PINK TURNS BLUE "TAINTED" VS. VLIMMER "NEBENKÖRPER": DES DEUTSCHEN LIEBSTER WELTSCHMERZ - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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PINK TURNS BLUE "TAINTED" VS. VLIMMER "NEBENKÖRPER": DES DEUTSCHEN LIEBSTER WELTSCHMERZ

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Es gibt einige Gruppen, die wie ein Verkehrsknotenpunkt für Künstlerinnen und Künstler funktionieren. Pink Turns Blue ist so eine. Angefangen hat alles Mitte der 1980er, als Michael "Mic" Jogwer und Thomas Elbern die Band ins Leben gerufen haben. Letztgenannter ist bereits in der Neuen Deutschen Welle mit seinem Projekt Seltsame Zustände (dessen fulminantes Debüt vor rund drei Jahren wiederveröffentlicht worden ist) musikalisch aktiv gewesen.

Sein Gastspiel währte aber nur kurz. Bereits 1987, als die Band im Begriff war, das Debut "If Two Worlds Kiss" (damals von dem neu gegründeten Fun Factory Label aus Münster vertrieben) zu veröffentlichen, widmete er sich einem neuen, nicht minder erfolgreichen Projekt: Escape With Romeo.

Pink Turns Blue schaffte es, in den Folgejahren, immer wieder maßgebliche Musiker mit ins Boot zu holen, die das Sounddesign der Band mitprägten. Bekanntester davon dürfte sicherlich Markus Giltjes sein, der unter dem Pseudonym Bobok als Performance-Künstler arbeitet und vor allem eine weitere Band musikalisch unterstützte: Girls Under Glass.

Trotz der Fluktuation und aller stilistischen Harakiri-Wechsel (Mitte der 1990er strapazierte die Band die Geduld ihrer Fans mit Ausflüge in elektronischen Crossover und Unplugged-Versionen) sowie einer vorübergehenden Auflösung, war der Nimbus dieser Band jedoch ein unbescholtener. Deswegen wurde die 2003 eingeleitete Re-Union, bei der sogar Elbern für einen Auftritt beim WGT bewegt werden konnte, ein voller Erfolg.

Nun, fünf Jahre nach "The AERDT - Untold Stories", kommen sie wieder zurück. Und man merkt, dass die mehr als drei Dekaden im Musikbusiness nicht spurlos an der Festplatte vorbeigezogen sind. "Tainted" ist nach so langer Zeit das vielleicht intimste und emotionalste Album. Trotz kraftvoller Indie-Rock-Atmosphäre schafft es das Trio, weiterhin viel Platz für Emotionen und tiefergehende Gedanken freizuschaufeln. Denn auch Mic und Konsorten erleben eine unsichere Zeit, die sich vor allem durch eine Pandemie und schnell aneinandergereihten Umweltkatastrophen auszeichnet. "Tainted" - verdorben: Die Band beschreibt den Zustand der Erde in einem Wort. Kein Wunder, dass die Songs wenig hoffnungsvoll klingen.

Trotzdem fühlt man sich durch "Tainted" gleichermaßen geborgen. "There Must Be So Much More", "Never Give Up" und der wunderbare Schlusspunkt des Albums "You Still Mean Too Much To Me" sind Goth-Rock-Perlen, die nur so entstehen konnten, weil wir es mit Musikern zu tun haben, die nicht selbstzufrieden, sondern immer noch wütend und wach sind und ihre Gedanken und Gefühle präzise in klar aufgebaute Songs stecken.

Die musikalische Beschreibung der Melancholie war und ist einem steten Wandel unterzogen. Währen Pink Turns Blue tradierte Moll-Rock-Hymnen kredenzen, gehen Vlimmer einen weitaus experimentelleren Weg - und das nicht nur musikalisch. Mastermind Alexander Donat denkt sein Projekt groß. Den ersten Liederzyklus hat er seit seinem Beginn 2015 in ganze 18 (!) EPs verpackt.

Auffällig bei seinen bisherigen Veröffentlichungen: Der Mann sucht nicht unbedingt den stadion- oder festivaltauglichen Wohlklang. Das ist mit dem aktuellen Album "Nebenkörper" nicht anders. Hier donnert das Schlagwerk archaisch, während die Elektronik zusammen mit leiernden Gitarren albtraumhafte Flächen ausbreiten, auf denen Alexander in lamentierendem Timbre singt. In seinen Texten bleibt er situationsbezogen emotional, stilisiert wie in "I.P.A." den Genuss eines Gerstensaftes - all das unter beklemmenden Klangkonstrukten, die einem eindringlich erklären wollen, dass das Ende bereits nah ist.


Dabei stellt er die Wucht der Rhythmussektion gerne als Kontrapunkt zu den nebulös umherwabernden Melodien und bricht sie wie in "Ad Astra" sogar radikal auf, um ein finales Gewitter aus Trommelschlägen einfallen zu lassen. Dagegen ist "Kartenwarten" eher von beruhigendem Charakter. Und doch kann man selbst in diesen scheinbar harmonischen Momenten dem akustischen Frieden nie trauen. Denn von romantischen Klängen, die einen zu einem gediegenen Glas Rotwein bei Kerzenschein inspirieren, sind Vlimmer meilenweit entfernt.

Einen ersten Hinweis mag man da bereits im Albumtitel lesen. Der "Nebenkörper" ist vor allem ein Begriff aus dem Maschinenbau, kann aber problemlos auf das Wesen der zwölf Songs umgedeutet werden. Denn Vlimmers klangliche Eskapaden besitzen fast schon die Qualität für eine außerkörperliche Erfahrung. Hier entwickeln sich Songs, die wie aus einer Trance entstanden sind. Der Geist löst sich vom Körper und strebt nach Erleuchtung.

Sicherlich sind solche Interpretationen hoch gegriffen. Völlig abstrus erscheinen sie indes nicht, denn Alexander sucht in seinen Songs die Traurigkeit als Medium zur Transzendenz. Und wenn auch zu keiner Zeit seine Lieder auf konkrete Themen eingehen, sondern reine Gefühlsbeschreibungen sind (selbst "Mutem", das sich mit dem Phänomen der Querdenker beschäftigt, prangert nicht an, sondern beschreibt neutral, fast schon alienartig mit einerm Hang zur Traurigkeit ob dieser Unvernunft), so lässt sich seine Musik perfekt als Soundtrack für unsere Gegenwart nutzen. In den dräuenden Nummern manifestiert sich schließlich auch die Angst unserer eigenen, jämmerlichen Existenz, die im Zuge immer heftigerer Naturkatastrophen und gesellschaftlicher Pulverfässer ohnehin am seidenen Faden hängt.

"Nebenkörper" kultiviert die Dystopie und wirkt wie der Soundtrack zum Vorabend der Apokalypse. Seine Songs sind wie das Wandeln über eine Industrieruine, während am schwarzen Himmel grelle Blitze die Szenerie für Bruchteile einer Sekunde erhellen. Auf dem Album lösen sich lieb gewonnene Strukturen auf und machen Platz für die schiere tonale Verzweiflung. Vlimmer gelingt damit ein großes Kunststück: Er denkt das Genre Gothic ein gutes Stück weiter und schafft es, die Hörer auf diese Reise mitzunehmen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 24.09.21 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 15/21>

Webseite:
www.pinkturnsblue.com
blackjackilluministrecords.bandcamp.com

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COVER ©  ORDEN RECORDS (PINK TURNS BLUE), BLACKJACK ILLUMINIST RECORS (VLIMMER)

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