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3/19: THE BAD DREAMERS, NEW YORK UNITED, DONNA MISSAL, HOZIER - HINTERM TELLERRAND GEHT'S WEITER

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Es gehört schon eine große Portion ausgereifte Ignoranz dazu, um sämtliche Radio- und Chartsmusik als unzureichend künstlerisch einzustufen. Schlimmer noch: Wer den Weg weg von den Hitparaden oder anderen "artfremden" Genres wählt, verpasst vielleicht den einen oder anderen Feinschmecker-Happen.

In dieser Beziehung machen es uns The Bad Dreamers aus Los Angeles allerdings noch recht einfach, weil sie unüberhörbar die 80er Jahre im Herzen haben, die sie bei "Songs About People Including Myself" in aller epischen Breite zelebrieren. Der breitbeinige, anglo-amerikanische Synthie-Rock von Don Henley, Kenny Loggins und Loverboy klingt vor allem bei "Who You Run To" stark durch. Das Ein-Mann-Projekt von David Schuler bringt aber die Sounddesigns aktueller Pop-Prodktionen bei "The Meaning Of Life" und "Reach You" ins Spiel und gönnt sich ein klein bisschen Nine-Inch-Nails-Kantigkeit in Form zackiger Sample-Collage und schrammeliger Gitarren bei "Part Time God". Schließlich darf auch ein urbanes Saxofonspiel nicht fehlen. Bezeichnenderweise findet dieser sich in "Somewhere In This City". Doch auch hier zeigen sich The Bad Dreamers wenig konservativ und jagen das Blasinstrument durch den Rechner, um ihm einen retrofuturistischen Anstrich zu verleihen. Den intensivsten Spannungsbogen gelingt Schuler allerdings mit "Hit Me Harder". Die Nummer baut sich hauptsächlich auf einer Melodie auf, die sich langsam aus den Tiefen nach oben schraubt und dadurch einen hypnotischen Sog entfaltet. "Songs About People Including Myself" ist nicht nur eine weitere Synth-Wave-Platte, die momentan zu Hauf auf den Markt geworfen werden, sondern ein gut durchdachtes Werk, das zwischen Charttauglichkeit und Szenekredibilität eine perfekte Mischung gefunden hat und mit dem abschließenden "What We Think Vs. What We Know" sogar einen philosophisch-experimentellen Einschlag erhält.

Die Vereinigung verschiedener Stile zu einem stimmigen Gesamtkonzept steht bei New York United ebenso im Fokus. Ihr überbordender Eklektizismus ist allerdings weitaus sophistischer angelegt. Kein Wunder: Hier treffen vier Musiker mit ganz unterschiedlicher künstlerischer Sozialisation aufeinander. Multiinstrumentalist Daniel Carter und der italienische Schlagzeuger Frederico Ughi sind im Jazz beheimatet, Tobias Wilner entstammt der dänischen Dream-Pop-Formation Blue Foundation und Djibril Toure zupfte den Bass für die Rapper-Vereinigung Wu-Tang-Clan. Sie alle haben sich nach merhjähriger Live-Zusammenarbeit in einem Studio verschanzt und einach drauflos gespielt. Am Ende steht ein gewaltiges Werk, das jedes Mitglied auf seine Weise repräsentiert, aber auch sich dem Bandnamen über alle Maßen verpflichtet fühlt: Nicht nur, dass die Songs mit Straßennamen vom "Big Apple" versehen wurden, "New York United" huldigt dem smoothen, avantgardistischen NY-Jazz eines John Coltrane, bricht ihn aber durch verschwommene Elektronik. Carter improvisiert an den Blasinstrumenten, begleitet vom Haken schlagenden Drumplay Ughis (und darf auch mal, wie es sich gehört, solo bei "125th Street" glänzen). Wilner und Toure zerren mit ihren melancholischen Klängen die ganze Komposition in die Kanalisation der Metropole. "New York United" zeigt die intellektuelle Seite der Stadt; der Sound dieser Platte könnte auch perfekt als Untermalung einer Vernissage eines hippen Malers sein, der seine Exponate in einem verlassenen Fabrikgelände präsentiert.

Ein Ort, an dem man sich Donna Missal wiederum vielleicht gar nicht so richtig vorstellen könnte. Denn wenn sie singt, klingt es eher nach verrauchter Eckkneipe oder kleiner Künstlerbar. Dort würde die Frau mit ihrer kraftvollen Stimme sicherlich auch die letzten Reihen zum Hinhören zwingen. Zugeständnisse an den weiblichen Popstar-Ethos macht Donna auf ihrem Debüt "This Time" nur wenige: "Girl" und "Driving" verorten mit angedeutetem R'n'B-Gestus ihr souliges Organ zunächst ein eine erwartbare Richtung. Doch bereits "Jupiter" mit porösem Synthie-Beat und quäkigen Sequenzen setzt einen erstaunlichen tönernen Kontrapunkt zur gewichtigen Stimme Missals. Im Laufe des Album verlässt die Frau, die nicht viel Aufhebens um sich macht, die noch vorhersehbaren Pfade, um sich als durchaus wandelbare Sängerin zu präsentieren, die ihren unbestreitbaren Höhepunkt in der bitteren Blues-Rock-Ballade "Keep Lying" hat. Donna Missal singt, als ob es um ihr Leben ginge. Im ausufernden Refrain meint man bisweilen sogar, eine Reinkarnation von Janis Joplin vor sich stehen zu haben. Tatsächlich überstrahlt diese Nummer das ganze Album, und man kann sich nur wünschen, dass die Sängerin aus New Jersey größere Bekanntheit erlangt. Kaum vorstellbar, dass sie diesen Song einst geschrieben hat, um ihn anderen Musikern anzubieten. Bei ihrer kunstschaffenden Verwandtschaft (Großmutter und Vater sind ebenfalls im Musikgeschäft involviert) ist es allerdings sowieso nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie in Erscheinung treten würde. Dann aber mit einem großen Knall. "This Time" schafft es, pompösen Soul-Pop und kantiger Indie-Pose ein Einklang zu bringen.

Dieses Kunststück, wieder um gelang anno 2014 Hozier mit seinem selbstbetitelten Debüt. Vor allem die Auskopplung "Take Me To Church" durchsetzte den Pop mit politischen Statements und religiöser Erlösungsatmosphäre und brachte seit langem wieder so etwas wie eine Haltung in den Mainstream (was anderen Künstlern wie Rag'n'Bone Man oder Kaleo den Einstieg in die Charts erleichtert haben dürfte). Mit "Wasteland, Baby!" bleibt Hozier seiner Linie weiterhin treu, vermischt melancholisch unterfütterten Gospel und Blues mit polternd-staubigen Rockelementen, während der Mann mit Jesus-Optik mit dringlichem Bariton über den allgemeinen Werteverfall auf der Welt singt. Bereits die Auskopplung "Nina Cried Power" übt den Schulterschluss mit all den Aktivisten und Unbeugsamen auf der Welt, die sich gegen die globalen Ungerechtigkeiten auflehnen. Doch war die EP im Herbst vergangenen Jahres nur die Ouvertüre für etwas weitaus größeres. Denn einmal mehr zeigt Hozier - bei allem, durchaus wünschenswerten, Sendebewusstsein - seine klare musikalische Vision, die sich ohne Leistungsabfall durch das Album manifestiert. Das jubilierende Moment der Refrains, wie man es von seinem Überhit her kennt, dekliniert er weiter durch, bleibt aber dabei voller Überraschungen. Besonders "Movement" könnte der legitime Nachfolger von "Take Me To Church" werden. Der Titelsong, ein etwas psychedelisch angehauchter Folk-Song, schließt das Album einmal mehr mit einer unerwarteten Wendung ab. Seine Sonderstellung als tiefgründiger Barde innerhalb des oberflächlichen Pop-Business behält der Ire weiter bei und lässt hoffen, dass Chartsmusik nicht nur von unerträglichem Flachsinn okkupiert wird.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 11.03.2019 | KONTAKT | WEITER: TOP 5 - TALK TALK>

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danielcartertobiaswilnerdjibriltourefedericoughi.bandcamp.com
www.donnamissal.com
www.hozier.com

Covers © FiXT (The Bad Dreamers), 577 Records (New Yok United), Harvest/UMG Recordings (Donna Missal), Island/Universal Music (Hozier)

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