FLESH FIELD "ON ENMITY" VS. NEO DIMES "ALONE": ECHTER ÜBERSEE-BUMM - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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FLESH FIELD "ON ENMITY" VS. NEO DIMES "ALONE": ECHTER ÜBERSEE-BUMM

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Was war das damals für eine eigenwillige Mischung, die uns Ian Ross mit seinem Electro-Industrial-Projekt Flesh Field kredenzte. "Belief Control" und vor allem das 2004er Meisterwerk "Strain" war so weit weg von allem bisher gehörten. Der Sänger und Musiker arbeitete schon damals mit klangästhetischen Gegensätze. Auf der einen Seite steht Ross selbst als geifernder Hellectro-Barde mit ordentlich digitalem Dreck auf seiner Stimme, auf der anderen Seite mengten Rian Miller und später Wendy Yanko als Chanteusen dem bedingungslos harten Gesängen weiche Momente bei.

Ebenso baute sich in den Songs eine immersive Spannung aus den Polen Brutalität und Eingängigkeit auf, hervorgerufen durch die Gegenüberstellung drastischer Electro-Sequenzen und geradezu cineastisch anmutender Orchesterparts. Die Schönheit des Verfalls, verpackt in großartige Melodien. "Disillusion", "The Collapse" oder das martialische "Voice Of Dissent" gehören zu den prägendsten Songs von Flesh Field, die bis heute immer noch viel zu wenig Beachtung erfahren haben.

Dass es nach "Strain" dann fast 20 Jahre ruhig um das Projekt wurde (mal abgesehen von einem etwas dubiosen Instrumentalalbum namens "Tyranny Of Majority" von 2011), hat sicherlich nicht dazu beigetragen, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen. 2023 gab der Musiker, wieder solo unterwegs, mit "Voice Of The Echo Chamber" relativ überraschend ein neues Lebenszeichen von sich. Sehr zur Freude vieler alter Anhänger hat er wieder da weitergemacht, wo sein Projekt vor der Pause stehengeblieben ist: mit breitwandigem Electro inklusive Metal-Kante und Soundtrack-Sprengseln.

Tatsächlich ist Ross' Schaffenskraft seit der Wiederbelebung seines Brainchilds so prosperierend wie nie zuvor. Nach "Voice Of Reason", einem Sequel zum Comeback-Album, zeigt er sich auf "On Enmity" einmal mehr angriffslustig, aber auch extrem nachdenklich. Mittlerweile mit einem Master in Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Terrorismusbekämpfung ausgestattet, dringt er thematisch tiefer in die Materie ein als ein Außenstehender.

Aber "On Enmity" ("Über Feindschaft") ist trotz des philosophischen Titels keine reine gedanklich Abhandlung darüber, sondern setzt sich hauptsächlich mit Themen wie Trauma und deren Umgang damit auseinander. Es ist die inhaltliche Rückkehr Ross' zu seinen ursprünglichen Sujets. Schließlich bezeichnet Ross selbst mit "Flesh Field" psychologische Abwehrmechanismen von Vergewaltigungsopfern. Dass sein Album - zumindest in Teilen - auch auf den desolaten Zustand seines Landes verweist, dürfte wenig verwundern.

Musikalisch dekliniert der Mann aus Ohio sein Stilverständnis sicher durch, klingt bei "To War With The Tempest" wie eine berittene Kriegstruppe, die in Richtung Feind aufbricht und zeigt in "Omnicide", dass er intensiv daran arbeitet, zu  alter Form aufzulaufen. "On Enmity" bringt zweifelsohne alle Vorzüge des Projekts kompakt und überzeugend an den und die Hörende(n). Gut, dass Ian Ross aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist; seine Alben sind heutzutage extrem wichtig.

In Sachen skeptischer Gesellschaftsbeobachtung zeigt sich auch Stephen Edmunds sehr treffsicher. Zumindest hat er mit seinem Debutalbum, das er unter dem Moniker Neo Dimes veröffentlicht, das heutige Zusammenleben in Zeiten digitaler Kommunikationswege beleuchtet. Der Albumtitel verweist bereits auf seine Conclusio: "Alone"! Die Menschen begeben sich in die selbst gewählte Isolation, während das Internet Zusammenhalt und Nähe nur suggeriert.

"Das Albumkonzept und die Veröffentlichung selbst sind ein 'fuck you' an die Tech-Giganten und die Welt, die sie uns allen aufgezwungen haben", fasst es Edmunds prägnant, aber auch desillusioniert zusammen. Dabei klingen besonders die ersten drei Stücke wie eine Zusammenführung allen Übernatürlichen: "Beasts", "Angels" und "God's Perfect Meme" sind sicherlich nicht zufällig hintereinander gesetzt und deuten die digitalen Räume als heilige Stätten und das Internet als große Kathedrale im Kontext einer neuen Dreifaltigkeit an.

Aus diesen ernüchternden Schlussfolgerungen erwachsen Songs, die den trübsinnigen und aggressiven Duktus aber nur selten musikalischübernehmen. Manchmal, wie bei "One Thing" ist Neo Dimes einem ätherischen Electro näher als dem gitarrenlastigen Synthie Pop, den "Alone" über die meiste Zeit propagiert.

Zwischen 90er Beat-Manierismen (vor allem in "Trigger"), breitbeinigen Gniedeleien und einer auf Individualität ausgelegten Melodieführung singt Edmunds teilweise erschöpft, teilweise betrübt, versucht sich sogar in "It Comes And Goes" etwas überraschend in einer Beinahe-Dream-Pop-Nummer, die er ebenfalls tadellos meistert. Hie und da aber findet er auch die Kraft, seine ganze Wut und Verzweiflung der Hörerschaft entgegenzuschmettern ("Obsidian").

Durch diese Vielschichtigkeit verliert "Alone" selten an Spannung. Stephen bleibt stets nachvollziehbar in seinem Songwriting, wirkt aber nicht altbacken oder uninspiriert. Im Gegenteil: Der Mann weiß ziemlich genau, was er will und wie er es hinkriegt. Nach diesem gelungenen Erstschlag wird sich Neo Dimes sicherlich nicht mehr "alleine" fühlen. In den nächsten Tagen sollten ihm gewiss einige folgen.

Zusammen belegen die beiden amerikanischen Projekte mit ihren überzeugenden Alben, dass das "Land of the (not so) free" immer noch als wichtiger Lieferant elektronisch unterfütterter Musik eine gute Figur macht.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 29.05.26 | KONTAKT | WEITER: MANSIONS IN THE SEA VS. SASCHA BLACH>

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Covers © Dependent (Flesh Field), Neo Dimes

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