7/26: VCHEPYVSI BLUD, PETROLIO, DEATĦ B¥ LØVE, KOMPLIZEN DER SPIELREGELN, DESIGN: DAS ALLES UND NOCH VIEL MEHR - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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7/26: VCHEPYVSI BLUD, PETROLIO, DEATĦ B¥ LØVE, KOMPLIZEN DER SPIELREGELN, DESIGN: DAS ALLES UND NOCH VIEL MEHR

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Da gab es doch einmal diesen wunderbaren Werbeslogan für eine Arznei: "Unaussprechlich, aber ausgesprochen gut". Passt tatsächlich wie Arsch auf Eimer für das deutsch-ukrainische Projekt Vchepyvsi Blud, die mit ihrem ersten Album "Ty Baneyky" bestehende Ordnungen einreißt und mit viel Chuzpe eine künstlerische Vision errichten, die manch einen vor den Kopf stoßen wird. Denn Natalya Androsova und Jan Preißler haben sich einem  sehr eigenwilligen Sound verschrieben, der sich im Worte kaum fassen lässt. Nur so viel: Wer auf stilistische Reinheit schwört, wird bei Vchepyvsi Blud schnell das Handtuch werfen müssen. Alle anderen dürfen sich auf eine wilde Achterbahnfahrt freuen, in der Ambient, Metal und Post-Punk nach Lust und Laune zusammengewürfelt werden. Vor allem drängt sich Natalya einem auf. Selten erleben wir sie so mystisch und entspannt wie in "Borsonkaya". Meistens krächzt die gute mir einer Vehemenz ins Mikrofon, dass man Angst haben muss, dass sie die Aufnahme nicht überleben wird. Bereits die Vorveröffentlichung "E40" ließ erahnen, dass das Zweiergespann ihre Schaffenskraft mit einer kompromisslosen Radikalität propagiert. Daraus ergibt sich einerseits die Gefahr, für viele unhörbar zu werden, bietet aber andererseits die Möglichkeit, sich eine Nische zu schaffen, in der man sich eine solide Fanbasis aufbauen kann. Was dafür spricht, sind ihre stets zielsicheren Songs, die bei aller Sperrigkeit auch einen Hauch Pop in sich tragen. Und vielleicht ist es dann eben jener Gegensatz zwischen den eigentlich eingängigen Songs und den kompromisslosen Darbietungen, die Stücke wie "Shtreka" gerade deswegen so interessant machen. "Ty Baneyky" hat jedenfalls das Potenzial, als Kultscheibe zu fungieren. Den Wert des Albums wird man freilich erst viele Jahre später erkennen.

Und wo wir gerade beim Thema verkannte Genies sind: Enrico Cerrato gehört sicherlich zu jenen Musikern, den man eigentlich viel mehr Aufmerksamkeit schenken muss. Sein Mitwirken in unterschiedlichen Projekten beweist, dass er nicht nur stilistisch sehr versiert ist, sondern auch über viel Talent verfügt, um gute Songs zu schreiben. Um den großen Erfolg zu erhaschen, müsste aber die Erde eine andere sein und die Menschen, die auf ihr wohnen, ganz andere Voraussetzungen mit sich bringen - allen voran die Lust an der Arbeit an einem Song. Denn seine Lieder sind komplex arrangierte, teilweise schwer verdauliche Nummern. Als Petrolio frönt er einem sehr dunklen Sound, der vor allem aus Maschinen stammt, wenngleich es auch Momente gibt, in denen auch mal eine Gitarre zu hören ist (wobei es auch nicht sicher ist, ob diese nicht aus der Platine gezogen wurde). Es dominiert aber ein Dark-Ambient-Klang, der sich bei "La Picana" bedrohlich zuspitzt. Bewusst dumpf aufgenommen und bassbetont arrangiert,  fischt das Stück im trüber Cold-Wave-Gewässer herum, um am Ende fast schon einen Desert-Rock zu präsentieren. Die Übergänge sind fließend, die Stimmung dagegen eindeutig bedrückend. Das liegt auch am historischen Konzept des aktuellen Werkes mit dem illustren Titel "Club Atletico Voces Y Gritos". Er spielt auf den argentinischen "Club Atletico" an, einem geheimen Gefangenenlager, während der Militärdiktatur unter Videla. Der beklemmende Duktus des Albums spiegelt die radikale Periode dieses Landes perfekt wieder. Petrolio gelingt auf diese Weise eine persönlich gefärbte Geschichtsstunde, die sich, ähnlich wie beim Oeuvre von Dark Folker Rome, eher an die vergessenen Grausamkeiten orientiert, aber im Gegensatz zum Luxemburger dafür nur Sounds und einzelne Samples benötigt.

Ebenfalls bietet DEATĦ B¥ LØVE Sounds an, die sich nicht in ein Genre pressen lassen. Das liegt vor allem an der einfachen aber wirksamen Idee, Elektronik aus der dunkelsten Ecke mit einigen nahöstlichen Sounds zu vermengen. Die Dynamik aus den kühlen, geradlinigen Beats und den verspielten Klängen des Orients werden auf ihrem Debut "444" durch die spirituell aufgeladenen Gesänge von Inga Habiba intensiviert. Peter Guellard, der unter anderem beim Electric Hellfire Club Mitglied war, bringt sein ganzes Können im musikalischen Sektor ein. Bei seinem Hintergrund war es eigentlich schon besiegelte Sache, dass er kein Solala-Album rausbringen würde. Doch mit der Polin Inga hat sich ein völlig neuer Raum erschlossen, den DEATĦ B¥ LØVE nun genüsslich durchschreiten, sodass es im Grunde genommen nicht einen Ausfall auf "444" gibt. Selbst die ruhigeren, weniger industrial-lastigen Songs wie "Cosmic Power" und "God" verfügen über kompositorische Spannungsbögen und wirken nicht wie ein verzagter Platzhalter. Besonders aufregend wird es natürlich dann, wenn der nahöstliche Sound wie in "Ziro" sich voll entfaltet und damit ein Gegengewicht zum clublastigen "Selleno" bildet. Das spirituelle Moment findet sich auf "444" bereits im Titel. Die Zahl gilt als Engelszahl und bedeutet universellen Schutz und Geleit auf irdischen Wegen. Im Laufe des Albums finden sich diese Gedanken immer wieder und kulminieren in der Reprise von "Selleno", quasi einer Extended Version des Eröffnungsstück, dem ein beschwörerisches Intro vorangestellt wird, ehe dem Hauptteil die straighten Beats genommen und organischere Rhythmen zugefügt wurden. Es ist der gelungene Schlusspunkt eines Albums, das keine Gefangenen nimmt und sich ohne Umwege in die Gehörgänge frisst. DEATĦ B¥ LØVE ist eine echte Überraschung gelungen.

Das gleiche ließ sich 2023 auch über Komplizen der Spielregeln und ihrem Album "Workout" sagen. Die Band brachte eine ungezügelte Spielfreude auf den Datenträger: Teils EBM, teils gniedeliger Angeberrock, auch etwas Hamburger Schule war zu hören. So viel auf einmal so schlüssig und gleichzeitig total abstrus zu verbinden, war nicht nur großartig, sondern auch mit der Frage behaftet: Was kommt als nächstes? Nach mehr als zwei Jahren zeigen sie nun mit "Idyll" ein konziseres Soundgewand. Hauptsächlich basierend auf Akustikgitarren, werden wie in "Liebes Idyll" elektronische Fragmente eher als schmückendes Beiwerk verstanden (wobei gerade hier der pumpende Beat sehr markant ist). Unverändert bleibt das wort- und bildgewaltige Setting durch Sänger Tobias Ortmanns, der mit surrealistischen bis dadaistischen Texten Bilder aufbaut, die weder kohärent sind, noch irgendeiner Logik folgen. Besonders "Global Intensiv" treibt die Verdrehung der Semantik auf die Spitze. Überaus greifbar mutet dagegen "Superempath" an - vielleicht, weil es in dieser Welt voller Egoisten eine derartige Person voller Mitgefühl für alles und jeden benötigt. Die verträumten Sounds, die von einigen kruden Elektrosounds durchzogen werden, fangen diese Idee des übernatürlichen, ja göttlichen Wesens gut ein. Komplizen der Spielregeln, die übrigens schon seit zwei Dekaden im musikalischen Zirkus dabei sind, erweisen sich abermals als sehr helle Köpfe, die zwar in ihrer künstlerischen Darbietung einfach zu "drüber" sind, um das Massenpublikum anzusprechen, aber schätzungsweise wollen sie das gar nicht. Ihre Zielgruppe sind die fühlenden, humanistischen Individualisten, die sich ihren Texten nähern und Erkenntnis daraus ziehen wollen, wohlwissend, dass es dauern kann, diesen kryptischen Zeilen Herr zu werden.

Weniger rätselhaft, aber durchaus intensiv gehen Design aus Italien auf "Faithless" zu Werke. Ihr drittes Album zeigt das Quartett um Sänger Daniele Strappato noch stilsicherer und gleichzeitig experimentell. Zwar verortet der Pressezettel die Gruppe in die Post-Punk-und Darkwave-Ecke, doch das greift zu kurz und entspricht nicht den gängigen Hörgewohnheiten für diese Sparten. Klar: Da sind diese elektronischen Schichten in ihren Kompositionen, und auch die Gitarren geben ihr Bestes, um kalt und emotionslos zu klingen. Doch insgesamt gilt mehr das Prinzip der Neulanderkundung anstatt der Befriedung bestehender und bereits bestellter Territorien. So kommt beispielsweise "Cold War" mit fordernden Drums und einer brummenden Basslinie daher, in der sich mehr Aktionismus denn Fatalismus wiederfindet. Auch das nachfolgende "Sweet Surrender" zieht seine Energie aus einer hektischen Rhythmussektion, die stets nach Aufbruch klingt und nicht still verharren will. Selbst "Loner's Dream", der wie ein Simple-Minds-Song klingt, dem man viel Schmutz und Räudigkeit beigemengt hat, biedert sich nicht eine Sekunde lang an etwaige Wünsche des Publikums an. Teilweise stoßen sie mit übersteuerten Schrammeleien, wie sie in "Red Dragon" zu hören sind, an die Grenze des Erträglichen. Aber das alles passt auch thematisch zum Album, welches das Thema Verlust aus persönlicher und metaphorischer Sicht betrachtet. Die Gedanken reichen von Glaubenszweifeln ("Faithless") bis hin zur manipulierten Realität unser Gegenwart ("Keyhole"). Verpackt in eine Musik, die sich niemals ganz der dunklen Seite ergibt, sondern genügend Licht besitzt, um der Hoffnung Raum zu geben. Ein ausgereiftes Werk einer Gruppe, deren Soundästhetik mittlerweile konturiert ist und mit der auch in den nächsten Jahren zu rechnen sein sollte.

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 04.07.26 | KONTAKT | WEITER: KLEZ.E "EINMAL MEHR MIT DIR GEGEN DIE FURCHT">

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