"POTZBLITZ - 31+1 ERLEUCHTENDE LIEBESERKLÄRUNGEN AN MEINEN LIVE-CLUB": HIER IST MEIN CLUB, HIER DARF ICH SEIN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"POTZBLITZ - 31+1 ERLEUCHTENDE LIEBESERKLÄRUNGEN AN MEINEN LIVE-CLUB": HIER IST MEIN CLUB, HIER DARF ICH SEIN

Exlibris

Jetzt wird es persönlich. Entgegen aller journalistischen Gepflogenheiten trete ich als Autor in diesem Artikel auf. Schuld daran hat der Musikjournalist Markus Kavka, der über seinen "Circus Gammeldsorf" erzählt, einer Location irgendwo im Nirgendwo der oberbayerischen Pampa, rund 70 Kilometer von München entfernt, in dem er anno 1989 einen gewissen Kurt Cobain interviewte, der damals eine Deutschlandtour mit seiner Band Nirvana absolvierte.

Ein guter Freund von mir, den ich Anfang der 2000er kennengelernt und mitdem ich etwas später zusammen eine Radiosendung moderiert habe, war ebenfalls regelmäßiger Gast dort und erzählte mir von diesen berüchtigten Konzerten. Zu diesem Zeitpunkt war der Circus schon lange Geschichte. 1994 fiel der Laden einem Brand zum Opfer - man mutmaßt, dass er absichtlich gelegt worden sei. Meinem Kumpel allerdings ging Gammelsdorf nicht aus dem Kopf, und über Umwege, die ich nicht mehr genau wiedergeben kann, wurde ihm vor knapp zehn Jahren die Möglichkeit zuteil, das Gebäude zu pachten und die Kultstätte zu reaktivieren, von der ich, der 14 Jahre jünger ist als er, nur vom Hörensagen über die dort stattgefundene Magie mitbekommen habe.

Ich sagte ihm meine Hilfe bei den Renovierungsarbeiten zu und konnte somit die "heiligen Hallen" betreten, in dem so viele subkulturelle Ereignisse vor den Toren der bayerischen Landeshauptstadt stattgefunden haben. Recht plastisch und mit leuchtenden Augen erzählte er mir, wie das alles damals so ablief und wie legendär die Parties und Liveauftritte gewesen sind. Langsam begann ich zu verstehen, warum er vom "Gammelsdorfer Circus", wie er es nannte, immer noch schwärmte.

Obwohl kaum noch etwas an die damalige Zeit erinnerte, konnten das Gebäude Geschichten erzählen, ein ganz spezieller "Vibe" war zu spüren - eben jener eines Ortes, an dem viele Menschen zusammen gekommen sind und wunderbare Stunden verbracht haben, an die sie sich vielleicht sogar gar nicht mehr erinnern.

Die Idee einer Neuauflage des "Circus" scheiterte übrigens relativ schnell an uneinlösbaren behördlichen Vorgaben. Ein Umstand, der vielleicht auch heutzutage Grund dafür ist, dass die Clublandschaft in den letzten Jahren weniger schillernd, alternativ und vielleicht auch unbedarft ist, als es noch vor 20, 30 Jahren der Fall war. Die Textesammlung mit dem zwar etwas sperrigen Titel "Potzblitz - 31+1 erleuchtende Liebeserklärungen an meinen Live-Club" greift jedoch dieses Momentum wieder auf und zeigt, welchen Impact ein solcher Ort auf die Autoren hatte.

Musikerinnen und Musiker sowie Schriftstellerinnen und Schriftsteller berichten von einer Zeit, die noch gar nicht so weit weg, gefühlt aber tatsächlich eine Ewigkeit her ist. Die Lebensfreude, der Rausch, die uneingeschränkten Begegnungen: Das Buch erinnert mit seinen kleinen Essays an diese Orte, die zu Tempeln des Glücks hochstilisiert werden. Hier ereignen sich die verrücktesten Ding und man darf vor allem eines sein: (ein junger) Mensch.

Die Geschichten sind mal launig, mal wehmütig (Kavka), mal irrwitzig. Da berichtet Alex Schwers von der Band Slime, wie er als Jungpunk versucht hat, in ein überfülltes Konzert der Combo Hass in der Zeche Carl in Essen zu gelangen, Ines Maybaum von den Broilers schildert ihren ersten Liveauftritt im Club, Schriftsteller Dirk Bernemann ("Ich hab die Unschuld kotzen sehen") beschreibt einen nahezu unmöglichen Dialog zwischen dem Merchandising-Verkäuger und einem Gast.

Über allem, und auch immer wieder gerne in den "Liebeserklärungen" erwähnt, steht vor allem die olfaktorische und haptische Qualität der Live-Clubs. Es riecht nach Erbrochenem, nach Schweiß, Rauch und Bier. Die Böden kleben und an den Wänden kondensiert das Wasser. Ein Zustand, der auch nach dem Reinemachen nicht weggeht. Matthias "Matze Rossi" Nürnberger hat es in seinem Text über den "Stattbahnhof Schweinfurt" treffend formuliert. "Das verhält sich so wie mit den gusseisernen Pfannen der französischen MeisterköchInnen: Das Essen schmeckt nur so gut, weil immer ein bisschen Reste drinbleiben und immer wieder neu mit angebraten werden. Die würden dir sicher die Hände abhacken, wenn du mit einem Glitzi die Reste aus einer gusseisernen Pfanne kratzen würdest."

Vielleicht steht dieser urige, dieser archaische Geruch auch im krassen Widerspruch zu einer immer aseptischer wirkenden Welt, in der, wie es der Kabarettist Dieter Nuhr mal beschrieb "zum Morgen ein Tässchen Sagrotan" zu sich genommen wird. Jedenfalls scheint sich in den Live-Clubs, das legen die Berichte nahe, ein wahrhaftigeres, ein authentischeres Leben abzuspielen. Eines, von dem die teilweise etwas betagteren Herrschaften gerne zurückblicken, weil es ihren Charakter gefestigt hat. In diesem herrlich kurzweiligen Buch jedenfalls fühlt man sich an die verschiedenen Orte versetzt, sei es die "Zeche" in Bochum, das "Backstage" in München oder das "Gleis 22" in Münster.

Als im Frühjahr 2020 der Lockdown beschlossen und das gesamte gesellschaftliche Leben quasi auf Null runtergefahren wurde, konnte vor allem der Konzert- und Diskothekenbereich noch nicht ahnen, wie sehr diese Restriktionen an die gesamte Substanz dieser Branche gehen sollte. Denn während im Laufe des vergangenen Jahres viele Berufsstände wieder halbwegs Normalszustand erreichten, musste die Veranstaltungsbranche weiterhin den Kürzeren ziehen. Über mehr als ein Jahr sind die Betreiber von Clubs und Diskotheken zur Untätigkeit verdammt gewesen. Zwar sind mittlerweile Liveauftritte unter bestimmten Bedingungen wieder möglich, doch bis zur präpandemischen Normalität ist es noch ein langer Weg.

In der Abstinenz des Glücks erkennt man erst seinen wahren Wert. Von daher haben Sebastian Schwaigert und Marc Huttenlocher "Potzblitz - 31+1 erleuchtende Liebeserklärungen an meinem Live-Club" zur richtigen Zeit herausgebracht.


Was den "Circus Gammelsdorf" anbelangt, so weiß ich gar nichts über den jetzigen Verbleib. Im besten Fall liegt dieser Ort immer noch im Dornröschenschlaf und wartet darauf, eines Tages wachgeküsst zu werden, um Schauplatz für die nächsten spannenden Geschichten zu werden.

||TEXT: DANIEL DRESSLER |DATUM: 05.10.21 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH - TOM SHEAR (ASSEMBLAGE23)>

Webseite:
www.ubooks.de


ISBN 978-3-86608-287-8

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