KONTRAST "IMPERIUM PROTEUS": VON CASSETTENMENSCHEN UND VAMPIRLESBEN - UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR

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KONTRAST "IMPERIUM PROTEUS": VON CASSETTENMENSCHEN UND VAMPIRLESBEN

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Wenn man mal ehrlich ist - und das sind wir bei UNTER.TON immer - war Kontrast eine stets honorige Band, deren gesamtes Oeuvre zu den schönsten und gleichzeitig humorvollsten der Schwarzen Szene gehört. Doch diese Band litt immer am "Einheitsschritt", jenem untoten Club-Hit, der damals solitär in der Musiklandschaft stand. Es war der erste deutschsprachige Song einer der Gothic-Szene angehörigen Band, der eben diese gekonnt durch den Kakao zog. Ein Affront gegenüber Hardlinern, aber für die meisten Diskothekenbesucher der triftigste Grund, mit  einem Lächeln den Tanzflur  zu betreten.

Aber die Kraft eines einzelnen Songs hat eben ihre Schattenseiten: Alle anderen Veröffentlichungen, seien es nun Singles oder Alben, sind gut gewesen, sehr gut sogar, beherbergten jedoch nicht mehr so einen perfekt zugeschnittenen Song. Klar, es gab noch "Tod...find ich gut", das Szenebands und markante Songs genüsslich unter EBM-Tönen verwurstete, oder auch "John Maynard" aus dem Album "Balance", doch sie konnten "Einheitsschritt" nicht das Wasser reichen (und wollten es wahrscheinlich auch gar nicht).

Doch rund 30 Jahre nach der ersten Aufnahmen dieses Everblacks (damals noch als ISECS) zeigt sich das Quartett so vogelfrei und gleichzeitig fokussiert wie selten zuvor. "Imperium" ist als Zweiteiler angesetzt worden; im vergangenen Jahr erschien "Tyrannis" und ließ aufhorchen. Die poppigen 80er-Strukturen wurden aufgebrochen und durch clubaffine Sequenzen ersetzt. Man kann es Future Pop nennen, was Kontrast da mittlerweile veranstalten. Allerdings steht auch hier die Musik immer nur als Träger lyrischer Ideen, die dieses Mal noch gewagter sind.

Zumindest ist "Vampirlesben" so übertrieben drüber, sowohl textlich als auch klanglich. Unter sägenden Basslinien und schrillen Synthesizern scheint Sängerin Nebelgeist viel Spaß bei der Aufnahme gehabt zu haben. Dagegen zeigt "Transformation", dass sie auch die ruhigen Momente beherrschen. Mehr noch: Die Band hat hier einen großartigen Schlager aufgenommen, der mit organischem Schlagwerk und flirrender Elektronik den Krautrock alter Tage zaghaft andeutet. Ohnehin ist der Nostalgiefaktor auf dieser Langrille hoch. Altbacken klingt aber definitiv anders: "Ewiglich" ist Depeche-Mode-Anbetung in Perfektion, und "Der Cassettenmensch" verschafft dem Medium Magnetband eine gelungene Laudatio. All diese Beobachtungen sind in formschöne Sounds verpackt, die bei aller Wehmut auch deutlich aktuell klingen.

Dass es indes die Nummer "Sekundenlicht" geworden ist, der das Album im Vorfeld ankündigt, ist nur konsequent. Das Stück besitzt den größten Wiedererkennungswert und ist für die schwarzen Clubs geradezu prädestiniert. Den "Einheitsschritt" kann man dazu zwar nur noch bedingt tanzen, aber das ist auch gut so. Die Hinwendung zu ausladenden Melodien nach dem Vorbild VNV Nation und einem Refrain, der so anheimelnd ist wie seit langem nicht.

Der Abschluss des "Imperium"-Zweiteilers ist gleichzeitig der perfekte Vollzug einer künstlerischen Metamorphose, welche das Projekt tragfähig für kommende Veröffentlichung macht. Nach ihrem Debutalbum "Programm" das vielleicht schlüssigste und markanteste Werk der selbsternannten "Scharfrichter des schwarzen Humors".

||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 12.08.26 | KONTAKT | WEITER: CRUSH OF SOULS "CAPTIVE YOUTH">

Webseite:
www.einheitsschritt.de

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