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MARÍ "MAKING PEACE WITH UNCERTAINTY" VS. JANDA "APNOE" - ABTAUCHEN, UNTERTAUCHEN

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Trauriger und in sich gekehrter hat kaum eine Platte je angefangen. Linda Marí Josefsen, die sich einfach Marí nennt, setzt "Forget-me-not" an den Anfang ihres superben Debüts "Making Peace With Uncertainty", das mit tiefen Bläsern beginnt und sich am Ende durch öffnende Pianoakkorde in die Höhen schwingt (der Aufbau und vor allem das üppige Finale erinnert sehr an "Hurt" in der einmaligen Version von Johnny Cash).

In einer intimen Atmosphäre aus gedämpften Orchesterparts, achtsam eingesetzten Schlagwerk, wehmütigen Gitarren und feinen Pianolinien setzt Marí ihre Texte, die der tristen Grundstimmung in die Karten spielt. Sie singt - wie ist es auch anders zu erwarten - von unerwiderter Liebe, in die Brüche gegangenen Beziehungen und das Gefühl, einfach nicht von der Welt verstanden zu werden. Marís Organ wird dabei zum tragenden Part der Songs. In den Tiefen bedrohlich, in den Höhen zerbrechlich und fein, schafft sie eine intime Nähe zur Hörerschaft.

Eine reine Trauerveranstaltung ist "Making Peace With Uncertainty" allerdings nicht. Zumindest geht es musikalisch hin und wieder unerwartet schroff und extrovertiert zu. Die hart angeschlagenen Saiten bei "Periphery" und der musikalische Twist am Ende von "Never Meant No Harm", bei dem das Arrangements zu einer sich immer schneller drehenden Synthiebassfigur aus den Fugen gerät und einen tönernen Orkan initiiert, der unvermittelt abbricht, sind deutliche Indizien für die musikalische Freiheit, die sich die Musikerin gönnt, um spannend zu bleiben. Trotz des ruhigen Tenors des Erstlings fallen solche Lieder aber nicht unangenehm auf, sondern fügen sich nahtlos in das Gesamtkonzept.

"Making Peace..." ist ein philosophosches Album geworden, das über verschiedene Szenen des Lebens die große Sinnfrage eröffnet und den Platz des Individuums in der Gesellschaft zu definieren versucht. In unseren dunkelsten Stunden wird das Album aber keinen Ausweg oder keine Lösung anbieten, sondern, und das ist vielleicht viel wichtiger, mit seiner Musik und seinen Texten klar machen will: "Ich bin da. Und ich weiß, wie Du Dich fühlst." Manchmal reicht ein verstanden werden schon völlig aus.

Mit Stücken wie "The Morning After" und "Keep My Light On" offenbart Marí eine große Ehrlichkeit in ihrer Performance, was den Lärm der Welt für einen Moment verstummen lässt. Die Dänin schenkt uns kleine Momente der inneren Einkehr, die uns am Ende mit einem melancholischen zwar, aber doch inneren Frieden wieder in die Welt hinausschicken - und mit Gänsehaut am ganzen Körper.

Unter Apnoe versteht man das Aussetzen der Atmung, beispielsweise während des Schlafes. Während dies unwissentlich passiert, nutzen Apnoe-Taucher die Technik des Atemstillstands bewusst, um sich ohne technisches Gerät unter die Wasseroberfläche für lange Zeit aufzuhalten.

Letzteres bildet die kreative Basis für die Leipzigerin Janda, die selbst Erfahrungen als Freediverin hat und von dem besonderen Moment der Schwerelosigkeit in der Unterwasserwelt berichten will. Im zuförderst positionierten Titelsong geht es denn auch genau darum: die Welt "in the vacuum between two breaths" offenzulegen und das besondere Moment des sich Hingebens erfahrbar zu machen. "Dive down deeper till you're falling" ist Anfang und Präambel des Zweitlings der Musikerin.

Direkt Bezug zu ihrem geliebten Element Wasser nimmt Janda aber nicht nur in "Apnoe", sondern auch bei "Ama". Der japanische Begriff bedeutet "Meerfrau" oder "Meermann" und bezeichnet Freitaucher, die im Ozean nach Meeresfrüchten fischen - ein traditioneller Frauenberuf, der sogar von bis zu 80-jährigen ausgeübt wird. Im größeren Kontext stehen die Ama sinnbildlich für die Stärke der Frau. Denn als früher die Männer zur See fuhren, tauchten die Frauen, um von ihnen unabhängig zu sein.

Am Ende ist das Apnoe-Tauchen nur ein gedankliches Vehikel für das gesamte Album, in dem es auch um das persönliche Abtauchen in seinen eigenen Gefühlshaushalt geht. Gerade "I See Myself" legt unter Stromgitarren im Tremolomodus die Erkenntnis offen, die sich vielleicht auch in Extremtauchgängen herauskritallisiert: Man lebt für den Moment, nimmt ihn intensiver wahr. Eine Lektion fürs Leben, ein Sichbewusstmachen, wie wenig wir unser Leben im Moment wahrnehmen. Dieser Song macht uns darauf aufmerksam.

Um so trauriger die Geschichte von "Bettina", bei der Janda von einem Mann singt, der von seiner Frau verlassen wurde, aber fest daran glaubt, dass sie wieder zu ihm zurückkehrt. Jahrzehntelang hat er die gemeinsame Wohnung nicht verändert, lebt also nur in der Vergangenheit und lässt die Möglichkeiten eines Neuanfangs verstreichen. Gleichzeitig wirkt sein Beharren wie ein Auflehnen gegen eine immer schnelllebigere Welt, in der nichts Bestand hat.

All diese großen und kleinen Geschichten verpackt Janda in einen sehr ausschweifenden Sound, der nur manchmal ihre Folk-Wurzeln durchschimmern lässt. Das liebliche Fingerpicking bei "Leave A Light On" ist so ein Moment, in dem die Musikerin ihre Herkunft offenlegt. Doch "Apnoe", das ursprünglich in diesem Stil entstehen sollte, ist zu einem großartigen Werk geworden, mit elektronisch verfremdeten Streichern ("Run You Down") und sogar kurzfristige Ausflüge in R'n'B-Gefilde ("Narcosis"). Untertauchen lässt sich mit "Apnoe" sehr gut, um die Hektik des Alltags für einen Moment zuvergessen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 21.11.23 | KONTAKT | WEITER: MIDGE URE VS. SOFT CELL>

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Covers © Celebration Records (Marí), Viel Erfolg mit der Musik (Janda)

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