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TWIN NOIR "CHAPTER 3": (NICHT) AN DIE ALTEN DENKEN

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Sich als neue Band mit große Namen zu schmücken in der Hoffnung, der Fame würde wenigstens in kleinen Dosen auf sie überspringen, entpuppt sich nicht selten als Übertünchen eigener Unzulänglichkeiten. Wenn aber der Brite Mark Reeder, der in seiner Wahlheimat Berlin zum großen Netzwerker der alternativen Musikszene der frühen 1980er und entscheidender Durchlauferhitzer für die Technowerdung der Hauptstadt avancierte, mit seinen philosophischen Ansichten in "Niemals Nie" um die Ecke kommt (und überdies man anhand des Konzertplanes sehen kann, dass Twin Noir auch noch als Vorband von DAF auftritt), dürfte man schnell gemerkt haben, dass mehr dahintersteckt.

Das Duo, beziehungsweise Trio, bestehend aus Cody Barcelona und Ian Volt (und einem dritten Mitglied namens Lina Avair, zuständig laut Gruppe für "den operativen Bereich und kreative Impulse"), sucht nicht die Vätergeneration. "An die Alten denkt doch keiner mehr", singen sie gar lakonisch in "Stimmen". Aber die Alten kommen anscheinend zu ihnen, weil sie etwas in Twin Noirs Musik hören, was sie wohl an ihre eigene wilde Zeit erinnert.

Es braucht aber kein außerordentlich musikalisches Gespür dafür, um das auch als Laie zu erkennen. Ein dramatisches Gitarrenheulen eröffnet "Chapter 3", das - wer hätte es gedacht - dritte Album der Hauptstädter, ehe "Luft für Dich" mit einer beinharten Schlagzeugbearbeitung, quietschiger Elektronik und raumgreifenden Riffs eine eindeutige Marschrichtung vorgibt: zu den Diskotheken der Subkultur, wo der Kunstnebel die Flure durchdringt, Stroboskopblitze die Szenerie schlaglichtartig erhellen und schemenhaft die tanzenden Nihilisten zu erkennen gibt, die sich in ihrem Narzissmus selbst feiern.

Und das werden sie, wenn die Band mit solchen Zeilen wie "Alle wollen fliegen, aber keiner hat Flügel." ("Fliegen") oder "Er ist eh ein Arsch. Er hängt nur in der Kneipe rum, arbeitete bei Kaffee Hag, er war immer wieder im Knast und hat Stimmen gehört."("Stimmen") um die Ecke kommen. Hier wird nämlich nicht das x-te Emotionsabziehbildchen in den Lyrics verwurstet. Stattdessen geht es bei "Chapter 3" - wie einst bei den NDW-Vorreitern - um die pure Expression der inneren Gefühle.

"Wir eskalieren zusammen in Leidenschaft", lautet die proklamierende Sentenz in "Abriss & Desire" - eine perfekte Beschreibung für den Sound und die Lyrics dieser Nummer. Wie einst X-Mal Deutschland, jedoch mit viel mehr Druck und Wut als Hoffnungslosigkeit, läuft das Musikerkollektiv bei diesem Stück zur Höchstform auf.

Doch sei an dieser Stelle ehrlicherweise geschrieben, dass es am Ende nicht den einen überragenden Song auf "Chapter 3" gibt. In etwas mehr als 30 Minuten rauschen die Nummern mit einer schier überbordenden Energie durch die Heimanlage, dass man diesen ausgelutschten Satz bemühen muss: All killers, no fillers. Oder wie der Pressebeipackzettel richtig anmerkt: "Dunkel, treibend, kompromisslos tanzbar".

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 20.03.26 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 4/26>

Webseite:
www.twinnoir.com

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