ASSEMBLAGE 23 "FAILURE" VS. THEE HYPHEN "RE:SOUND" VS. THE ULTIMATE DREAMERS "LIVE HAPPILY WHILE WAITING FOR DEATH": DENKWÜRDIGES VOM DACHBODEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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ASSEMBLAGE 23 "FAILURE" VS. THEE HYPHEN "RE:SOUND" VS. THE ULTIMATE DREAMERS "LIVE HAPPILY WHILE WAITING FOR DEATH": DENKWÜRDIGES VOM DACHBODEN

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Zeit schafft Distanz. Das ist ein unumstößlicher Fakt. Spannend wird zum Beispiel zu sehen sein, wie sich nachfolgende Generationen Dekaden später mit dem "Pandemie-Jahrzehnt" beschäftigen und sie kulturelle Produkte aus dieser Zeit bewerten und interpretieren.

So ist auch die Sicht auf "Failure", dem zweiten Album des Future-Pop-Projekts Assemblage 23, heutzutage eine andere. Denn es repräsentiert ein musikalisches Verständnis einer ganzen Subkultur am Vorabend des 11. Septembers. Elektronische Musik in der Gothic-Szene etablierte sich und überkreuzte die Härte von EBM mit der Melodiösität des Synth-Pop. Besonders Apoptygma Berzerk, VNV Nation und Covenant galten als hell leuchtendes Triumvirat eines neuen Verständnis elektronischer Kangerzeugung einer sich neu definierenden Schwarzen Szene, in der die Ausläufer der so genannten "Spaß-Gesellschaft" auch dort nicht halt gemacht haben.

Assemblage 23 rangierte nur knapp hinter den drei genannten Gruppen. Tom Shear, der Mann hinter den Maschinen, liefert bis heute solide Werke von handwerklicher Finesse ab. Aber so überraschend und auch eindringlich wie auf "Failure" war er vorher und nachher nicht mehr. Das liegt sicherlich auch an "Disappoint", dem Über-Song von Assemblage 23. Shear beschreibt darin die Gefühle nach dem Selbstmord seines Vaters so intensiv und schonungslos, dass selbst die Kühle Strenge seiner Maschinenmusik nichts dagegen aussetzen kann und eine Träne aus ihren Knöpfen rausdrücken musste.

Für die Wiederveröffentlichung hat sich der Amerikaner noch einmal an sein Werk rangesetzt und es neu abgemischt. Die Songs wirken tatsächlich wie frisch aufpoliert, die Rhythmen knackiger, die Melodien klarer. Auch einige musikalische "special effects", die in der Original-Version etwas untergegangen sind, treten nun deutlicher hervor.

Erweitert wird die neue Version um eine Remix-CD, bei der die Songs in chronologischer Reihenfolge von verschiedenen Bands neu interpretiert wurde. Rotersand, Daniel Myer (Hauujobb, Covenant), Clan Of Xymox, Paul Codenys von Front 242 und Suicide Commando seien als prominenteste Vertreter genannt, die es schaffen, den Stücken mit Respekt zu begegnen und sie gleichzeitig um neue Facetten zu bereichern. Erneut ein gelungenes Beispiel für gelungene Remix-Arbeit, die sonst eher stiefmütterlich behandelt oder gar verrissen wird. Von "Failure", zu deutsch: Misserfolg, konnte schon vor 20 Jahren nicht die Rede sein. Und jetzt auch nicht.

Im regelrechten Wiederveröffentlichungsfieber befindet sich Celluloide-Initiator Member U-0176, der bereits im Sommer mit "Incidental Tool Of Confusion" das notabene erste Album seines damaligen Projektes Thee Hyphen erneut veröffentlichte. Im Zuge der Ausgrabungen hat der Musiker auch die Original-Aufnahmen seines Nachfolgers "Re.Sound", das er 1996, also vor 25 Jahren, veröffentlichte, wieder gefunden.

Die stringenten Sounds, die er später mit seiner immer noch aktiven Band Celluloide weiter kultivieren sollte, sind hier bereits erkennbar. Wobei sich "Mind Polluted" noch leicht an die romantischen Depeche-Mode-Nummern (traditionell von Martin Gore gesungen) anlehnt. Allerdings spielt Thee Hyphen auf "Re.Sound" mit dem gesamten Erbe der elektronischen Musik. Besonders "Leaves Me In The Cold" erinnert mit den knackig-klaren-Rhythmen an die markanten Rhythmusfiguren auf Kraftwerks "Computerwelt". Und auch "Not A Tale" greift die Basslinie von "Autobahn" recht deutlich auf.

Letztgenannte Thee-Hyphen-Nummer sollte später seine Reinkarnation in Form vom von Celluloides "Conte de Fée", das auf dem Album "Hexagonal" zu hören ist, erfahren. Vieles, was Member U-0176 damals ausprobiert hat, sollte seinen späteren Werdegang beeinflussen. Zu seiner Zeit war das Album aber relativ anachronistisch. Mitte der 90er dominierten verschiedene Stile wie Rave, Rap und Grunge die Hitparaden, und im Bereich mollschwangerer Elektronik packten bereits die ersten Combos die Hellectro-Keule mit verzerrten Stimmen aus. "Re.Sound" wirkte da ein bisschen wie aus der Zeit gefallen.

Die musikalische Qualität der auf 4-Spur-Bändern konservierten Songs ist aber über jeden Zweifel erhaben. Natürlich hat der Musiker, wie bereits bei "Incidental Tool Of Confusion" einiges an den Originalen verändert. Vor allem sind die Gesangsspuren von sämtlichen Effekten befreit worden, was den Liedern richtig gut getan hat. Unverständlich, warum Member U-0176 überhaupt sein Organ durch den elektronischen Fleischwolf drehen musste. In puncto Sangestalent hat er nämlich deutlich mehr zu bieten als viele seiner Kollegen.

"Re.Sound" jedenfalls klingt auch 25 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung immer noch spannend und zeitlos. Man könnte sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Neuauflage dieses verschollenen Juwels zu keinem besseren Zeitpunkt hätte erscheinen kann. Die Akzeptanz für diese Art von Sounds ist nämlich so groß wie nie.

Noch ein Stückchen weiter zurück liegen die Songs von "Live Happily While Waiting For Death" der belgischen Formation The Ultimate Dreamers. Wie, liebe Leser? Noch nie davon gehört? Das ist keine Schande, denn tatsächlich hat sich die Band aus Lessines (der Geburtstadt des Malers René Magrittes, wie die Truppe auf ihrer Bandseite informieren) zwischen 1986 und 1990 mit einigen selbst vertriebenen Kassetten einen wirklich sehr kleinen Freundeskreis erspielt.

35 Jahre später - und auch Dank Corona - haben die alten Aufnahmen über Umwege Dimitri erreicht, der das Woll-E Discs Label führt und von den Aufnahmen so begeistert war, dass er sie einer breiteren Masse zugänglich machen wollte. Frédéric (Gesang) und Joël (Synthesizer) haben daraufhin aus dem Archiv elf repräsentative Songs ausgesucht, die auf "Live Happily While Waiting For Death" neu gemastert erscheinen sollen.

Dimitris Entscheidung war goldrichtig, denn The Ultimate Dreamers sind eine von vielen Bands, die im Zuge der riesigen Post-Punk-Welle und der limitierten Veröffentlichungsmöglichkeiten nicht die Aufmerksamkeit erhalten haben, die sie eigentlich bekommen sollten. Sicherlich merkt man den Stücken ihr Alter an. Die dumpfe Aufnahme von "Education" ist so ein Beispiel. Alles klingt gerade so, als sei es unter einer Taucherglocke aufgenommen worden.

Auch sonst bricht sich die fehlerhafte Technik in den Songs Bahn. Hie bröselt der Sound weg, da ist das Taperauschen fast schon lauter als die Musik und das Leiern des Bandes kann auch jede noch so gute Restauration nicht retten. Aber genau dieses Unperfekte macht "Live Happily While Waiting For Death" so spannend. Schließlich passt zum maroden Post-Punk, der die Ästhetik der Vergänglichkeit kultiviert, auch der zersetzte Klang alter Aufnahmen wie die Faust aufs Auge. Überdies ist der DIY-Charakter in diesen Stücken so wunderbar präsent, was Frédéric durch seinen Gesang, der zwar ungeübt ist, aber nicht davor scheut, voll in die Emotion zu gehen, noch weiter intensiviert.

Nein: Der Spruch, dass früher alles besser war, wird nicht über die Lippen kommen. Aber man kann schon festhalten, dass es damals viel Unentdecktes gab, das es sich heute immer noch lohnt, anzuhören. Besser jedenfalls, als ungehört irgendwo in einer Kiste auf dem Dachboden zu versauern.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 28.09.21 | KONTAKT | WEITER: PINK TURNS BLUE VS. VLIMMER>

Webseite:
www.assemblage23.com
www.theehyphen.online.fr
www.the-ultimate-dreamers.com

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