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"SNOWFLAKES IX": DIE MAGIE DER LEISEN TÖNE

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Der Hörerschaft mit auf dem Weg geben sollte man bei der neunten "Snowflakes"-Ausgabe noch zwei Dinge: "Erstens: Versuche, es am Anfang möglichst vollständig zu hören. Also ohne viel Geskippe. Sonst geht die Dramaturgie flöten. Zweitens: Es muss dunkel sein für die richtige Atmosphäre."

So hat es Axel Meßinger, der für die Zusammenstellung verantwortlich zeichnet, uns als verbindliche Handreichung auf den Weg gegeben. Und bereits nach dem siebenminütigen, kontemplativen Opener "We All Die Sometimes" von All My Faith Lost versteht man, warum er dies getan hat: In den Stücken eröffnet sich eine Anderswelt, in der es zwar nicht von Elfen und Feen wimmelt, aber in der sich das Individuum mehr erd- und naturverbunden fühlt, wofür es jedoch die Ruhe der Abendstunden benötigt, um dies all zu begreifen und die tiefromantischen Nachtgedanken in sich aufzusaugen.

"Snowflakes" heißt diese Samplerreihe nicht umsonst. Das Liedgut ist so magisch und schön, aber auch so verletzlich und flüchtig wie auf den Boden fallende Schneeflocken. Mit dem wunderbaren Unterschied, dass die Musik sich nicht auflöst, sondern in einem nachhallt und immer wieder erklingen kann. Ein Merkmal der At Sea Copilations, zu denen Sampler aus allen Bereichen der subkulturellen Musik gehören, ist der Versuch eines konkreten Spannungsbogens innerhalb einer Zusammenstellung. Das merkt man auch bei "Snowflakes IX".

Die 40 Songs sind nach Stimmung, Sprache (deutsch, englisch, französisch, holländisch, spanisch und noch viele mehr) sowie Klangbild perfekt aufeinander abgestimmt und ermöglichen ein Versinken in Bildern und Emotionen.  Auch wenn das Cover die Sparten "Dark Folk, Neoclassical, Acoustic" anführt, so sind das nur drei grobe Eckpfeiler, die das musikalische Spielfeld einfrieden. Tatsächlich finden sich zwischen nordisch-mystischen Stücken wie Anhagas martialisch anmutendes "Blue Cliffs" und klassischen Mittelalterweisen wie "Scarborough Fair", die The Reel Chicks mit sehnsuchtsvoller Fidelei äußerst beseelt vortragen, immer wieder überraschende kleine musikalische Exkurse.

Diese führen dann auch mal zu einem staubigen Country Blues von Mike Elrington, der mit "The Mirror" die perfekte Untermalung für einen Roadtrip durch die amerikanische Prärie abliefert. Ebenfalls tief in der amerikanischen Schwermut verankert ist die wundervolle Chanteuse und Harfenspielerin Anna Boulic, deren "Grass May Be Green" an die goldene Ära leidenschaftlicher Bluessängerinnen der 1940er und 50er erinnert. Und Principe Valiente, die eigentlich krachig-verhallten Post-Punk darbieten, haben eines ihrer Stücke - "Before You Knew Me" - in einen Mitternachtsballade inklusive geschmeidigem Saxofonspiel umgemodelt.

Und dann sind da noch die introvertierten, pianobasierten Kleinode wie "To The Moon And Back" von Aija Alsina und Febrùars "Ghost Stories", die einen träumen lassen und die, ob der momentanen Geschehnisse, allzu angstmachende Gegenwart für einen Moment vergessen lässt.

Trotz der auf den ersten Blick doch recht verschiedenen Gattungen ist die neunte "Snowflakes" Ausgabe in sich stimmig, schlüssig und ein musikalischer Hort der Geborgenheit, der zum Verweilen einlädt, um den Alltag zu verlassen und in eine Welt einzutauchen, in der die Magie der leisen Töne so etwas wie eine die Seele reinigende Wirkung besitzen. Ein in Töne gefasster Ruhepol inmitten heftiger Zeiten.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 19.11.21 | KONTAKT | WEITER: NATION OF LANGUAGE VS. TRAIN TO SPAIN VS. FRANCESCA E LUIGI>


Probehören und kaufen:
atseacompilations.bandcamp.com


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