6/24: PROFIT PRISON, ULTRA SUNN, HUIR, FEVERDREAMT, BERTRAND LOREAU - EINMAL DANCEFLOOR UND ZURÜCK - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

Direkt zum Seiteninhalt

6/24: PROFIT PRISON, ULTRA SUNN, HUIR, FEVERDREAMT, BERTRAND LOREAU - EINMAL DANCEFLOOR UND ZURÜCK

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2024
Schon seit einiger Zeit geistert Profit Prison durch die Szene. Und geistern ist das passende Verb für den Sound, den Mastermind Parker Lautenschlager seit seiner Debut EP "Six Strange Passions" kontinuierlich in seiner Imperfektion vorantreibt. Sein Wiedererkennungspotenzial ist aus zwei Gründen riesig: Zum einen besitzt sein spröder und "unterproduzierter" Italo-Disco-Sound einen unverwechselbaren Charakter, zum anderen hat Parker eine ganz eigene Gesangsaufnahmetechnik entwickelt, die ihn turmhoch aus der Masse von Synth-Pop und Electro-Acts herausragen lässt. Er klingt nämlich so, als ob das Mikrofon bei den Aufnahmen kaputt gewesen ist oder wie wenn man bei der Endabmischung nur den Halleffekt, aber nicht mehr Parkers Stimme berücksichtig hätte. Das macht einen Song wie "Sophia" zu einem seltsam surrealen Gebilde, dessen Undurchdringbarkeit und emotionale Kühle gleichsam verstörend und betörend ist. Das zu dem Stück gedrehte Video unterstreicht mit seiner körnigen VHS-Ästhetik das seltsam nostalgische Moment, welches sich auf seinem Erstling "Gilt" erstreckt. Am Ende darf der ganze elektronische Fuhrpark nochmal ordentlich ranklotzen: "A.R.P." ist ein Hi-NRG-Song, der mit einer großartigen repetitiven Melodie als überbordendes Finale aufwartet, sodass man am liebsten gleich noch einmal mit dem Stück beginnen möchte. Schon in unseren früheren Besprechungen der Werke von Profit Prison sind Vergleich wie The Human League oder Kim Wilde in ihren Anfangstagen gezogen worden. Man kann die Liste noch um die legendären deutschen Boytronic erweitern, deren Überhit "You" sicherlich auch irgendwann mal in Lautenschlagers Wohnzimmer aus seiner Stereoanlage zu hören war.

Es ist ein bisschen wie beim Fußball. Es gibt Vereine, die junge Talente ausbilden, aber lediglich als Karrieresprungbrett fungieren. Ultra-Sunn beispielsweise war lange Zeit bei Cold Transmission beheimatet. Nun sind sie bei dem Indie-Riesen Artoffact unter Dach und Fach gebracht worden. Sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung, aber dass ihr erstes Album "Us" schon mit Vorfreude und Spannung erwartet wurde, ist der Fürsorge und guten PR-Strategie ihres früheren Labels zu verdanken. Anyway: "Us" ist ein Album, das in der Form auch nur von Belgiern, die Ultra-Sunn nun mal sind, erdacht worden sein kann. In den knackigen Electro-Wave-Nummern von Gaelle Souflet und Sam Hugé hört man die ruhmreiche Geschichte dieses Landes in Bezug auf den Einfluss für die subkulturelle Musik. Einfach mal "This Is Not About You" oder auch "Some Ghost Could Follow" anhören. Die Referenzen an die glorreiche New-Beat-Epoche sind unüberhörbar. Doch letztgenannter Song arbeitet auch aktuellere Strömungen in die Kompositionen ein. Eine lose Verbindung zwischen Ultra-Sunn und VNV Natiion darf gezogen werden, vor allem in der Melodieführung finden sich einige Parallelen; natürlich ist die Grundstimmung bei "Us" aber eine komplett andere. Einfach, weil ein Lied wie "Lost And Found" dann doch mehr nach 90s-Euro-Dance klingt - aber eben in einem schwarzen Soundgewand und mit einem Sänger, der ein dunkles, aber klares Timbre besitzt, das lediglich in "Fall From Grace", zusammen mit einem insgesamt aggressiveren Klang, fordernd und alert klingt. Ultra-Sunn ist mit "Us" ein Debut gelungen, das über jeden Zweifel erhaben ist.

Aber so ist das auch beim Fußball. Wenn ein großes Talent abwandert, wird ein neues aufgebaut. In diesem Fall stehen Huir nun in den Startlöchern und werden von Cold Transmission großgezogen. Huir aus Spanien zeigen sich auf ihrem ersten Kurztrip namens "Triumphal Arch Lovers" bereits sehr stilsicher: Ein mäßig treibender Computerbeat schiebt die Coldwave-Szenerie von David Solazo sanft an, während Sängerin Ana Of The Head mit verhallter, distanzierter, aber dennoch kräftiger Stimme ihre Texte vorträgt, die, so verrät es die Bandcamp-Seite, Resultate aus toxischen Beziehungen und gescheiterten Freundschaften sind, die das Duo durchlebten. "Huir" bedeutet im Spanischen "fliehen" - ein Verb, das nicht besser zum eskapistischen Sound der zwei aus Barcelona passen könnte. Denn in ihren Nummern mag man sich verlieren und im weichen Disco-Beat sich der teilweise bitteren Realität entziehen. Das Projekt ist die erste "offizielle" Veröffentlichung seit ihrer Gründung von vor zwei Jahren und glänzt mit vier packenden Nummern, die allesamt Hitpotenzial besitzen. Besonders sticht jedoch "Arch" heraus, da es mit einer fluffigen Arpeggiolnie auf der E-Gitarre ganz viel 80er-Charme hervorruft und wie ein nostalgischer Blick zurück wirkt. "Triumphal Arch Lovers" bringt einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Man muss aber kein großer Prognostiker sein, um zu wissen, dass Huir ihren Weg machen und über kurz oder lang viel Zuspruch ernten werden. Bleibt nur zu hofffen, dass sie Cold Transmission auch die Treue halten werden und nicht zu anderen Plattenfirmen "fliehen".

Noch mal zum Mitzählen: Alexander Leondard Donat ist vor allem durch sein experimentell ausgelegtes Darkwave-/Postpunk-Projekt Vlimmer bekannt. Daneben veröffentlicht er auch als Fir Cone Children und Assassun Musik. Und dann betreibt er auch noch das Blackjack Illuminist Label. Noch was vergessen? Ach ja: Feverdreamt. 2015 hat sich Alexander auch diesen musikalischen Act ausgedacht und sich dabei auf eine besondere musikalische Reise begeben. Das Debüt "Terban Te Ban" war ein entrücktes Krautrock-Werk in mit arabischer Sprache. Von diesem Konzept weicht das dritte Album "Decay Is Present" deutlich ab. Der mystisch-rätselhafte Grundton bleibt zwar weiterhin erhalten, die Wahl des Instrumentariums ist dieses Mal eine andere. Alexander hat sich einen fast schon kirchlichen Rahmen für "Decay Is Present" gegeben. In den morbid-düsteren Liedern erklingen Zither, Kirchenorgeln und Akustikgitarren, während ein reduziert gehaltenes Drumming der ganzen Platte ein bisschen Bauhaus-Feeling vermittelt. Wobei die Songs natürlich ganz klar Donats Handschrift tragen (nicht zuletzt ist Alexanders einmalige Stimme verantwortlich, dass "Decay Is Present" ganz klar ihm zuzuschreiben ist). Betrachtet man das komplette Oeuvre des Mannes, ist es erstaunlich, dass er seit einigen Jahren mit gleichbleibend hoher Qualität Alben veröffentlicht, welche die gesamte subkulturelle Szene auf Links dreht. Feverdreamt macht da keine Ausnahme. So klingt "When It's Too Late To Bail" wie ein Song von Depeche Mode während ihrer "Songs Of Faith And Devotion"-Phase. Nur noch schwärzer. Und der Titelsong mutet wie eine Einladung des Projekts an den Hörer an, in die tiefsten Tiefen seiner Seele zu steigen. Beängstigend schön!

Wer sich einfach nur von wohligen Harmonien, hypnotischen Arpeggio-Basslinien und fließenden Kompositionen umspülen lassen möchte, kommt an Bertrand Loreaus "Echo Of A Distant Time" nicht vorbei. Der Franzose, über den nur wen bekannt ist, hat seine große Liebe für die elektronische Musik entdeckt, als er einem Konzert des legendären Klaus Schulze beiwohnte. Daher sind seine Werke eng mit den Produktionen der Berliner Schule verwoben. Das aktuelle Album entstand in einer sehr kurzen Zeitspanne und sollte - der Titel deutet es bereits an - sich zurückbesinnen, als Loreau in den späten 1970ern selbst mit der Synthesizermusik angefangen hat. Dementsprechend überschaubar produziert wirken die Stücke, deren großes Moment jedoch gerade der Minimalismus ist. Aus ihm erwächst nämlich eine sehr entspannte und entspannende Stimmung, die sich über das gesamte Album erstreckt. Wie Wellen schwillt die Musik in den Songs langsam an und verschwindet wieder. Beats sind auf dieser Platte komplett verbannt; sie sind aber auch nicht nötig, da der kontemplative Tenor von "Echo Of A Distant Time" keine Rhythmisierung beansprucht. Alles fließt gemächlich, aber beständig und auch leicht melancholisch. Denn in den simpel gehaltenen Sequenzen manifestiert sich auch die Sehnsucht nach einer Zeit, in der vieles einfacher schien. Das gilt sicherlich nicht für die elektronische Musik, deren Handhabe vor 45 Jahren nur denen vorbehalten war, die sich intensiv mit der Technik auseinandergesetzt haben. Loreau gehört zu dieser Gilde. "Echo Of A Distant Time" ist eine tiefenentspannte Platte geworden, die ihre Schönheit mit jedem weiteren Durchlauf nach und nach preisgibt.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 10.05.24| KONTAKT | WEITER: PRINCIPE VALIENTE VS. DATE AT MIDNIGHT>

Kurze Info in eigener Sache
Alle Texte werden Dir kostenfrei in einer leserfreundlichen Umgebung ohne blinkende Banner, alles blockierende Werbe-Popups oder gar unseriöse Speicherung Deiner persönlichen Daten zur Verfügung gestellt.Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du etwas für dieses kurzweilige Lesevergnügen zurückgeben möchtest, kannst Du Folgendes tun:
Druck' diesen Artikel aus, reich' ihn weiter - oder verbreite den Link zum Text ganz modern über das weltweite Netz.
Alleine können wir wenig verändern; gemeinsam jedoch sehr viel.
Wir bedanken uns für jede Unterstützung!
Unabhängige Medien sind nicht nur denkbar, sondern auch möglich.
Deine UNTER.TON Redaktion


POP SHOPPING

























Du möchtest eine dieser CDs (oder einen anderen Artikel Deiner Wahl) online bestellen? Über den oben stehenden Link kommst Du auf die Amazon.de-Seite - und wir erhalten über das Partner-Programm eine kleine Provision, mit der wir einen Bruchteil der laufenden Kosten für UNTER.TON decken können. Es kostet Dich keinen Cent extra - und ändert nichts an der Tatsache, dass wir ein unabhängiges Magazin sind, das für seine Inhalte und Meinungen keine finanziellen Zuwendungen von Dritten Personen bekommt. Mit Deiner aktiven Unterstützung leistest Du einen kleinen, aber dennoch feinen Beitrag zum Erhalt dieser Seite - ganz einfach und nebenbei - für den wir natürlich außerordentlich dankbar sind.

Webseiten:

Covers © Avant! Records (Profit Prison), Artoffact (Ultra-Sunn), Cold Transmission (Huir), Blackjack Illuminist (Feverdreamt), Sphere Music (Bertrand Loreau)

ANDERE ARTIKEL AUF UNTER.TON


Rechtlicher Hinweis: UNTER.TON setzt auf eine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik. Deshalb wurden farbige Original-Bilder unserem Layout für diesen Artikel angepasst. Sämtliche Bildausschnitte, Rahmen und Montagen stammen aus eigener Hand und folgen dem grafischem Gesamtkonzept unseres Magazins.


                          © ||  UNTER.TON |  MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014

Zurück zum Seiteninhalt