"TARKOVSKY": TÖNE SAGEN MEHR ALS 1000 BILDER
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Einen Film von Andrei Tarkovski zu sehen, gleicht einem langen Blick auf ein Gemälde (und wäre für die heutige junge Generation mit einer nur wenige Sekunden anhaltenden Konzentrationsspanne sicherlich die Höchststrafe). Denn für den Mann, der mit "Solaris" und "Stalker" wegweisende Werke zwischen Science-Fiction und Surrealismus geschaffen hat, stand nie die Narration im Vordergrund. Die "Logik des Poetischen" habe in seinen Arbeiten stets den Vorrang erhalten. Das bedeutet für den Zuschauer, sich von konventionellen Erzählmustern zu verabschieden und die Filme imMoment des Sehens als zu interpretierende Bilderabläufe zu realisieren. Dass Tarkovski unter anderem den Surrealisten Luis Buñuel als einen seiner Vorbilder nannte, verwundert da kaum.In Werken, in denen das erzählerische Element zurückgedrängt wird, bekommt die musikalische Untermalung eine wesentlich größere Bedeutung. Sie erzeugt Emotionen, welche das Gesehene in eine bestimmte Richtung interpretieren lässt. In der fünf CDs umfassenden Box, schlicht "Tarkovsky" betitelt, sind die Scores der ersten fünf Filme enthalten, allesamt behutsam restauriert. In "Iwans Kindheit", dem ersten Film Tarkovskis, mit dem er aus dem Stand heraus bei den Filmfestspielen in Venedig 1962 den Goldenen Löwen gewann, wird das Schicksal eines Kindes, das die Grausamkeiten des zweiten Weltkriegs miterleben muss, gezeigt. Komponist Wjatscheslaw Alexandrowitsch Owtschinnikow changiert in seinen Orchesterkompositionen dabei zwischen der harschen Realität des Krieges und den Traumsequenzen des Protagonisten.
Owtschinnikow zeichnete auch für die Musik des zweiten Tarkovsky-Films "Andrej Rubljow" verantwortlich. Der in der Sowjetunion umstrittene Film beschäftigt sich mit dem gleichnamigen Ikonenmaler aus dem 14. Jahrhundert. Rubljow gilt als Heiliger der östlich-orthodxen Kirche. Stärker noch als bei "Iwans Kindheit" verzweigen sich die teilweisen choralen Gesänge mit dem Film, der von Kritikern als zu gewaltvoll beschrieben werden. Davon ist in der Musik nichts zu hören, wohl aber von der Idee, das Werk nicht als Biopic oder Historienfilm zu verstehen, sondern als Versuch, das poetische Talent des Malers im Kontext der Religion zu entschlüsseln.
Aus der Vergangenheit wechselte Tarkowski mit "Solaris" 1972 in die Zukunft. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman des polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem und wurde 30 Jahre später auch von Steven Soderbergh mit George Clooney neu verfilmt. Mit dem Weg in Richtung Weltall und Sterne wandelt sich auch die musikalische Sprache. In Eduard Artemjew fand der Regisseur seinen "Partner in crime", denn der Musiker war einer der ersten in der Sowjetunion, der sich ausgiebig mit Synthesizern auseinandersetzte und als Pionier auf diesem Gebiet galt. Vor allem seine Arbeit mit dem ANS-Synthesizer, einem Vorgänger heutiger elektronischer Instrumente, war sein Steckenpferd und schaffte die unheimlich-bedrückende Atmosphäre, die den ernsten Ton des Films perfekt unterstützte.
Auch der autobiografisch geprägte Film "Der Spiegel" und Tarkowskis letzter in der Sowejetunion gedrehter Streifen "Stalker" werden von den flächigen, schweren Klängen Artemjews begleitet - man würde heutzutage Drones dazu sagen. Zwar greift der Komponist auch auf tradierte Klagstrukturen zurück, öffnete aber mit seinen experimentellen Ausflügen die Musik als MEtasprache des Films.
Die Box "Tarkovsky" ist für Fans des Filmemachers auf jeden Fall eine lohnende Investition, aber auch Freunde emotionsgeladener Scores können in diesem ausladenden Werk einige kompositorische Glanzpunkte erleben.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 13.10.26| KONTAKT | WEITER: REAKTON "CLIP:CLAP:CLUB">
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