"MUSIK, MUSIC, MUSIQUE 1979": DER BEGINN VON ETWAS GANZ GROßEM
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Ein müdes Achselzucken bringt es nur noch hervor, wenn eine Musikproduktion rein elektronisch zustande kommt. Das war vor rund 45 Jahren noch ganz anders. Es mag heutzutage nur noch schwer nachvollziehbar sein, welche Wucht beispielsweise das Album "Mensch-Maschine" von Kraftwerk hatte. Ein Bekannter selig des Autors dieser Zeilen hatte ihm von diesem Erweckungserlebnis erzählt. "Da gab es diese Sendung auf Bayern 3, bei der Hörer Musikwünsche abgeben konnten. Einer hatte sich 'Die Roboter' von Kraftwerk ausgesucht. Da kamen auf einmal diese komischen Geräusche aus dem Gerät und ich habe mich gefragt: 'Was ist jetzt das?' Das hat mich total umgehauen."So ähnlich dürfte es auch Musikerinnen und Musikern ergangen sein, als sie dieses Album gehört haben (auch der Gassenhauer "Das Model" findet sich auf "Mensch-Maschine"). Das war 1978, und nur ein paar Jahre später hat man Songs gehört, die sicherlich von diesem Werk beeinflusst waren. Für diese drei CD starke Veröffentlichung ist Gary Numan sicherlich Dreh- und Angelpunkt, da er 1979 noch mit seiner Tubeway Army großen Erfolg mit seinem Song "Are 'Friends' Electric" feiern konnte, nur um kurze Zeit später solo zu reüssieren (deswegen ist er auf diesem Sampler zusätzlich mit "Cars", seinem nächsten Hit, vertreten).
Das finale Jahr der 70er-Dekade befand sich popmusikalisch im großem Umbruch. Durch den anarchischen Sturm, den Punk einige Jahre zuvor entfacht hat, wurde der Weg für einen freigeistigen und künstlerisch grenzenlosen Sound geebnet. Die zunehmend erschwinglicheren Synthesizer befeuerten die Lust am Experiment. In dieser kreativen Atmosphäre formte sich das, was später als Synthie-Pop oder New Romantic in den kommenden Jahren Massen begeistern sollte. Doch noch war 1979 geprägt von Klangtüfteleien, die deutlich von Avantgarde und Punk beeinflusst waren.
"In The Army" von Blah Blah Blah wirkt beispielsweise noch stark von der rüpeligen Attitüde vieler Punk-Bands durchdrungen, während "Gerry And The Holograms" von der Band gleichen Namens bereits futuristische Vocoder-Effekte einbaute. Besonders die Coverversionen auf "Musik, Music, Musique 1979" verdienen eine Erwähnung. "All You Need Is Love" von Instant Automatons klingt so, als hätten Roboter ein bisschen zu viel Weed geraucht und sich dann in ein Tonstudio verschanzt. Und The Family Fodder fruchten Blondies "Sunday Girl" in einen rumpeligen Pop-Songs mit 60er-Touch und Kinderstimmen um. Wo Neuinterpretationen sind, da darf natürlich Telex nicht fehlen. Die Belgier sind Meister des Verwurstens alter Rock'n'Roll Nummern in spröde Synthesizer-Kleinode. "Rock Around The Clock" machte hierbei den Anfang und ist auf dem Sampler vertreten.
Wie auch die vorangegangenen Kompendien, verweist der Titel auf den internationalen Anspruch. So findet sich als deutsche Vertretung mit Zeus B. Held das Projekt von Ex-Birth-Control-Mitglied Bernd Held. Sein auf dieser Zusammenstellung zu hörendes "Held It" ist stark vom Kraut-Rock seiner früheren Projekte beeinflusst, aber deutlich elektronischer (auch hier wurde der Vocoder ausladend genutzt). Ebenfalls sind La Düsseldorf mit "Rheinita" vertreten.
Einige Altbekannte wie Fad Gadget ("Back To Nature"), The Human League (immerhin "Blind Youth" und nicht "Being Boiled"), Visage (auch hier lobenswert, dass man das wesentlich schroffere "Frequency 7" herangezogen hat) und Japan ("Life In Tokyo") dürfen sicherlich nicht fehlen. Doch die spannenderen Momente bilden die Projekte, die es nur einen Sommer lang ausgehalten haben und kurz danach wieder in der Versenkung verschwanden. Tanya Hyde mit ihrem schrulligen "Herr Wunderbar" und "Mirror, Mirror" von Jude sind solitär stehende Singleveröffentlichungen, denen weder ein Album, noch sonst irgend eine andere Veröffentlichung folgte. Dabei handelt es sich bei diesen beiden Songs um großartige Prä-Pop-Songs, die den Aufbruchsgeist dieses Jahres perfekt einfangen.
Auch dieses Prequel aus dem Hause Cherry Red lässt keine Wünsche übrig. Vor allem, weil hier wieder sehr intensiv recherchiert wurde, um die verborgenen Schätze dieses Jahres auszugraben, deren Einfluss auf die kommenden frühen 80er Jahre ohne jeden Zweifel herauszuhören sind.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 30.01.26 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 2/26>
Webseite:
www.cherryred.co.uk
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COVER © CHERRY RED RECORDS/ROUGH TRADE ("MUSIK, MUSIC, MUSIQUE 1979")
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© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||
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