ASSEMBLAGE 23: "ICH WAR ÜBERZEUGT, DIE MENSCHEN WÜRDEN "FAILURE" HASSEN. GLÜCKLICHERWEISE LAG ICH DA FALSCH." - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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ASSEMBLAGE 23: "ICH WAR ÜBERZEUGT, DIE MENSCHEN WÜRDEN "FAILURE" HASSEN. GLÜCKLICHERWEISE LAG ICH DA FALSCH."

Im Gespräch


Mit seinem zweiten Album "Failure" gelang Assemblage 23 der internationale Durchbruch. Fortan wurde das Projekt des Amerikaners Tom Shear in einem Atemzug mit anderen Future-Pop-Größen wie Apoptygma Berzerk oder Covenant genannt. Das lag nicht zuletzt auch am schonungslos persönlichen Song "Disappoint", den der Mann im Gedenken an den Selbstmord seines Vaters komponiert hatte. Nach 20 Jahren unterzog Shear das Album nun einer Frischzellenkur - neuer Abmischung des Originals und gelungener Remixe von musikalischen Weggefährten inklusive. Dass das Interesse an "Failure" immer noch so groß ist, kann der Musiker selbst kaum glauben. Dementsprechend wirkt er im Interview nicht nur äußerst dankbar, sondern auch extrem bescheiden. Schließlich hat er sein Album nicht umsonst "Failure" getauft.

"Failure" war zwar bereits dein zweites Album, aber würdest Du sagen, dass es - verglichen mit Deinem noch sehr uneinheitlichen Debüt "Contempt" - der eigentliche Startschuss war, der den Klang Deines Projekts definiert hat?
Einige Songs auf "Contempt" waren bereits fünf oder sechs Jahre alt, als sie veröffentlicht wurden. Es fand also schon eine ziemliche Evolution in meinem Sound statt, die mich schließlich zu "Failure" brachte. Aber ja: ich würde sagen, dass dieses Album den eigentlichen Beginn meines Projekts markiert. Einige Anklänge konnte man bereits auf "Contempt"-Stücken wie "Anthem" und "Purgatory" heraushören, aber "Failure" tauchte definitiv voll in diesen Sound ein.

Das Album wurde vor 20 Jahren veröffentlicht. Jetzt hast Du Dich für ein Re-Issue entschieden. Was waren die Gründe dafür?
"Failure" war für mich aus mehrerlei Hinsicht ein wichtiges Album. Wie eben gesagt, war es der eigentliche Start für die Idee, wie A23 zu klingen hat. Auch ist es offensichtlich sehr persönliches Album. Und viele Fans haben mir erzählt, dass es auch für sie im Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Von daher war es wert, diese Platte wieder auszugraben,

Für die neue Edition wurden die Songs neu abgemischt. Bist du unglücklich mit den Original-Versionen gewesen?
(lacht) Oh ja! "Failure" war das allererste Album, das ich über DAW (Digital Work Station) gemacht habe. Es war buchstäblich learning by doing. Ich hatte damals absolut keinen Plan, was ich da machte und so habe ich auch einige wirklich dumme Mix- und Produktionsfehler gemacht. Allerdings wollte ich die Originale nicht zur Perfektion aufpolieren, sondern nur sie so erklingen lassen, wie es hätte sein sollen, wenn mein Wissen über die Technik damals eine bessere gewesen wäre. Fehler in der Musik, selbst wenn sie uns Musiker verrückt machen, sind der wichtigste Teil dessen, was Menschen berührt. Es ist das menschliche Element. Ich habe also nicht versucht, meinen schiefen Gesang zu bereinigen. Es ist eben, was es ist.

Welche Gefühle hattest Du, als Du Dich mit diesem 20 Jahre alten Material beschäftigt hast? Sind einige Erinnerungen aus dieser Zeit wieder an die Oberfläche getreten?
Es ist irgendwie seltsam. ich habe das Album mit Logic 4 aufgenommen. Mittlerweile sind wir bei 10.6. Damals gab es so viele Limitierungen. Aber am meisten hat es mich genervt, wie schlampig alles organisiert war und dass die alten Plug-Ins nicht mehr existierten. Und natürlich, was für lächerliche Produktionsfehler ich gemacht habe. Das hat mir diese Zeit wieder zurückgebracht, als ich am alten Material gearbeitet habe. Lustig war für mich auch, dass in den Songs einige Parts versteckt waren, die ich bereits wieder vergessen habe. So war beispielsweise im Stück "Silence" ein Lo-Fi-Sample eines Deutschen, der "Ja, gut!" sagt. Ich weiß nicht einmal, warum ich das benutzt haben. Aber ich habe komplett vergessen, dass es existiert, weil es in der Original-Version tief vergraben war.

Ich war damals richtig beeindruckt von der Kombination aus harten Rhythmen und melodischer Musik - Future Pop in Perfektion sozusagen. Aber viele Menschen sind mit einem speziellen Song verbunden: "Disappoint". Eine wirklich emotionale Geschichte über den Selbstmord Deines Vaters. Sprechen Fans immer noch mit Dir über diesen Song?
Ja. Das ist wirklich verrückt. Jedes Mal, wenn wir nach einer Show uns mit den Fans treffen, sind daruntre mindestens zwei oder drei, die mit mir ihre Geschichte über den Verlust eines geliebten Menschen durch einen Selbstmord teilen und berichten mir davon, wie der Song ihnen darüber hinweggeholfen hat. Als ich ihn geschrieben habe, war ich mir nicht sicher, ob es vielleicht zu persönlich oder zu hart wäre, diese Gedanken zu veröffentlichen. Aber als ich die Nummer live gespielt und mit den Menschen danach geredet  habe, ist mir erst klar geworden, wie weit verbreitet Selbstmord ist. Ich finde, dass sich das ändern muss. Heutzutage sind die Menschen zwar offener, wenn es darum geht, über psychische Probleme zu sprechen, als es damals der Fall war, aber wir können es immer noch viel besser machen.

In diesem Song klagt das lyrische Ich darüber, dass er demjenigen nicht helfen oder die Tat vorausahnen konnte. Hast Du im Laufe der Jahre Antworten für Deine Fragen in diesem speziellen Fall gefunden?
Ich glaube, viele Menschen, die einen Selbstmord eines geliebten Menschen erleben mussten, machen sich tendenziell erst einmal selbst Vorwürfe. Habe ich den Menschen nicht genug geliebt? Gab es etwas, das ich hätte tun können, um ihn davon abzuhalten? War ich nicht oft genug in seiner Nähe? Aber das ist nur unser Gehirn, das versucht, rationale Erklärungen für etwas Irrationales zu finden. Die Wahrheit ist, dass die meisten Menschen sich das Leben nehmen, weil der psychische Leidensdruck für sie unerträglich geworden ist. Das Beste, was man tun kann, ist, diesen Menschen alle erdenkbare Hilfe zur Verfügung zu stellen und Gespräche über mentale Gesundheit vom Stigma zu befreien.

Wie schwer ist es für Dich, "Disappoint" live zu performen?
Als wir damit anfingen, war es extrem schwierig. Der Tod meines Vaters war noch frisch. Ich brach oft zusammen. Aber im Laufe der Zeit, verlor der Song seine Traurigkeit. Natürlich  ist es ein trauriger Song über eine sehr traurige Gegebenheit, aber es gab mir ein positives Gefühl, mit den Menschen nach den Shows zu reden und ihre ähnlichen Erfahrungen zuhören. Es klingt vielleicht verrückt, aber ich fühle mich sehr glücklich, wenn ich diesen Song singe. Es fühlt sich so an, als ob ich eine Geschichte erzählen kann, die unbedingt erzählt werden muss.

Als ich Deine Songs wieder angehört habe, hat eine Zeile aus "King Of Insects" in Zeiten prosperierender sozialer Medien meiner Meinung nach eine tiefere Bedeutung bekommen. "Words come easy behind the screen, when there's no interface-to-face to be seen". Das erinnert mich daran, wie Menschen Hass im Netz verbreiten ohne darüber nachzudenken, was dies bei anderen Menschen auslösen kann. Bist Du vielleicht auch darüber erstaunt oder sogar erschreckt darüber, dass manche Zeilen in ihrer Aussage aktueller sind, als sie es vor 20 Jahren waren?
Natürlich war es diese Überlegung, die mich zu diesem Song inspiriert hat. Aber ich glaube, dass dieses Verhalten bereits vor 20 Jahren auch schon existierte. Es gab nur nicht so viele Seiten, um den Hass zu verbreiten. Anonymität kann das wahre Wesen des Menschen zum Vorschein bringen, und das ist manchmal fürchterlich.

Die Wiederveröffentlichung kommt mit einer zweiten CD daher mit den Songs in der selben Reihenfolge, aber alle als Remixe, darunter von Rotersand, Clan Of Xymox und auch von Dir. Hast Du ausgewählt, welche Band welchen Song neu abmischen sollte.
Ich habe einige Künstler selbst wählen lassen, aber bei anderen hatte ich konkrete Vorstellungen, was sie mit meinen Songs anstellen sollten. Es ist also eine Mischung aus beidem. Dass ich "King Of Insects" selbst remixt habt, lag  daran, dass einige Bands. von denen ich hoffte, sie würden Remixe für mich machen, abgesagt haben.

Nach so vielen Jahren  klingt "Failure" aber immer noch frisch und inspirierend wie anno 2001. Hast Du damals auch gedacht, dass "Failure" etwas Großes werden würde, als Du daran gearbeitet hast?
Eher das Gegenteil. Tatsächlich ist der Titel "Failure" eine Form von schwarzem Humor, der an mich selbst gerichtet ist. Denn das Album präsentiert ja einen ziemlich drastischen Wechsel im Sound im Vergleich zu "Contempt". Ich war überzeugt, die Leute würden es hassen. Glücklicherweise lag ich da falsch.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 01.10.21 | KONTAKT | WEITER: PINK TURNS BLUE VS. VLIMMER>

Webseite:
www.assemblage23.com


Foto © Mari Shear

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