DIORAMA: "DAS AUSTARIEREN MENSCHLICHER EMOTIONEN IN EINER ZUNEHMEND TECHNOLOGISIERTEN WELT FASZINIERT UNS SCHON LANGE" - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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DIORAMA: "DAS AUSTARIEREN MENSCHLICHER EMOTIONEN IN EINER ZUNEHMEND TECHNOLOGISIERTEN WELT FASZINIERT UNS SCHON LANGE"

Im Gespräch
"Leuchtende Pop-Hymnen aus der Diorama-Dunkelkammer" hat die Presseinfo das neue Album der Reutlinger Wave-Formation um Sänger Torben Wendt angepriesen. Und das ist nicht einmal übertrieben. "A Substitute For Light" zeigt das Vierergespann auf dem Zenit ihres Schaffens. Im kleinen aber feinen Interview mit dem Frontmann blicken wir hinter die leuchtenden Fassaden seiner Kompositionen.

Torben, zunächst einmal herzlichen Glückwünsch – nicht nur zum neuen Studioalbum "A Substitute For Light", sondern auch zum 30. Geburtstag von Diorama. Hast Du damals gedacht, dass Du so lange „durchhalten“ wirst?
Nein, ich hatte damals keine langfristigen Pläne oder Vorstellungen. Es war ein Glücksfall, in dieser Szene Fuß fassen zu können und Unterstützung zu erfahren. Seitdem habe ich mich immer von Kapitel zu Kapitel weiter gehangelt. Dass die Jahrzehnte währenddessen so nonchalant ins Land gezogen sind, ist Wahnsinn. Aber das wäre auch Wahnsinn ohne die Musik.

In einem Interview mit Adrian von Diary Of Dreams hat er mir auf die Frage, ob auch mal die Muse einen nicht küsst, gesagt, dass er gar nicht anders könne. Seine Kunst definiere sozusagen seine Existenz. Geht es Dir da genauso?
Die Kunst ist ein elementarer Bestandteil meines Lebens, selbstverständlich. Ich versuche, dem Songschreiben möglichst viel Raum zu geben, kenne aber auch kreative Durststrecken sowie Phasen, in denen das eigentliche Kunsthandwerk von anderweitigem Brimborium massiv in den Hintergrund gedrängt wird.

Bist Du immer noch der alleinige kreative Kopf von Diorama oder sind verschiedene Aufgaben auf die Schultern der anderen verteilt worden?
Die kreative Kapitänsmütze darf ich schon noch tragen - aber Band ist Band. Schon bei unserem zweiten Album „Her Liquid Arms“ hat Felix (Marc, Anm. d.Red.) eine wichtige Rolle als Co-Produzent und Leidensgenosse im Studio übernommen. Seitdem sitzen wir über lange Strecken und endlose Nächte hinweg gemeinsam an den Geräten. Gerade beim letzten Album „Tiny Missing Fragments“ und jetzt bei „A Substitute For Light“ war die Zusammenarbeit besonders intensiv. Es entsteht ein spezieller Vibe, wenn man so einen unmittelbaren gemeinsamen Bezug zu den Stücken entwickelt, dass man sich über jeden Takt, jeden Part und jedes Sounddetail verständigen kann und der andere sofort weiß, was gemeint ist. Diese Ressource habe ich immer sehr zu schätzen gewusst. Zura (Nakamura, Anm. d. Red.) hat die letzten Alben außerdem mit seinen Gitarren- und Effektspuren auf ein neues Level gehoben. Es ist manchmal irrwitzig, was er alles aus halbfertigen Songstrukturen heraushört - oder hineindichtet. Und die Energie und Wucht von Marquess’ Drums kommt vielleicht auf den Alben etwas subtiler rüber, entfaltet dafür aber auf der Bühne ihre volle Wirkung.

Das neue Album behandelt laut Presseinfo das Thema Licht, vor allem im metaphorischen Sinne. Stand das Thema bereits vorher fest oder kristallisierte es sich während der Arbeit an den Songs heraus?
Mir fiel irgendwann auf, dass in vielen Songtexten des Albums tatsächlich der Begriff „light“ auftaucht, in unterschiedlichen Kontexten. Ich fand es fast schon zu penetrant, bis mir dann das Licht aufging (lacht), dass das unbewusst eine übergreifende thematische Linie des Albums zu sein schien.

Was für einen „Ersatz für Licht“, wie es im Albumtitel heißt, kann es denn geben? Licht ist schließlich die Quelle allen Lebens...
Das weiß ich eben nicht. Es ist undefiniert, macht keinen Sinn. Womit vertreibt man die Dunkelheit, wenn nicht durch Licht? Was ersetzt das Unersetzliche? Wenn wir träumen und bestimmte Bilder vor uns sehen, woher kommt die Helligkeit? Zum Glück kann ich mich auf die bequeme Position zurückziehen, kein Welterklärer oder Motivator zu sein. Wenn der Titel das Gedankenkarussell anwirft und bestimmte Assoziationen weckt, ist mein Job eigentlich getan (lacht).

Musikalisch besonders hängengeblieben bei mir ist „Kunstblut“, ein technoider Stampfer mit Kraftwerk-Kante. Durch die androide Stimme assoziiere ich „Kunstblut“ als Lebenssaft eines Roboters, aber auch im buchstäblichen Sinn als „Blut des Künstlers“, der den Schaffenden vorantreibt...
Das Austarieren menschlicher Emotionen in einer zunehmend technologisierten Welt fasziniert uns schon lange. Songs wie „Synthesize Me“ oder „Screenface“ bewegen sich zum Beispiel genau in diesem Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine - in einem Spiegelkabinett aus Bildschirmen und Scheinwelten, in dem man Orientierung und Sinn für die eigene Bedeutung verliert. Durch den Boom großer KI-Sprachmodelle und den überbordenden digitalen Aufmerksamkeitsdiebstahl ist dieses Thema in den letzten Jahren noch existenzieller geworden. Es drängt sich die Frage auf, ob, wie, in welchem Ausmaß und wie lange noch die ureigene, romantische Kreativität bewahrt werden kann oder ob man komplett umdenken muss. „Kunstblut“ ist Ausdruck dieser Orientierungslosigkeit. Es kann sowohl als „künstliches Blut“ als auch als „Blut des Künstlers“ verstanden werden, je nachdem welche Perspektive man einnimmt.

Im Vorfeld zum neuen Album habt ihr „The Same Ghost“ und „No Complications“ veröffentlicht und zwei großartige Videos dazu gedreht. Besonders „The Same Ghost“ hat eine ähnliche Qualität wie „Child Of Entertainment“. Aber worum geht es in „The Same Ghost“ und welche Geschichte erzählt das Video?
Der Videoclip erzählt die Geschichte einer kreativen Person, die aus einer Schreibblockade heraus auf eine KI stößt und sich nach und nach von ihr vereinnahmen lässt. Die immer schneller entstehenden Texte faszinieren sie so sehr, dass sie ihr eigenes Denken und Schreiben schließlich aufgibt und selbst Teil der Maschine wird, die unablässig Inhalte produziert. Im übertragenen Sinne kritisiert der Clip die Verlockung eines scheinbar mühelosen kreativen Outputs. Die KI liefert unbegrenzt und absolut effizient Ideen und Content. Dadurch verliert der ursprüngliche kreative Prozess, das Ringen um einen eigenen Gedanken, zunehmend an Relevanz. Der Moment der Unsicherheit vor dem leeren Blatt, der eigentlich zum Kern künstlerischer Arbeit gehört, wirkt plötzlich überflüssig und überholt.

Vielen Dank für das Interview. Deine berühmten letzten Worte...
Meine letzten Worte sollen sein: Danke, Weltfrieden und bildschirmfreie Zeit.

|| INTERVIEW: DANIEL DRESSLER | DATUM: 03.04.26 | KONTAKT | WEITER: DIORAMA VS. KIIL>

Webseite:
www.diorama-music.com

Fotos © Thomas Wuhrer

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