8/26: THE DHARMA CHAIN, FRANCIS OF DELERIUM, A.A. WILLIAMS, SHADOWLANDS, THALIE NÉMESIS - ALLES SO SCHÖN SCHWARZ HIER - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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8/26: THE DHARMA CHAIN, FRANCIS OF DELERIUM, A.A. WILLIAMS, SHADOWLANDS, THALIE NÉMESIS - ALLES SO SCHÖN SCHWARZ HIER

Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026

Eine besondere Reise haben The Dharma Chain hinter sich. Während der Corona-Pandemie in Australien ins Leben gerufen, ist das amorphe Gebilde, das momentan aus vier Mitgliedern besteht, in der deutschen Landeshauptstadt wohnhaft. Von dort bereisen sie aber alle Teile des Kontinents und der Erde, um ihren furiosen Sound zum Besten zu geben und der wachsenden Fanschar gerecht zu werden. Bereits das Debutalbum "Nowhere" (2022) konnte Kritiker und Publikum gleichermaßen überzeugen. Mit "Some Kind Of Pure State" tanzen sie noch selbstsicherer auf ihre selbstgelegte Schnittstelle zwischen Psy-Rock, Shoegaze und Post Punk. Teilweise mit einem extrem schroffen Charme, der in "Borderline" hörbar wird, wenn die Trommelfelle des Schlagzeugs massiv bearbeitet werden. Dagegen lebt "Love's Confusion" von einer mitternächtlichen Klangästhetik, hervorgerufen durch leicht verhallte Fuzzgitarren und einer nach vorne geschoben Basslinie. "Some Kind Of Pure State" beschreibt die Klarheit nach dem Chaos in seinen verschiedensten Ausformungen. Dieser Gedanke lässt sich auch auf diese Langrille übertragen, die nach einem noch ungestümen Erstling mittlerweile genau weiß, was sie will. Bei aller unterschwelligen Aggressivität und nach außen hin getragenen Freude an der klanglichen Subversion, kann die Platte aber vor allem durch eine deutlich griffigere Struktur punkten. "Cross Over" ist das eindrucksvolle Ergebnis einer solchen Fokussierung. Allein diese ätherische Gitarrenmelodie, gepaart mit  einem todessehnsüchtigen Text zu Beginn lässt keine Fragen mehr offen. Hier dürfte sich auch der gemeine Gruftie dran erlaben, selbst wenn im Folgenden der Song wieder in eine psychedelische Ecke driftet. Großartig jedoch ist der Abschluss "How Far", das erst einmal mit einem Ton beginnt, der rhythmisch und gleichzeitig schüchtern auf einem Klavier angeschlagen wird, ehe es mit wuchtigem Schlagwerk und schwindelerregenden Saitenspielen weitergeht. Rund sieben Minuten großartige Klanglandschaften und der würdige Abschluss eines bemerkenswerten Albums.

Die luxemburgische Musikerin Jana Bahrich liebt die Kontrolle. Alles an "Run, Run, Pure Beauty", das sie als Francis Of Delerium veröffentlicht hat, hat sie selbst produziert. Schützenhilfe erhielt sie nur durch Chris Hewett. Dieser allerdings stammt aus Seattle, der Grungehochburg schlechthin. Und es mag wohl daran liegen, dass das Album einen leichten Einschlag in diese Richtung aufweist. Allerdings bleibt immer noch Janas kunstvolles Songwriting, das von ihrem markanten Organ begleitet wird, im Fokus. Man kann Vergleiche zu Dolores O'Riordan (The Cranberries) ziehen, die expressive Art und Jonglage mit ihrem Organ ist dagegen einer Kate Bush würdig. Besonders in "Higher" wird dies deutlich. Jana hat dafür mehrere Stimmen aufgenommen - darunter auch jene ihrer Logopädin, die ihr nach einer Halsoperation geholfen hat, ihre Stimme wieder ohne Verlust voll einsetzen zu können. So wandert das Album zwischen persönlichen Einblicken und ganzheitlichen Betrachtung auf einem Feld aus kunstvoll geklöppelten Indie-Rock, der in "Requiem For A Dying Day" das große Besteck auffährt - Wall Of Sounds und weite offene Akkorde so wieit das Ohr vernimmt. Denn bei "Run, Run, Pure Beauty" geht es auch um die Frage, was übrig bleibt, wenn der Mensch es geschafft hat, sich selbst auszulöschen. Die Antwort fällt dabei weniger negativ als vielleicht anfangs vermutet. Jana sieht im Niedergang der Menschheit das Wiedererstarken der Schönheit der Natur. Trübsal blasen ist deshalb nicht angesagt: "It's a Beautiful Life" beendet das Album geradezu euphorisch mit einer rockigen Uptempo-Nummer, die eben jenes wunderbare Leben in Noten gießt - obgleich sich auch hier ein Hauch Melancholie einschleicht, wie es der Gen-Z eigen ist. Francis Of Delerium haben eine überzeugende Platte abgeliefert, deren künstlerischer Anspruch hoch ist. Beim ersten Hören ist man ihr wohlgesonnen, beim zweiten Durchlauf aber erst beginnen die Songs zu wirken. Es braucht eben etwas Zeit.

Als Corona über uns hereinbrach und uns zum Stillstand zwang, kam A.A. Williams um die Ecke mit "Songs From Isolation", einem Coveralbum, aufgenommen während des Lockdowns. Diese reduzierte, intime Platte mit großartigen Neuinterpretationen wie "Lovesong" von The Cure oder "Creep" von Radiohead zeigte damals eine fragile Seite der Musikerin, die sonst nur eine Facette ihres Könnens darstellt. Denn eigentlich liebt die Musikerin das überlebensgroße Momentum. "Solstice" zeigt dies einmal mehr. Dabei muss man konstatieren, dass auch auf Album Nummer drei keine Verschleißerscheinungen auszumachen sind. Die intimen Momente und großen Ausbrüche finden sich hier in sehr konzentrierter Form, manchmal sogar im selben Song. "Little By Little" wirkt so, als würde Williams uns ihre Poesie direkt ins Ohr flüstern, ehe eine Gitarrenwand uns aus der vertrauten Stimmung reißt. Ebenso zieht "Hold It Together" im Finale die eigentliche Pianoballade mit flächigen Shoegaze-Strukturen in den Abyss. Williams, deren Markenzeichen eine durchweg schwarze Garderobe ist, lässt auf "Solstice" ihr Herz liegen. Besonders bei "I've Seen Enough" zeigt die Musikerin ihr ganzes Talent. In langgezogenen Pianoklängen und schluchzenden Geigen scheint sich der gesamte Weltschmerz in diesem Song zu manifestieren und rührt den Menschen zu Tränen. Wie kaum eine zweite beherrscht A.A. Williams die Technik, gerade so viel Pathos in einen Song einzubauen, dass er nicht unglaubwürdig wird, sondern man immer noch eine persönliche Beziehung zur Nummer und damit auch zur Sängerin herstellen kann. Unabhängig davon, ob es sich wie bei "Just A Shadow" um eine treibende Rocknummer oder einer ruhigen Ballade im Stile von "The Veil" handelt. "Solstice" zeigt exemplarisch, wie "Gothic" als gesamtes Konstrukt funktioniert - und auch, wie es sich musikalisch rund 45 Jahre nach ihrem Beginn weiterdenken lässt. Mehr noch: Mit ihrem dritten Album hat die Musikerin bewiesen, dass sie keine Eintagsfliege ist; man kann es kaum erwarten, was da noch alles kommen wird.

Was bei Shadowlands alles schon gekommen ist, lässt sich anhand ihrer durchnummerierten Alben feststellen. "004" ist demnach das vierte der aus Portland stammenden Post-Punk-Truppe. Und der Hinweis darauf, dass sie die Hunderter- und Zehnerstelle bereits mit einer Ziffer besetzt haben, deutet darauf hin, dass sie noch viel vorhaben. Ob sie  jemals eine dreistellige Veröffentlichung schaffen, bleibt zu bezweifeln. Das haben nur wenige geschafft, vor allem Orchesterleiter wie James Last, der in manchen Jahren bis zu neun Alben veröffentlichte. Dass Shadowlands keine Albumtitel gewählt haben, mögen manche als mangelnde Kreativität abtun, doch eher soll durch die schnöde Durchnummerierung einfach der Fokus auf den Klang der Band gelegt werden. Und dieser bewegt sich in einem klar gesteckten Rahmen: Albträumerische Synthies, brummelige Sequenzen und tieftraurige Gitarren begleiten Sängerin Amy Sabin, deren Duktus natürlich an die großen Damen der Zunft, allen voran Anja Huwe von X-Mal Deutschland und Siouxsie Sioux erinnert. Die Band selbst gibt auf ihrer Bandcamp-Seite unter anderem Chelsea Wolfe, Esben And The Witch sowie Emma Ruth Rundle als Bezugspunkte an - kann man machen. Doch was nützen alle Vergleiche, wenn am Ende der schwarze Funke nicht überspringen will? In diesem Punkt sind Shadowlands aber völlig tiefenentspannt und wissen um ihre Fähigkeiten. Spätestens bei "Let's Fall Apart" zeigt das Vierergespann, wie sehr sie sich in die Melancholie stürzen wollen und mit Freude die Tristesse des Lebens aufsaugen. Noch eine Spur fatalistischer kommt "Nothing Has Changed" her; Amy singt dabei so, als ob es um ihr Leben ginge. "004" bezieht seine Faszination aber auch aus dem Wunsch heraus, nicht vorhersehbar zu klingen. "Substance" mit seinen klobigen Synthiespielereien oder das flirrende Intro in "Burdens" sind Anzeichen für eine Experimentierfreude, die vielleicht bei den kommenden Veröffentlichungen stärker hervortreten könnten. Viele Ideen, die also schon um "005" kreisen, während wir uns aber erst mal volle Freude dem aktuellen Material widmen.

Bereits ihre EP "Catarsi Apotropaica" wurde anerkennend von unserer Redaktion vorgestellt. Nun legt die französische Musikerin Thalie Némésis mit "Dè(s)figuration" das entsprechende komplette Werk vor. Die bereits veröffentlichten Songs "A Barbaric Language", "A demi-mots" und "Acedia Is My Partner In Crime" finden sich auch auf dieser Veröffentlichung und wurden bereits ausreichend beleuchtet. Nur so viel: Thalie liebt die griechische Mythologie und baut dieses Faible in ihre Kompositionen ein, die man am ehesten mit der Spartenbezeichnung Darkrock versehen kann. Das alles greift aber natürlich wieder mal zu kurz, denn die Chanteuse ist nicht das klischeebehaftete Gothic-Girl, sondern eine intensive Erzählerin, die sich mit jeder Faser ihres Körpers in die schummrigen Lieder reinwirft. Es sind Nummern, bei denen sich elektronische Versatzstücke mit kräftigen Rockstrukturen und, quasi als Gegenpart, orientalische Klangbauten treffen und eine mystische Atmosphäre bilden. Das besondere an Thalie Némésis' Kunst ist ihre bewusste Reduktion des Arrangements. Denn wie oft ergreifen schrammelnde Gitarren gerne die volle Bühnenpräsenz. Doch nicht bei ihr. Die Saiteninstrumente sind zwar deutlich hörbar, bratzen aber nicht so testosterongeschwängert durch die Gegend wie bei anderen Bands. Eher dienen sie zur Aufrechterhaltung einer undurchdringlichen, fast schon beklemmenden Atmosphäre. Und vor allem sind sie nur schmückendes Beiwerk, denn Star ist und bleibt Thalies phrasierter Gesang und ihre emotionale Tiefe. Auch wenn sie zum Schluss unter schleppenden Rhythmen und einer fast schon cineastisch zu nennenden Klangkulisse auffordert: "Forget My Name", so werden wir eher das Gegenteil erleben. Denn "Dè(s)figuration" ist ein Ausnahmewerk von prupurner Schönheit. Dass der versierte Peter Rainman (People Theatre) hinter den Reglern saß, dürfte sicherlich auch nicht ganz unbedeutend gewesen sein. Sein Wissen hat offensichtlich dazu beigetragen, dass Thalie Némésis mit einem großartigen Album aufwarten kann, das über den Tellerrand hinausblickt und vielschichtig ist.


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Covers © Spinda Records  (The Dharma Chain), Dalliance Recordings (Francis Of Delerium), Reigning Phoenix Music (A.A. Williams), Seeing Red Records (Shadowlands), Meridian Noir Records (Thalie Némésis)

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© ||  UNTER.TON |  MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014
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