"GRENZWELLEN NEUN" VS. "NIGHT VIBES 2": KUDOS AN DIE KURATOREN! - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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"GRENZWELLEN NEUN" VS. "NIGHT VIBES 2": KUDOS AN DIE KURATOREN!

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Sich auf die Kunst des Kompilierens zu verstehen, ist ein entscheidender Faktor für eine gelungene und langlebige Sampler-Reihe. Denn es ist nicht einfach nur damit getan, völlig beliebig einen Song an den anderen zu klatschen. Richtig gute Zusammenstellungen leben von einem Spannungsbogen und der Leidenschaft für die Musik.

Ecki Stieg, der seit Dekaden für den guten Ton in der Schwarzen Szene (und natürlich darüber hinaus) zuständig ist, geht mit seiner "Grenzwellen"-Reihe, benannt nach seiner legendären Radiosendung, die bis heute für hohe Einschaltquoten sorgt, in die bereits neunte Runde. Und wieder einmal gibt der Mann aus Rehren im Auetal als Leitfaden diesen Hinweis: In vorgegebener Reihenfolge anhören und nicht den Zufallswiedergabeknopf drücken! Schließlich macht sich Ecki Gedanken um die "Grenzwellen"-Sampler als immanente Entität.

Hält der Hörer diese eine Regel ein, verspricht das einen Mehrwert in Form eines meditaitven Eintauchens in unterschiedliche Gefühlszustände. Zunächst schütteln Stücke wie "Vertical" von Barium Network oder Julia Bondars "Enchanted" mit geradlinigen Beats und düster-hypnotischen Klängen den Staub aus den Knochen. Derart tanzbar waren die "Grenzwellen" Ausgaben zu Beginn selten. Doch wer die Radiosendungen und nicht zuletzt die Samplerreihe kennt, weiß, dass es dem Kurator Stieg nicht um eine einzge Spielart der elektronischen Musik geht, sondern um ihre wunderbare Vielfältigkeit.

So wechselt ab "Entangled But Loose" von HHNOI langsam die Stimmung, bewegt sich weg von der Tanzfläche in die abgedunkelte Lounge, in der man sich vielleicht bei einem geistigen Getränk entspannt. Sphärische Songs wie "Particle In A Box" von DASK (in bester Manier der Berliner Schule), experimentell angehauchte Kleinode wie bei Motionfields "Awakenings" und cineastische Streichernummern (Hammer: "It Glows On The Horizon" von Adeptus Mechanicus) versetzen den Hörer zusehends in einen Ruhemodus, der die innere Einkehr und philosophische Selbstbetrachtung extrem erleichtert.

Dazwischen hat Ecki Stieg selbst mit dem Dark-Ambient-Gemälde "Shoreland 2" einen wertvollen Beitrag für seine Zusammenstellung geleistet - ganz ohne Aufsehen und Selbstliebe, sondern im Kontext des gesamten Werks. Schließlich wäre es ein leichtes gewesen, seine Erzeugnisse exponiert an den Anfang oder das Ende zu setzen. Das macht er aber nicht, sondern setzt den gut gewählten Schlusspunkt mit der Pianoballade "Puzzled Love Of Light" von Brian Crosby.

Wieder einmal gelingt dem Mann, der, wenn man ihn in den sozialen Medien verfolgt, ausgeglichen, in sich ruhend und gleichzeitig sehr humorvoll und ohne Szenepapst-Allüren rüberkommt, ein kleines Wunder abseits allen Mainstream-Gedöns.

Eine Ecke jünger, aber in der Sache nicht weniger leidenschaftlich, ist Axel Meßinger, den die UNTER.TON Redaktion bereits seit einigen Jahren aktiv mitverfolgt. Seine "At-Sea-Compilations", ein Sammelsurium unterschiedlicher Reihen, die musikalische Bereiche von Shoegaze über Gothic bis hin zu Heavy Metal abdecken, haben mittlerweile internationale Anerkennung - zu recht.

Wie auch Ecki Stieg, vertreibt er seine Kompendien via Bandcamp zu sehr moderaten Preisen. So ist die aktuelle zweite Ausgabe von "Night Vibes" für schlappe fünf Euro zu ersteigern. Als Gegenleistung erhält man nicht nur 22 Songs, die aus den tiefsten Tiefen der Subkultur zu Tage befördert worden sind, sondern auch einen authetischen Überblick über die Entwicklungen der Schwarzen Szene, die in den einschlägig bekannten Gazetten nie zu sehen sein werden, weil diese natürlich vor allem Künstler renommierter Labels, die auch entsprechend Geld für Artikel locker machen, besprechen.

Es ist jedoch eine Schande, bislang nur wenig bis gar nichts von den Künstlerinnen und Künstlern wahrgenommen zu haben. Auch in der Redaktion sind bis auf Rain To Rust und Adam Usi keine der anderen Formationen ein Begriff. Aber dafür gibt es eben Axel Meßinger, der sich seiner Gatekeeper-Funktion durchaus bewusst ist und jenen eine Plattform anbietet, die es seiner Meinung nach verdient haben, gehört zu werden. Und seinem Geschmack kann man sehr gut vertrauen.

"Night Vibes 2", das, glaubt man dem Albumcover, als perfekter Soundtrack für eine nächtliche Autobahnfahrt dient, hat sich dieses Mal jenen Bands gewidmet, die laut Unterüberschrift "Electronic & Wave" kredenzen. Lola Kumtus' "Horror, Guilt, Shame" erinnert beispielsweise in Duktus, Stringenz und Dringlichkeit an die Frühphase von Nitzer Ebb, und das abschießende "Dis" von Xenobeat ist klassischer Hellectro inklusiver verzerrter Vocals - manch einer erinnert sich an Funker Vogt erinnert, die um den Jahrtausendwechsel damit große Cluberfolge feierten.


Schlussendlich ist auch "Night Vibes 2" am besten in vorgegebener Reihenfolge anzuhören. Denn so entfaltet sich ein angenehmer Effekt: Die Songs wirken in ihren Stilwechseln auch wie eine Zeitreise durch die alternative (elektronische) Musik, angefangen von den ersten naiven Versuchen in den frühen 80ern bis eben hin zu den üppig produzierten, technoiden Tracks. Dazwischen belegen minimale, erotisch aufgeladene Fetisch-Nummern (Sexual Purity "Chains") sowie gitarrenlastige Stücke (Monty O'Blivion "Compromised") die klangliche Wandelbarkeit dieser Szene, dessen musikalische Durchlässigkeit schon immer ein besonderes Markenzeichen gewesen ist.

So bleibt am Ende nur die tiefe Verbeugung an Ecki Stieg und Axel Meßinger für ihre Liebe zur Musik, die sie der Welt in Form solch qualitativ hochwertiger Sampler weiterreichen. Denn mit ihnen verlässt man die seichten Gewässer, die auch die so genannten Subkulturen umspülen, und taucht tief in die wirklichen Vorgänge der Szene ein.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 04.06.21 | KONTAKT | WEITER: THE TINOPENER'S ART VS. CASSETTER>

Webseite:
grenzwellen.bandcamp.com
www.at-sea-compilations.de

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Cover © Katrin Rathsfeld/Grenzwellen, Nina Cording/At Sea Compilations

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