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DANIEL GREEN: "DIESES BEWUSSTE RÜCKSICHT NEHMEN KÖNNTEN WIR UNS BEWAHREN"

Im Gespräch

Daniel Green ist ein Mann, der seine Umwelt sehr genau wahr- und die Eindrücke tief in sich aufnimmt. So spricht er voller Hingabe über eine Amerika-Tournee von vor über 15 Jahren, von Musikstudios mit tollem Klang, aber auch von den Gedanken, die er sich während der Corona-Pandemie macht und die nun Eingang in einen 24-teiligen Liederzyklus gefunden haben, welchen er unter seinem alias Hotel California sukzessive veröffentlicht. Verzagt ob der ungewissen Zukunft wirkt der Mann aus Schleswig-Holstein während des Interviews dabei nicht. Eher pragmatisch, wie man sich einen Mann aus dem Hohen Norden eben vorstellt. Nur Online-Konzerte will er keine geben.

Der Name des Projekts Hotel California verweist natürlich auf den gleichnamigen Song der Eagles. Was hat es mit diesem Stück auf sich, dass er als Namen herhalten sollte?
„Hotel California“ klingt für mich nach einem Sehnsuchtsort in den USA. 2005 waren wir dort mit unserer Rockband Mr Brown auf der Vans Varped Tour. Damals hatten wir den Traum, von der Musik zu leben. Verrückterweise wussten wir aber schon vor der USA-Tour, dass sowohl Bassist als auch Drummer danach aussteigen würden, was die Reise zu etwas Unvergesslichem machte – mit all den Eindrücken: die Hitze am Atlantik, die absurden Hotels mit Erdnussbagel zum Frühstück und dazu immer das Gefühl im Nacken, dass es bald einen krassen Wechsel geben wird. Mit Mr Brown ging es trotz neuer Mitglieder zu Ende. Wir hatten zu viele Schulden, zu viel Ego und zu wenig Wirgefühl. Was ich mit dem Ende der Band aber auch verlor, war mein Freund Carl Abrecht. Er und ich sind die Ursprungsmitglieder und haben die Musik der Band geprägt. Carl ist ein unglaublich guter Gitarrist, der live die Menge zum Toben bringen konnte.

Wie ging es danach weiter?
In mir entstand dann langsam neue Musik. Diesmal sollte es kein Rock, sondern Folk sein, und zusammen mit Jakob Groothoff (Hanseplatte Hamburg) und meinem Bruder (Thom & The Wolves) habe ich in den letzten Zügen von Mr Brown unser 2009er Album „The New Sound Of Folk“ produziert. Wir probten damals in Hammerbrook, wo es so schön nach Kaffeerösterein duftet, in einem Bunker, und erfanden unseren Sound für Hotel California. Bass und Basedrum spielte Jakob und Thomas und ich die Gitarren. In den Music Plant Studios, auch so einem Sehnsuchtsort, nahmen wir mit Detlef Brockmann an den Reglern die 13 Songs dann auf. Es ist ein einmalig gut klingendes Tonstudio mit einer 24-Spur-Bandmaschine, vor den Toren Lübecks. Jedenfalls passte der Name Hotel California damals zu meinem Gefühl nach einem weit entfernten und vielleicht sogar unerreichbaren Ort an der Westküste der USA, wo sich das Glück trifft. Ein Ort, den ich auch musikalisch erreichen wollte.

Zuletzt hast Du aber als Daniel Green Deine Musik veröffentlicht. Wieso jetzt als Hotel California?
Dafür gab es einige Gründe. Unsere Daniel Green Band hat sich in den letzten drei Jahren toll weiterentwickelt. Alex und Ben an den E-Gitarren und schließlich auch Jakob an der Geige kamen dazu, und es entstanden endlich die Arrangements mit drei und vierstimmigen Harmonien, die ich immer machen wollte. Ich liebe die NPR Tiny Desk Concerts, und das prägt mich bei meinen Folksongs. Mit dem 2019er Album „Vanish Like A Cloud In Sunlight“ begannen wir, in Kirchen zu spielen. Und wäre Corona nicht gewesen, würden wir jetzt auch schon unser erstes gemeinsames Folkalbum veröffentlichen. Am 14.3. hatten wir einen Videotermin für eine Session in der Hamburger Speicherstadt, aber mit einem Mal war ja nichts mehr wie es war und die Band liegt seitdem auf Eis.

Das muss ein einschneidendes Erlebnis für Dich gewesen sein...
Die Coronakrise hat mich so kalt erwischt, dass mich der Blues packte. Mir erschien es durch die Infos in den Medien in den ersten zwei Monaten so, dass draußen plötzlich eine neue Gefahr bestehen würde, die ich nicht einmal aus den Märchen meiner Oma kannte. Und so sprudelte die Musik nur so aus mir heraus - erst noch Songs über die Angst und nach und nach Texte, die entstanden, weil ich endlich wieder bewusst wahrnahm, wie glücklich wir uns eigentlich schätzen können. Ich habe ein ausgesprochenes Glück, einen festen Job und eine gesunde Familie zu haben. Nachdem in acht Wochen zwölf Songs fertig waren und meine Freunde aus der Daniel Green Band keine Zeit für Musik hatten, entschied ich mich, wieder meinem Sehnsuchtsprojekt Hotel California zu widmen, denn mittlerweile hatte ich meinen alten Freund Carl (www.musicmadememillionaire.de) getroffen. Zwölf Jahre hatten wir nicht miteinander gesprochen, und als jetzt die Krise kam und Carl meine Songs hörte, blühte etwas Altes wieder auf. Carl hilft mir bei den jetzigen HC Songs, was etwas ist, wofür ich lange Zeit meines Lebens viel gegeben hätte. Die logische Schlussfolgerung war, die neue Musik in Richtung Americana zu produzieren und an das 2009er Album anzuschließen. Ich bin sehr froh über diese Entscheidung.

Du hast Dich überdies dazu entschieden, die neuen Songs erst einmal separat auf feiyr zu veröffentlichen und danach die insgesamt 24 Stücke auf zwei Alben zusammengefasst noch einmal in den Handel zu bringen. Wieso dieser Weg?
Sechs Alben habe ich in meinem Leben veröffentlicht und immer wieder die Erfahrung gemacht, dass eine neue Platte super funktionieren kann, wenn Du live unterwegs bist und deine neue Geschichte erzählst. Aber mit dem Stillstand durch die Pandemie musste für mich eine neue Strategie her; ein Weg, der zumindest die Chance auf Entwicklung birgt. Wenn ich alle drei Wochen eine neue Single und nach 12 Singles ein physisches Album mache, geht es immer weiter und ich durchbreche eine Lähmung, die ich nicht ertrage. Die Kontakte zu Followern, Bloggern oder die Präsenz in Playlistern und damit die zumindest vorübergehende Aktivität gibt mir das Gefühl von Bewegung. Zudem hilft es digitalen Veröffentlichungen ja, wenn ständig etwas passiert. Ich stelle mir das in meiner Naivität so vor, dass ich nach 24 Singles 24 kleine Schritte weiter bin, die mich weiter zum Hotel California führen.

Die erste Single „Fuck Yourself“ hat, wenig verwunderlich, Corona zum Inhalt. Wie erlebst Du diese Zeit?
Ich mache meine Musik freiberuflich, neben meinem Beruf als Lehrer. Vor 14 Jahren habe ich mich auf dem Fußweg vor der Wohnung meiner damaligen Freundin entschieden, dass Musik allein für mich damals nicht funktionieren konnte. Wir waren schon länger live unterwegs, aber meine Sozialisation erlaubte mir damals einfach nicht, alles auf eine Karte zu setzen. Das war wohl auch einer der Schlüsselmomente, die unsere Band Mr Brown damals ins Wanken brachte. Und mit ihrem Ende begann für mich eine Jagd nach etwas, das ich damals aufgegeben habe und mich bis heute antreibt. Die Stapel „Homework“ von denen ich bei „Fuck Yourself“ singe, sind die Pakete von Hausaufgaben, die ich seit Monaten abzuarbeiten versuche, während unser Kind Aufmerksamkeit braucht und ich mich selbst ein wenig zu verlieren scheine. Deswegen singen wir als ganze Familie hier im Lied zusammen unsere Message an Corona „Fuck Yourself“! Als Musiker erlebe ich diese Lockdownphase als Stillstand, was für mich fast unerträglich ist. Keine Konzerte mehr geben zu können, ist heftig. Am Totensonntag habe ich das letzte mal in einer kleinen Kirche allein gesungen. Das waren die intensivsten Minuten in 2020. Die Welt steht still und ich singe meine Songs von „Vanish Like A Cloud In Sunlight“, Lieder über Abschied und Sterben. Aber allein schon die Proben mit der Daniel Green Band sind in der Rückschau auf das letzte Jahr einfach unverzichtbar gewesen. Gemeinsam Räume mit mehrstimmigen Harmonien zu füllen, ist mein Lebenselixir. Die GEMA hat mir jetzt einen Vorschuss gegeben, sodass ich weiter veröffentlichen kann, aber die Einnahmen aus den Konzerten und CD Verkäufen werden uns auch jahrelang fehlen. Müsste ich allein von der Musik leben, weiß ich nicht, wie das nach dem Virus weitergehen sollte. Der Rückschlag wirkt selbst für uns sehr groß.

Für die zweite Single „Trust“ hast Du ein kleines Video gedreht, das Dich und Deinen Sohn beim Schlittenfahren zeigt. Ist der Blick auf die Familie für Dich ein anderer geworden?
Als die Kindergärten im Dezember wieder schlossen und auch die Kinder begannen, sich sonderbar ruhig zu verhalten, habe ich für mich erkannt, dass jetzt der Zeitpunkt ist, alles zu tun, um meinem Sohn alle Aufmerksamkeit zu geben, denn gerade unsere Kinder müssen gut durch die Krise kommen, wenn doch noch das ganze Leben vor ihnen liegt. Als jetzt der Schnee fiel, war das für die Kinder so toll. Endlich Schnee, den man nur aus Büchern kennt und wir sind täglich gerodelt. Einmalig.

Im Vorfeld hast Du erwähnt, dass Dich das aufgezwungene Auftrittsverbot hat Stücke schreiben lassen, die Du so nicht geschrieben hättest. Kannst Du das anhand von einem Beispiel aufzeigen?

Ein Song heißt „Walzing Through The Vineyards“. Der handelt von den Elefanten in den chinesischen Weinbergen während des ersten Lockdowns. Toll, dass die Natur zurückkehrt, wenn wir uns zurückziehen. Mir liegt auch „Summer Son“ besonders am Herzen. Als im Mai 2020 der Flieder zu blühen begann die Luft von einem Duft erfüllt wurde, dem Corona egal war, nahm ich das noch stärker wahr als sonst. Der Fokus auf das Schöne kam mit dem Lockdown zu mir zurück und ich nehme mein Umfeld jetzt teilweise noch stärker wahr als vorher. Vielleicht versuche ich mich auch einfach nur noch bewusster darauf zu konzentrieren. Ich hoffe, das klingt nicht zu esoterisch. Mich entfremdet die Zeit am Rechner und die Zeit draußen lässt mich Luft holen.

Die Pandemie wütet schon seit einem Jahr. Einige hat das zum Umdenken bewegt. Wie sieht das bei Dir aus? Erkennst Du Veränderungen in Deinen Ansichten seit Beginn der Corona-Pandemie, sei es beruflicher, privater oder gesellschaftlicher Natur?
Diese Frage interessiert mich besonders. Ich denke gern an unsere Spaziergänge im März und April 2020. Begegneten wir zu dem Zeitpunkt anderen Menschen, herrschte ein so stark spürbarer Respekt und auch Rücksicht. Dieses bewusste Rücksicht nehmen, könnten wir uns für mein Dafürhalten bewahren. Das fehlte mir im Alltag vor Corona manchmal. Alles war und ist jetzt fast schon wieder so schnell, dass manchmal kaum Raum für das Zwischenmenschliche blieb. Unsere Gesellschaft scheint sich selbst zu überholen, aber warum? Darüber denke ich jetzt mehr nach. Meine Ansicht oder mein Umgang mit Angst und Furcht hat sich auch verändert. Angst ist ein schlechter Ratgeber, aber zu Beginn der Krise hat man mir echt Angst gemacht. Das war nicht gut. Ich bin froh, dass die Debatte jetzt etwas sachlicher ist und nicht mehr wie in einem Blockbuster mit Aliens auf dem Anmarsch ohne Helden, die uns retten.

Mittlerweile kommt Bewegung in den Lockdown, Impfungen bringen die Hoffnung auf ein etwas normaleres Leben. Aber das erzeugt neue Probleme: Eine große Veranstaltungsagentur hat überlegt, nur Konzertgäste mit einem Impfpass reinzulassen. Darüber hat sich eine Debatte über ein Zweiklassensystem im Kulturbetrieb entzündet. Was sind Deine Ansichten dazu?
Ich habe mir noch keine Meinung gebildet. Aber mir scheint es so, dass die Phase, in der so etwas wirklich sinnvoll sein könnte, durch die Impfungen so kurz wäre, dass der ganze Aufwand viel zu hoch wäre. Ich hoffe doch, dass wir im Winter dieses Jahres die notwendigen 65% Geimpfter haben werden. Hoffentlich sind die Impfstoffe ausreichend wirkungsvoll. Ich glaube aber kaum, dass vor spätem Herbst wieder Konzerte stattfinden, wenn sich die Mutante jetzt auch noch ausbreitet.

Wie, glaubst Du, wird sich die Krise zukünftig auf die Unterhaltungsbranche auswirken?
Falls die Unterstützungen für Konzertveranstalter reichen, hoffe ich sehr, dass Festivals und Clubs weitermachen, zumindest zum größten Teil. Auf diesen Kulturbetrieb können wir nicht verzichten. Musik spricht unsere Seele an. Nach Corona brauchen wir gerade diese Ansprache. Ich befürchte aber, dass viele Musiker nicht mehr weitermachen können, weil die Reserven aufgebraucht sind und die Unsicherheit vor der Zukunft bleiben könnte.

Wie stehst Du zu Online-Konzerten?

Ich mache das nicht, mein Bruder schon, aber mir gefällt das nicht so gut. Die Interaktion mit dem Publikum wirkt so gekünstelt und ohne jegliche Gage ist das höchstens eine Werbemaßnahme für manche Künstler. Andererseits sind solche Aufzeichnungen mit einem Team von Kameraleuten für die spätere echte Bookingphase für neue Shows vielleicht ein gutes Tool.

Mittlerweile wird das Thema Corona immer stärker auch in der Kunst aufgearbeitet. Kann die Kunst dabei helfen, dieses „Trauma“ zu bewältigen? Oder besser gefragt: Wie kann und sollte sich die Kunst verhalten?
Mir persönlich gelingt es nur durch Musik, Krisen zu bewältigen, und so ist es jetzt auch mit Corona. Ich verarbeite meine Angst durch Singen und Komponieren. Ein Radiosender hat zu Beginn der Krise aber eine NoCorona-Politik gefahren, was sich hoffentlich ändert, denn wir müssen aussprechen, wie schwierig die Phase ist und war. Sonst kommen wir nicht darüber hinweg. Dabei würde ich aber nicht denken, dass es nicht um ein alleiniges Aufarbeiten der Angst geht, sondern um unsere emotionale Weiterentwicklung. Wir sind so stark separiert, Musik kann da helfen. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade jetzt viele Leute gern im Chor singen würden, weil das miteinander Singen auf eine Art und Weise heilsam ist.

Abschließend ein positiver Ausblick: Was wird das erste sein, wenn die Pandemie vorüber ist?
Wenn Corona vorbei ist, mache ich eine Gartenparty und lade alle Bewohner unseres Ortes ein. Gemeinschaft ist das, was mir am meisten fehlt.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 02.03.21 | KONTAKT | WEITER: DER ELEKTRISCHE MANN VS. FORETASTE>

Webseite:
www.danielgreen.de

Fotos © Moncef Dellandrea (oben links), Christian Bewernick (unten rechts)

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