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THE JOKE JAY: "WAS WIR KEINESFALLS TUN WERDEN, IST, UNS SELBST IN EINE SCHUBLADE ZU QUETSCHEN"

Im Gespräch


Schenkt man den Prognostikern der Musikbranche ungeteilten Glauben, sind die Tage des Albums als Veröffentlichungsform langsam gezählt. Musikstreamingportale und die universelle Verfügbarkeit machen diese Art der Distribution obsolet. Trotzdem, oder gerade deswegen, haben sich The Joke Jay für das vielleicht ungebräuchlichste Format entschieden: Ein Doppel-Album. Die drei Mitglieder Joke Jay, Olaf Wollschläger und Hilton Theissen widersetzen sich dem gängigen Trend und teilen im launigen Gespräch mit UNTER.TON kräftig gegen die aktuellen Strömungen in der Popmusik aus. David Bowie, eines ihrer Idole, wäre stolz auf sie gewesen.

"Fünf Jahre hat es gedauert, das Monster zur Welt zu bringen", so Eu
er Zitat, das den Pressetext einleitet. Wie sehr habt ihr mit diesem Monster "gerungen"?

Joke:
Es war schon nervenaufreibend, schließlich sind die drei Studios, in denen wir aufgenommen haben, alle locker 650 km von der Hauptstadt entfernt. Das impliziert familiäre Entbehrungen und recht hohe Ausgaben. Zudem hat es einige Zeit gedauert, unseren letztendlich episch-dystopischen Sound zu kreieren. Das erste Lebenszeichen des Albums war dann aber mit "Sorry for you" gefunden. Mit dem Song ging es los, und daran haben wir uns orientiert. Es war ein enormer Aufwand, der es aber schlussendlich jede Sekunde wert war. Ich bin nicht leicht zufrieden zu stellen, aber auf die "Awaken", Olaf und Hilton bin ich unendlich stolz.
Olaf:
Da ich nicht so viel reisen musste, fand ich das weniger "nervenaufreibend". Es war intensiv, aber auch immer eine tolle und kreative Erfahrung. Und als Produzent bin ich es gewohnt, sehr ins Detail zu gehen, um das Beste aus den Songs herauszuholen. So ein Werk wie "Awaken" macht man halt nicht so nebenbei. Das erfordert eine Menge Zeit und Arbeit…
Hilton:
Eine Produktion, die sich so lang zieht, nimmt sich immer wieder die Zeit, Aspekte neu zu beleuchten und zu überarbeiten. Das führt dann zu einer zwar anstrengend zu erreichenden, aber erstaunlichen Ausreifung.

Am Ende ist "Awaken" ein Doppelalbum mit sage und schreibe 21 Songs geworden. Heutzutage ist so ein barockes Werk eher unüblich. Was hat Euch dazu bewogen, so viele Songs in ein Album zu packen?

Joke: Eigentlich sollte ein Teil von
"Awaken" schon vor drei Jahren unter And One rauskommen. Das hat sich dann aber irgendwie nicht ergeben. Es war auch nicht weiter dramatisch, denn ich denke, viele der And One Fans wären leicht überfordert, da sie von ihrer Band sicher was anderes erwartet hätten. Da das Album nun so rumlag und wir drei uns in der Zwischenzeit zu einer festen Band formiert und ein weiteres Album komponiert hatten, entschlossen wir uns, beide Alben zusammen zu führen.
Hilton:
Es wäre schlichtweg auch zu schade gewesen, das ältere Material liegen zu lassen, nachdem klar war, dass es nicht Teil einer neuen AO Trilogie wird.

Die Band liest sich wie das who is who der alternativen Szene. Wie sind diese Bande geknüpft worden?

Joke:
Nach meinem Wiedereinstieg bei And One 2011 lernte ich Olaf als Live-Mixer kennen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass er auch Musiker ist. Nach einiger Zeit und reichlich Schnaps freundeten wir uns an und stellten fest, dass wir ein annähernd identisches Bild von Musik hatten. Was als lockeres Gequatsche unter Musikliebhabern begann, endete in einem Probelauf im Studio. Wir merkten sofort, dass die Chemie stimmt und beschlossen, was Neues zu machen. Als die Frage nach einem Gitarristen aufkam, brachte Olaf den wunderbaren Hilton ins Spiel. Perfekt! Hilton wurde sofort annektiert - und festes Bandmitglied. Nun ist er sogar Bandmanager und sagt uns, was wir machen müssen (lacht)
Olaf:
Joke und ich haben uns gleich sehr gut verstanden, als wir uns kennen lernten. Es war sehr erfrischend, jemanden in der Szene zu treffen, der nicht immer nur über Depeche Mode redet, sondern ein wandelndes Musiklexikon ist. Ich erinnere mich, wie wir uns zwischen Soundcheck und Show gegenseitig Lieder im Auto vorgespielt haben. Ich habe dort Stücke gehört, die ich vorher nicht kannte und die heute zu meinen Lieblingssongs gehören…
Hilton:
Als erstes habe ich den armen Jungs erstmal was Richtiges zu Essen gemacht, da ich zu der Zeit ohnehin öfter im Railroad Tracks Studio aufgenommen habe und dann ging es irgendwie direkt wie geschmiert von einem Song zum anderen. Da ich diesen Wahnsinn ohnehin beruflich mache, biete ich gelegentlich Lösungen für die nervigen Seiten dieses Business an.

Joke, besonders Dich kennt man noch aus alten And-One-Tagen. Werden da immer noch Vergleiche gezogen, oder hast Du dich da bereits aus diesem Schatten rausgespielt?

Joke:
Die Vergleiche sind natürlich unvermeidbar. Das ist ja nun auch nicht weiter verwunderlich, bin ich doch Teil der Band. "Awaken" jedoch mit And One zu vergleichen, ist echt schwach. Das geht nicht auf und ärgert mich extrem, weil es sich dann jemand besonders einfach gemacht hat! Und nebenbei: Ich muss nichts beweisen. Rein gar nichts!
Olaf:
Wir haben eine Weile gebraucht, um den Sound von The Joke Jay zu finden. Und natürlich spielte da der große Schatten von And One auch eine Rolle. Wir wollten uns von Anfang an klanglich nicht in dasselbe Fahrwasser begeben, da klar war, dass die Leute das dem Sound von And One gegenüber stellen würden…

Etwas fällt allerdings an "Awaken" auf: Alles an diesem Werk wirkt wie der nostalgische Blick zurück, als das Veröffentlichungsformat "Album" noch Relevanz besaß. Trauert ihr auch ein bisschen der "guten alten Plattenzeit" nach?

Joke:
Auf jeden Fall! Ich bin überzeugter Nostalgiker und mag in der Regel keine großen Veränderungen, wenn ich zufrieden bin. Als junger Mann war ich regelrecht süchtig nach Vinyl und mein Lehrgehalt ist sofort in den Plattenladen gewandert. Ergo hat es auch ewig gedauert, mich zu überzeugen, von Vinyl auf CD umzusteigen. Ich habe es gehasst! Den Schritt zur digitalen Musikwelt gehe ich aber nicht mit. Ich brauche Musik im Regal wie eine Trophäe, zum Anfassen und Zelebrieren.
Olaf:
Es geht über das Tonträger-Format hinaus. Ich finde, dass damals auch die besseren Songs geschrieben wurden und die radikaleren Innovationen entstanden sind. Durch die Entwicklung in der Computertechnik und durch das Internet ist heute jeder, der ein Laptop besitzt in der Lage eine Platte zu veröffentlichen. Das führt zu einer unfassbaren Flut an Musik, wertet sie aber gleichzeitig auch ab. Das ist gar nicht böse gemeint. Es gibt nach wie vor tolle Songs und Innovationen, es bereitet nur unfassbar viel Arbeit, sie unter der riesigen Zahl an Veröffentlichen und der unglaublichen Zahl an Internet-Portalen und anderen Formaten zu finden.
Hilton:
Auch ich habe in der guten alten Zeit unsere Veröffentlichungen immer auf Vinyl und CD gemacht und mich über das physische Resultat des Gesamtwerkes gefreut. Auch wenn die digitale Zeit vieles schneller und leichter macht, macht es vieles auch belangloser und ungefilterter.

Schon Euer Cover mit dem surrealistisch-rätselhaften, aber auch ikonischen Bild erinnert stark an die große Zeit kunstvoller Plattencover wie sie beispielsweise Pink Floyd zelebrierten. War dieses bildliche Zitat bewusst so ausgewählt?
Joke:
Ja, unbedingt. Wir wollten ein künstlerisches, geheimnisvolles und vor allem zeitloses Cover gestalten, ohne unsere Hackfressen zur Schau zu stellen. Bewusst wurde auch der Bandname nicht auf das Bild gedruckt, weil wir die Stimmung des Covers nicht zerstören wollten. Jeder sollte sich in dem Bild verlieren können, wenn er das Cover in Händen hält und dabei das Intro hört. Das ist heutzutage äußerst gewagt, aber so haben wir uns den Einstieg in die Welt von "Awaken" vorgestellt. Keine Kompromisse! Ich denke, Pink Floyd hatten bei ihrem Artwork eine ähnliche Intention.

Musikalisch liefert ihr einige interessante Momente, denn ihr vermischt elektronische Musik, Rock-Gitarren und die große Pop-Geste zu etwas ganz Neuem. Wie würdet ihr Euren Sound beschreiben?

Joke:
Was wir keinesfalls tun werden, ist, uns selbst in eine Schublade zu quetschen. Das machen andere Spezialisten für uns. Wir lassen alles, was uns je gefallen hat, in unsere Musik einfließen. Unsere Regel dabei ist: "Geht nicht, gibt’s nicht!" Wir wollen Musik zum zuhören, nicht für den Fahrstuhl.
Olaf:
Das Schöne an der Arbeit bei diesem Album war, dass es keine Grenzen gab. Ein sehr intuitives Arbeiten ohne jegliche Zielvorgaben. Wenn es eine Regel gab, dann die, dass es nicht langweilig werden darf…
Hilton:
Intensität, Tiefgang und Atmosphäre sind ein wichtiger Teil, und musikalische Freiheit in Sachen stilistischer Einflüsse ist uns ohnehin wichtig.

Nicht zuletzt die Coverversion von „Moonage Daydream“, aber auch die Zitate in „Hello Mother Earth“ und „A Starman Cannot Fall“ sowie Jokes Gesang wirken wie eine fast über alle Maßen jubilierende Hommage an David Bowie. Wie sehr ist dieser Mann in eurer musikalischen DNA verbaut?

Joke:
Bowie bedeutet mir als Künstler alles! Er ist tatsächlich in meine DNA eingepflegt, aber es ist nicht so, dass ein Plan dahinter steckt, ähnlich wie Bowie zu klingen. Es ist ein tolles Kompliment, wenn jemand das so sieht, wenn es aber heißt, dass ich wie Joke Jay klinge, finde ich das noch besser.
Olaf:
Auch hier war es so, dass bei den Gesangs-Aufnahmen von "No Place Like Home" kurz mal die Frage aufkam: "Das klingt aber verdammt nach Bowie, kann man das bringen?" Klar, ein eindeutiges "Ja". Ich kann mir den Song nicht anders vorstellen, es ist eine der besten Gesangs-Performances auf dem Album und Joke hat das einfach mal schnell nachts um eins als Pilot-Gesang aufgenommen, um den Text fest zu halten. Am Ende ist es aber genau diese Aufnahme, die es auf die VÖ geschafft hat, weil sie diese gewisse Stimmung transportiert.

Wie sehr fehlt ein David Bowie heutzutage in der Popmusik? Oder anders gefragt: Wie beurteilt ihr generell die gegenwärtige Popmusik, die ja nun genau das Gegenteil Eures Ansatzes ist, nämlich kurz und prägnant zu sein?

Joke:
Würde man einen Film lieben, der anfängt, aufhört und in der Mitte gab es keine Handlung? Eher nicht! Die Songstrukturen vieler 70er Rockbands fehlen mir sehr. Selbst Chart-Hits, wie "Love Is Like Oxygen" von The Sweet verführten mich, in den Song einzutauchen. Zuletzt hatte ich dieses Gefühl bei einer meiner Lieblingsbands: Type O Negative. Es gibt ja auch noch viel Musik in diesem Stil, allerdings muss man die wirklich suchen. Das meiste Zeug, das heute auf den Markt kommt, ist einfach nur oberflächlich. Und alles schreit förmlich nach Ausverkauf! Die Perversion daran ist, dass sich viele Musikliebhaber zwar genau diese tiefgreifenden Songstrukturen wünschen, aber einfach nicht geliefert bekommen. Nummer sicher, heißt es heute. Man entwöhnt sich. Kaum einer hat mehr Zeit. Ist ja nur Musik! Was man von der Kunst im Allgemeinen hält, wurde uns ja nun unlängst klar gemacht.
Olaf:
Ich kann da nur zustimmen. Es ist bezeichnend, dass "Bohemian Rhapsody" von Queen der erfolgreichste Song aller Zeiten ist. Ein Lied, das bis heute alle Rahmen sprengt. Auch damals hat die Musikindustrie der Band erzählt: "Das kann man nicht machen, viel zu lang" und so weiter. Es sind aber eben Queen, Pink Floyd und auch David Bowie, die zu den erfolgreichsten Bands und Künstlern der Popmusikgeschichte gehören. Die Gleichförmigkeit in der heutigen Popmusik ist eindeutig der Musikindustrie zuzuordnen. Damit sind aber vor allem auch die Radios gemeint, die mit ihrer ständigen Angst, Hörer zu verlieren, immer dasselbe spielen, was dazu führt, dass wenn man mal den Sender wechselt, dort derselbe Kram läuft. Auch der heilige Gral der Promotion ist so eine Sache: Das muss im Club funktionieren und das muss im Radio oder noch besser im Fernsehen stattfinden. Ja, das hilft bestimmt kurzfristig. Aber hat man Pink Floyd oder Queen oder David Bowie je in Clubs gehört?
Hilton:
Schnell konsumierbar für kurze Aufmerksamkeitsspannen, und wird es zu lang, kommt 'ne Werbung dazwischen. Eine Zeitlang war sogar Linkin Park Pop, aber derzeit wird es wieder schlimmer.

Wie sind bislang die Reaktionen auf „Awaken“? Hat es da bemerkenswerte Kommentare oder Kritiken gegeben?

Joke:
Ja, im Großen und Ganzen waren die Reaktionen deiner sehr ähnlich. Fast schon überwältigend. Danke nochmals, deine Rezi ging runter wie Öl! Das Album ist eben nicht einfach nebenbei zu hören und wird nun eine Weile brauchen, sich durchzusetzen. Denn auch wenn man es nicht direkt beschreiben kann, bemerkt der Zuhörer, dass es sich hier um ein besonderes Werk handelt.
Olaf:
Wenn es negative Bewertungen gibt, dann sagen die Leute: "Ich kann damit nichts anfangen" oder "Ich komm' da nicht ran". Das ist absolut legitim. Ehrlich gesagt haben wir viel mehr Kommentare dieser Art erwartet, aber alles in allem sind die Reaktionen fast euphorisch, was uns natürlich sehr freut.
Hilton:
Die meisten freuen sich, und nehmen sich die Zeit, sich in Ruhe auf "Awaken" einzulassen. Das ist ein sehr guter Start!

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 23.11.21 |  KONTAKT | WEITER: VARIOUS ARTISTS "SNOWFLAKES IX">

FOTOS © THE JOKE JAY

Webseite:
www.jokejay.de

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