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COLLECTION D'ARNELL-ANDRÉA VS. LIGHTHOUSE IN DARKNESS VS. GOING TO CATALUNYA: WENN SCHWERMUT ZU SCHWEBEN BEGINNT

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Schwermütigen dürften die ersten Maitage sicherlich eine Wohltat im Vergleich zum vorsommerlichen April gewesen sein. Fast dachte man, eine moderatere Wetterlage würden nicht mehr wiederkehren.

Welch eine Überleitung für Collection D'Arnell-Andréa übrigens. Denn auch dieses französische Dark-Wave-Projekt, das in den tiefsten 1980ern von den Musikern Jean-Christophe D'Arnell und Pascal Andréa (der noch vor der ersten Veröffentlichung die Gruppe verließ, dessen Name aber weiterhin Bestand im Gruppennamen hat) sowie Sängerin Chloé St Liphard ins Leben gerufen wurde, galt quasi als verschollen. Und obgleich sie eine der aktiven Wegbereiter für alle nachfolgenden, über den Globus verteilten Heavenly-Voices-Truppen waren, wird ihre Nennung bei den meisten eher für Achselzucken und hochgezogene Augenbrauen führen.

Dabei verkörpert diese "Kollektion" an exquisitien Musikern - St Liphard und D'Arnell scharen regelmäßig mehrere Mitglieder in wechselnder Besetzung um sich - alle positiven Eigenschaften, wenn es darum geht, der Schwarzen Szene ein seriöses musikalisches Gesicht zu verleihen. In ihrem Wirken vereinen sich Wave und Neoklassik zu einer tiefen und bedeutungsvollen Melange, die einen glauben lassen, dass Collection D'Arnell-Andréa auf erleuchteten Pfaden wandeln.

Zunächst aber blicken sie ein Stück weit auf sich selbst. Zumindest lässt sich "Another Winter" als Betrachung des eigenen Werdeganges deuten, der 2010 mit "Vernes-Monde" sein vermeintlich abruptes Ende gefunden hat. Die im Coverartwork festgehaltenen Impressionen einer schlafenden Natur unter einer Decke aus Schnee und Eis mögen als Sinnbild für die jahrelange Abstinenz der Band gelten.

Ein "weiterer Winter" also, der aber nun zu Ende gegangen ist und das hochambitionierte Gespann wie befreit aufspielen lässt. In knapp einer Stunde werden alle Vorzüge von Collection D'Arnell-Andréa herangezogen und mit der größten Spielfreude dargelegt. Filigrane und gleichzeitig bestimmende Synthesizer-Passagen zeichnen den Titelsong und "Pangs Of Severance" aus, fast schon verstörend atonal und aggressiv endet dagegen "Les bancs de sable", daneben wandeln "By The Pond" und vor allem "Le jour venu" bedächtig und mit einer größtmöglichen Grandezza, die sich aus wuchtigem Schlagwerk, wehmütigen Streichern und perfekt austariertem Gitarrenspiel speist, auf den Hörer zu.

Sowieso füllen die Stücke von "Another Winter" den Raum klanglich komplett ein, doch Chloé steht über dieser Flut an Noten und Tönen und singt jedes Mal so, als sei sie ganz bei sich und der Welt ein Stück entrückt. Ihrer Stimme wohnt ein eigenartiger Zauber inne, in den man sich nur verlieben kann. Sie ist nicht die beste Sängerin, aber sie besitzt eine nahezu greifbare Energie. To cut a long story short: Collection D'Arnell-Andréa sind aus einem Winterschlaf erwacht und schicken sich an, die Namen Portishead und Brendan Perry vergessen zu machen - oder zumindest in einem Atemzug mit ihnen genannt zu werden.

Gleiche stilistische Pfade beschreiten auch Lighthouse In Darkness - und sorgen damit für eine kleine Überraschung, handelt es sich bei diesem frisch zusammengewürfelten Duo um Genrenovizen. Sascha Blach erspielte sich mit The Halo Trees und vor allem Eden Weint Im Grab eine treue Fangemeinde, die seine düster-skurrile Lyrik in Verbindung mit knackigen Sounds zwischen Goth-Rock und Neuer Deutscher Härte zu schätzen wissen. Helen Vogt prägte hingegen den verschwenderisch arrangierten Bombast-Metal ihrer Band Flowing Tears mit einer voluminösen, eher im Alt-Bereich angesiedelten Stimme, von der eine unterschwellige Laszivität ausgeht.

Ein Umstand, der wie geschaffen ist für Lighthouse In Darkness, das sich nun auf "The Melancholy Movies" auf wesentlich poppigere respektive triphoppigere Klänge konzentriert und einer exzessiven Saitenbearbeitung den Rücken kehren. Bereits der Titelsong, gleichzeitig Opener des Albums, verortet das Geschehen mit seinen loopartigen Jahrmarkt-Sounds und dem Kratzen einer Plattennadel in die goldenen 20er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Allerdings können beide nicht so ganz aus ihrer Haut raus.  Denn das nachfolgende "The Lights Of The Skyline" erinnert in seiner Üppigkeit an ihre Herkünfte - es fehlen nur die dominanten Gitarren. Zu hören sind sie hier im Hintergrund und höchst verwaschen. Vielleicht ein Versuch der beiden, mit ihrer musikalischen Vergangenheit abzuschließen. Allein: es mag ihnen nicht ganz gelingen. Dafür klingt Helen immer noch zu sehr nach Rockröhre und denken Saschas Kompositionen immer noch die harten Gitarrenriffs mit.

Aber das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Schließlich ergibt sich aus dieser Spannung etwas Neues, das im Debüt erste zarte Triebe gebildet hat. Besonders bei "Photography Of A Ghost", das ein bisschen an die seelenvollen Nummern der Soulsavers erinnert (besonders "The Longest Day", das sie mit Depeche Modes Dave Gahan ersonnen haben, kommt einem ins Gedächtnis), wird die Traurigkeit in höchstem Maße ästhetisiert, während fordernde Streicher und schweres Schlagwerk "Monochromatic Memories" mit einer Schwere bestückt, wie man es von russischen Kompositionen kennt.

Zukünftig sollte man sich auch über eine stärkere gesangliche Beteiligung von Sascha Blach Gedanken machen. Gerade "The Soundtrack Of Decline" lebt von dieser Spannung und könnte als alternatives "Summer Wine" von Ville Valo und Natalia Avelon durchgehen.

Bleibt nur zu hoffen, dass "The Melancholy Movies" nicht die einzige Zusammenarbeit der beiden bleibt, schließlich haben sie ihr Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft. Momentan ist Lighthouse In Darkness ein Trip-Hop-Projekt mit schwermetallischem Migrationshintergrund. Sie müssen einfach weiter machen. Es ist ein klassisches erstes Album, das noch nicht ganz genau weiß, wohin es will, aber über jeden musikalischen Zweifel erhaben ist. Mit Sicherheit wird sich das Folgealbum in seiner Stilistik noch ein bisschen deutlicher postieren.


Ob es allerdings bei Going To Catalunya zu einer Weiterführung kommt, kann schlecht gesagt werden. Schließlich ist diese Zusammenkunft ein künstlerisch höchst ambitioniertes, initiiert von Rob Keyzer, der seine Lebensreise nach Spanien sowohl musikalisch als auch optisch darstellen wollte. Die zwischen Folk- und Acoustic-Pop mit partieller elektronischer Untermalung und Field-Recordings schwankenden Nummern waren zuerst als Teil eines Kunstbandes sowie einer Installation gedacht und zusammen mit Frank Weyzig erdacht.

Dankbarerweise haben sich die beiden aber dazu entschieden, das Album "Going To Catalunya" separat zu veröffentlichen. Denn selbstverständlich funktionieren die Nummern auch herovrragend ohne Keyzers Addendum bildender Künste.

In erster Linie werden Themen wie Freundschaft und Liebe in den Stücken verhandelt. All dies geschieht aber auch vor dem Hintergrund eines tragischen Verlustes: Rob Keyzers engster Freund Marnix van Haas hat in dieser Zeit sein Leben verloren. Sein Tod wirkt wie eine leichte schwarze Gaze, in die die elf Stücke eingehüllt sind. Durchdrungen von einer nicht greifbaren und doch präsenten Melancholie wandeln die Songs zwischen träumerischer Vergessenheit und nachdenklicher Introsepektion.

Das wird schon bei den maritimen Klängen der Eröffnungsnummer "Sing King" deutlich, die das Geschehen dorthin verfrachten, wo die schwermütige Seele gerne verweilt: am Meer. Going To Catalunya setzen Spanien nicht mit eimerweise Sangriasaufen oder relaxten wiewohl oberflächlichen Strandparties gleich. Vielmehr wird dieses malerische Land, dessen Farbenpracht sich auch in Keysers Malereien wiederfindet (die im Booklet zu sehen sind und das Auge zum Verweilen einladen), zu einem Ort der Kontemplation und inneren Einkehr.

Schlussendlich betreiben die beiden Künstler einen Stileklektizismus, der von den Neo-Folk-Eskapaden Romes bis hin zu den entspannteren Prog-Rock-Nummern Pink Floyds reicht. Jede Nummer ist eine eigene Emotion, die auf die andere folgt, weswegen auch die Stücke ineinander übergehen. Einzelne Lieder hervorzuheben macht da nur wenig Sinn, "Going To Catalunya" ist als gefühlsbetonte Gesamtheit zu betrachten und auch nur so zu erfahren.

Nicht immer ist Weltschmerz ein in langsamen Molltönen gehaltenes Moratorium. Bei Collection D'Arnell-Andréa, Lighthouse In Darkness und Going To Catalunya beginnt die Schwermut zu schweben und die Melancholie bittet zu einem federleichten Tanz.


||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 10.05.19 | KONTAKT | WEITER: ASP VS. SOPOR AETERNUS>

Webseite:
cdaa.free.fr
www.lighthouseindarkness.de
www.facebook.com/goingtocatalunya

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Cover © Trisol/Soulfood (Collection D'Arnell-Andréa), Winter Solitude Productions (Lighthouse In Darkness), Echozone/BOB-Media (Going To Catalunya)

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