OEHL "DUNKLE MAGIE" VS. SOFIA TALVIK "WRAPPED IN PAPER": TATSÄCHLICH LIEBE - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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OEHL "DUNKLE MAGIE" VS. SOFIA TALVIK "WRAPPED IN PAPER": TATSÄCHLICH LIEBE

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Sind wir doch mal ehrlich: Weihnachten ist vor allem ein Fest für die Kinder. Schließlich sind sie es, die den Zauber dieses Festes unvoreingenommen und unaufgeklärt annehmen. Der Weihnachtsmann (oder je nach Region das Christkind) bringt an Heilig Abend die Geschenke, davor dürfen am Adventskalender 24 Türchen mit einer Kleinigkeit geöffnet werden. In kaum einer anderen Zeit im Jahr sind die Kinderaugen leuchtender als in diesen rund vier Wochen.

Diese anhaltende Vorfreude scheint den meisten Erwachsenen abhanden gekommen zu sein. Genau da setzt "Dunkle Magie" des Musikers Ariel Oehl an. Das Album will bewusst nostalgisch klingen, um uns daran zu erinnern, welch einzigartige Stimmung das Weihnachtsfest besitzt. Der Titel muss daher umgedeutet werden: "Dunkle Magie" ist nicht der böse Zauber, sondern schließt das Wunderbare der Heiligen Nacht ein. In einer Welt, in der die Dunkelheit ein Ort des Fürchtens und der Angst ist, bildet die "Heilige Nacht" eine der wenigen Ausnahmen in der das Dunkle positiv besetzt ist.

So finden sich auf dem Album Songs, welche die ruhige, andächtige Stimmung der Jahreszeit nach dem (immer viel zu frühen) Sonnenuntergang widerspiegelt. Gekonnt verbindet Oehl ruhige jazzige und chansoneske Pop-Strukturen mit einem bewusst antiken Aufnahmeequipment. Natürlich hört man dem Album seine Aktualität an, die einzelnen Soundelemente hätten jedoch auch in den 60ern und 70ern des vorigen Jahrhunderts entstammen können. Besonders "Pobozno Jodlanje (Andachtsjodler)" mit tremolierenden E-Gitarren und psychedelisch angehauchten Drums verweisen stark auf diese Dekade. Ebenso ist "Zärtlich werde ich Dich verlassen", eine Coverversion des 65 Jahre alten Italo-Schinkens "Piano" von Mina, per se nostalgisch.

Die Weihnachtszeit wird bei "Dunkle Magie" zur symbolträchtigen Kulisse, vor der allerhand passiert. Traurig wie lustig, skurril wie liebevoll.  "Alle Jahre wieder stille Nacht", gesungen von Romi Rabic und Niklas Apfel, geriert sich als alpines Mundart-Stück über eine Frau, die Weihnachten alleine feiert und auf ihren Geliebten wartet. Der Song wirkt wie eine weniger kaputte Version von Dresden Dolls' "Me And The Minibar".

Aber es gibt auch die tröstenden und heiteren Momente, die bereits im Titel angedeutet werden "Erwin allein zu Haus" ist der Besuch einer Weihnachtsfeier im Altersheim, in der sich der Protagonist einen Likör nach dem anderen reinschraubt. Doch "Dunkle Magie" ist vor allem Beziehungsarbeit. "Bad Cannstatt", mit Tristan Brusch als Gastsänger, wird zu einem romantischen Ort einer verflossenen Liebe, und "Als wir uns liebten" bringt den Liebeskummer auf unprätentiöse, aber eindringliche Weise der Hörerschaft näher.

Am Ende ist klar, was "Dunkle Magie" uns sagen will: Unser Leben ist von Enttäuschungen gepflastert, die das Weihnachtsfest nicht aufwiegen kann. Was im Titelsong textlich noch voller Hoffnung ist, wird auf musikalischer Ebene bereits gebrochen. Am Ende bleibt das Weihnachtsfest als ein schwacher Trost. Und doch besitzt er, allem Unbill zum Trotz, seinen Zauber immer noch.

Für Sofia Talvik aus Schweden scheint diese Beobachtung nicht zutreffend zu sein. Um es auf einen Satz runterzubrechen: Sie liebt Weihnachten, und Weihnachten liebt sie. Denn alle Jahre wieder bringt die Frau mit der kraftvollen und gleichzeitig engelsgleichen Stimme einen Weihnachtssong heraus. Nach ihrer ersten Sammlung "When Winter Comes" anno 2017 hat sie nun mit "Wrapped In Paper" erneut ihre ganzen Songs der vergangenen Jahre vereint.

Talviks Tradition, jedes Jahr mit einem Weihnachtssong zu beschließen, ist eine heißgeliebte - bei den Fans natürlich, aber auch bei vielen amerikanischen Radiostationen, die ihre von Folk und Americana durchzogenen Kleinode dankbar annehmen. Schließlich zeigt sich die schwedische Mittvierzigerin weit davon entfernt, kitschige Stereotype abzurufen oder vom "Winterwunderland" zu tirilieren. Bereits der Opener "Let Peace Be The Song" zeigt ihre sozial- und gesellschaftskritische Seite: Die Musikerin spricht zum Weihnachtsmann und sagt ihm, dass er gar nicht kommen brauche, weil die Menschheit nicht brav war. "The world is ending", so das bittere Fazit.

Bei aller Schlechtigkeit, die in der Welt zweifelsohne herrscht, geht es aber dennoch um das "Fest der Liebe", welches die Zeit davor und auch danach ein wenig friedvoller erscheinen lässt. Der Titelsong mit den jubilierenden Bläsern lässt, völlig kitschbefreit, die Freude am Fest erahnen. Doch während an diesem Tag Liebende, Familie und Freunde zusammenfinden, werden auch viele Menschen, aus welchen Gründen auch immer, die Festtage alleine verbringen. Talvik lässt diese melancholischen Gefühle im Song "Alone For Christmas" kulminieren. Die schweren Streicher, das verzagt-monotone Gitarrenspiel und Sofias zitterndes Organ sind Zutaten für einen Tränenzieher par excellence. Wer bei diesem Stück nicht zumindest einen Klos im Hals hat, ist unempathischer als Ebenezer Scrooge.

Neben ihren eigenen Kompositionen hat die Schwedin zwei Coverversionen auf "Wapped in Paper" hinzugefügt und sich für klassisches Liedgut entschieden. "Silent Night" transformierte sie dabei in eine Country-Nummer mit unterschwelligen Gospel-Charakter, was den kirchlich-christlichen Aspekt dieses Stücks zwar einfängt, aber spannend umdeutet. "Jul, Jul, strålande jul" dagegen ist ein schwedisches Stück, dessen Stellenwert in Sofias' Heimatland mit "Stille Nacht" gleichzusetzen ist und auch als deutsche Variante vorhanden ist. Sofia singt dieses tröstende Stück in beiden Sprachen.

Wem also "Last Christmas", exzessiver Glühweinkonsum und tausend bunte Lichter einfach zu viel geworden sind; wer sich nach Ruhe, innere Einkehr und Kontemplation sehnt; wer Weihnachten nicht als Fest des Kommerzes, sondern als Möglichkeit einer Selbstbetrachtung verstehen will, kann bedenkenlos zu den Weihnachtsscheiben von Oehl und Sofia Talvik greifen, seine Kemenate verdunkeln und nur mit Kerzenschein, Tee (oder geistigem Getränk) und viel Ruhe den wahren Geist der Weihnacht aufspüren. Denn es ist tatsächlich das Fest der Liebe - zu sich und seinen nächsten.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 18.12.25 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 13/25>

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COVER © GRÖNLAND RECORDS (OEHL), MAKAKI MUSIC (SOFIA TALVIK)

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