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NICK HUDSON "FONT OF HUMAN FRACTURES": GEFÜHLE NUTZEN BITTE DEN HINTEREINGANG!

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Geradezu klerikal beginnt "Font Of Human Fractures" mit "Surkov's Dream". Eine schwer atmende Orgel wird von einem dezent verschleppten Rhythmus begleitet, Nick Hudson schwadroniert mit durch Effekte gekörnter Stimme. Dann der Übergang: Es hellt sich auf, der Sänger setzt sein Organ in transzendierende Höhen, wird zu einem flüchtigen Wesen, das über der gesamten Szenerie zu schweben scheint. Am Ende setzen leicht daneben klingende Streicher ein und verschieben die Atmosphäre ein weiteres Mal und öffnet neue Gedankenräume. Kein Zweifel: Nick Hudson hat großes vor mit seinem neuesten, im Eigenvertrieb veröffentlichten Solowerk.

In erster Linie geht es ihm anscheinend darum, sich sämtlichen Koventionen zu entziehen und ein Album so wundersam und undurchdringlich wie ein surrealistisches Gemälde zu erschaffen. Und wie es bei den Künstlern dieses Genres üblich ist, setzt auch er Vertrautes in andere Kontexte und provoziert beim Rezpienten so etwas wie ein Unbehagen ob der scheinbaren Unlogik seiner Kompositionen.

So ist "Matryoshka" in seiner Tonfolge dem jubilierenden "Viva La Vida" von Coldplay gar nicht so unähnlich, wird aber durch vertracktere Rhythmussektionen zu einem künstlerischen Manifest, das sich keiner Schublade zuordnen lässt. Auch "Tokyo Nights", das mit seinem flotten Rhythmus so etwas wie Eingängigkeit verspricht, wird bereits nach der ersten Strophe von wie aus dem Himmel herabfallende Synthesizerklumpen völlig zerstört.

Nein, "Font Of Human Fractures" ist kein Album zum Nebenbeihören, selbst wenn "Voyeurs Who Offering Nothing" und "The Ballad Of K69996 Roma" mit seinen melodieverliebten Klavierparts so etwas wie das große Zugeständnis an den Wohlklang ist. Insgesamt überwiegt einach die Lust, allgemeine Hörgenwohnheiten neu zu denken. So werden Schreie und modulierte Gesänge zum wesentlich Teil der Klang-Collage von "Come Back When There's Nothing Left", während Klavier und gefühlvoller Gesang als krasser Gegenpart der experimentellen Geräuschkulisse entgegengesetzt wird.

Wer es aber schafft, sich von den bewusst gelegten, klanglichen Finten nicht zu verunsichern, der wird erkennen, dass Nick Hudson im Kern ein hochgradiger Romantiker ist, der nach Selbstbestimmung sucht - und nach der großen Liebe. Der queere Enddreißiger nutzt ähnlich wie John Grant oder Rufus Wainwright die Musik als Offenlegung seiner Gefühle, bringt sogar in "Teenage Hudson Summons Epona" ein Stück auf die Scheibe, das er, der Titel verrät's, als 16-jähriger bereits erdacht hat.

Zwar stehen die avantgardistischen Tonspielereien wie unbarmherzige Türsteher vor den Gefühlen. Aber über den Hintereingang gelangen sie dann doch in den Song und direkt in unser Herz. "Font Of Human Fractures" ist ein wunderbares, ein leidenschaftliches Album geworden: Undurchdringlich und schauerlich, aber auch warmherzig und liebevoll zugleich. Kaum verwunderlich also, dass der Mann schon mit so vielen, weitaus bekannteren Musikern zusammen gespielt hat. Er ist ein Meister im stillen Kämmerlein.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 07.05.21 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 8/21>

Webseite:
nickhudsonindustries.bandcamp.com

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COVER © ESCHATON RECORDS

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