TWIN TEMPLE "DOOMED LOVERS" VS. FREUNDE DER ITALIENISCHEN OPER "ANGELUS LUMINIS": EKLEKTIZISMUS OLÉ!
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It's all about Vermarktung: Schenkt man dem Musikerpärchen Alexandra und Zachary James Glauben, so haben sich die beiden bereits in einem früheren Leben im Jahre 1666 kennengelernt. Seriösere Quellen zeigen, dass die beiden bereits zuvor in anderen Gruppen musikalisch unterwegs waren, ehe sie 2017 als Twin Temple etwas bis dahin einmaliges geschaffen haben. Um irgendwelchen journalistischen Verrenkungen vorzubeugen, haben die beiden 2019 ihrem Debüt auch gleich den Genrebegriff beigelegt: "Twin Temple (Bring You Their Signature Sound…. Satanic Doo-Wop)".Heißt in der Praxis: Twin Temple kopieren den schmusigen Sound der 50er und 60er Jahre eins zu eins und setzen ihm grabesromantische und todessehnsüchtige Lyrics bei. Ein bisschen erinnert diese ganze Geschichte auch an Amy Winehouse, die den alten R'n'B-Sound wieder salonfähig gemacht hat. Doch so weltabgewandt und melancholisch mag vielleicht nur noch Lana Del Rey geklungen haben.
Womit wir bei den beiden Eckpfeilern sind, die den Stil von Twin Temple ausmachen. Trotz einiger Vergleichsmöglichkeiten bleibt das Zweiergespann aber höchst eigenständig und erweitern auf ihrem dritten Album "Doomed Lovers" ihr Repertoire um eine filmische Komponente. Die wird durch das 37-köpfige Orchester realisiert, das die Songs auf ein geradezu fatalistisches Level hievt.
So ist bereits der Titelsong, welches das Album eröffnet, ein von wohligen, leicht verhallten Phil-Spector-Klängen durchzogen. "I Want Blood" lässt im weiteren Verlauf verschmitzt eine Western-Gitarre hie und da aufheulen, und "Haunt Me" ist die perfekte Schnittstelle zwischen Country, Blues und Rock'n'Roll. Alexandras leicht verrauchtes, bewusst übersteuert aufgenommenes Organ verleiht diesem Stück nicht nur eine Verletzlichkeit, sondern imitiert die Imperfektion früherer Tonaufnahmen, die einen Teil ihres Charmes ausmachten.
Aufgenommen in einer schwierigen Lebensphase der beiden Eheleute, strahlt "Doomed Lovers" dennoch nie eine komplette Hoffnungslosigkeit aus. Mit Stücken wie "There's Someone In The Walls" beweisen sie auch einen feinen morbiden Humor, den man durch den wohligen Sound fast schon überhört.
Ihre lukrativen Pressemomente haben sie bereits bekommen, als sie vom in Amerika bekannten Countrysänger Charley Crockett als Vorband wegen satanischer Symbole ausgeladen wurden. Das wiederum rief Jack White (White Stripes) auf den Plan, der sich um weitere Auftrittsmöglichkeiten kümmerte. Mittlerweile spielen sie unter anderem als Opener für Bands wie Danzig. Das passt dann thematisch doch besser.
Wenn man Freunde der italienischen Oper kategorisieren will, stößt man schnell an seine Grenzen. Denn das höchst kreative Gespann um Sänger und Schauspieler Ray van Zeschau liebt es, mit allerlei Stilen zu spielen. Wenn sie dann noch den Text, der ebenfalls Referenzquellen zu anderen literarischen Werken bilden, wird es nicht nur wild und teilweise überbordend, sondern auch in höchstem Maße unterhaltsam.Schon allein aus Chronistenpflicht müsste jedes einzelne Stück des neuen Werkes "Angelus Luminis" unter die Lupe genommen und auf ihre Querverweise hin abgeklopft werden. Das würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen. Belassen wir es also mit ein paar kleinen Hinweisen, die zeigen sollen, wie Freunde der italienischen Oper eigentlich ticken.
"Der kleine Prinz" bezieht sich nicht auf das gleichnamige Märchen, sondern auf dessen Autor Antoine de Saint-Exupéry, der auch Pilot war. Der Song verhandelt seinen letzten Flug 1944, von dem er nicht wiederkehrte; Maschine und Schriftsteller gelten seitdem als verschollen. "Hey Ho Let's Go" spielt im Refrain mit populären Punkparolen und preist die Flüchtigkeit der Jugend an. "What Power Art Thou?" aus der Barockoper "King Arthur" von Henry Purcell, vielen besser bekannt durch Klaus Nomis Version "Cold Song", wird mit schweren Gitarrenklängen belegt, die das manische Moment dieses Stückes herausarbeiten. Und "Die Rache des Leiermannes" denkt das berühmte Gedicht von Wilhelm Müller weiter und macht daraus eine Horror-Mär, in dem der Geist des Leiermanns Zwietracht unter den Lebenden sät.
Dazwischen bringen die Freunde auch viel Zeitgeschehen in ihre Texte. "Soldat" zerfleischt genüsslich die neue Generation der Influencer, Tiktoker und artverwandter Social-Media-Stars, während "Nacken" einen überspitzten Blick auf die "Smombies" wirft. "Angelus Luminis" ist die Verbindung alltäglichen Wahnsinns mit literarischem Wissen - auf eine Art und Weise, wie es momentan keine andere Band so rigoros praktiziert.
So eklektisch wie die unkonventionellen Texte, so schießt auch die Musik in alle Richtungen. Rays alerter, theatralischer Tenor trägt zur angenehmen Schrulligkeit der Nummern bei. In "Mutter" erinnert seine Phrasierung teilweise an Oswald Henke von Goethes Erben, während es musikalisch lärmt wie bei Messer. Und das Leiermann-Sequel könnte auch in seiner brachialen Klanggewalt von Janus sein. Kaum hat man sich auf diesen tonnenschweren Sound eingeschwungen, kommen sie mit "Ich sah die Vöglein" geradezu federleicht rüber.
Was den Freunden der italienischen Oper (der Name leitet sich übrigens nicht von der Mafia-Zusammenkunft in Billy Wilders Kultkomödie "Manche mögen's heiß" ab, sondern von einem bereits in den 1930er Jahren entstandene Avantgarde-Kollektiv) mit "Angelus Luminis" gelungen ist, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Vielleicht trifft's diese Sentenz: Dort, wo Punk und Post-Punk aufgehört haben weiterzumachen, sind nun F.D.I.O. gekommen, um weiter zu machen.
||TEXT: DANIEL DRESSLER | DATUM: 27.10.26 | KONTAKT | WEITER: KURZ ANGESPIELT 12/26>
Webseite:
www.twintemple.com
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© || UNTER.TON | MAGAZIN FÜR KLANG- UND SUBKULTUR | IM NETZ SEIT 02/04/2014. ||
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