11/26: MICK HARVEY & AMANDA ACEVEDO, GIBRISH, INES LINN, GOLDEN APES, TRUSTFUNDBABES - IM STURM EROBERT
Kling & Klang > KURZ ANGESPIELT > 2026
Schon bei den ersten Veröffentlichungen der Mexikanerin Amanda Acevedo zusammen mit Nick-Cave-Spezi Mick Harvey war klar, dass dies nicht einfach eine weitere zufällige Kollaboration gewesen ist. Die beiden Kunstschaffenden, die nicht nur Kontinente, sondern auch Jahrzehnte trennt, haben erstmals auf sich aufmerksam gemacht, als sie Pat Benaters "Love Is A Battlefied" neu einspielten. Die Spannung zwischen den beiden war greifbar. Die Alben "Phantasmagoria in Blue" (2023) und "Golden Mirrors" (2024) definierte deren Tanzbereiche. Harvey, dessen Faible für französische Chansons hinlänglich bekannt ist, fährt große Orchester- und Rockklänge auf und traut sich bisweilen vors Mikro, während Amanda mit ihrer wandelbaren Stimme jedem Song die nötige Färbung verleiht. Anfangs mussten noch viele Fremdkompositionen herhalten ("Golden Mirrors" ist eine Hommage an den vergessenen Folkmusiker Jackson C. Frank gewesen), bei "Psychedelia In White" nun endlich ist das Duo (mit zeitweiliger Hilfe) selbst aktiv. Zwar wird mit "Song For Aurora" und "Slow-Motion-Movie-Star" Harveys Ex-Band The Birthday Party und PJ Harvey gedacht; da diese jedoch unmittelbar mit der Vita des australischen Musikers verknüpft sind, ist die Sachlage etwas anders als bei den früheren Neuinterpretationen. Die übrigen Stücke zeigen ein neues Selbstbewusstsein der Band, die getreu ihrem Albumtitel es teilweise sehr bewusstseinserweiternd angehen. "Perfect Storm", gleichzeitig die Singleauskopplung aus dem Album, bringt diese neue musikalische Ausrichtung gut auf den Punkt: sphärische Synthesizer und Gitarrenriffs bilden das fließende Gewässer, in dem Amanda ihre funkelnde Stimme emportreten lässt. "Psychedelia In White" wandelt zwischen schummrigen Balladen ("Dream Of Serpents"), klobigen Rockstampfern ("Medusa's Moan") und fließenden Mollträumereien ("The Greatest Delight" und ganz besonders "Atlantis"). Am Ende steht da das "richtige" Debüt von Mick Harvey und Amanda Acevedo, alles andere davor waren nur Aufwärmübungen. Zugegeben: sehr charmante Aufwärmübungen. Doch sind sie kein Vergleich zu dem, was das Duo jetzt auf die Beine gestellt hat.
Das dem Gruppennamen verwandte Wort gibberish bedeutet soviel wie "Kauderwelsch", also eine unverständliche Sprache. Das kann man als kleinen Spaß von Gibrish verstehen, da sie auf Schwedisch singen, was für den Großteil der Erdenbevölkerung bestimmt so klingt. Gibrish haben trotzdem oder gerade deswegen Erfolg - aber sicher auch, weil das Quartett aus verdammt guten Musikern besteht. Der große Durchbruch ist zwar noch nicht geschafft, ihre Fühler haben sie aber bereits schon in alle Richtungen ausgestreckt. Nicht nur hierzulande, sondern auch in Amerika konnten sie sich einen Namen machen (was sicherlich nicht zuletzt auch an ihrem Tribut-Album "Walking With Bob Dylan" lag). "Kvartssamtal" ist ihr achtes Album und bringt sie wieder zu ihren Wurzeln zurück. Das Album enthält Stücke aus früheren Veröffentlichungen in neuem Gewand. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf einen supercoolen Jazz- und Blues-Sound, der an die frühen Asylum-Veröffentlichungen von Tom Waits erinnert. Shuffelige Rhythmen, Orgelklänge, ein verrauchtes Kneipenpiano und jede Menge freie Improvisation vermitteln eine authentische Live-Atmosphäre. Man hat das Gefühl, Gibrisch gerade in einer viel zu dunklen Kneipe bei einem doppelten Whiskey zu lauschen. Allerdings sind sie keine Epigonen des großartigen amerikanischen Tramps, sondern gehen einen schwedischen Weg, nicht nur wegen der Lyrics, sondern auch aufgrund ihrer Nähe zum Folksound ihres Landes, den man in "Vilse blend stjärnorna" deutlich heraushören kann. Natürlich sind es aber Stücke wie "Dahlias Blues" und "Vita linjen", die mit ihrem smoothen Sound jene abholen werden, die sich bei Waits' "Blue Valentine" oder "Heartattack And Vine" verstanden fühlen. Eigentlich sind Gibrish immer noch sträflich unterbewertet. Bleibt zu hoffen, dass "Kvartssamtal" endlich die erhoffte Wende bringt. Solch überzeugende Musik braucht mehr Zuwendung. Aber wie sie selbst abschließend tröstlich feststellen: "Allt har sin tid" - alles hat seine Zeit. Wäre dennoch schön, wenn die Zeit jetzt ist.
Für Ines Linn gilt übrigens dasselbe: Die Hamburgerin ist Indiefolkmusikerin. So weit, so gut, so schön. Doch mit ihrer Solo-Debüt-EP "All Oceans" ist ihr etwas gelungen, das nicht oft passiert: Sie hat aus dem Stand heraus eine unverwechselbare Klangsprache entwickelt, die sich aus nachdenklichen Piano- und Streicherarrangements speist. Darüber singt sie in einer völlig unprätentiösen, aber unmittelbaren Art und Weise. In den ätherischen, neoklassisch angehauchten Momenten von "Bewildered Hearts" und "Underwater" (im wunderbar wiegenden Dreivierteltakt) mag man den vor Kreativität übersprudelnden Geist einer Kate Bush vermuten. Ines Linn zeigt sich zumindest genauso naturverbunden und teilweise der realen, kalten Welt entrückt. Beim beschwingten "Hero" gibt sich die Musikerin zwar weiterhin zart und fragil, aber auch von einer etwas heitereren Seite. Und dann ist da auch noch der Titelsong mit einer Pianolinie, die nicht mehr aus dem Kopf gehen mag und in einen sehnsüchtigen Refrain mündet. Die ersten sechs Songs der Musikerin bilden ein Fundament, um das andere Kunstschaffende sie bestimmt beneiden. Es sind Stücke, die allesamt perfekt arrangiert sind. Satter, flächiger Sound, der einen aber niemals erschlägt, sondern Luft zum Atmen lässt und vor allem der Sängerin den nötigen Platz gewährt, damit sie ihre teilweise umarmenden Texte über Liebe, Zusammensein und Einsamkeit mit dem größtmöglichen kathartischen Effekt vorträgt, bei "The Stars" übrigens zur Perfektion gebracht. "All Oceans" klingt zwar nach einem Album über die großen Gewässer, und Linns Heimatstadt lässt den Rückschluss zu, dass sie sich hier ihrer Region verbunden fühlt. Das tut sie in gewisser Weise auch, aber das Meer dient als Metapher auf die Gefühlswelt, in der man ab- und auftauchen kann, in der es stürmisch, aber auch klar sein kann. In ihren Liedern manifestiert sich eine neue Sensibilität, die man selten so deutlich vor Augen respektive Ohren vorgeführt bekommen hat. Es kann nur erst der Anfang einer hoffentlich wunderbaren Karriere sein. Ines Linn zählt zu den großen kleinen Überraschungen 2026.
Oha! "Farewell" lautet der erste Song des neuen Albums der Rockformation Golden Apes. Will die Band, die quasi zum Inventar der hiesigen Gothic-Szene gehört, sich also auch verabschieden? Die Menge an Künstlerinnen und Künstlern, die von ihrem letzten Album schwadronieren, häufen sich ja leider merklich. Doch auch wenn sie seit mehr als drei Dekaden unterwegs ist, denkt die Band um Sänger Peer Lebrecht noch lange nicht ans aufhören. Und das ist gut so, denn "The Sun Came Up Tremendously" markiert ein neues Kapitel in der Bandvita. Wie bereits im Titel angedeutet, hellt sich die Stimmung auf diesem Album etwas auf - zumindest musikalisch. "Milk And Poison" verspricht zwar auf lyrischer Ebene wenig Hoffnung, wirkt aber klanglich unverschämt eingängig. Doch gerade die Verquickung aus düsteren Texten und teilweise heiteren Tönen besitzt seit jeher eine große Durchschlagskraft. Weiterhin sind die Golden Apes immer noch nicht versucht, ihren Sound einem breiteren Massengeschmack anzugleichen. Und auch das ist verdammt gut so. Golden Apes klingen nie so fett und aufgebläht wie manch andere Combo aus diesem Sektor, sondern geradezu nüchtern, was sie aber angenehm von den anderen Gruppen aus diesem Bereich unterscheiden. Das soll wiederum nicht bedeuten, dass wir es hier mit einer dünnen Produktion zu tun haben. "Helion" ist das beste Gegenbeispiel: Bass, Gitarren und Schlagzeug bilden eine dichte Atmosphäre, in der sich Peer mit seiner dunklen, leicht angeschmirgelten Stimme perfekt einfügt. Das Stück hat Größe ohne dass es dafür technische Hilfe benötigt. Und auch "Radiation", das sich zu Beginn sicherlich nicht von ungefähr an The Cures "The Forest" orientiert, besitzt eine Grandezza, die aus sich heraus entsteht. Sicherlich ist auch Thommy Hein, der langjährige Produzent der Band, nicht unwesentlich am Gelingen von "The Sun Came Up Tremendously" beteiligt, hat er in seiner Laufbahn bereits mit vielen prominenten Gruppen und Künstlern wie Zeraphine, Peter Heppner oder Corvus Corax zusammengearbeitet. Er setzte den Feinschliff an eine Platte, die das Attribut "großartig" mit Stolz tragen darf.
Ein Kontrollblick...ja... "New Romance" ist von jetzt. Aber da ist auch sehr viel früher drin. Das beginnt mit den herrlich trockenen Beats und den grummelnden Synthesizerbässen in "Handwerker", bei dem die Trustfundbabes zwischen Palais Schaumburg und Fehlfarben die kredible, von Neugier getriebene Neue Deutsche Welle vor ihrer kommerziellen Ausschlachtung zitiert. Doch der erste Titel ist rein textlich offensichtlich neueren Datums. Der "Handwerker" ist ein archaischer Männertypus im Indie-Disco-Gewand. Mit "Don Grosso" geht es nahtlos in Sachen Reminiszenzen weiter, wobei sich in dieser schrägen Nummer auch ein bisschen der Deichkind-Wahnsinn breitmacht. Bei "Slut Machine", das fast schon so trocken losgeht wie Queens "Another One Bites The Dust", darf auch der kinky Disco-Sound der 70er Jahre sich selbstbewusst präsentieren. Das Vögelchen abgeschossen hat das Berliner Ensemble aber mit "Sport", einem bitterbösen Kommentar auf unseren Selbstoptimierungswahn. In der Geschichte der Popmusik wurde immer mal der Sport besungen, wie bei Rainhard Fendrichs "Es lebe der Sport" gerne bissig-zynisch. Musikalisch bleibt es dabei meistens ausgelassen und heiter. Trustfundbabes haben nun den Spieß umgedreht. "Sport" kommt mit einem schleppenden Beat daher, sodass man gleich das Gefühl hat, als Sklave auf einer römischen Galeere am Ruder zu sitzen, während der Taktgeber vorne unaufhörlich auf die Pauke haut. Dazu verstärken düstere Synthieteppiche den Eindruck, dass die immer wieder aufkommende Zeile "Ich mache Sport" wie eine Selbstgeißelung wirkt. Jegliche Leichtigkeit, alles Schöne und auch Spaßmachende an der Leibesertüchtigung ist einem Zwang gewichen, sich körperlich verbessern zu müssen. Das hat Turnvater Jan sicherlich nicht gewollt. Trustfundbabes schaffen es jedenfalls, auf wenigen Songs nicht nur die experimentelle Energie ehemaliger NDW-Bands erneut anzufachen, sondern auch Texte mit anarchischem Witz, hinter der sich rigorose Gesellschaftskritik verbirgt, zum Besten zu geben. Diese "New Romance" geht man gerne mit den Berlinern und der Berlinerin ein.Kurze Info in eigener Sache
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Covers © Mute (Amanda Acevedo & Mick Harvey), Gibrish, Ines Linn, Icy Cold Reords (Golden Apes), Postbunq Records (Trustfundbabes)
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© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014