14/21: HARRY STAFFORD AND MARCO BUTCHER, THE COLD FIELD, KAIZER, DRANGSAL, US AND I: QUERFELDEINLAUF - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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14/21: HARRY STAFFORD AND MARCO BUTCHER, THE COLD FIELD, KAIZER, DRANGSAL, US AND I: QUERFELDEINLAUF

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2021

Diversität ist das Gebot der Stunde. Dem will auch UNTER.TON Genüge leisten - mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Das bedeutet: über den Tellerrand schauen, was es musikalisch noch so interessantes gibt. Das Ergebnis: einiges!

Fangen wir mit Harry Stafford an, den die Redaktion seit ihrer letzten Veröffentlichung "Gothic Urban Blues" direkt ins Herz geschlossen hat. Der Titel ist dabei wörtlich zu verstehen. Der Mann, der zuvor bei den Inca Babies astreinen Post-Punk vom Leder zog, wildert in seinen Solo-Aktivitäten stilstisch überdeutlich bei Nick Cave oder Shriekback, ohne aber als lahmes Duplikat herumzuirren. Für die neue Platte "Bone Architecture" hat er sich Marco Butcher als "partner in crime" auserkoren, der eigentlich nur Conaisseuren bekannt ist. Diese jedoch schwärmen von seinem Talent. Stafford und Butcher jedenfalls gelingt als Duo ein mehrschichtiges Album, das die Weirdness von Birthday Party ("Bone Architecture", "Termite City") ebenso für sich zu nutzen weiß wie die Abgerissenheit eines Tom Waits ("Hide The Knives", "The Sun And The Sky"). Da ist sicherlich viel Ehrerbietung gegenüber den genannten Künstlern auszumachen, aber dennoch bleibt sich Stafford seiner eigenen Herkunft treu und experimentiert bei "Savannah Of Havana" und dem psychedelischen Pink-Floyd-Cover "Arnold Layne" munter vor sich hin. Diese gelegentliche Ausflüge in andere Spielarten des Rocks lockern das Album auf und man wundert sich, warum Harry Stafford und Marco Butcher erst jetzt gemeinsame Sache machen. Vielleicht war es aber auch genau richtig, dass die beiden ihre erste Platte in einem fortgeschrittenen Alter eingespielt haben. Denn die musikalische Weisheit dieser beiden Charakterköpfe trägt sicherlich dazu bei, dass "Bone Architecture" eine verdammt coole Platte geworden ist.

Nicht weniger locker aus der Hüfte geschossen ist "Hollows" der australischen Formation The Cold Field. 2019 in Adelaide gegründet, haben Ian Messenger und Heath Newberry bereits durch ihr Debut-Album "Black River" sich das Prädikat "vielversprechender Newcomer" erspielt. Mit "Hollows" untermauern sie einmal mehr ihre übersprudelnde Liebe zum Cold Wave mit klarer Kante. Fast schon konservativ mutet der Zweitling an, dessen Fundament Drum Machines, Synthesizer, Bass, Gitarre und leicht verzerrte Gesangspassagen bilden. Damit schlagen sie einerseits eine Brücke zu den frühen Anfängen dieser Stilrichtung - allen voran Joy Division schießt einem immer wieder ins Gedächtnis -, folgen andererseits auch dem aktuellen Trend, die beispielsweise Lebanon Hannover oder Soft Kill vor einigen jahren losgetreten haben. Doch beenden wir an Dieser Stelle die Vergleichsonanie und konzentrieren uns einfach auf die Band selber. Und diese schafft es, bereits mit dem Opener "Ride The Breeze" eine nebulöse Stimmung zu evozieren, die sie über das ganze Album aufrecht erhalten. Dabei bleiben sie in ihren Songs variabel, zeigen sich in "She Bathes" mehr der minimalen Elektronik verpflichtet, während "Endless Ending" das Punk-Moment etwas intensiver auskosten. Erst das abschließende "Into The Light" lässt dank einer träumerischen Indie-Pop-Gitarrenfigur sprichwörtlich mehr Helligkeit in die sonst eher trüben Sounds von "Hollows" zu. Adelaide kann sich glücklich schätzen über The Cold Field. Sie sind momentan das eindrucksvollste Aushängeschild für australischen Cold Wave.

Von der anderen Seite des Erdballs zurück in unsere Breitengrade und zu Kaizer, die gleich mal unter rammsteinigen Gitarrenriffs dem Hörer verkünden "Wir sind fest entschlossen, wir gehen unseren Weg". Geradezu programmatisch eröffnet die Gruppe mit "Leitwerk" ihr zweites Album "Leidwerk". Es ist nicht zu übersehen: Das Sextett spielt mit der Sprache, ähnlich wie ASP, die sicherlich stilistisches Vorbild sind. Aber auch, was die Umsetzung ihrer Ideen aneblangt. Denn da machen Kaizer ebenfalls keine halbe Sachen. Bereits ihr Erstling "Lebenszeitverschwender" wurde von den fähigsten Köpfen der Gothic-Szene begleitet (unter anderem war Jose Alvarez-Brill mit von der Partie und für den finalen Feinschliff zuständig). Nun haben sie mit Chris Harms (Lord Of The Lost) einen weiteren Kenner für üppig produzierten Gothic-Rock ins Boot geholt. Das Ergebnis ist ein erwartbares, effektbeladenes Album, das in seiner Eingängigkeit einige Kritiker dazu hinreissen wird, "Leidwerk" als rundgelutschten Gruftie-Schlager abzutun. Der Einwand ist zwar berechtigt, übersieht aber gleichzeitig die hohe Professionalität, mit der Kaizer ihr Nachfolgealbum eingespielt haben. Und letztendlich sind Stücke wie "Gib mir ein Zeichen" durch den verschwenderischen Gebrauch von Pathos und überbordender Romantik (das gesangliche Zusammenspiel zwischen Anna und Alex sei hier an dieser Stelle besonders lobend erwähnt) einfach gut gemacht. Kaizer spielen in der gleichen Liga wie Saltatio Mortis oder Subway To Sally und können es zukünftig Headliner von Gothic-Festivals werden.

Deutsche Sprache und Popmusik steht generell vor einem Problem. Es ist ein schmaler Grat zwischen verkopfter Lyrik, die nur ein abgewichster Germanist lieben kann, und schlageresker Phrasendrescherei. Diesen beschreitet Drangsal seit einiger Zeit mit einer fast schon unverschämt zu nennenden Coolness. War zunächst die Berührungsangst mit der Muttersprache auf dem Debüt "Harieschaim" (2016) noch deutlich erkennbar, traute sich Max Gruber, wie der Musiker bürgerlich heißt, bereits auf "Zores" mehr zu - auch musikalisch: Aus den grüblerischen Post-Punk-Gefilden ging es raus in einen Indie-Pop, der aber immer noch stark von den 80ern beeinflusst ist. Mit dem neuesten Album "Exit Strategy", das einmal mehr ein lockerleichtes Sinnieren über das Leben darstellt, schafft Drangsal nun den perfekten Spagat zwischen jubilierenden New-Wave-Klängen und juvenilem Existenzialismus, der prototypisch in "Rot" ausgerollt wird. Natürlich geht es bei Drangsal auch um die Liebe. Diese aber wird wie in "Schnuckel" bewusst durch den Kakao gezogen und mit Reizwörtern vollgepackt. "Du bist ein bisschen doof und ich mache dir den Hof, meine Greta Garbo." Allein für diesen Satz, unterstützt von einem wie wild auf die vier Takte prügelnden Snare, gehört Drangsal einen Orden für erfolgreiche Sprachspielerei verliehen. Denn momentan wird mit "Greta" sicherlich nicht mehr die Garbo assoziiert. Vielen Dank dafür - und natürlich auch für "Exit Strategy", das in keiner Sekunde den geringsten Zweifel aufkommen lässt, dass wir es hier mit dem vielleicht besten deutschsprachigen Album 2021 zu tun haben.

Am Ende dieses auditiven Querfeldeinlaufs erreichen uns mit Us And I synthetische Klänge aus einem Land, das so gut wie  gar nicht mit solchen Sounds in Verbindung gebracht wird: Indien. Aus Bengaluru stammen Musiker Gaurav Govilkar und Sängerin Bidisha Kesh, aber würde man einfach nur ihre "Loveless" EP anhören, man würde sie direkt in die westliche Welt verfrachten. Denn ihr träumerischer Synth-Pop, das geradezu verschwenderisch mit Arpeggio-Arabesken um sich wirft, erinnert zum Teil an französische Großmeister wie Sebastian Tellier und Air (es wurde daher wohl auch nicht aus Zufall am Ende ein paar französische Vokabeln in die Kompositionen geworfen), zum anderen Teil aber auch an die Synth-Wave-Legende Kavinsky. Mit Bidishas' Schlafzimmer-Gesang wirken die Songs wie mit einem Weichzeichner gemalt. Die erste EP, bestehend aus den Stücken "Fragile", "Butterflies", "Phases" und "First Love" (die letzten beiden Stücke gehören zu den größten Überraschungen dieses Duos), verhält sich konträr zum stereotypen Bild, das die westliche Welt von Indien besitzt. Denn hier dominieren keine satten Farben, sondern eher pastellige Töne, die eine eigenartige Traumwelt eröffnen, die ein bisschen was vom putzigem Futurismus der 1970er Jahre besitzt. In jeglicher Hinsicht ist jedoch "Loveless" alles andere als es der Titel dieser EP uns weismachen möchte. Ganz im Gegenteil: Die Hingabe, mit der Us And I ihre elektronische Musik präsentieren, sollte sie in Zukunft auch in unseren Breitengraden bekannt machen. Zu wünschen wäre es ihnen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 31.08.21 | KONTAKT | WEITER: MASSIV IN MENSCH VS. PRINCIPE VALIENTE>

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Webseiten:
harrystafford.bandcamp.com
thecoldfield.bandcamp.com
www.facebook.com/Kaizerberlin
www.drangs.al
usandimusic.bandcamp.com

Covers © Black Lagoon Records (Harry Stafford & Marco Butcher), Cold Transmission Records (The Cold Field), Tisol Mjusic Group (Kaizer), Caroline Records (Drangsal), Us And I

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