MARY MIDDLEFIELD "WILL YOU TAKE ME AS I AM?" VS. VIIC WOODS "UNRAVEL TIME": KOMMT ZEIT, KOMMT (SELBST)ERKENNTNIS
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Natürlich muss wieder der Liebeskummer herhalten. Bei Mary Middlefield, einer Schweizer Musikerin, die seit ihrem fünften Lebensjahr Geige spielte und zu Beginn der 2020er das Studium erfolgreich abschloss, war es ein gewisser "Alexander", der die Beziehung mit ihr auflöste. "Thank You Alexander", ihr erstes Werk, wurde zu einer rigorosen Aufarbeitung dieser Zeit. Einsamkeit, Vergebung, aber auch Missbrauch und das Erwachsenwerden wurden zu zentralen Themen ihres Debüts, in der sich die Künstlerin musikalisch ihrer Sache bereits ziemlich sicher schien.Doch der Seelenstriptease ist damit noch nicht beendet. "Will You Take Me As I Am?" ist nicht nur der Titel für den aktuellen Nachfolger, sondern die Folge aus der Enttäuschung, die sich in "Thank You Alexander" herauskristallisiert. "If I unveil everything…will you take me as I am?" fragt die Sängerin und stellt sich damit ins Spannungsfeld zwischen Selbstzweifel und Selbstermächtigung. Sich komplett einer anderen Person zu öffnen kann wundervoll sein, aber sie birgt auch die Gefahr, verletzbar zu werden.
Dieser innere Kampf transferiert sie ohne Qualitätsverlust in ihre Musik, die von großartigen kompositorischen Ideen durchzogen sind. In erster Linie zwar dem Indie-Rock sehr nah, zeigt Mary immer wieder ihr Faible für ihre erste Leidenschaft, dem Geigenspiel, das sie prominent, aber nie omnipräsent in ihre Songs einbaut.
Zunächst aber wirkt "Ladida" noch wie ein entrücktes Stück, das an Kate Bush erinnert, ehe "Take Me As I Am" das erste Mal die Soundmuskeln spielen lässt. Die Gitarre bekommt mehr Raum, das Schlagzeug peitscht durch die Szenerie. Doch "Will You Read My Mind?" mit seinen verhallten, heulenden Stromgitarren zeigt sich teilweise dem Dream Pop näher als man zunächst vermuten würden. Und in "I Love You" reduziert die Sängerin das Arrangement auf eine verhallte Akustikgitarre, die selbstvergessen vor sich hinklimpert, während die Sängerin ihre vielleicht schönste stimmliche Darbietung auf dem Album gibt.
"Will You Take Me As I Am?" breitet einen spannenden Klangkosmos aus, der sich nicht kategorisieren lassen will, aber dennoch verdammt eingängig klingt, während Mary Middlefield mit einer klaren, schnörkellosen Stimme ihre tiefen und intimen Gedanken mit der Hörerschaft teilt. Middlefield ist im Begriff, eine der interessantesten Künstlerinnen zu werden.
Bei "Unravel Time" steht zwar auch die Selbsterkenntnis im Vordergrund, die aber nicht aus persönlichen Schicksalsschlägen resultiert, sondern auf ganzheitliche Beobachtungen fußt. Und wenn man in "Viljan" eine kleine Kohlmeise zirpen hört, weiß man: Viic Woods bringt die Natur und Ökologie wieder auf den Verhandlungstisch. Denn der Titel bedeutet für die Schwedin zweierlei.Die "Zeit entwirren" bedeutet nach ihrer Definition, dass wir uns dem unnachgiebigen Takt des Kapitalismus und der Maschinen entledigen und wieder zum Herzschlag der Natur zurückfinden müssen. Fast schon ein Hippiealbum, das sich aber nicht als solches ausgibt. Dafür sorgen die teils experimentellen und vollmundigen Klänge wie bei "Stone And Water" über die Viktoria mit unprätentiösem, fast schon naiv kindlichem Timbre ihre Texte zum Besten gibt.
Viic Woods will die Entschleunigung. Und die Entschleunigung will Viic Woods. Es geht nicht um die Frage, wie wir die Umwelt erhalten können, sondern wie wir es schaffen, wieder dem Rhythmus der Natur zu folgen. Dieser zeichnet sich von Redundanz und Ruhe aus - etwas, das unserem linearen Leben widerspricht. Doch ist unser ganzes Leben nicht ein einziger Zyklus? Daher ist die Synthie-Arpeggio-Linie beim abschließenden "Why" ein Rückgriff auf den Opener "Wasted All Those Years". Alles ist Werden, Vergehen und Erneuerung - in der Natur wie auch auf "Unravel Time".
Teils intim, teils dringlich, teils zerbrechlich, teils progressiv: Das erste Solo-Album der Musikerin, die unter anderem durch ihre Mitarbeit bei Audrey bekannt wurde, öffnet einen weiten Klang- und Emotionskosmos, getragen von einem Sound, der sich allen Beschreibungsversuchen entzieht und einfach nur gehört und gespürt werden will.
Schließlich war es auch Viic Woods ein Bedürfnis, den Zauber der Demos in die Endproduktion zu retten. Keine verkopften Arrangements oder überbordenden Effekte standen zur Diskussion, sondern die Unmittelbarkeit. So atmen die Songs tatsächlich so etwas wie Sessionluft. Zusätzlich sind Stücke wie "When, Now" durch eine bewusst überpräsente Aufnahme von Victorias Stimme in ihrer Direktheit zwar fast schon plakativ, aber die Wirkung verfehlt diese Idee nicht.
Mit ihrem Erstling macht sich die Skandinavierin nicht nur auf sich aufmerksam, sondern bietet eine musikalische wie gedankliche Alternative zu unserer heutigen ereignissüchtigen und hochgetakteten Gegenwart, die keinen Stillstand mehr erlaubt. Natürlich finden sich bei "Unravel Time" auch treibende, dringliche Stücke, doch selbst die wirken in sich ruhend und von einer natürlichen Schönheit.
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COVER © Mary Middlefield, ABCX (Viic Woods)
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