9/26: INCIRRINA, GRIFFIN BROWN, ELKKS, FEVERDREAMT, COWARDS - ALLE WEGE FÜHREN ZUM TON
Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Dass Griechenland in Sachen alternativer Elektronik bereits über einige großartige Bands verfügt, ist bekannt. Dass diese dann auch mit schöner Regelmäßigkeit inkommensurable Werke heraushauen, kann man eigentlich nicht so erwarten. Denn wenn man etwas auf der sonnenverwöhnten Halbinsel am wenigsten vermutet, dann sind das schwarzgewandete Personen, die sich über die Vergänglichkeit des Lebens Gedanken machen. Incirrina jedenfalls klingen so, als würden sie genau dieses machen und als ob Griechenlands Hauptstadt, aus der sie entstammen, ein kalter Ort sei. Wenigstens ist ihr klassischer Coldwave derart geklöppelt, als würden sie tagtäglich die dunkelsten Ecken Athens aufsuchen. Auf dem dritten Album "Trace" geht das Duo, bestehend aus Sängerin Irini Tiniakou und Musiker George Katsanos, sprichwörtlich auf Spurensuche - und das überrascht - nach der Vielfalt des Lebens. Realisiert mit einem beachtlichen Arsenal an analogen Synthesizern, an denen sich die beiden lustvoll bedienen und dabei geschickt die Brücke zwischen damals und heute schlagen. In Stücken wie "Alexia" oder "She Is In The Dream" schimmern Pioniere elektronischer Popmusik deutlich durch: OMD, The Human League und Artverwandte schwingen stets mit, wenn man der Langrille aufmerksam lauscht. Die körnigen Sequenzen wollen nämlich gar nichts anderes als nostalgische Gefühle beschwören. Doch verortet die satte Produktion und glasklare Aufnahme die Stücke im Hier und Jetzt. Aus dieser Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ergibt sich eine tragende Dynamik, die "Traces" zu einem der vielleicht besten Alben auf dem Gebiet dunkelromantischer Elektronik macht. Hier ist kein Song, der nicht unter die Haut geht, selbst in den schnelleren Stücken ("Always Here") kommt nicht einmal das Gefühl auf, Incirrina machen tanzbare Nummern bloß zum Selbstzweck. Hinter jedem der elf Songs stecken künstlerische und ästhetische Entscheidungen, die stets das komplette Werk im Blick haben, das aufgrund der vielen großartigen Nummern, deren Eingängigkeit über jeden Zweifel Erhaben ist, auch zu den besten des Duos gezählt werden kann.
Auch wenn der Name des Albums sich deutsch liest, ist "Begriffen" das Werk des Amerikaners Griffin Brown und so etwas wie eine Selbstbetitelung. Doch die heimische Leseweise würde durchaus Sinn machen (und ist auch im Sinne des Künstlers), denn es dauert einige Zeit, bis man das dritte Album des Avant-Pop-Musikers begriffen hat. Den leichten Zugang verweigert der Musiker geflissentlich, führt uns aber immer wieder auf falsche Fährten, wenn er in Stücken wie "nil" oder "11583" einige poppige Elemente einstreut, um sie stante pede mit beinharten Brechungen und Wechsel wieder zu verwischen. Einzig sein klares Organ wirkt wie die stete Lichtquelle, die Orientierung in dem undurchdringlichen Soundmorast, durch den sich die Hörerschaft erst einmal durchkämpfen muss, bietet. Eine Kategorisierung der Musik entfällt und ist mit dem bereits oben genannten Begriff Avant-Pop nur dürr umschrieben. Hier treffen experimentelle Elektronik auf Akustik und Indie-Rock, erscheinen aber je nach Song unterschiedlich gewichtet. Und wenn in "Two Wrongs" sogar der Vocoder noch einen Platz im ganzen Klangvarieté gefunden hat, entsteht ein schwer greifbarer Soundbrocken, der aber gerade deswegen besonders anziehend wirkt. Die große Stärke von "Begriffen" liegt eben in seiner versteckten Zugänglichkeit. Oder anders gesagt: Während viele zeitgenössische Experimentalmusikerinnen und-musiker die Zerstückelung klassischer Akkorde einen digital aufbereiteten Häckselsalat zum Ziel haben, darf bei Griffin Brown immer noch die Melodie als dominantes Element vorherrschen (besonders intensiv bei "Figure (Ground)" und dem gegen Ende wieder surreal anmutenden "Ten"). Die Zäsuren im Sinne eines Brecht'schen Verfremdungseffekt sind pointiert, aber sicher gesetzt und machen ihren Reiz aus - man kann nie sicher sein, wohin die Reise der Tracks geht. Es braucht daher mehrere Anläufe, bis man "Begriffen" begriffen hat. Tritt diese Erkenntnis ein, avanciert die Platte zu einem funkelnden Juwel, das beispielsweise Fans eines David Sylvian nach seiner Zeit von Japan entzücken könnte.
Glänzen tut das, was Erik Hamann alias elkks macht, nicht. Und das ist absolut positiv gemeint. Der Mann aus Hamburg klingt roh, ungeschliffen. Seine Aufnahmen sind körnige Schlafzimmerproduktionen, seine teils brüchige Stimme sucht eher die unvermittelte Emotion als akkurate Perfektion. Lo-Fi-Folk, Dungeon Synth und Black Metal - drei sich diametral gegenüberliegende Genres - bilden das Grundgerüst der Songs auf der neuen EP "Eel". Dass diese Kombination überhaupt funktioniert, ist schon beachtlich. Noch erstaunlicher ist allerdings, dass sich trotz dieser eher kruden Mischung kein Unbehagen auf der anderen Seite des Lautsprechers breit macht. Das liegt in erster Linie an der emotionalen Wucht und Wahrhaftigkeit, die elkks in seine Songs eingebaut hat. Da ist selbst ein Stück wie "Skeleton Wearing Chainmail" mit seinen Gollumgesängen erfreulicherweise gar nicht störend, sondern bettet sich nachvollziehbar in das Gesamtkonzept dieses Mini-Albums, das der Künstler wie das Abgleiten in eine fantastische, altertümliche Welt bezeichnet, ein. Dieses Mal bleibt elkks extrem rudimentär. Auf Schlagzeug wird verzichtet; das übernehmen nun verstaubte Rhythmussequenzer aus den Synthesizern - wenn überhaupt. Denn in erster Linie steht die dumpfe Gitarre als Hauptklangquelle. Für die Aufnahmen hat der Mann mit seinem Mastermeister Ignaz Engelmann die Vorzüge eines Vierspuraufnahmegeräts ausgiebig genutzt. Eine Technik, die auch Grauzone seinerzeit für ihr einziges Album nutzte. Zwar eint sie musikalisch nichts miteinander, aber die unmittelbare Energie der Stücke durch die heruntergefahrenen Aufnahmemittel ist vergleichbar. Dass Erik Hamann unter anderem von Gloria Di Oliveira unterstützt wird, sagt viel über sein Standing innerhalb der Szene aus. Mit hiraeth hat er das wunderbar schmerzvolle Stück "I rot away" geschrieben, das mehr "gruftie" ist als so manch anderer Song aus dieser Ecke es vorzugeben scheint. Die wahre Traurigkeit findet man definitiv bei "eel".
Und wenn wir schon beim Thema Hoffnungslosigkeit sind, ist Feverdreamts neuestes Werk "Our Only Fault Is Existing" extrem gut aufgehoben. Geneigte Leser wissen, dass wir es bei diesem Act mit ein weiteres Betätigungsfeld von Alexander Leonard Donat zu tun haben. Einmal mehr die Frage: Wie schafft er es, ein Label erfolgreich zu führen und als Vlimmer, Assassun und Fir Cone Children unterwegs zu sein sowie mit Whole eine nicht minder erfolgreiche Kollaboration mit Force-To-Mode-Mann Thomas Schernikau aufrecht zu erhalten? Zumal der Mann, wie aus persönlichen Gesprächen bekannt ist, den selben zeitintensiven Beruf teilen wie der Autor dieser Zeilen. Aber all diese Gedanken sind müßig angesichts der emotionalen Wucht, die uns auf "Our Only Fault Is Existing" erwartet. Dass der Mann nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens steht - rein musikalisch betrachtet - ist hinlänglich bekannt. Doch so wenig hoffnungsvoll wie auf diesem Album hat man ihn selten erlebt. In diesen unseren Zeiten klingen Donats Lieder wie ein Klageschrei in dunkler Nacht. Das Album verhandelt Isolation und Verlustängste, Hoffnung gibt es (fast) keine. Eingebettet in ein komplexes Dream-Folk- und Dark-Wave-Korsett, beschwört Donat die Seiten des Lebens, die mit der Farbe Schwarz noch zu hell angemalt wurden. "Pure Existence" beispielsweise eröffnet den Melancholiereigen mit der Erkenntnis, dass der Mensch das umklammert, was ihm am wenigsten gut tut. "Waiter Without A Guest" wirkt wie die Vertonung eines Lost Place - zurückhaltender Chamber-Pop, bei dem Donat Abschied und Vergänglichkeit auf textlicher wie musikalischer Ebene ausbreitet. Und das schaurige "The Buildings Whisper Your Name", das mit einer beklemmenden Pianomelodie beginnt, behandelt respektvoll das Thema Suizid. Mit dem verhallten und leidvollen "On A High Note" verabschiedet uns Feverdreamt in eine Ungewissheit, die so beängstigend ist, dass man wieder zu den dann doch schützenden Klängen von "Our Only Fault Is Existing" zurückkehren will. Es ist Donats bis dato bestes Feverdreamt-Werk, aber sicherlich noch nicht das Ende der Fahnenstange. Dafür hat er uns schon zu oft überrascht.
Die Frage dieses Albums kann nur rhetorische gemeint sein. Denn wie kann man "Can You Hear Me?" angesichts der schwallartigen Gitarrenriffs, die über das Publikum hereinbrechen und von stoischen Trommeln begleitet werden, nicht hören? Doch ist der Titel nicht akustischer Natur, sondern - wie es sich für eine ordentliche Psy-Rock-Gruppe gehört - auf metaphorischer Ebene zu verhandeln. Es geht einmal mehr um Angst, dieses Mal als treibender Grund für menschliche Verhaltensweisen. Herausgezogen aus dem Song "9 Minutes" (der übrigens nur achteinhalb Minuten benötigt), warten Cowards mit der existentialistischen These auf, dass wir als Individuen einsam geboren wurden und einsam sterben werden. Dazwischen verändert sich meistens wenig. Diese Schonungslosigkeit der Italiener ist bemerkenswert und definiert das Album als ein pessimistisch-existenzialistisches Werk, das mit dem Eröffnungssong "Devils" bereits den Tenor der Platte legt: Wir tragen unsere Dämonen in uns spazieren bis zur unendlichen Erschöpfung. Der markerschütternde Schrei zwischen den Strophen, die sich immer höher auftürmenden, teilweise dissonanten Riffs und das apokalyptische Timbre bringen zu Beginn eine erdrückende Stimmung, die sich auch in den Texten niederschlägt. Nicht gerade versteckt ist dies bei "Mad World" zu erleben. Der Song hat übrigens nicht mit dem gleichnamigen Synth-Pop-Stück von Tears For Fears zu tun. Hier treiben hitziges Schlagwerk und punkige Gitarre mit überwiegend zwei Akkorden den Text, welcher ein zynischer Abgesang auf eine Welt vor dem Kollaps ist, in die dräuende Katastrophe. Und wenn in "Your Party Is Gravy" (in der Sängerin Giulia Tanoni erstmals sehr präsent zu hören ist) über die unerträgliche Oberflächlichkeit diverser Partygäste nachgedacht wird, spricht das jenen, die sich stets fehl am Platz bei Massenveranstaltungen fühlen, aus ihren Herzen. "Can You Hear Me?". Oh ja, das tun wir. Immer und immer wieder.||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 29.08.26 | KONTAKT | WEITER: THE DRESDEN DOLLS "YES, VIRGINIA... (TAILOR'S VERSION)">
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© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014