KIRLIAN CAMERA "COLD PILLS (SCARLET GATE OF TOXIC DAYBREAK)" VS. SOLOMUN "NOBODY IS NOT LOVED": SEQUENZEN OHNE GRENZEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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KIRLIAN CAMERA "COLD PILLS (SCARLET GATE OF TOXIC DAYBREAK)" VS. SOLOMUN "NOBODY IS NOT LOVED": SEQUENZEN OHNE GRENZEN

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Natürlich tragen viele Künstlerinnen und Künstler ein gewisses inneres Leuchten in sich, das sie dazu befähigt, ja, sie vielleicht sogar geradezu verdammt, sich der Außenwelt über Malerei, Bildhauerei, Schauspielerei oder Musik mitzuteilen. In der Regel beginnt man aber dann doch zu Beginn seiner Schaffenslaufbahn mit dem Kopieren alter Meister, ehe man seinen eigenen Stil findet.

Kirlian Camera aus Italien sind mittlerweile einige Schritte weiter. Anfang der 1980er gegründet, gelang ihnen 1988 mit "Eclipse" ein Meilenstein melancholischer Clubmusik. Angelo Bergamini und Sängerin Elena Alice Fossi, die den harten Band-Kern bilden, haben sich nie auf diesem Klassiker ausgeruht oder versucht, in dieser Richtung weiter zu arbeiten. Vielmehr suchten sie immer wieder neue Wege und gönnen es sich quasi regelmäßig, den Fans mit teilweise sehr poplastigen oder electroclashigen Stücken vor den Kopf zu stoßen.

Tatsächlich funktionieren ihre Veröffentlichungen nicht nur wie Wundertüten, sondern sie sind auch so etwas wie Aneinanderreihungen von Zuckerbrote und Peitschenhiebe. Denn nach den doch etwas eingängigeren Songs der 00er und 10er Jahre - Kritiker würden diese Werke anbiedernd schimpfen - gibt sich das Duo wieder betont düster - und das nicht nur auf dem monochromen Plattencover.

Üppig bespielte zwei CDs gibt es zu hören, und bereits nach den ersten drei Songs wird deutlich, wie freigeistig dieses Mal mit der eigenen Vergangenheit gespielt wird. Der Titelsong zitiert Anne Clarks markante Synthiemelodie von "Our Darkness" an, verwebt es aber gleichzeitig in ein aufwändiges Trip-Hop-Geflecht. Nachfolgende Nummer - "I Became Alice" - lässt ein organisches Schlagzeug, metallische Gitarren und die Sängerin mit Flüstertüte auf den Hörer los.

Ab diesem Moment ist klar: Das wird eine musikalische Tour de Force. Das Duo schlägt überraschende musikalische Haken, gerät in "Crystal Morn" fast schon in einen schlageresken Synthie-Sound oder begibt sich in der Vorabsingle "The 8th President" direkt in einen tönernen Orkus. Diese Stimmung greifen sie im neunminütigen "Dusk Religion" ein weiteres Mal auf und intensivieren das Momentum, überhöhen es beinahe und machen es theatralisch groß.

Schlussendlich verabreichen uns Kirlian Camera "Twin Pills" mit wattigen Soundwolken, die einen liebevoll einpacken. Der Abschluss dieses großes Album wirkt wie ein Sedativum, ist aber das letzte Bausteinchen für ein überwältigendes, tönernes Gemälde, in dem es vor Detailverliebtheit und Überraschungen nur so wimmelt.


Womöglich könnte der in Bosnien geborene Hamburger Solomun das Album von Kirlian Camera auch für gut befinden. Der DJ saugt nämlich, ähnlich wie beispielsweise der Münchner Plattenaufleger Hell, alle Formen elektronischer Musik auf und verarbeitet sie in seinen eigenen Tracks. Als er 2009 mit "Dance, Baby" ein ordentliches Underground-House-Debut gab, hat man noch wenig von seiner Leidenschaft gemerkt. Es musste erst eine komplette Dekade (mit einigen Mix-Alben) verstreichen, ehe Solomun sein Talent in voller Pracht entfalten konnte.

Hilfreich dabei waren sicherlich auch seine steigende Popularität als DJ, der auf den angesagten Festivals rund um den Globus Platen aufgelegt hat, sowie die Menge an Remixe für Gruppen, Künstlerinnen und Künstler wie Depeche Mode, Lana Del Rey und Leonard Cohen. Das bedeutet im Umkehrschluss eben auch, dass Solomun keine Berührungsängste mit anderen Genres hat.

Dementsprechend bietet "Nobody Is Not Loved" einen wunderbaren Querschnitt durch Solomuns Musikverständnis, das sich zwischen minimal-melodiösem House und  offen gestalteten, Genre sprengenden Nummern hin-und herbewegen. Für letzteres hat sich der Musikproduzent hochkarätigen Besuch gegönnt. Jamie Foxx, Planningtorock, ZootWoman, Anne Clark und Isolation Berlin seien an dieser Stelle erwähnt. Letztgenannte gelingt mit "Kreatur der Nacht" zweifelsfrei einen Post-Corona-Clubhit, der in der Gothic-Gemeinde sicherlich fürvolle Tanzflächen sorgt.


Auch Tom Smith von den Editors darf sich in "Night Travel" gesanglich verewigen. Wobei schon ganz schön viel Chuzpe dazugehört, seine Stimme bis zur Unkenntlochkeit durch den Vocoder zu jagen. Aber anscheinend kann es sich Solomun leisten. Am Endergebnis gibt es, wie auch bei all den anderen Songs, nichts auszusetzen.

"Nobody Is Not Loved" - keiner wird nicht geliebt. Eine Aussage, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Musik selbst bezieht. Denn Musik liebt jeden - es liegt nur an den Hörer selbst, diese Liebe zuzulassen. Vielleicht muss der Technojünger mit den dunklen Klängen warm werden, vielleicht hat der schwarz bekleidete Clubgänger mit der Vogelnestfrisur Probleme mit dem insgesamt sehr technoiden Habitus dieses Zweitlings.


Gelingt es aber, diese Hürden zu überwinden, wird "Nobody Is Not Loved" zu einem universellen Album, das vermeintlich unvereinbare Lager zusammen bringt und man gemeinsam einen große Party feiert, die alle stilistischen Grenzen überwindet. Da werden dann auch sicherlich Kirlian Camera zugegen sein.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 21.05.21 | KONTAKT | WEITER: LISTE - VATER-SOHN-SONGS>

Webseite:
www.facebook.com/SolomunMusic
www.kirliancamera.com

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COVER © DEPENDENT/SOULFOOD (KIRLIAN CAMERA), BMG/WARNER (SOLOMUN)

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