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16/21: PROMETHEA, M00M, 70 DB, "DURCHSTRÖMUNGEN 1 - GLASWOLKEN" - SCHWEBEZUSTÄNDE

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2021

Es genügen nur wenige Takte Musik und die Stimme von Marthe Borge-Lunde Pfirrmann alias Promethea, um zu wissen, dass die erste EP "Dreams Surreal" etwas ganz besonderes ist. Die Norwegerin, die zusammen mit ihrem Ehemann Michael Pfirrmann die leider sträflich unbekannten Lightshifters ins Leben gerufen hat, kehrt auf ihrer ersten Solo-EP ihr Innerstes nach außen. Das bedeutet in Noten: mollschwangere Trip-Hop-Gerüste, die von ihrer sanften Stimme durchdrungen wird. Bereits "Breathing" klingt wie die Vertonung des Wunder des Lebens. Und auch sonst belässt es die Künstlerin bei angedeuteten Melodien, die durch klares Schlagwerk konturiert wird. Marthes flüsterndes Singen wie in "Monsters" erinnert dabei an eine unaffektierte Version von Sonja Kraushofer, die als Sängerin bei L'âme Immortelle und vor allem solo als Persephone ähnliche Klänge wie Promethea angeschlagen hat. Möchte man noch einen weiteren Vergleich bemühen, kann man Hungry Lucys unfassbares Werk "How To Kill A King" heranzeiehn. Die fünf Songs jedenfalls offenbaren uns eine Musikerin, die in ihren Kompositionen ganz bei sich ist und sich geradezu elfengleich durch die Stücke singt, dass man wie gefesselt vor der Heimanlage sitzt und unweigerlich die Augen schließt, um auch diese "Dreams Surreal" zu erleben, von denen sie scheinbar singt. Promethea ist mit dieser ersten EP ein beeindruckendes Kleinod voller musikalischer Phantasie und innerer Schönheit gelungen. Hoffentlich war das der sanfte Startschuss einer wunderbaren Solo-Laufbahn.

"Inspiriert von Synthesizern und Kraut-Rock", so der Bandcamp-Klappentext, haben die beiden Soundtüftler Jackie Hertz und Christian Fiesel - Erstgenannter ein musikalischer Enthusiast par excellence; Letzterer hat gerade die Redaktion mit seinem wunderbaren Electro-Kleinod "Dead Men Walking" beglückt - als m00m ein Instrumental-Album auf die Beine gestellt, das jeden Fan frickeliger Elektronik mit "Captain Future"-Kante vor Glück frohlocken lässt. Der Zweitling "Sun Rise" basiert dabei auf einer ziemlich abgefahrenen Science-Fiction-Story, die von "Knobutrons" handelt: Außerirdische, die in Form von Synthesizer-Drehknöpfen die Erde besiedeln und in die Köpfe von Musikern eindringen...well. Anhand dieser trashernen Story möchte man ihnen zurufen: "Was immer ihr nehmt, nehmt weniger davon!". Andererseits: Diese Portion groben Sci-Fi-Unfugs, den sich ein Ed Wood nicht besser hätte ausdenken können, muss sein, um ein wirklich tolliges Werk zu schaffen, das bereits ab "Bassland" mit seinen umherwabernden Tieftönen deutlich macht, dass m00m gewillt sind, alles, was in ihrer kompositorischen Macht steht, zu nutzen, um diese Geschichte im zerebralen Lichtspielhaus jedes einzelnen Zuhörers real werden zu lassen. "Sun Rise" führt uns zurück in eine Zeit, als die elektronische Klangerzeugung einher ging mit einer stark akademischen Attitüde. Also jene Zeit, als die Stockhausens und Cages dieser Welt mit den Maschinen eher experimentierten als sie fachmännisch zu bedienen, um Klänge aus ihnen zu entlocken. Nicht immer leicht zugänglich, aber dennoch sehr fesselnd.

2014 feierte das Rathaus Schöneberg in Berlin seinen 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben sich die Musiker Steve Schroyder, Udo P. Lies, Wolfram Spyra, Rainer Von Vielen und B. Ashra zusammengetan, um vor dem Gebäude ein Live-Konzert zu spielen. Der Auftritt war zwar klein, aber spektakulär: Drei tonnenschwere Kirchenglocken wurden auf der Bühne für ihren Auftritt genutzt. Sie sollten die Brücke zu den Friedensglocken sein, die um 22 Uhr im Rathaus erklangen und in das Konzert integriert wurden. Im Vorfeld des Konzerts entstanden weitere Stücke, die das Quintett als 70db nun veröffentlichen. Die Musiker, allesamt mehr oder minder lose durch das Klangwirkstoff-Label und die Idee der kosmischen Oktave in Verbindung, besinnen sich bei diesen Stücken auf die Qualitäten der "Berliner Schule", einer Stilrichtung der elektronischen Musik, die als Vorreiter für die sich später entwickelnden Genres Trance und Ambient gilt. So lebt "Secret Sessions" von einer warmen Grundstimmung, in der sich majestätische Flächen ausbreiten und wie ein Flug über den Wolken klingen. Alles schwebt und mäandert, von Vielens Obertongesang in "Ormolu" hebt die Komposition auf ein mystisches Level. Nur einmal, bei "Melomantic Dancers" nämlich, gibt man sich schnöden Vierviertelbeats hin, die aber von wunderbar flirrenden Melodien umgarnt werden. Und die Glocken? Die haben auf "NoTTon" ihren großen Auftritt - begleitet von Special Effects und dezenten Drones. 70db ist eine Supergroup für tiefenentspannte elektronische Klangerzeugung. Das haben sie mit "Secret Sessions" unter Beweis gestellt. Mehr davon, bitte!

Und noch ein spannendes Release aus dem Hause Klangwirkstoff, respektive dem Sublabel Separated Beats: "Glaswolken" ist der erste Teil einer neuen Reihe mit dem Namem "Durchströmungen", einem Sampler kuratiert von einem Künstler, der sowohl seine Songs als auch Remixe fremder Kompositionen zum Besten gibt. Den Anfang macht Ben Bekeschus, der als Aus.Gleich bislang eher unter dem Radar flog. Das sollte sich jetzt ändern, denn seine Songs sind wunderbare Wanderer zwischen den Welten Entspannung und Tanz. Seine Stücke fließen, sind aber dennoch auch stets von einer auffälligen Energie getrieben. Aus.Gleich schafft Songs, die wie bei "Blauer Horizont" die weiten Flächen und luftigen Pads mit groovigen Drumprogramming kombiniert und dadurch eine eigene Dynamik schafft. Nicht weniger spannend sind seine Remix-Arbeiten bekannter Club-Nummern. Da wird "Sky And Sand" von Paul Kalkbrenner zu einem fast schon klassischen Hörerlebnis, und der Trance-Klassiker "Versus" von Tomcraft vs. Sunbeam bekommt durch die Drosselung der Geschwindigkeit und dem orientalischen Beats einen fernöstlichen Anstrich. Ohnehin ist Bekeschus' Liebe zum Trance der späten 1990er überdeutlich hörbar: Neben Tomcraft werden auch Stücke von Kai Tracid, Push und Resistance D. durch den Aus.Gleich-Fleischwolf gedreht. Für den Kenner eine wahre Bereicherung, zeigen die Remixe doch, wie zeitlos jene Stücke sind und wie sie viele Musiker auch noch nach mehr als 20 Jahren beeinflussen. Der Name dieses Samplers ist jedenfalls Programm: Man wird von herrlich relaxter Musik durchströmt.
NACHTRÄGLICHER HINWEIS: Aus urheberrechtlichen Gründen musste das Label die Remixe auf "Durchströmungen I -Glaswolken" leider wieder aus der Titelliste entfernen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 12.10.21 | KONTAKT | WEITER: THE BLUE BUTTER POT VS. ¡PENDEJO! VS. ADRIAN SUTHERLAND>

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Webseiten:
promethea.bandcamp.com
m00m.bandcamp.com
separatedbeats.bandcamp.com

Covers © Promethea, Aural Films (m00m), Separated Beats/Klangwirkstoff (70db, "Durchströmungen 1: Glaswolken")

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