GIBRISH "WALK WITH BOB DYLAN" VS. LAMBERT "I AM NOT LAMBERT": IDENTITÄTSSTIFTUNG
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Man muss Christer Suneson für diese Aussage lieben: Eigentlich gebe es schon zu viele Dylan-Coveralben auf der Welt. Und nun das: Seine feine schwedische Folk-Blues-Truppe Gibrish bringt mir "Walk With Bob Dylan" eben genau solch ein Werk heraus. Sie konnten der Versuchung eben nicht widerstehen, so der Frontmann. Und das ergibt mindestens Sinn, denn trotz der skandinavischen Verwurzelung - Gibrish singt für gewöhnlich in ihrer Muttersprache und bindet den regionalen Folk-Sound ihres Landes in die Stücke ein - hat das eine oder andere Mitglied sicherlich auch eine Platte des berühmtesten Folkers in seinem Schrank.Die Gruppe wendet allerdings einen einfachen, aber sehr wirkungsvollen Trick an, um das Album nicht zu beliebig klingen zu lassen. Sie splitten es! Etwas mehr als die Hälfte der Platte sind reduziert gehaltene Studioaufnahmen, bei denen sich ein angenehmes Lagerfeuerfeeling einstellt. "Meet Me In The Morning" oder "It's All Over Now, (Baby Blue)" sind per se schon angenehme Tranquilizer. Gibrish würzt die Songs mit ihrer ungebändigten Spielfreude und einer leicht punkigen Attitüde, die sich aus der rauen und ungefilterten Stimme Christers speist.
Die übrige Zeit gibt es Live-Versionen zu hören, in denen das Sechsergespann mit explosiver Energie in das geschlossene Universum des vielleicht bedeutendsten Rock-Poeten aller Zeiten stößt. Basierend auf ihrer Liveperformance "In The Footsteps Of Bob Dylan" hat die Band einige superbe Stücke rausgesucht, die voller Spannung und Leidenschaft vorgetragen worden sind. Das Repertoire von Live- und Studioversionen variiert natürlich. Nur das bereits genannte "It's All Over Now (Baby Blue)" und "Everything Is Broken" finden sich zweimal auf dem Longplayer. Natürlich reizt es, den direkten Vergleich zu ziehen. Aber das ist gar nicht die Intention hinter dieser Idee.
Gibrish bauen auf "Walk With Bob Dylan" einen musikalischen Spannungsbogen auf. Die ruhigeren, in der Abgeschiedenheit des Studios aufgenommenen Coverversionen konzentrieren sich auf den Nukleus der Lieder des Folk-Altmeisters und arbeiten ihre speziellen Merkmale heraus, um sie sanft in den musikalischen Kosmos der Schweden einzubetten. Dagegen leben die Livestücke von der wechselwirksamen Energie zwischen Musiker und Publikum, die in den besonders wilden Momenten ein leichtes Punk-Feeling aufkommen lässt.
Natürlich, es bedarf nicht unbedingt eines weiteren Dylan-Coveralbums. Doch Gibrish gehen mit einem richtigen Verhältnis aus Ehrfurcht und Chuzpe an das Material des Barden, sodass "Walk With Bob Dylan" zu einem identitätsstiftenden Werk für die Skandinavier avanciert.
Das Spiel mit den Identitäten ist seit jeher in der Popmusik Teil des Zirkus. Musikerinnen und Musiker sind zwar authentisch, ihre Geschichten aber oftmals fiktional. Das eröffnet Möglichkeiten der freien Charakterwahl, die bei David Bowie oder Lady Gaga ins fast alienhafte gleitet. Gerne werden auch Masken als wichtiges Mosaik im Gesamtkunstwerk involviert. Daft Punk, Cro, Sido zu seinen Anfangstagen - sie alle nutzen eine markante Gesichtsbedeckung.Der Sinn dahinter: entweder sich interessant machen oder sich zurücknehmen, um der Musik die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Bei Lambert steht sicherlich zwischen diesen Aussagen - wie der Mann sowieso zwischen allen Stühlen zu existieren scheint. Hinter einer sardischen Stiermaske versteckt, veröffentlichte der Mann seit 2014 Werke, die sich zwischen Neoklassik, Frédéric Chopin, Yann Tiersen und Anflügen von Jazzmanierismen ansiedeln.
Dass Lambert aber auch immer einen Hang zum klassischen Songwriting hat, wurde spätestens auf "We Share Phenomena" von 2018 sichtbar. Zusammen mit Brookln Dekker kreierte er zauberhafte Songs, die eine perfekte Steilvorlage für Dekker boten, um als entspannter Folksänger zu glänzen. "I Am Not Lambert" greift diesen Pfad wieder auf und setzt vermehrt auf Stücke, die von Gastsängern mitgetragen werden.
Die Wahl fiel unter anderem auf Goodwin, unter anderem als Sänger von The Slow Show bekannt. Sein brüchiger Bariton wird von Lamberts weichem Pianospiel auf "Hurts Like You" dezent aber doch bestimmt begleitet. Die trüben Streicher verleihen der ganzen Szenerie eine kontemplative und nachdenkliche Stimmung. Ebenso bringt die Australierin Kat Frankie auf "So Unkind" ihr gesamtes Feingefühl aufs Tablett, um der sanft hüpfenden Klaviermelodie eine nötige Erdung zu verabreichen.
Momente, in denen Lambert solitär glänzen kann, gibt es auf "I Am Not Lambert" genügend. Vor allem dann, wenn er seinen Stücken ein paar unerwartete Wendungen verpasst, wie in "We'll Be Safe Here", bei dem er Jazz und Pop gekonnt überkreuzt, oder dem ätherischen "The Chase", das mit einer progressiven Synthiebasslinie arbeitet. Auch hier ist Lamberts Hinwendung zu songorientierten Strukturen deutlich. "The Chase" hätte sicherlich auch mit Gesang, beispielsweise von Fran Healy (Travis), prima funktioniert. Übrigens: Brookln Dekker ist auch dieses Mal mit von der Partie. In "The Sum" ist sein butterweiches Organ zu hören.
Bleibt nur noch die Frage: Warum "I Am Not Lambert" als Titel? Im Grunde bildet das neue Album den Künstler in all seinen Facetten perfekt ab. Mehr Lambert als auf dieser Platte geht also eigentlich gar nicht. Aber wer weiß schon, wer er ist. Und wenn ja, wie viele!
www.listentolambert.com
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Cover © Play PR & Musik (Gibrish), Clouds Hill (Lambert)
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