10/26: MASSIV IN MENSCH, ANNE-CLAIRE, SILKE BISCHOFF, WOHNBAU, ENDZUSTAND - LASS DICH ÜBERRASCHEN
Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Man gönnt sich ja sonst nichts bei Massiv In Mensch. Das aus Varel stammende Electro-Projekt existiert seit 30 Jahren und lässt es auf ihrem Jubiläumsalbum "Reminiszenzen und Sequenzen" standesgemäß ordentlich knallen. Der bekannte Synchron-Sprecher Rainer Schöne, der bereits früher für die Band um Mastermind Daniel Logemann tätig war, kündigt im Intro unter bombastischer Elektronik das Projekt mit seiner voluminösen Stimme an. Danach folgen Songs, die belegen, dass Massiv In Mensch reifer und reflektierter geworden sind. Einst standen sie mit teils schelmisch-humorvollen, teils extrem technoiden Stücken wie beispielsweise "Vokuhila" im Mittelpunkt des Geschehens. Der unkonventionelle Sound und auch die teilweise anarchischen Texte sind mittlerweile einer glatteren Produktion gewichen, was durchaus positiv zu bewerten ist. Klangen Massiv In Mensch immer in bisschen schräg und vogelfrei, haben die letzten Werke zunehmend an Schärfe und Kontur gewonnen. Lediglich ein Stück wie "Overdrive" verweist noch auf die früheren Tage der Gruppe, und "Auferstanden aus Platinen" in Zusammenarbeit mit dem MIM-Seitenprojekt Zugabe erinnert an die diebische Freude der Band, mit der deutschen Sprache zu spielen. Die großen Momente besitzt "Reminiszenzen und Sequenzen" vor allem in den persönlichen Einblicken. "Undankbar" zählt sicherlich zu den herausragenden Momenten, ebenso wie die reduzierte Version des wunderbaren Songs "Würfelspiel" von Juliane Werding. Wie bei der Electrotruppe Usus, kommt "Reminiszenzen und Sequenzen" ebenfalls mit einer üppig gefüllten Remixsektion daher, sodass das Album eine beachtliche Länge vorweisen kann. Kontrast, Rob Dust und Schattenfrequenz runden mit ihren gelungenen Neuinterpretationen ein Album ab, das sich nahtlos in die fortlaufende Entwicklung von Massiv In Mensch einreiht. Mehr Melodien, mehr Ohrwürmer, rundere Produktion - "Reminiszenzen und Sequenzen" lassen keinen Zweifel aufkommen, dass ihr "100 % Offshore-Electro" weiterhin noch oft und vielerorts zu hören sein wird.
Der Weg von Anne-Claire Cleaver zu "Do You Dream Of Me Too?" ist ein traurig-schöner. Denn eigentlich wollte die Frau aus North-Carolina zum Theater. Ein Bild ihrer Großmutter, die in einem Kostüm für eine "Hello, Dolly!"-Aufführung in ihrer Heimatstadt über ihrem Musikzimmer hängt, diente als ständige Inspiration. Doch das ewige Vorsprechen ermüdete sie schnell, weswegen sie sich schließlich für einen anderen Weg entschied, der letzten Endes in der Musik endete. Das introvertierte Debütalbum "I Still Look For You" von 2018 war ein erster zögerlicher, noch unsicherer Versuch, die fünf Oktaven umfassende Stimme auszuprobieren, während ein stolpernder Indie-Pop dem ganzen Werk etwas Surreales verlieh. In dieser Zeit litt die Sängerin an einer Essstörung, die mit dem Tod ihrer geliebten Großmutter erneut hochkam. Während Corona und danach verdingte sie sich zunehmend als Gesangslehrerin. Jetzt überrascht sie mit einem Mini-Album, das sich komplett von dem unterscheidet, was sie zuvor gemacht hat. Ihre Stimme klingt nun aufgeräumt und geerdet, vermeidet jegliche Eskapaden und trifft somit zielsicher die Emotion. Auch die neue Klangästhetik, die irgendwo zwischen Neuklassik und balladeskem Soul-Pop mit dezenter Country-Note angesiedelt ist, will vor allem eines sein: groß und selbstsicher. In "Three Things" kulminiert dies in einem der bezauberndsten Stücke, die nachhaltig auf die Tränendrüse drückt. Denn die drei Dinge, von der Anne-Claire singt, sind zwar kalenderspruchreif - "happiness, peacefulness, acceptance" - in ihrer unaufdringlichen und doch präsenten Art und Weise werden diese Erkenntnisse zu einer emotionalen Meditation. "Do You Dream Of Me Too?" ist ein kleines Wunder und der beste Beweis, dass Musik keine großen Effekte braucht, allerdings das Talent und die musikalische Vision. Hoffentlich dauert es nicht wieder acht Jahre, bis ein neues Werk veröffentlicht wird.
Die größte Kontroverse in der jüngsten Geschichte der Schwarzen Szene ist sicherlich die Reinkarnation von Silke Bischoff. Denn das Projekt von Axel Kretschmann und Felix Flaucher setzte mit "Under Your Skin" und "On The Other Side" zwei stilprägende Songs, die bis heute für volle Tanzflächen und schwofende Schwarzkittelträger sorgen, in die Welt. Durch einen Streit zwischen den beiden Musikern wurde Silke Bischoff im neuen Jahrtausend begraben; Flaucher und Frank Schwer, der ebenfalls in der Band mitwirkte, machten als 18 Summers alleine weiter (übrigens war der Bandname eine weitere Anspielung auf Silke Bischoff, die beim berühmten Geiseldrama von Gladbeck mit nur 18 Jahren verstarb). Mit dem zu frühen Tod des charismatischen Sängers anno 2017 war das endgültige Ende der Band eigentlich beschlossene Sache. Um so überraschender waren die Massen, als Kretschmann beim letztjährigen Wave-Gotik-Treffen wieder als Silke Bischoff auftrat - mit unterschiedlichen Gastsängern, darunter Alexander Veljanov von Deine Lakaien. Einige kritische Stimmen witterten einen Ausverkauf und Aufbesserung von Kretschmanns Konto. Ebenso ist "Tears" als Best-Of-Compilation im Vorfeld eher zurückhaltend aufgenommen worden. Allerdings ändert das nichts an den immer noch bezaubernden Stücken des kongenialen Paars Flaucher/Kretschmann, die hier um einige unveröffentlichte Stücke, darunter dem Titeltrack, erweitert wurden. Kein geringerer als Olaf Wollschläger hat sich dabei dem Originalmaterial angenommen und es behutsam aufgefrischt. Mit dem Dependent-Label als neuen Vertriebspartner liegt die Vermutung, Silke Bischoff wird neues Material veröffentlichen, natürlich nahe. Wie dieses dann aussehen wird und wer am Mikro stehen wird, ist noch offen. Dass dieses Erbe fast schon übermächtig groß ist, macht auch "Tears" deutlich. Doch vor allem dient dieses stimmungsvolle Kompendium allen Nachgeborenen als verbindliche Handreichung über eine der besten deutschen Gothic-Bands, die weitaus mehr zu bieten hatte als "Under Your Skin" und "On The Other Side".
In inkohärenten Zeiten, bei denen sicher geglaubte Werte nichts mehr gelten, scheinen sich auch Künstlerinnen und Künstler nach neuen Ausdrucksformen umzuschauen, umdas Unbegreiliche und Unerklärbare in Worte oder Bilder zu fassen. Deswegen wirkt die gerade mal drei Tracks lange EP "Bruchstücke" der Mainzer Band Wohnbau so intensiv: Sie füllt mit ihrem redundanten Mix aus Post-Punk und Kraut-Rock diese Leere - aber nicht mit Antworten, sondern mit noch mehr Fragen. Ihr 2025er Debüt "Schwachstellen" ließ die offensichtliche Kraft des Dreiergespanns bereits erahnen. Wo allerdings noch saftiger (Punk)-Rock das Geschehen dominierte, finden sie sich nun in einem fatalistischen Post-Punk wieder, den sie um markante Synthesizerbeigaben erweitern. Sie verstärken den hypnotischen Klang, auf dem Sänger Thomas Bittel mit einer Eindringlichkeit singt, die einem Rio Reiser zu Ehre gereichen würde und seine bildreichen Lyrics ausbreitet. Man muss sich nicht um große Interpretationen bemühen, um zu verstehen, dass auf "Bruchstücke" sprichwörtlich Risse zu erkennen sind. "Bonn" bringt die Entfremdung des geistreichen Individuums in einer Zeit ohne Geist zur Sprache (geniale Sentenz: "Wir sind bereit zur Vorläufigkeit"). In "Fußnoten" zeigen Wohnbau ihre Aversion gegen die Musikindustrie, in der man sich aufgezwungenen Wiederholungsschleifen beugen muss, was zwangsläufig die Kreativität der Schaffenden verkümmern lässt. In "Dünne Roller im Kühlhaus" begegnen wir einem lyrischen Ich, das sich in eine selbst gewählte Isolation begibt. Drei Songs nur, aber intensiv und so vielsagend, obgleich die Texte in ihrer Metaphorik nicht sofort ihren Sinn preisgeben. Es ist aber das Zusammenspiel aus kühler Elektronik, grimmigem Gitarrenspiel und einem verzweifelt wirkenden Sänger, die am Ende Wohnbau zu einem spannenden deutschsprachigen Projekt macht, das sich fernab vom Schubladendenken bewegt und einem grundsätzlichen Gefühl in der Welt folgt, das hier bald alles an die Wand gefahren wird.
Man kann von der Schlechtigkeit in der Welt auch einfach auf direktem Weg singen. Dazu treiben muskulöse Synthesizersequenzen das ganze auch noch unbarmherzig voran. Dann sind wir in der Welt von Endzustand angekommen, einer Truppe, die sich den Namen nicht zufällig ausgesucht hat. "Macht Gesellschaft" ist ein schonungsloser Blick auf den Istzustand einer Menschheit, die im Begriff ist, sich selbst auszulöschen. Ralf Rönckendorf alias Ralle, ist eng mit diesem Projekt verknüpft; Endzustand speist sich unter anderem aus Ralfs traumatischen Erfahrungen als Bundeswehrsoldat, der 2010 bei einem Einsatz in Afghanistan sein Augenlicht verloren hat. Deswegen waren die ersten veröffentlichten Songs noch stark von seinen persönlichen Eindrücken geprägt. Auf "Macht Gesellschaft" verschiebt sich der Fokus nun deutlich. Nach persönlichen Betrachtungen wird jetzt der Blick auf unsere Zeit gelegt. Fake News, Trash-TV, Ausbeutung der Erde und ein Verlust humanistischer Werte stehen bei Endzustand im Mittelpunkt der Beobachtungen. Der stets blubbernde Old-School-EBM ist dabei lediglich das Vehikel für Ralle, um seine wenig hoffnungsvollen Worte herauszubrüllen. Dabei ist sein gurgelnd-bedrohlicher Duktus erfrischend unmittelbar. Keine Verfremdungseffekte, kein Autotune oder Vocoder. Zwar kann man dem Duett (Rudi an den Drums ist mittlerweile vollwertiges Mitglied) eine allzu gezwungene Plakativität und mangelndes musikalische Feingefühl vorwerfen, doch ist eben dieser kompromisslose, unumwundene Wutausbruch nur schlecht mit kompositorischen Feinheiten zu begegnen. "Macht Gesellschaft" ist so dreckig und elend wie das apokalyptische Cover, dessen Bildersprache eine mehrschichtige Interpretation zulassen. Und doch ist nach all der Hoffnungslosigkeit am Ende so etwas wie ein trotziger Moment: "Ich geh leben" macht deutlich: Bei allen Katastrophen ist es wichtig, die Lust am Leben nicht zu verlieren. Es wird zwar immer schwieriger. Aber es geht. Irgendwie.||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 14.09.26 | KONTAKT | WEITER: EX LIBRIS - DANIEL RENSING VS. MONCHI>
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