5/19: FEWS, THE FICTIONPLAY, BETTER STRANGERS, MARBL, LUKE SITAL-SINGH: MY MAI-MUST-HAVES - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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5/19: FEWS, THE FICTIONPLAY, BETTER STRANGERS, MARBL, LUKE SITAL-SINGH: MY MAI-MUST-HAVES

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Manche Platten sind wie zufällige Bekanntschaften: Obwohl man sie gerade erst kennenlernt, fühlen sie sich doch wie ein über die Jahre lieb gewonnener ständiger Begleiter.

Dieses Gefühl beschlich den Autor dieser Zeilen, als er die ersten verheißungsvollen Takte von Fews' bereits zweitem Album "Into Red" vernahm. Von den knackig bis monoton lärmenden Gitarren, die einen trippigen Mix aus Post-Punk und Indie-Rock skizzieren, total angefixt, musste natürlich auch noch in das Debüt "Means" (2016) reingehört werden. Unfassbar, dass diese Band sich unter dem UNTER.TON-Radar befunden hat. Denn das schwedisch-amerikanische Projekt legt in die Bearbeitung ihrer Saiteninstrumente sehr viel Herzblut rein. Wo andere um Stil und einer distanzierten Noblesse bemüht sind, lassen es Fews richtig krachen. Ihr Sound riecht mehr nach Schweiß und Aschenbechern als nach Patchouli und Eisnebel. Ironischerweise eröffnet "Quiet" das neue Album, das natürlich alles andere als das ist, was der Titel zu sein vorgibt. Die klare Strenge einer peitschenden Snare bei "Business Man", ein kaleidoskopisch anmutender Refrain, getragen von einem Motorik-Beat, bei "Paradiso" und Joy-Division-Manierismen am Synthesizer bei "Limits" (dem vielleicht besten Song von "Into Red") sind nur einige Eckpfeiler eines Albums, das in erster Linie die Live-Qualitäten dieser Band im Studio einzufangen versucht hat. Gelungen ist ihnen natürlich noch ein bisschen mehr. Das Gespann bringt sich in die jüngere Alternativ-Rock-Geschichte mit Songs ein, die sich trauen, das bereits Gedachte noch etwas weiter auszuformulieren. Scheinbar spielend verlassen sie sprunghaft bekannte Pfade, um im gleichen Moment wieder dorthin zurückzukehren. "Into Red" ist keine typische Post-Punk-Platte - aber irgendwie doch.

Ganz und gar nicht Post-Punk, und eigentlich in keinster Weise dem typischen UNTER.TON-Beuteschema entsprechend, hat bereits im letzten Jahr die Formation The Fictionplay mit ihrer Veröffentlichung "Tohu Bohu" in einschlägigen Kreise für Aufsehen gesorgt. Welche Wege das Plattenlabel Panta R&E auch zu uns geführt haben mag, so war die Vorstellung von The Fictionplay ein Augen- und Ohrenöffner. "Tohu Bohu" stammt aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie "Chaos". Dieses findet sich allenfalls in stilistischer Form auf dem Tonträger. Tatsächlich wissen Sänger Dominik Essletzbichler und seine übrigen Fictionplayers ziemlich genau, was sie wollen. Ihr Fatalismus-Rock erinnert - nicht zuletzt auch an Dominiks dringliches Organ - an eine Mischung aus Muse und Placebo, gibt sich aber gerne auch mal proggig wie beim Opener "Abyss Bliss" oder unterschwellig groovig wie bei der aktuellen Auskopplung "Mayday". Dass man hinter diesem amtlich klingenden Sound eine Band aus den Staaten oder England vermuten könnte, wäre nicht auszuschließen. Dass es sich aber eine Truppe junger Männer aus dem Niederösterreichischen handelt, verwundert dann doch. Obwohl: Das Alpenvölkchen besitzt seit einiger Zeit aufregende Musiker - und das in allen Bereichen. Flut mit ihrem spröden 80s-Synthie-Rock oder die vielumjubelten Wanda, die das Abgerissene und Verlierertum so liebevoll gefeiert haben. The Fictionplay singen zwar nicht in ihrer Muttersprache, aber ihr Anspruch auf eine größere Hörerschaft ist geradezu immanent. Sie sollten zukünftig ebenfalls als österreichische junge Wilde ordentlich bejubelt werden.

Und es muss mit dem Beelzebub zugehen, sollten nicht auch die Berliner Jungs von Better Strangers in Zukunft für einige offene Münder im Auditorium sorgen. Dabei kommt die Debüt-EP "Taxi For Susie" in ihrer Aufmachung unglaublich süßlich und hauptsächlich bonbonrosa daher, sodass man geneigt ist, dahinter eine Gruppe zu vermuten, die sich mit schwülem Disco- oder Electro-Pop umgibt. Pustekuchen! Bereits "Try Me" zeigt sich geradezu brachial und mit hart angeschlagenen Gitarren sehr testosterongeschwängert. Doch mit "You Got It Good" beweisen Jan Olthoff, Chrissi Breinl und Karel Ríha auch ihr Faible für eingängige, geradezu radiotaugliche Nummern. Das Stück deutet die Funkiness von Red Hot Chili Peppers an, verbietet sich aber jede weitere stilistische Übernahme und bleibt dadurch eigenständig. Vielleicht mag man Better Strangers vorhalten, dass die fünf Songs allesamt zwar im Bereich des alternativen Rock verankert sind, aber dennoch sehr unterschiedlich in ihrer Intensität ausfallen. "Rest Your Bones" beispielsweise treibt das träumerische Moment voran, wohingegen "No One" soundtechnisch mit breitwandigen Gitarren voll in die Offensive geht, und auch "Perfect Day" ist für Fans von Mars Volta, Muse und Konsorten ein leicht verdauliches Klanghäppchen. Die Stildiversität wird aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass "Taxi For Susie" sich allen Facetten des größten Gefühls auf Erden widmet: der Liebe. Und diese ist eben auch alles andere als geradlinig. Für die kommenden Veröffentlichung schöpfen Better Strangers jedenfalls aus dem Vollen; das erste Album wird dann sicherlich eine Verfeinerung des Sounds der "besseren Fremden" nach sich ziehen.

Bei MARBL verhält es sich ähnlich: Die entspannte Atmosphäre auf der sechs Track starken EP "The Flight Of The Hawks" verortet sich ebenfalls im klassischen Folk-Pop, wird mit "I Think I Saw You On The Street" oder "You're On my Mind" geradezu prototypisch und liefert damit den perfekten Soundtrack für einen verschwenderisch sonnigen Sonntagmorgen, bei dem man bei einem Becher Kaffee auf der Terasse sitzt und seinen Gedanken nachhängen möchte. Dazwischen bricht sie jedoch mit "The Mechanism Of All Temporary Things" aus und legt einfach mal aus der lamäng einen schummrigen Trip-Hop hin, den Massive Attack oder Portishead nicht besser hätten aus dem Hut zaubern können. Ähnlich geriert sich "Lay Your Head Upon My Chest" als elektronisch unterfütterte Ballade, die gegen Ende mit einem feinen E-Gitarrenlick zu einem dezent wiewohl mächtigen Finale anschwillt. In diesem Spannungsfeld zieht MARBL nun ihre Kreise, bringt sich in den folkigen Momenten mit einer federleichten Stimme ein, die frei von jeglicher Anstrengung ist, zeigt bei den mystischen Halb-Elektro-Nummern dann eine laszivere Seite ihres Organs, erinnert in ihrer Phrasierung entfernt an Adele oder auch Amy Winehouse, wenngleich sie nicht mit der gleichen stimmlichen Wucht auf den Hörer einschlägt. Das muss sie aber auch nicht. Schließlich basiert das Konzept der Israelin auf einen offensichtlichen Eklektizismus, der an entscheidenden Stellen aber einer Eigeninterpretation unterzogen wird, um den Plagiatsvorwurf ad hoc zu entkräften. Auf "The Flight Of The Hawks" hat es zumindest gut geklappt.

Apropos klappen: Das ist bei Luke Sital-Singh so eine Sache. Eigentlich unverständlich, dass der Brite mit indischen Wurzeln nicht so richtig durchgestartet ist. "A Golden State" ist immerhin das bereits dritte Album, die Vorgänger "The Fire Inside" (2014) und "Time Is A Riddle" (2017) wurden beide mit mehr als nur wohlwollenden Rezensionen bedacht. Selbst BBC hat vor mehr als fünf Jahren dem Mann einen großen Durchbruch prognostiziert, der bislang aber ausgeblieben ist. Auf der anderen Seite ist eine moderate Bekanntheit seiner Kunst vielleicht auch der Grund, warum "A Golden State" so einnehmend geworden ist. Ohne Druck von öffentlicher Seite, ein Hit-Album zu produzieren, verschanzt sich der Musiker in seine melancholisch-zweifelnde Gedankenwelt und bringt ein berührendes Stück Musik auf dem Markt, das zu Beginn in "Lover" weihevoll das große Wunder der Liebe anbetet: "Lover, it's high time for good love". Dieser Präambel folgen auch die weiteren Stücke, die ähnlich wie bei Spätwerk von Ryan Adams das melancholische Moment liebevoll ausstellt, ohne in eine allzu deprimierte Stimmung zu verfallen. Selbst im Song "Last Day" erzählt Luke ohne falsches Sentiment, aber dennoch unglaublich rührend, wie er seinen letzten Tag auf Erden verbringen würde - natürlich mit der Einen an seiner Seite. Was schnell zur Edelschnulze hätte avancieren können, erhält unter seinem gefühlvollen Falsettgesang eine wesentlich intimere Ebene - wie "A Golden State" generell unaufgeregt pastellig daherkommt wie das in hellblauen und gelben Tönen gehaltene Cover. Simpel auf den ersten Blick, detailverliebt auf den zweiten.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 22.05.2019 | KONTAKT | WEITER: DESERTER "EUROPA!">

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Webseiten:
www.fewsmusic.com
www.thefictionplay.com
www.facebook.com/Better-Strangers-211684905946090
www.marblmusic.com
www.lukesitalsingh.com

Covers © Pias/Rough Trade (Fews), Panta R&E (The Fictionplay), DCD Records/Spinn-Up (Better Strangers), Helicon Music (MARBL), Ferryhouse/Rough Trade (Luke Sital-Singh)

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