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NUOVO TESTAMENTO "NEW EARTH" VS. FLDLPN "ESCALATOR": KEINE EXPERIMENTE!

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Es gibt nur einen kurzen Moment, bei dem sich Nuovo Testamento verrät, dass sie wohl eine Truppe jüngeren Datums sein müssen. Nämlich ganz am Anfang ihres Erstlings "New Earth": "Michelle Michelle" beginnt wie eine mp3-Aufnahme in miesester Qualität, ehe glasklare Orchester-Hits uns direkt locker 35 Jahre früher zurückbeamen. Von diesem Moment an bleibt die Truppe auf Italo-Disco-Kurs und kredenzt einen beatbasierten, fast schon cheesy zu bezeichnenden Sound mit weiblichen Gesang, nicht unähnlich jenen unkaputtbaren Klassikern von Valerie Dore, Spagna oder Eighth Wonder.

Über all dem schwebt die Grönemeyer-Frage: Was soll das? Denn hier wird ganz unveschämt und eins zu eins kopiert, was anno 1985 die Clubs zum Beben gebracht hat. Auch solche fast schon vergessenen Stilistiken wie das Ausblenden eines Songs werden wiederbelebt, in diesem Fall bei "Electricity". Man ist bei Nuovo Testamento hin- und hergerissen. Ist solch ein detailgetreues Kopieren wirklich gut?

Die Antwort darauf lautet: Ja, ist es! Denn in dieses Album fließt viel mehr als nur die Lust am Epigonentum. Nuovo Testamento ist eine wahre Supergroup, bestehend aus Mitgliedern aus Los Angeles und Bologna, die bereits in so namhaften Bands wie Horror Vacui, Sheer Mag oder Tørsö tätig waren. Irrungen und Wirrungen während des Songwritings brachten sie von eher klassischen Post-Punk-Kompositionen (man höre sich einfach mal die EP "Exposure" an) hin auf die Disco-Spur. Mit Chelsey Crowley fanden sie zudem die passende Stimme, deren ungekünsteltes und naives Timbre haargenau den Duktus der Chanteusen aus jener Zeit übernommen hat.

So wird "New Earth" - beginnend mit dem Blick auf das stylische Cover und endend mit der letzten Note vom finalen "Intuition" - zu einem perfekten Chamäleon-Album, das mehr nach 80er-Jahre klingt, als es Bands dieser Dekade je geschafft haben. Stücke wie "The Searcher" oder "NewEarth" hätte die Popper sicherlich vor Freude aus ihren Slippern springen und die Schulterpolster umherwirbeln lassen.

Offensichtlich auch von den 80ern inspiriert ist Andrew Saks alias FLDPLN aus Phoenix. Doch sind es bei ihm nicht die Hi-NRG und Diskotheken-Sounds, die ihn in Verzückung bringen, sondern fluffige Shoegaze- und Dream-Pop-Klänge, der sich in dieser Zeit herauskristallisiert haben. Diese interpretiert er mit jeder Menge Elektronik.

Es bleibt daher nicht aus, auch bei ihm das Maß anzusetzen und seine Inspirationsquellen ausfindig zu machen. Diese lassen sich mit M83, Tycho oder auch Washed Out ziemlich schnell für den Sound von "Escalator" ausmachen. Doch viel mehr noch als die einflussreichen Musikerinnern, Musiker oder Gruppen, gilt seine ganze Liebe vor allem einem Instrument: dem Saxofon.

Dieses beherrscht Saks nämlich schon seit frühester Jugend und gibt ihm nun einen immensen Raum. Gepaart mit wattigen Sequenzen, arabesken Arpeggis und jeder Menge Hall, die er großzügig über Rhythmussektionen verteilt, befördert der Musiker den Hörer in dramatisch-luftige Höhen. Der titelgebende "Escalator", also: die Rolltreppe, scheint mit jedem weiteren Song auf das Firmament zuzusteuern.

Saks' Faible für die pastelligen Tonlandschaften hat er bereits früher als Gitarrist der Shoegaze-Truppe Sway ausleben können. Nach deren Trennung wurde aber das Saiteninstrument in den Schrank gestellt und gegen das Saxofon eingetauscht. Eine gute Wahl, wie sich herausstellt, denn durch die Zugabe dieser unnachahmlich weichen Töne zieht in die FLDPLN-Kompositionen eine weitere Ebene ein, was den Songs noch mehr dramatische Tiefe verleiht.

"Escalator" funktiioniert als Gesamtkonstrukt, bei dem jeder Song Teil eines übergeordneten Ganzen zu sein scheint, weswegen auch eine gesonderte Darstellung einzelner Nummern keinen Sinn macht. "Escalator" ist eine ganzheitliche, auditive Reise, von der man hofft, sie möge nicht enden. Daher soll auch das Schlusslied "Maybe This Is How It Ends" nicht als böses Omen gelten. FLDPLN wird bestimmt weiter machen, dafür ist das Potenzial dieses Projekts einfach zu groß.

Es muss eben nich immer die bahnbrechende musikalische Innovation sein, die ein Album erst so richtig interessant macht. Manchmal reicht es schon, sich mit Bekanntem intensiv auseinanderzusetzen und auf diese Weise etwas Großes zu schaffen. Nuovo Testamento und FLDPLN haben dies geschafft - eine nicht zu  unterschätzende Leistung, die viel Respekt abverlangt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.07.21 | KONTAKT | WEITER: TANYC "TANYC">

Webseite:
nuovotestamento.bandcamp.com
www.fldpln.com

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COVER © Avant! Records (Nuovo Testamento), Sillas Formosas (FLDPLN)

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