HANGING GARDENS "MUE" VS. BALVANERA "HASTA TOCAR EL FONDO VACIO DEL LENGUAJE": DAS LEIDEN HAT VIELE SPRACHEN
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Der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl: Dass sich das Zweiergespann aus Sängerin Nadia B. und Musiker Loïc V. den Namen Hanging Gardens verpasst hat, dürfte wohl aus deren musikalischen Vorlieben gespeist sein. "The Hanging Garden" ist ein wohlbekannter Song von The Cure aus ihrem Meisterwerk "Pornography"; der Rückschluss, Hanging Gardens klingen nun wie die großen britischen Vorbilder, ist jedoch falsch. Sicherlich: "Mue" ist ein Album für die Schwarzkittelfraktion, doch liebt es das Duo eher elektronisch-kühl als schummrig-gitarrenlastig.Die frostigen Klänge werden von der eindringlichen, gleichzeitig aber wie teilnahmslos wirkenden Nadia gesanglich begleitet. Sie spricht mehr beschwörend ihre Texte als dass sie sie singt. In Verbindung mit den dringlichen Elektroklängen wie in "Inevitable" ist eine stilistische Nähe zu Bands wie Kalte Nacht unverkennbar. Die Wahl, in Französisch zu singen, erweist sich dabei als absoluten Glücksgriff. Die der Sprache innewohnende Musikalität steht im krassen Gegensatz zum zackigen Beat und monotonen Klang der Maschinen. Daraus ergibt sich eine spannende Dynamik, die über die gesamte Länge von "Mue" (zu deutsch: Häutung) gehalten wird.
Am Ende stehen Stücke wie "Alors si", "Des rives" und das formidable "Homo Deus" zu Buche, die sich nicht nur eine aufgeräumte, transparente Produktion auszeichnen, sondern textlich die ausgetretenen Pfade verlassen. Besonders "Homo Deus" erlaubt sich dadaistische Wortspielereien, jongliert mit Sprache und Begriffen, ohne dabei in Albernheiten zu verfallen. Vielmehr wird Sprache auf ihre Unschärfe hin entlarvt. Das allerdings wird einem nur gewahr, wenn er sich intensiv mit den Strophen auseinandersetzt. Alle anderen dürfen einfach nur tanzen und sich an einem veritablen Club-Hit erfreuen.
Das seit 2013 existierende Projekt veröffentlicht mit "Mue" ihr erstes "richtiges" Album. Davor gab es einige EPs und Singles, in denen Nadia und Loïc noch auf der stilistischen Suche waren. Von teilweise experimentellen Klangcollagen ("SsS") wie dem Versuch, in Englisch zu singen ("Corps Vides 4.0"), scheinen sie nun endlich "ihren" Sound gefunden zu haben. Das Album ist ein großartiger erster Meilenstein, handwerklich einwandfrei und von der gesamten Stimmung her einfach rund. Gefällt auch beim wiederholten Abspielen.
Einen ähnlichen Werdegang hat Balvanera zu verzeichnen. Das argentinische Projekt gründete sich 2016 und zeigte sich auf ihrem selbstbetitelten Debüt noch mehr einem nebulösen Coldwave verpflichtet. Einige Nummern wurden bereits spanisch betitelt, während die Texte noch in der Weltsprache verfasst wurden. Erst das 2021 veröffentlichte "Courses Of Action" erhielt als Abschluss einen Track in ihrer Muttersprache.Ob das der Cliffhanger für das aktuelle Werk oder der Beginn für Sängerin Agustina und Musiker Lucas, fortan auf Spanisch zu dichten und zu singen, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Dass sie sich aber zu diesem Schritt entschieden haben, war - wie zuvor schon bei Hanging Gardens - genau richtig. Denn ähnlich wie das Französische besitzt Spanisch eine besondere Wort- und Satzmelodie, die hervorragend auf den nostalgisch gefärbten Elektro-Sound von Balvanera passen. Seit "Los niños del parque" wissen wir aber schon, wie gut das matcht.
Wenn das Tempo wie in "Degaste" angezogen wird, klingen Agustinas Wörter wie Peitschenhiebe, die etwas Bedrohliches in sich tragen. Die stringenten Beats und brodelnden Sequenzen fügen sich dem Gesamtkonzept des Albums, dessen etwas sperriger Titel einen Hinweis auf die Thematik liefert. "Hasta tocar el fondo vacío del lenguaje" (zu deutsch etwa: Bis man den leeren Grund der Sprache berührt) ist einem Fragment aus Arturo Carreras Gedicht "Escrito con un nictógrafo" ("Geschrieben mit einem Nyctographen") entlehnt und beschwört jene Gedanken und Bilder herauf, die nur in den schlaflosen Stunden der Nacht oder in Träumen auftauchen können, wenn sie ihre aufschlussreichste Schärfe erlangen.
In Anlehnung an Carrera erforscht das Album das Konzept des Todes als etwas, das in der Sprache verborgen ist. Mit ihrer Vorliebe für den EBM der späten 80er Jahre gelingt Balvanera eine hektische, fast schon fiebrig zu nennende Platte, in der man sich seiner nicht mehr sicher sein kann. "Del fin" oder "Sintagma" kommen dabei mit einem überschaubaren Arrangement daher und erinnert in der kühlen Strenge der Kompositionen bisweilen an S Y Z Y G Y X, wobei immer der verstohlene Blick zurück Balvaneras eigenes Stilmittel ist.
Wie "Mue" von Hanging Gardens, avanciert auch "Hasta tocar el fondo vacío del lenguaje" zu einem wegweisenden Album für das Projekt. Die musikalische Ausrichtung hin zu einer kompromisslosen Soundästhetik gepaart mit der Entscheidung, die Muttersprache für ihre Gedanken zu nutzen, verleiht Balvanera eine neue, definiertere Kontur. ¡Eso está muy bien!
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Cover © Hanging Gardens, Avant! Records (Balvanera)
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