1/26: GHOST ENCLAVE, THE BLACK VEILS, VLIMMER, MARTIN DUPONT, DEAVASEA - MOMENT, 2025! WIR SIND NOCH NICHT FERTIG - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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1/26: GHOST ENCLAVE, THE BLACK VEILS, VLIMMER, MARTIN DUPONT, DEAVASEA - MOMENT, 2025! WIR SIND NOCH NICHT FERTIG

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Wieder einmal überrascht uns Italien mit einer Band, die sich vor gerade mal drei Jahren gegründet hat. Die Mitglieder von Ghost Enclave sind aber alles andere als Novizen. Sänger Davide Mavica, Gitarrist/Bassist Giacomo Iannaci und Schlagzeuger Dario Casabona sammelten bereits einige musikalische Erfahrungen, allerdings in Genres wie Alternative Rock und Doom Metal. Diese musikalische Richtungen sind auf "Toten Danse" nicht mehr zu vernehmen. Stattdessen kredenzt uns das Trio einen gradlinigen Post-Punk, der sich teilweise gen Gothic-Rock neigt. Ghost Enclave profitieren aber von ihrem langjährigen Vorwissen. Denn die Songs sind von jeglichem Popanz oder kompositorischen Ballast befreit. Wie gut dieser Minimalismus zündet, ist bereits bei "Father Pain" zu hören. Eine discoide Basslinie bereitet das Fundament vor, auf dem die konzentrierten und einfach gehalten Gitarrenriffs tänzeln, während das Schlagwerk stoisch-mechanisch vor sich hinwummert. Davides Organ bleibt vernuschelt dunkel und wird teilweise mit einigen Effekten belegt. Ein Rezept, dass sie auf Albumlänge (die mit 33 Minuten fast schon zu kurz ausgefallen ist) nur noch wenig variieren. Dennoch klingt "Toten Danse" nicht eintönig. "Night Tide" arbeitet die tonalen Möglichkeiten der Instrumente weiter aus, während "Seven" sich nur auf Gitarrenakkorde und Bassbegleitung verlässt und das Schlagzeug ganz außen vorlässt. Zweifelsohne weckt das Debüt die alten Geister, will aber nicht in sentimentales Nostalgiegewimmer abgleiten. Vielmehr geht es dem Dreiergespann darum, in der Einfachheit ihrer Songs die größtmögliche Emotion zu erzeugen. Dass ihnen das gelungen ist, muss an dieser Stelle eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass auf diesen "Totentanz" weitere melancholische Reigen stattfinden werden.

Auch The Black Veils stammen aus Italien und können ebenfalls der Wave-Szene zugeordnet werden. Da liegt die Vermutung nahe, dass dort gerade ziemlich viel los ist. Denn auch "Gaslight" ist, wie das vorher besprochene "Toten Danse" von Ghost Enclave, ein spannendes Werk, der bei der Hörerschaft mindestens die gleichen melancholischen Gefühle hervorrufen wird. Doch das Trio um Sänger Gregor Samsa (allein der Künstlername ist der sprichwörtliche Wink mit dem Zaunpfahl) verbaut ordentlich Elektronik in ihre Songs. So lebt ein Stück wie "Tightrope Walker" von einer flirrenden Synthiemelodie, obwohl das Grundgerüst durchaus rockig angelegt wurde. Dagegen werden in "Piggies" und "Buster Keaton" die Punk-Elemente ihrer Kompositionen etwas deutlicher definiert. Erstgenannter Song erinnert in seinen glockenhellen Gitarrensoli teilweise auch an A Flock Of Seagulls, allerdings mit mehr Druck auf dem Kessel. Der latente 80er-Einschlag ist bei The Black Veils schon seit ihrer zehn Jahre anhaltenden Karriere immer durchgebrochen, und auch "Have You Seen Bunny Lake" operiert mit einem Up-Tempo-Beat, über dem sich eine markant Disco-Bassfigur entfaltet. Den üppigen Endzeitklängen setzen The Black Veils teils bitterböse Texte entgegen, die unsere sozial pevertierte Gesellschaft, in der manche Ereignisse mittlerweile pure Realsatire sind, schonungslos offenlegt. Als "Tanz in den Trümmern" bezeichnet die Band selbst ihr Album, als Soundtrack für den Moment, wenn die Welt kollabiert und man sich selbst hilflos aber auch wütend fühlt. Genau hier will "Gaslight" ansetzen - nicht um Trost zu spenden oder Hoffnung zu machen. Sondern einfach, um sich in den letzten Momenten der Menschheit noch einmal komplett zu verausgaben und seine Flucht im Tanz zu finden. Die Erde wird zwar nicht untergehen, doch zu "Gaslight" kann man auch so prima schwofen.

ach gefühlt drölfzig Veröffentlichungen unter verschiedenen Monikern (unter anderem Assassun und Fir Cone Children), endet Alexander Leonard Donat sein arbeitsreiches Jahr mit seinem Hauptprojekt Vlimmer. Wieder einmal kann man nur erstaunt und mit offenem Mund vor den Lautsprechern sitzen, während man sich ständig fragt, wie der Mann das bloß macht. Trotz so hoher Veröffentlichungsdichte, wirkt kein Album wie in Eile hastig zusammengschustert, sondern stets durchdacht und auserzählt. Bei "Hintersommer" nun geht es eben um den Zeitpunkt kurz nach dem Scheitelpunkt, wenn alles sich in Richtung Verfall bewegt. "Hintersommer" klingt drastisch, unausweichlich, alternativlos. Doch zu Beginn ist da - zumindest auf musikalischer Ebne - viel Licht und auch so etwas wie ein kokettes Liebäugeln mit Pop-Strukturen. "Abb. 1" kommt mit straightem Beat beschwingt daher, "Gleichbau" lässt hinter einen Schleier aus harmonischem Lärm liebliche Indiemanierismen erkennen. "Zurück zum Glück" fordert daher Alexander in "Cystacanca", doch die geisterhaft eindringlichen Klänge wirken eher wie die vage Erinnerung an dieses Gefühl. In "Firmament" wird noch einmal das vermeintlich wohlige Gefühl angesprochen, doch ab dann wandert "Hintersommer" beständig in die Dunkelheit. "Hirnklammer" und "Augenboden" besitzen zwar immer noch anschmiegsame Töne, doch stetig drängt "Hintersommer" in die Tiefe und hinterlässt ein Gefühl der Niedergeschlagenheit. Schmerz, Krankheit, Verlust: Vlimmers Themenwahl ist nicht unbedingt neu, doch seine üppige Bildersprache (die sich bereits in den Songtiteln anbahnt) weisen ihn als großen Könner der metaphorischen Sprachnutzung aus, weswegen Vlimmer auch auf "Hintersommer" das zerebrale Lichtspielhaus in Wallung bringt.

Was haben Tricky, Madlib und Theophilius London gemeinsam? Sie haben alle Songs von Martin Dupont gesampelt oder neu interpretiert. Und das zu einer Zeit, als diese Band aus Marseille schon gar nicht mehr existierte. Gegründet in den 1980ern von Sänger und Mastermind Alain Seghir, belebten sie die französische (Cold)-Wave-Szene mit drei Alben, die auch von der Presse über den grünen Klee gelobt wurden. 1987 wurde das Projekt eingestellt und Seghir arbeitete fürderhin als HNO-Chirurg. Liebe geht raus an das Minimal Wave Label in New York, das sich in den Kopf gesetzt hatte, Martin Duponts Oeuvre in den 2010ern erneut zu veröffentlichen - und somit eine komplett neue Hörerschicht zu erschließen. Schließlich hatte auch Seghir wieder die Lust am Musizieren gefunden und nach dem 2023er Quasi-Best-Of "Kintsugi" nun "You Smile When It Hurts" erdacht. An der musikalischen Grundausrichtung hat sich indes nichts geändert: Die Band liebt es, immer etwas drüber mit ihren Sounds und Songs zu sein. Und dass sie ganz Kinder der 80er sind, erkennt man spätestens am Song "Dreamin", das problemlos als verschollener Clubhit aus dieser Ära hätte durchgewunken werden können. Ansonsten bleibt das Vierergespann angenehm ungreifbar, wechseln Stimmung und Klänge wie Otto Normalverbraucher seine Unterwäsche. Zwischen der pumpenden Elektronik von „Reality“ und den pompösen Klassikelementen im Titelsong (die bei „Time“ geradezu opernhaft ausfallen) findet die Band immer wieder neue und ungehörte Klänge. Avantgardismus 2.0, Martin Dupont sei Dein Name! Denn trotz überdeutlicher Verweise auf ihre musikalischen Wurzeln zeigt die Band auf "You Smile When It Hurts", dass echte Visionen kein Mindesthaltbarkeitsdatum besitzen. Das Werk feiert die künstlerische Erneuerung und bewahrt den revolutionären Spirit der Anfangstage.

Das enigmatische Projekt Dorcas hat mit seinem selbstbetitelten Album das Interesse des Magazins geweckt. Vor allem, weil über die Person dahinter absolut keine Information herauszufinden war. Im Herbst erreichte die Redaktion die Nachricht, dass Dorcas bereits schon wieder Geschichte sei und nun ein neues Kapitel aufgeschlagen werde: Deåvasea. Dabei hält der Künstler oder die Künstlerin weiterhin mit Informationen hinter dem Berg. Auch mit dem Begriff Deåvasea, was angeblich Deåvianische Schwester bedeuten soll, verhält es sich eigentümlich. Die Orte tauchen auch nach akribischer Recherche nirgendwo auf, doch die Bandcamp-Seite vermittelt authentisch Historizität des Terminus. Das Album "Tusäe Luataala" vermischt in seinem Konzept geschickt Realität und Fiktion. Doch deutlich wichtiger ist die musikalische Ausarbeitung dieses gedanklichen Überbaus. Diesbezüglich hat Deåvasea das klangliche Silberbesteck ausgepackt. Wuchtig-orchestrale Synthesizerkompositionen, die teilweise an die Minimal Music eines Philip Glass erinnern, wirken auffallend eindringlich. In "Voläieedala Kalaina" treffen wir sogar auf einen altbekannten Sound: dem Synth-Pizzicato aus Enyas "Orinoco Flow", was gleichzeitig ein brauchbare Verlinkung für die angedachte Klangästhetik von Deåvasea bildet. Das Projekt betritt mit ihren Stücken eine elbische Anderswelt. "Dungeon Synth" nennt das Projekt ihre Spielart, meinen aber im Grunde die Erschaffung einer opulenten Klangwelt, die in "Odåuurava Deåvaialaa" latent mittelalterliche Elemente enthält. Das alte Dorcas-Projekt hat einmal mehr ein cineastisches Werk geschaffen, bei dem die Melodien zu Geschichtenerzählerinnen werden. Mit großer Spielfreude und unnachahmlicher Melodieverliebtheit gelingt es diesem rätselhaften Künstler oder dieser rätselhaften Künstlerin einmal mehr ein Album voll tönerner Schönheit.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 15.01.26 | KONTAKT | WEITER: OEHL VS. SOFIA TALVIK>

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