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NILS KEPPEL "SUPER SONIC YOUTH": MIT EINEM LÄCHELN IN DIE KATASTROPHE

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Kurz vorweg: Neue Neue Deutsche Welle (NNDW) ist ein schwieriger Begriff, denn er wurde bereits Anfang der 2000er durch das Aufkommen von Bands wie Wir Sind Helden, Silbermond oder Juli in den Sprachgebrauch eingepflegt. Der grob dem Indie- und Alternative Rock zugeordnete Sound wurde schnell beliebt und machte die deutsche Sprache als Hitlieferant wieder salonfähig (und klang am Ende wie bei der ursprünglichen NDW sehr beliebig).

Davon ist diese "neue" NNDW meilenweit entfernt. Sie hat ihre musikalischen Vorbilder ganz woanders gesucht: im Post-Punk und Darkwave der 80er Jahre. Nils Keppel stand mit seinen seit 2020 regelmäßig erscheinenden Singles und EP dabei an vorderster Front einer Bewegung, deren Aufenthaltsorte ganz klar TikTok und Co. sind. Dort generieren sie viele Anhänger, während auf Youtube nur ein paar Tausend Aufrufe zu vermelden sind und - im Fall von Nils - der Facebook-Account bis auf zwei Bilder gar keine Einträge aufweist.

Ja, die NNDW ist in Sphären, in denen die ältere Generation gar nicht mehr so leicht und selbstverständlich hinkommt. Der Sound jedoch dürfte betagtere Melancholikerinnen und Melancholiker durchaus goutieren. Denn der Mann hat großartige Songs geschaffen, die auch von nicht minder kunstvollen Videos flankiert werden, in denen der alte Post-Punk-Spirit neues Leben eingehaucht bekommen hat. "Wellblech" beispielsweise bietet die Quintessenz dessen, was NNDW im Kern ausmacht: romantisch-weltschmerzlicher Sound, introspektive Lyrics. Kaum ein anderer Song fängt diese Hoffnungslosigkeit und gleichzeitig Auflehnung einer Jugend und Adoleszenz ein, die mit vielen Zweifeln durch die Zeitenwende gehen.

Doch "unsere kurze Jugend rinnt wie Sand durch die Finger" befindet der aus der Pfalz stammende Wahlleipziger in "Platzangst", dem Opener seines Debütalbums "Super Sonic Youth" und setzt ein klangliches Pendant zu seiner Aussage. Statt flirrender Synthies bratzen sich jetzt die E-Gitarren durch die Nummer, eine verzerrte Basslinie, eine schäbige 70s-Orgel gesellen sich dazu und das organische Schlagzeug hält diesen kolossalen Gefühlsausbruch rhythmisch zusammen.  

Das ist ein neuer Nils Keppel, der gemerkt hat: Man ist nur einmal jung. Und wann, wenn nicht jetzt ist die Zeit für Aufruhr. "Keine Zukunft" rechnet mit der vergangenen drei Jahre ab, ist jedoch ist nicht Resignation, sondern ein laut ausgerufenes "jetzt erst recht"! Musikalisch großartig gelöst und textlich bewusst plakativ ist "Taperfade" eine Auflehnung gegen den sich erschreckend ausbreitenden Konservatismus. Dass deswegen über das Album verteilt auch der Punk-Slogan "No Future" und Bowies "Heroes" zitiert werden, ist nur folgerichtig (und man beachte noch die großartig androgyne Aufmachung seines Plattencovers, das ebenfalls als Huldigung des großen Pop-Aliens verstanden werden kann).

Auf Dauer den Fuß aufs Gaspedal zu setzen ist aber Nils' Sache nicht. Deswegen wendet er sich ab "Rebell" immer stärker dem Dream-Pop zu, der bei "Du mein Soldat" die bedrohliche weltpolitische Lage auf eine persönliche, introvertierte Ebene runterbricht und dadurch greifbar und intim erscheinen lässt. Auch "Raus in die Welt" und das zerbrechliche, mit Akustikgitarre und Melotron besetzte "Sonnenkind" als stiller Schlusspunkt wirken wie der Erschöpfungsmoment nach dem Furor - aber mit der Erkenntnis, das man sich seiner Gefühle entledigen konnte.

"Super Sonic Youth" ist eine Überraschung, vor allem, weil er den bisherigen eingeschlagenen künstlerischen Weg Keppels umdeutet und damit ein noch authentischeres Bild der Gen-Z, die mit einem Lächeln der Katastrophe entgegen gehen, abliefert.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 02.11.21 | KONTAKT | WEITER: ROBOTS OF THE 80s "LOGIC DRAMA">

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