangen konnten, waren bereits eine ganze Dekade früher musikalisch aktiv. In dieser Zeit, den frühen 1980ern, spielten sie aber als zwei von unzählbaren talentierten Bands, wie sie auf "The Sun Shines Here" vertreten sind, um die Gunst der noch überschaubaren Hörerschaft.

Deswegen sind die weniger bekannten Bands, Musikerinnen und Musiker, die auf diesem Sampler vertreten sind, aber nicht weniger interessant. Im Gegenteil: Der musikalische Überblick über eine Zeit, in der Begriffe wie "Indie" oder "Alternative" nich gar nicht erfunden waren, schafft ein kohärentes Bild einer knapp unter der Oberfläche brodelnden Musikszene, die sich nicht von der Plattenindustrie hat vereinnahmen lassen wollen und immer noch den Geist des Punk und den Do-It-Yourself-Gedanken hochgehalten hat. Die Ausläufer sind indes bis ins neue Jahrtausend auszumachen. Man höre sich nur mal Franz Ferdinand oder The Strokes an.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 22.10.2021 | KONTAKT | WEITER: STEINE VS. DOC SCHOKO>

Webseite:
www.cherryred.co.uk

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COVER © CHERRY RED RECORDS/ROUGH TRADE

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