THE SPOILED "WHEN IT RAINS" VS. DEKAD "A DISTORTED VIEW": ZURÜCK AUS DER STILLE
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Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine Band nach einem gelungenen Debutalbum erst einmal wieder alle Schotten dicht macht. Doch Giovanni Santolla tat genau dies mit seinem Projekt The Spoiled. 2016 brachte er die EP "Ironshell" und das Album "Parasite" heraus. Anstatt nun das vielversprechende Unternehmen weiter an Fahrt gewinnen zu lassen, ging der Mann aus Apulien erst einmal in eine achtjährige Pause. Corona mag da sicherlich seinen Teil dazu beigetragen haben, dennoch ist so eine völlige Abstinenz zumindest verwunderlich.Vielleicht war Santolla selbst noch nicht ganz zufrieden mit seinen ersten musikalischen Gehversuchen. Vergleicht man nämlich den Erstling mit dem vor ziemlich genau einem Jahr veröffentlichten Nachfolger "Living Ghosts", ist die Entwicklung gewaltig. Einst eher schroff, vorwiegend instrumental und surrealistisch bis experimentell klingend, kehrt der Mann aus seiner selbst auferlegten Stille mit einer komplett aufgeräumten und neu ausgerichteten Soundästhetik wieder zurück. Seine einst sehr nach hinten gestellte Stimme hat sich in den Vordergrund geschoben, aus dem wilden Stilmix hat sich ein songorientierter Post-Punk herauskristallisiert.
Diesen verfolgt er aber nicht stoisch, sondern reichert ihn mit verschiedenen Elementen artverwandten Genres, vornehmlich aus der elektronischen Abteilung, an. Dadurch erhalten Songs wie "Sad Eyes, Angry Eyes" und das knarzige "Fall In Love With A Ghost" einen nostalgischen Drive. Erstgenannte Nummer leuchtet dabei so rätselhaft wie einst die bekannten Gassenhauer von Boytronic oder Duran Duran, obgleich das poppige Momentum zu Gunsten einer düsteren Atmosphäre bei The Spoiled zurückgehalten wird.
Die Lust an eingängigen Melodien zeichnete sich bereits bei "Living Ghosts" ab, entfaltet sich aber erst jetzt richtig. Besonders in vom Post-Punk dominierten Stücken, in denen die Gitarren die Hauptrolle übernehmen, finden sich zuhauf Melodien mit Langzeitwirkung. Denkbar also, dass Ohrenschmeichler wie "Not My Cure" und "Say Goodbye" auch in den Tanzhäusern dieses Landes eingesetzt werden, um die Gäste wohlfeil zu unterhalten.
"When It Rains" markiert einen wichtigen Schritt in der künstlerischen Entwicklung von The Spoiled. Santollas Songs sind kurz und knackig gehaltene Melancholie-Miniaturen, in denen sich Geschichte und Gegenwart der Szene fruchtbar vereint haben. Man könnte soweit gehen zu sagen, The Spoiled klingen endlich wie The Spoiled.
Ihren "unique selling Point" haben Dekad bereits seit ihren Anfängen zu Beginn des neuen Jahrtausends ausgearbeitet. Im Dunstkreis der französischen Elektro-Popper von Celluloide - ebenso auf Boredom Product beheimatet - hat Mastermind J.B. Lacassagne analogelektronische Musik geschaffen, die im Vergleich zu den Labelkollegen immer etwas näher am Puls der Zeit gewesen ist. Das sechste Album "A Distorted View" nuanciert ein weiteres Mal den Klangkosmos des Mannes aus Tours.Wie auch The Spoiled lässt er sich beim Erschaffen seiner Werke sehr viel Zeit. War bereits der Vorgänger "Nowhere Lines" ganze sieben Jahre in Arbeit, benötigte J.B. für "A Distorted View" immer noch vier Jahre. Der lange Vorlauf schadet aber nicht, ganz im Gegenteil. Es wirkt so, als möchte der Musiker nichts dem Zufall überlassen und tariert bei jedem Song die Balance zwischen klanglicher Kantigkeit und einprägsamem Songwriting auf den Milligramm genau aus.
Manchmal dürfen die Maschinen wie in "I Should Have" auch mal etwas muskulöser rüberkommen. Der Sound korelliert mit dem Text, der wie eine indirekte Kritik an die aktuellen Machthaber auf der Welt wirkt. Doch selbst in den düsteren Momenten - und davon gibt es einige - zeigt sich J.B. immer noch sehr hörerfreundlich. In Kombination mit dem beliebten Thema der (nicht erwiderten) Liebe kann das Projekt ebenfalls überzeugen. "You Don't" ist eine treibende Nummer mit bedrohlichen Synthieklängen, die das dräuende Ende der Beziehung bereits andeuten.
Dass er sich dabei gerne auch mal bei den großen Namen bedient, sei ihm gegönnt. "A Minor Fact" beispielsweise könnte auch eine dieser atmosphärischen Balladen von Depeche Mode sein, meist von Martin Gore emotional interpretiert. Jedoch sind wie immer die Ideen bei Dekad genügend selbstreferentiell, sodass nicht der Verdacht aufkommt, das Projekt hefte sich an die Fersen der großen Namen. Der von uns bereits an frühere Stelle getätigte Vergleich mit Seabound sei dennoch erwähnt, da J.B. selbst seine Bewunderung für diese Gruppe ausgedrückt hat. Das merkt man vor allem bei "Hidden".
Gerne heißt es bei den Pop-Radiosendern im Erkennnungsjingle: "Das beste aus den 80ern, 90ern und die Hits von heute" (mittlerweile werden die ersten Dekaden des neuen Jahrtausends auch berücksichtigt). Das trifft in gewisser Weise auf Dekads "A Distorted View" zu. Die insgesamt zehn Songs vermengen die analoge Elektronik der 80er mit 90er-Düsternis und lässt in der Endproduktion die Jetztzeit durchschimmern. Am Ende zählt aber immer der Song in seiner Einzigartigkeit und Raffinesse. Und da stehen Dekad ganz weit vorne in der Meisterschaft.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 21.04.26 | KONTAKT | WEITER: BLINDZEILE "VOLIERE">
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