REAKTON "CLIP:CLAP:CLUB": DER CHROM IST AB
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Es passiert nicht all zu oft, dass sich ein Projekt im elektronischen Sektor ab Album eins konzeptionell derart überzeugend aufstellt. Reakton hat dies getan. Vor zwölf Jahren. Mit ihrem Debütalbum "Weltall:Erde:Mensch" zeigten Robert Waters und Adriano Theel bereits ein in sich geschlossenes musikalisch-audiovisuelles Biotop: deutlich an Kraftwerk angelehnte kühle Klänge, die mit einem futuristischen Design in den Videos perfekt harmonierten. Stücke wie "Onlineshop" oder "Ameropa" brachte das Projekt ins Gespräch.Erst acht Jahre später erschien der Nachfolger "Micro:Macro:Nano", das sich unter anderem auf die kleinsten Einheiten, die uns im Innern zusammenhalten, fokussierte. Auch hier folgte Reakton einer klaren Linie. Nach den teilweise bombastischen Klängen, reduzierte das Duo die Klangästhetik und wurde zunehmend rhythmusorientierter.
Nach einer weiteren Wartezeit von vier Jahren erfolgt nun der dritte Streich, vom Titel erwartbar im Tryptichonformat "Clip:Clap:Club" getauft. Damit ist auch dieses Album thematisch abgesteckt. Die Mensch-Maschine will tanzen, und Reakton lassen sich nicht zweimal bitten, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.
Dass die Frage nach pro und contra künstlicher Intelligenz zumindest im Hintergrund der Reakton-Kompositionen eine Rolle spielt, ist sicherlich nicht verwunderlich für eine Gruppe, die sich im Geiste der Computer-Popper sieht - allerdings mit einer anderen Attitüde: "Zenobit" beispielsweise sagt Kraftwerk den Kampf an. "Wir sind die Roboter" hieß es einst unter neugierigem Staunen. Nun warnt Reakton: "Never Trust Your Robot". Die Technikeuphorie ist einem Skeptizismus gewichen. Die Warnung vor künstlicher Intelligenz durch die Leute, die KI groß gemacht haben, dürfte also einen Einfluss auf das neue Reakton-Werk haben.
Wie bereits auf den früheren Alben, findet sich bei "Clip:Clap:Club", aller Ungewissheit über die weitre Entwicklung der Technik zum Trotz, eine gehörige Prise (Wort)Humor ("I am art, art, artificial" aus "Artificial"), der bisweilen ins derb-lustige driftet ("Sex & Love & Robots").
Wesentlich kantiger, aber nach wie vor mit einem untrüglichen Gespür für einen vollen Klang, fungiert bereits das Eröffnungsstück "Robotronic" als tönerner Wegweiser für das dritte Album: zackig-verhackte Beats mit spürbar aggressiveren Sounds, die aber immer noch im Geiste der Düsseldorfer Schule erklingen. Musikalisch geht man dieses Mal einen deutlich härteren Weg. Der Chrom ist weg, es treten raue Stellen mit stürmischen Beats und dringlichen Melodien hervor. Die Aufforderung zum Tanz ist viel mehr ein Befehl, der sich im Titelsong mit unterschwelligem Bass äußert, der sich durch den Körper frisst.
Dennoch haben wir es hier mit Clubmusik zu tun, die den offensichtlichen Vierviertelbeat weitestgehend verbannt hat, aber dennoch direkt ins Rückenmark und von dort in die Beinmuskulatur weiter wandert. Einige Stilmittel sind bereits aus dem Debutalbum "Weltall:Erde:Mensch" bekannt, bleiben aber auch auf diesem Album weiterhin spannend in die Stücke integriert. Das kulminiert in so aufmerksamkeitsheischenden Nummern wie "Synchron Monoton", in denen Basslinien und eher spröde Tonfolgen eine dunkle Energie freiwerden lassen. Dazwischen entdeckt der oder die geneigte Hörer oder Hörerin Feinheiten wie der vermeintliche Kinderchor am Ende von "Synthopia". Kraftwerk schwebt dabei geisterhaft über den Liedern und materialisiert sich bisweilen. "Strom" erinnert zu Beginn sogar an "Radioaktivität".
Das in rot gehaltene Coverartwork weicht vom bisherigen Farbschema ab. Nach elegant-hochauflösenden Blautönen mit schwarzer Beimengung dominiert nun rot als Warnfarbe. Ist "Clip:Clap:Club" also vordergründig ein Tanzalbum mit unterschwelliger Apokalypse-Warnung? Immerhin wird am Ende in "Goot" die Zeile "alles wird gut" vorgetragen - in unterschiedlichen Sprachen. Das hat was tröstliches, und die Völker einendes. Vielleicht überwiegt am Ende doch die Hoffnung, dass die Technik dem Menschen noch nützlich ist und nicht sein Ende besiegelt.
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