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10/20: I AM THE FLY, PROFIT PRISON, X MARKS THE PEDWALK, ANDREAS DAVIDS & SVEN PHALANX, JOHANNES SCHMOELLING, JOSHUA VAN TASSEL: TANZEN UND TRÄUMEN

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT

Zum Teufel mit glattgebügeltem Urban-House-Geklimper, der sich immer noch hartnäckig in den Charts hält. Die Elektronik muss sich wieder auf ihre unikaten Klangeigenschaften konzentrieren.

Deswegen hat I Am The Fly wohl auch bislang nur in Kennerkreisen ihre Liebhaber gefunden. Denn der Fliegen-Sound ist nichts weniger als die Reinkarnation der schnellen, vom Punk beeinflussten Synthesizer-Klatschereien, wie sie vor allem Suicide in ihrer Hochphase praktizierten. Eine alte Orgel, ein ausgedienter Drum-Computer: alles, was heutzutage nicht mehr dem Hi-End-Klangerlebnis entspricht, findet bei den beiden unter schaurigen Fliegenmasken Musizierenden liebevolle Obhut. Und das ist auch gut so, denn schließlich ist die erste Single der beiden - ebenso wie die erste Demo-CD zuvor - ohne richtigen Namen, aber dafür mit jeder Menge ungefilterter Wut und Energie. Stilecht auf Vinyl gepresst, vereint sie drei Songs - "Axolotl", "Wonko The Sane" und "Heresy". Alle Stücke reißen die Zweieinhalb-Minuten-Marke, sind schnell, schmutzig und kommen ohne Umschweife auf des Pudels Kern. Besonders "Heresy" beschwört mit schneidenden Orgelklängen ein bedrückendes Gefühl hinauf. I Am The Fly haben es geschafft, mit nur wenigen Mitteln eine eigene Identität aufzubauen. Sicherlich ist ihr ungeschliffener Sound eine deutliche Reminiszenz an alle DIY-Künstler, die sich um das Jahr 1978 rum versammelt haben und mit den ersten primitiven elektronischen Geräten Klänge und Rhythmen zu erzeugen. Damals wären die beiden Insektenliebhaber vielleicht eine von vielen gewesen. Heute sticht ihr anachronistischer Sound dafür umso mehr aus der Masse.

Letzten Endes entscheidet natürlich die "Corporate Identity" einer Band darüber, ob sie nur einen Sommer lang Erfolg hat, oder über einen längeren Zeitraum existiert. Erfolg ist dabei ein relativer Begriff. Profit Prison beispielsweise hat, gemessen an den üblichen Parametern, nicht den überbordenden Zuspruch. Aber auch dieses Projekt konnte bereits mit der ersten EP "Six Strings Of Passion" eine bereits abgeschlossene Klangvision präsentieren: Schummriger, minimal gehaltener Synthie-Disco-Pop, der sich an Trans X, die frühe Kim Wilde oder auch The Human League während ihrer "Dare"-Phase anlehnt, aber dennoch eine ganz eigene Handschrift aufweist. Diese manifestiert sich in Paul Lautenschlagers Gesang. Der Mastermind spielt, ob bewusst oder unbewusst, mit Distanz und Nähe. Der Nachfolger "Dreams Of A Dark Building" setzt genau da wieder an und präsentiert mit "Cleric" und "A Premonition" gleich zwei wunderbare Stücke voll von transparenter Elektronik, sprudelnden Sequenzen und druckvollen Beats. "120 Days" bricht ein wenig die Hi-NRG-Stimmung, was aber den Soundteppichen die Möglichkeit bietet, sich voll auszubreiten. Analog zur ersten EP bietet "Dreams Of A Dark Building" wieder ein opulentes Instrumental mit einem nicht minder opulenten Titel: "Her Glance Alone Invests Us In A Robe Of Light" - was immer das auch bedeuten soll. Abgerundet wird dieses kleine Meisterwerk mit "In This Hour", das sich in seinen sich windenden Melodien verliert und uns für einen Moment von der Erde wegbeamt.

Für klanglichen Hochgenuss seit Jahrzehnten sorgt André Schmechta alias Sevren Ni-Arb mit seinem Electro-Gespenst X Marks The Pedwalk. In den 1990ern noch sehr in den harten EBM-Gefilden verwurzelt, wandelt sich die XMTP-Klangschablone mit jedem weiteren Album in Richtung eines melodiöseren Electro. Nach einer längeren Pause erfindet sich Sevren anno 2010 mit dem Album "Inner Zone Journey" neu, ohne aber seine Wurzeln zu verleugnen. Das Aushängeschild des kultig verehrten Labels Zoth Ommog veröffentlicht mittlerweile unter der eigens gegründeten Plattenfirma Meshwork Music seine Werke. Und auch "Transformation" lebt von dieser künstlerischen Freiheit, die dem Mann erlaubt, zusammen mit seiner Angetrauten Estefanìa ein rätselhaft schönes Klanggebilde nach dem anderen zu erschaffen, das irgendwie retro ist, aber auch wieder nicht. Wobei die Liebe zu den 80er-Pop-Strukturen noch deutlicher hervorlugen als noch beim Vorgänger "Secrets". So hat "Voodoo Love" in seiner Melodieführung New Orders "Blue Monday" eingedenkt, und "Let Me Go" bündelt die Energie von Freez' "IOU" und Shannons "Let The Music Play" und transferiert sie mittels knackiger Beats und zeitgemäßer Produktion in die Gegenwart. X Marks The Pedwalk hat mit "Transformation" ihre eigene dokumentiert und abgeschlossen. Dieses Album ist sicherlich eines der besten von Sevren Ni-Arb, weil es in sich abgeschlossen und kohärent ist.

Andreas Davids & Sven Phalanx ist eine Zusammenkunft zweier Klang- und Beatfrickler. Ihre Projekte, Xotox bei Davids und Schwarzwald bei Phalanx, verorten sich in rhythmusintensiven Electro-Happen, die mal mehr mal weniger gewaltig daherkommen. Ihre erste gemeinsame Sache ist der Vorliebe der beiden für vertracktere Beats, gepaart mit breiten Synthieflächen geschuldet. "Broken Galaxies" tariert die Differenz zwischen flirrendem Schlagwerk und melodiösen Einschüben sehr genau aus, bleibt dabei aber immer mysteriös und geheimnisvoll. Im Vordergrund steht, der Titel lässt es erahnen, eine mögliche interstellare Reise, die kraft unserer Gedanken und der Musik von Andreas Davids & Sven Phalanx möglich erscheint. Aber die Musik lässt noch mehrerer Assoziationen zu. So ist "Far From Home" trotz seiner brüchigen Konsistenz dank der redundanten hellen Melodie eine perfekte Untermalung für einen Sonnenaufgang, wenn die ersten Strahlen das Land in rote und goldene Farben taucht. Auch "Alpha Omega" erinnert in seinen schier unendlichen Synthpads nicht nur an die ebenso grenzenlosen Weiten des Weltraums, sondern auch an die innere Leuchtkraft jedes einzelnen. Panta rhei - alles fließt. Das gilt auch für "Broken Galaxies", das trotz seiner teilweise eingeworfenen Beats nie etwas Hektisches oder gar Forderndes besitzt. Andreas Davids & Sven Phalanx haben Synergien frei werden lassen, die sie auf ihren Solopfaden bis jetzt noch nicht in der Art hervorgebracht haben. Möge dies nicht nur eine einmalige Angelegenheit gewesen sein.

Sein Mitwirken hat die musikalische Ausrichtung von Tangerine Dream in den frühen 80ern maßgeblich beeinflusst. Danach zog es den begnadeten Musiker Johannes Schmoelling auf Solopfade, auch die Vertonung des Schimanski-Tatorts "Das Mädchen auf der Treppe" geht auf sein Konto. Doch erst mit der Gründung seines eigenen Labels Viktoriapark setzte sich ein konstanter künstlerischer Output ein. Das war vor 20 Jahren. Und das feiert der Mann aus dem norddeutschen Lohne nun mit einer kleinen, aber sehr feinen EP, schlicht "20" betitelt. Auf einer knappen halben Stunde gibt es vier elektronische Instrumentale zu hören, die so bezeichnend für Schmoellings Klangideen sind. "Mountain Blue", "Kaleidoscope", "The Stumble", und "Ancient Ride" sind melodische Leckerbissen, ganz im Stile der goldenen 80er Jahre, als sich die Synthesizertechnik weiter verfeinerte und es den Musikern erlaubte, immer ausgefallenere Klangbögen und Effekte in ihren Kompositionen zu verweben. Die Stücke auf "20" besitzen dabei immer eine treibendes, recht stabiles Grundthema, über das Schmoelling seine verschiedenen Sounds drüberlegt. Das macht er so gekonnt, das man hinter diesen Stücken eine alte Seele vermutet, die ihr Equipment in- wie auswendig kennt, liebt und beherrscht. Die Songs sind in Zusammenarbeit mit Kurt Ader, Jonas Behrens und Lambert Ringlage entstanden, drei Menschen, die Schmoelling seit langem begleiten. Wenn man wissen will, wo der aktuelle Synth-Wave seinen Ursprung hat, sollte hier mal reinhören.

Angefangen haben wir mit herrlich dilettantischen Klängen aus alten Kisten, enden wollen wir mit geradezu hochgeistiger, üppig produzierter Musik voller Strahlkraft. Verantwortlich zeichnet dafür ein gewisser Joshua Van Tassel. Der nennt sein neuestes Werk "Dance Music Volume II", was erahnen lässt, dass der Mann bereits zuvor ähnliches erdacht hat. Schelmisch ist die Bezeichnung des Albums allemal, denn tanzen kann man nicht zu dieser Musik. Das einzige, was sich in Bewegung setzt, ist das zerebrale Lichtspiel, das Van Tassel mit seiner Musik so wunderbar befeuert. Im Mittelpunkt steht dabei das Ondes Martenot, ein analoges elektronisches Instrument, das in den 1920ern vorgetellt und neben dem Theremin zu den am weit verbreitesten analogen elektronischen Instrumenten in jener Zeit gehört hat. Um ihn herum baut er cineastisch anmutende Downtempo- und Ambient-Kleinode, die von einer anschwillenden Redundanz der Themen geprägt ist. Schon bei "Muttering Spells" und "Conjuror er" scheint diese simple wiewohl effektvolle Technik durch und wird im Laufe des Albums auf verschiedene Art und Weise arrangiert. So tröpfelt bei "Their Love Was Alive Before They Were Dead" "Their Hands On Their Hands" das Piano die Melodie in die Gehörgänge, während langgezogene Streicher eine wohlige Atmosphäre schaffen. Van Tassel selbst hat gesagt, dass er in diesen schweren Zeiten einfach nur ein schönes Album machen wollte. Das ist ihm mehr als gelungen.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 21.9.20 | KONTAKT | WEITER: ELSA VS. SOECKERS>

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Webseiten:
www.i-am-the-fly.de
profitprison.bandcamp.com
www.x-mtp.com
www.facebook.com/AndreasDavids.SvenPhalanx
www.johannesschmoelling.de
www.joshuavt.com

Covers © I Am The Fly, Avant! Records (Profit Prison), Meshwork Music/Al!ve (X Marks The Pedwalk), Infacted Recordings (Andreas Davids & Sven Phalanx), Viktoriapark  Records/Spheric Music (Johannes Schmoelling), Backward Music (Joshua Van Tassel)

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