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DANIEL GREEN "VANISH LIKE A CLOUD IN SUNLIGHT" VS. BALDABIOU "HÉLÈNE": KEEP CALM AND PLAY THE GUITAR

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Es ist ein ungeschriebenes Grundgesetz in der Musik: Gute Songs entstehen in erster Linie nicht durch handwerkliche Finesse, sondern vor allem durch den authentischen Transport der Emotionen, die den Nummern innewohnen. Natürlich haben es da Singer-/Songwriter in der Regel einfach und schwer zugleich, weil ihr reduzierter Sound wenig Platz für faulen Zauber zulässt und das Gefühl, so eins vorhanden, sofort sichtbar wird.

Diese so offensichtlich zu zeigen, scheint für Daniel Green auf seinem dritten Album "Vanish Like A Cloud In Sunlight" das geringste Problem zu sein. Das ist aber umso beeindruckender, da sich Daniel dieses Mal, inspiriert von tragischen Schicksalsschlägen in seinem familiären Umfeld, dem schweren Thema Abschied, Krankheit und Tod gewidmet hat. Vor diesem Hintergrund funtioniert das Album natürlich noch besser, aber auch ohne dieses Wissen merkt man bereits nach wenigen Takten, dass Green seine Lieder ganz tief fühlt, wenn er sie singt.

Üblicherweise laufen Bewältigungsstücke, die bei einigen Musiker wohl auch aus Therapiezwecken zu Papier gebracht werden, nicht selten Gefahr, in ein starres Trauerkorsett zu fallen, textlich wie musikalisch. Das ist entschuldbar, denn wie soll man das Unfassbare in Noten und Worte fassen? Daniel Green lässt in diesem Punkt jedoch gerne mit sich reden, indem er Verlust, Exitus und die damit verbundenen Gedanken - sowohl auf Seiten des kurz vor dem Tod stehenden wie auch auf Seiten der Hinterbliebenen - in elf Nummern mit reduzierter Instrumentierung und der Gitarre als Mittelpunkt aufs Tablett bringt. Von einem schmerzenden, darbenden, vielleicht völlig verzweifelten Protagonisten wird man indes nicht in die Mangel genommen.

Im Albumtitel finden wir die passenden Assoziationen dazu: "Vanish", "Cloud", "Sunlight". Dieses Album hält die Waage zwischen Licht und Schatten, zeigt wie in dem, in seiner Intimität berührenden, Stück "Payback" die letzten gemeinsamen Momente mit einem lieben Menschen, das Erinnern an vergangene Ereignisse, das Nichtwahrhabenwollen des unvermeidlichen Endes, der Wunsch nach Neuanfang, besticht aber andererseits bei dem an Cat Stevens' freidvoller Stimmung erinnernden "Talk To God On The Phone" von einer fast schon naiven Gläubigkeit, sodass der Allmächtige als Wegbegleiter aus dem einen Wesenszustand in einen anderen wie ein liebevoller Seelsorger daherkommt.

Der spirituelle Einschlag des Albums wird bereits mit dem Titelsong, gleichzeitig Eröffnungsstück des Albums, durch Kirchenglockenläuten markiert. Daniel Green bittet also zu einer Messe, und entlässt die Menschen ebenfalls mit Glockengeläut zwischen "Your World Shall Be Forever Young" und dem hoffnungsvollen Abschluss "Wave Goodbye Friends". Am Ende ist man sicherlich nicht religiöser oder gar in irgendwelcher Form bekehrt. Aber man erfährt Karthasis durch das Jammern und Schaudern über den unüberbrückbaren Tod, der uns im besten Fall sanft im Schlaf heimholt oder grausam aus dem Leben reißt.

Darüber zu reden, fällt einem in der heutigen Gesellschaft, die von einem monströsen Jugendfetisch besessen ist, so schwer wie nie. Selbst die melancholischsten Todesanbeter in der Gothic-Szene schaffen es nicht, so authentisch und gleichzeitig unverkrampft dieses Thema zu bearbeiten. Das ist die vielleicht größte Leistung von "Vanish Like A Cloud In Sunlight".

Da der Tod ja nun allgegenwärtig zu sein scheint und man sich nie sicher sein kann, ob der Gevatter einen bereits ganz oben auf seiner Prio-Liste hat, bleibt nichts anderes übrig, als das Leben in vollen Zügen zu genießen. Das wussten bereits alle Stände des Mittelalters und ließen es - so die romantische Vorstellung des Autors dieser Zeilen - daher unter dem "carpe diem"-Banner ordentlich krachen. Diese Flucht in die Zerstreuung besteht ja bis heute und zeigt in der digitalisierten Welt einige seltsame Auswüchse.

Doch muss das Leben immer laut, bunt und schrill gefeiert werden? Kann man sich des Seins nicht auch - oder besser gesagt: gerade - in den ruhigen Momenten vergewissern? So jedenfalls klingen Baldabiou auf ihrem Album "Hélène", das mit einer Unaufgeregtheit das Leben spürbar macht. Über den Stil der Band kommen literarisch Beschlagene noch vor dem ersten Hören der Songs. Sowohl Bandname als auch Albumtitel sind Charaktere aus dem Roman "Seide" von Alessandro Baricco. Und wie dieser feine Stoff sich anfühlt, klingt eben das Werk.

Der überdeutliche belletristische Bezug legt auch Frontmann Sebastian van Vugts eigene poetische Ader offen, die er der entspannten Folk-Atmosphäre am Ende mit einer Spoken-Word-Performance gegenüberstellt (außerdem gibt es eine dem Album beigefügte Kurzgeschichte). "Mach dich auf was gefasst" verdichtet noch einmal das Lebensgefühl, das "Hélène" in zehn Songs bereits breit ausgelegt hat.

Schließlich drehen sich Baldabious Stücke immer um den Moment. Freud und Leid bringt Sebastian mit einem unprätentiösen, wiewohl intimen Gesang (der teilweise an Peterlicht erinnert) auf den Punkt, die bedächtig mäandernden Gitarren (unter anderem von Ex-Alin-Coen-Band-Mitglied Jan Frisch) und das sanfte Schlagzeug nehmen den Hörer an die Hand und machen ihn darauf aufmerksam, den Gedanken und Ereignissen nachzuschmecken. Bei "Luso" dürfen die Instrumente auch mal ganz für sich alleine stehen und erhalten die liebevolle Stimmung trotz fehlenden Gesangs aufrecht.

Eine klarere Definition von van Vugts Poesieverständnis gibt das einzig deutschsprachige Stück "Wenn du nur wüsstest", dessen Refrain ein putziges Konglomerat aus unfertigen Sätzen bildet und so herzlich hilflos wirkt wie das Ende eines ersten Dates, bei dem die beiden wortlos vor der Haustür stehen und sich verlegen den Abschiedskuss herbeisehnen. Van Vugt erzählt, indem er nicht erzählt. Auslassung zu Gunsten der Sinnfülle. Solch stilistischen Feinheiten fehlen der aktuellen Deutsch-Pop-Mischpoke. Dahingehend wünscht man sich fast, Baldabiou würden öfters in ihrer Muttersprache singen, tun sie aber nicht.

Das ist auch nicht weiter schlimm. Denn es ist die lässige Entspanntheit der Musik von Baldabiou, die sich immer wieder in den Vordergrund drängt und bei aller Coolness auch einige melancholische Momente aufweist, ohne aber in sinnschwere Tristesse abzudriften.

Sowohl Daniel Green, als auch Baldabiou besitzen aber die Fähigkeit, durch bloße Existenz ihrer Wesen und Künste, Räume und Orte für sich zu vereinnahmen und zum Leuchten zu bringen. Ihre reduzierte Musik bildet dabei das Fundament, auf dem sich das Gefühl und die Intimität frei entfalten können - und so den Menschen einige wunderbar entspannte und gleichsam nachdenkliche Momente beschert.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 29.10.2019 | KONTAKT | WEITER: IM PROFIL - VETTER_HUBER>

Webseite:
www.danielgreen.de
baldabiou.bandcamp.com

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