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"GRENZWELLEN SIEBEN": PROGRESSION DER REDUKTION

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An diesen Namen kam man in den 1990ern einfach nicht vorbei, wenn man als Musiker in der schwarzen Szene reüssieren wollte: Ecki Stieg. Mit seiner Radiosendung "Grenzwellen" hat er beim Sender ffn neuen und noch unbekannten Bands eine Plattform gegeben. Deine Lakaien oder auch Wolfsheim zählen zu den wohl bekanntesten Bands, die ihre erste größere Hörerschaft auch dem Moderator und Musikjournalisten zu verdanken haben.

Als Koryphäe auf dem Gebiet schwermütiger Unterhaltung galt Stiegs Wort sehr viel. Sein Leben indes hat er "auf der Überholspur" geführt, wie er uns im Interview anlässlich seiner Reaktivierung der "Grenzwellen"-Sendung auf Radio Hannover vor rund sechs Jahren beichtete. Und tatsächlich wirkte der Mann noch bis in die 2010er wie ein Getriebener. Erst seine komplette Lebensneuausrichtung hat den sympathischen und eher stillen Musikliebhaber aus Rehren im Auetal endlich ankommen lassen. Seine Gedanken, die er in den sozialen Medien verbreitet, sind durchzogen von einer gewissen inneren Ruhe und großer Weisheit. Man kann fast sagen: Ecki Stieg hat sich seiner eigenen Mitte ein großes Stücke genähert.

Dementsprechend wirken auch die "Grenzwellen"-Sampler stets wie eine Meditation über die Möglichkeiten der elektronischen Klangerzeugung. Denn in Zeiten schnell zusammengeschusterter Presets aus den Baukästen diverser Musiksoftwares, sind es gerade jene Stücke, die nicht wie von der Stange klingen und "nicht beim Bügeln stören", wie man es lapidar beschreiben könnte, sondern vom Hörer die volle Konzentration erwarten. Natürlich funktionieren sie auch als betulich Klangtapete im Hintergrund, was aber erstens den bisweilen 15 Minuten langen Kleinoden nicht gerecht wird, und zweitens den Hörer um die Möglichkeit bringt, die feinen Nuancen und dünn gezogenen tönernen Pinselstriche zu entdecken.

Deswegen heißt es bei "Grenzwellen" auch immer: in vorgegebener Reihenfolge und am besten mit Kopfhörer die Stücke genießen. Denn nur so entfaltet sich die tiefere Wahrheit, die sich hinter den Songs - und letzen Endes auch hinter dem Kompendium selbst - verbirgt.

Die siebte Folge nun achtet dabei auf eine besondere Progression der Reduktion: So verankern sich die sprudelnden Sequenzen von Stefan Erbes Opener "The Hunter" noch deutlich in der Berliner Schule. Auch die nachfolgenden Stücke von Germind und Forma Tadre stehen in einer Linie mit den melodieverliebten und esoterisch angehauchten Elektrospielereien eines Klaus Schulze oder Robert Schroeder. Vor allem "Definitely Mosaic" der Tofustaggerbush hebt sich mit ätherischen Akkorden in höhere Sphären.

In "Shove" von H][uron und "Prometheus Unbound" des Projekts epitomeZero gibt Stieg den düsteren Stücken, die von zerfetzten Rhythmen und trügerischen Beats durchzogen werden, Platz, ehe Sankt Ottens mitternächtliches Shuffle "Der Abend, an dem nichts passierte" noch einmal in Melodien baden darf. Doch zu diesem Zeitpunkt begibt sich "Grenzwellen Sieben" bereits ins Klanginnere. Das Bersarin Quartett arbeitet in "Wenn wir nur wollen" bereits an flächigen Texturen, die sich bei "Every Sunset Brings The Promise Of A New Dawn" von Pale Glow vollends ausbreiten und in "The Emptiness Of Space I" von Sven Laux eine uneingeschränkte Absolutheit erfährt.

Aus den Melodien sind längst dicht geknüpfte Klangteppiche geworden, die uns Hörer zu uns selbst führen und bei "Near To The Heart" von Rodney Orpheus wie ein Blick durch ein verschwommenes Kaleidoskop in unsere innersten Sorgen und Wünsche wirkt. Schließlich fungieren die anschleichenden Trompeten bei "Glühte aus" von Morgen Wurde feat. Doug Perry & Tetsuroh Konishi wie das deutliche Zeichen zum Aufbruch und dem Verlassen dieses wundervollen Grenzwellen-Kosmos, der einmal mehr kein geringeres Ziel im Auge hat, die Menschen durch Musik wenigstens ein kleines bisschen zu einem besseren Menschen zu machen.


||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 19.06.2020 | KONTAKT | WEITER: IM GESPRÄCH- ALTAR OF ERIS>


Webseite:
grenzwellen.bandcamp.com

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