MASSIV IN MENSCH "TÜRKIS UND SCHWARZ" VS. PRINCIPE VALIENTE "DEBUT ALBUM - 10 YEARS": JEDER FEIERT AUF SEINE WEISE: DER EINE LAUT, DER ANDERE LEISE - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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MASSIV IN MENSCH "TÜRKIS UND SCHWARZ" VS. PRINCIPE VALIENTE "DEBUT ALBUM - 10 YEARS": JEDER FEIERT AUF SEINE WEISE: DER EINE LAUT, DER ANDERE LEISE

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Sich von der Masse zu unterscheiden, ist wichtig - selbst, wenn es sich nur um einen relativ kleinen verschworenen Haufen wie die Gothic-Szene handelt. Allerdings ist es nicht so einfach, sich Szenekredibilität anzueignen, obwohl man thematisch ungefähr so weit von jener entfernt ist wie der Teufel von Weihwasser. Und doch haben es Massiv In Mensch mit ihrem ganz eigenen Elektrosound geschafft, sich eine Nische in der Schwarzkittelgemeinde zu erspielen. In dieser befinden sie sich nun schon 25 Jahre.

Dass dies so ist, kann kein Zufall sein. Ist es auch nicht! Schließlich bekamen die Männer um Mastermind Daniel Logemann bereits zu Beginn tatkräftige Unterstützung von niemand geringerem als Ecki Stieg, der das Projekt in seinen Anfangstagen förderte. Er hat nämlich erkannt, was die Jungs so besonders macht: Humor. Besonders in einer Szene, die sich selber furchtbar ernst nimmt und bisweilen elitär wirkt, eine wahre Wohltat.

Damit haben sie sich, ähnlich wie die Band Kontrast, für einen steinigen Weg entschieden. Denn es ist ein leichtes, sich gängigen Klischees anzupassen, um den Massen zu gefallen. Jedoch derart gegen den Strich gebürstete Texte über beispielsweise "Das letzte Bonbon", "Offenes Schuhwerk" oder der fast vergessenen Frisursünde "Vokuhila" einer Gemeinde, die  sich sonst eher mit Tod, Vergänglichkeit und Romantik schmückt, vor den Latz zu knallen, bedarf schon einer gewissen Kaltschnäuzigkeit oder großen Portion Wahnsinn.

Wie dem auch sei: Massiv In Mensch sind anerkannt, sie beehren regelmäßig das Wave-Gotik-Treffen und ähnliche Festivals, und beeinflussen sogar andere Kollegen (die Band Menschdefekt beispielsweise hat sich nach dem gleichnamigen MIM-Song benannt). Vor vier Jahren erschien ihr letztes Album "Am Port der guten Hoffnung", nun kommen sie, pünktlich zu ihrem 25-jährigen Jubiläum, nicht nur mit einer limitierten Best-Of-Vinyl, sondern auch mit dem neuen Album "Türkis und Schwarz" um die Ecke.

Die zwei Farben symbolisieren die verschiedenen musikalischen Stilrichtungen der Band: auf der einen Seite düster-elektronisch, auf der anderen verspielt-poppig. Über beide Pole legen Massiv In Mensch ihre unkonventionellen Texte, die zwischen Ernsthaftigkeit und Humor eine gute Balance gefunden haben. In ihren Songs, die laut Bandaussage aus "100 Prozent Offshore-Electro" bestehen, wird unter anderem die mystische Gestalt des Gongers, einem Poltergeist, der dem Volksglauben nach auf den Inseln Sylt und Amrum sein Unwesen treiben soll, aber auch die Zensur der Beatmusik in der ehemaligen DDR ("Tanzmusik 2.0", zusammen mit den nicht weniger schelmischen Patenbrigade:Wolff eingespielt) und die völlig unterschätzte Sportart Badminton verhandel
t.

Erlaubt ist eben, was Spaß macht. Das Erstaunlich ist jedoch, dass Massiv In Mensch trotz ihrer thematisch weit auseinanderliegenden Stücke immer überzeugen und weder gewollt komisch, noch plump pathetisch wirken. Sie sind und bleiben eine Ausnahmeerscheinung in der Schwarzen Szene - und das hoffentlich auch noch mindestens die nächsten 25 Jahre.

Ebenfalls neues Material wird es demnächt von der schwedischen Formation Principe Valiente zu hören geben. Doch bis es soweit ist, gönnt sich Sänger Fernando Honorato und seine Mitstreiter ebenfalls eine kleine Feierei. Denn vor genau zehn Jahren kam das selbstbetitelte Album auf den Markt und sorgte bei vielen Hörern für ausgeprägte Oho- und Aha-Erlebnisse. Das liegt an mehreren Faktoren.

Erstens: Principe Valiente machen etwas, das die Presse als Dark Pop umschrieben haben, im Grunde aber die gelungene Kreuzung aus Pop, Post-Punk und Shoegaze meint. Zweitens: Dass diese Musik so erfolgreich ist, liegt vor allem auch am Sänger, dessen warmes und umschmeichelndes Timbre an Größen wie David Bowie erinnert. Und drittens: Ihr Faible für zündende Melodien, die sich zwar anschmiegsam geben, aber unter der Oberfläche eine sachier unendlich melancholische Tiefe besitzen, ist perfekt ausgeprägt.


Es passiert selten, dass eine Gruppe gleich mit ihrem Debut zu ihrem Sound finden. Principe Valiente ist dies gelungen; die nachfolgenden Alben "Choir Of Blessed Youth" (2014) und "Oceans" deklinieren ihr Erfolgsrezept weiter durch, verändern die Zutaten geringfügig, sodass sich immer wieder neue Nuancen im Klangkosmos der Skandinavier ausformen. Zweifelsohne gehören sie mit zu den spannendsten Bands die in den 2010ern die alternative Szene musikalisch zu bespaßen wussten.

Von ihrem Hang zum Pathos und üppig arrangierten Nummern ist aber auf dem schlicht "Debut Album - 10 Years" betitelten EP nichts zu hören. Stattdessen haben sich Honorato und Co dazu entschlossen, fünf markante Songs aus dem Erstling in reduzierter Form einzuspielen.

So wurde die klassische Club-Nummer "The Night" von sämtlichen Shoegaze-Popanz befreit, in seiner Geschwindigkeit gedrosselt und als gefühlvolle Ballade neu interpretiert. "Stay" konzentriert sich in der neuen Version nur auf das durch Streicher vorgetragene Thema des Songs und lässt dafür sogar den Gesang komplett sausen. "In My Arms" und "One More Time" verfahren nach dem selben Prinzip wie "The Night": breite Synthieflächen, langsameres Tempo und nach vorne gesetzter Gesang machen aus den treibenden Stücken wohlfeil arrangierte Schleicher, die eine ganz neue Seite von Principe Valiente aufzeigen.

Denn das Quartett hat unter Beweis gestellt, dass es über eine Menge Talent verfügt. Und sicherlich wollen sie sich auch nicht im Laufe ihrer Karriere selber kopieren. Diese EP mag da vielleicht einen kleinen Hinweis auf die zukünftige musikalische Ausrichtung von Principe Valiente sein. Schließlich ist der Entschluss, in der Neufassung von "One More Time", das die EP abschließt, ein Saxofon (geschmeidig gespielt von Jonathan T. Freund) ertönen zu lassen, vielleicht nicht weltbewegend, aber immer hin spannend genug, um mit dem Rätselraten über das neue Songmaterial zu beginnen.

Ein konkretes Datum für ein neues Album ist noch nicht ausgemacht, aber die Übernahme einiger Ideen der Gruppe für die EP auf das kommende Album könnte die Gruppe auch für diese Dekade zu einem Szene-Highlight avancieren lassen. Jetzt aber erst einmal an sie und Massiv In Mensch: Happy Birthday!

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 18.08.2021 | KONTAKT | WEITER: ALLTAG VS. 21 DOWNBEAT>

Webseite:
www.massivinmensch.de
www.principevaliente.com

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Covers © Katyusha Records (Massiv In Mensch),  Aenaos Records (Principe Valiente)

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